Peking schreibt Geschichte um

Wie China die Weltgeschichte umschreibt – um sich Taiwan einzuverleiben

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China will die „Wiedervereinigung“ mit Taiwan – und bemüht dazu seine Interpretation der Weltgeschichte. Auch Deutschland soll so auf Linie gebracht werden.

Als Johann Wadephul Anfang des Monats in Peking war, erhielt der deutsche Außenminister von seinem chinesischen Amtskollegen eine Nachhilfestunde in Sachen Weltgeschichte. Wang Yi begann seine Ausführungen mit der Kairoer Erklärung, die 1943 festlegte, was nach einer Niederlage Tokios mit den von Japan besetzten Gebieten geschehen solle. Es ging weiter mit der Gründung der Volksrepublik China sechs Jahre später, bis hinein in die 1970er, als China Mitglied der Vereinten Nationen wurde. Veröffentlicht wurden Wangs Äußerungen vom chinesischen Außenministerium unter dem Titel „Der Status Taiwans wurde ‚mit sieben Schlössern versiegelt‘“. Denn die Geschichtsstunden hatte vor allem einen Zweck: Chinas Ansprüche auf Taiwan zu untermauern.

Wenn es um die Zugehörigkeit von Taiwan zu China geht, beruft sich Staatschef Xi Jinping auch auf den Zweiten Weltkrieg.

Dass sich ausgerechnet der deutsche Außenminister von China derart belehren lassen musste, lag an Äußerungen Wadephuls, die Peking sauer aufgestoßen waren. Im Oktober hatte der CDU-Politiker China ein „zunehmend aggressives Auftreten“ gegenüber Taiwan vorgeworfen. Peking allerdings betrachtet die Taiwan-Frage als innere Angelegenheit – Einmischung von außen unerwünscht. Die „Wiedervereinigung“ mit der angeblich abtrünnigen Provinz Taiwan ist eines der obersten Ziele der kommunistischen Führung in Peking. Möglichst friedlich soll das geschehen, betont Staats- und Parteichef Xi Jinping gerne. Notfalls aber auch mit militärischer Gewalt.

„Für China ist die Vereinigung mit Taiwan das letzte fehlende Puzzlestück in der Nachkriegsordnung“

Um einen möglichen Anschluss Taiwans an das Festland zu rechtfertigen, bemühte Peking schon immer auch seine eigene Interpretation der Geschichte. Der Tenor: Taiwan sei immer ein Teil China gewesen, ein eigenständiges Land sei der kleine Inselstaat nicht. Eine Rückkehr Taiwans in den Schoß des Mutterlandes, das ist für China „ein Ergebnis seines Sieges im Zweiten Weltkrieg und ein integraler Bestandteil der internationalen Nachkriegsordnung“, wie es das Außenministerium ausdrückt. Als Chinas damaliger Außenminister Qin Gang vor zweieinhalb Jahren das Potsdamer Schloss Cecilienhof besuchte, wo 1945 die Alliierten über die Nachkriegsordnung für Europa berieten, schrieb er ins Gästebuch: „Lasst uns die internationale Nachkriegsordnung aufrechterhalten, Weltfrieden und Wohlstand fördern und die nationale Wiedervereinigung Chinas verwirklichen.“

Peking begründet seinen Anspruch auf Taiwan, grob vereinfacht, so: Nach dem Sieg von Mao Zedongs Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg und der Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 etablierten die neuen Herrscher in Peking die einzig legitime Regierung von ganz China – inklusive Taiwan, das bis 1945 japanische Kolonie gewesen war. Auf die Insel hatte sich die im Bürgerkrieg unterlegene Nationalregierung zurückgezogen, dort lebt seitdem die Republik China weiter, die Peking allerdings als illegitim betrachtet.

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wurde das Land von 2016 bis 2024 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. Ihr folgte im Mai 2024 ihr Parteifreund Lai Ching-te. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Neu ist die Vehemenz, mit der China seine Sicht auf die Geschichte seit einigen Monaten zu platzieren versucht. In einem Telefonat mit Donald Trump sagte Xi im November, China und die USA müssten „den Sieg des Zweiten Weltkriegs bewahren“, und dazu gehöre die Vereinigung Taiwans mit China. Ähnliche historische Ausführungen mussten sich zuletzt auch der französische Präsident und der spanische König bei ihren Peking-Besuchen anhören.

„Für China ist die Vereinigung mit Taiwan das letzte fehlende Puzzlestück in der Nachkriegsordnung“, sagt die Sinologin Marina Rudyak. „Indem Peking angebliche historische Fakten immer wieder wiederholt, versucht es, den Blick auf Taiwan zu verändern.“ Wenn sich China nun als Verteidigerin der Nachkriegsordnung darstelle, mache es eine Vereinigung mit Taiwan gleichsam zu einer „historischen Konsequenz“, sagt Rudyak: Wer sich gegen den chinesischen Herrschaftsanspruch über den Inselstaat stellt, stellt aus Sicht Pekings die gesamte Nachkriegsordnung infrage.

„So eindeutig, wie Peking es darstellt, ist die Geschichte aber nicht“, sagt die Sinologin, die an der Uni Heidelberg forscht. „Taiwan war nie Teil der Volksrepublik. Und selbst in der Kommunistischen Partei war man noch bis 1949 der Auffassung, Taiwan solle nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft ein Selbstbestimmungsrecht erhalten.“ Heute sieht Peking das freilich völlig anders, Xi Jinping bezeichnet den Anschluss Taiwans als „historische Mission“ seiner Kommunistischen Partei und eine „unerschütterliche Verpflichtung“.

„China verhält sich so, wie sich Großmächte eben verhalten“

Wie empfindlich Peking reagieren kann, wenn andere Staaten die chinesische Sichtweise auf Taiwan in Zweifel ziehen, konnte man zuletzt deutlich wie selten zuvor beobachten. Im November hatte die japanische Premierministerin Sanae Takaichi erklärt, ihr Land könnte sich zu einem militärischen Eingreifen gezwungen sehen, sollte China einen Angriff auf Taiwan starten. Für Peking ein doppelter Affront: einerseits, weil China auch diese Äußerung als Einmischung in ureigenste Angelegenheiten begreift. Vor allem aber, weil Japan während des Zweiten Weltkriegs schwerste Kriegsverbrechen in China verübt hat, denen bis zu 20 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Aus Sicht Pekings hat sich Tokio nie wirklich für seine Kriegsvergangenheit entschuldigt.

Seit Takaichis Worten zu Taiwan kommt Chinas Propagandamaschine nicht zur Ruhe, auch Kampfflugzeuge schickte Peking bereits in die Region. „Jedes Land hat die Verantwortung und die Pflicht, Japan dazu anzuhalten, sich vollständig mit dem Gespenst des Militarismus auseinanderzusetzen, das es noch immer verfolgt“, tönte Anfang der Woche das chinesische Außenministerium. Die Weltgemeinschaft müsse „eine Wiederholung der Tragödie verhindern, gemeinsam die Ergebnisse des Sieges im Zweiten Weltkrieg und die internationale Nachkriegsordnung wahren und den hart erkämpften Weltfrieden und die Stabilität sichern“. Da war sie wieder, die Nachkriegsordnung, die Peking angeblich dadurch verteidigt, indem es Taiwan mit der gewaltsamen Einverleibung droht.

„China verhält sich so, wie sich Großmächte eben verhalten“, sagt Expertin Rudyak. „Es interpretiert die Geschichte entsprechen den eigenen Interessen.“ (Quellen: Gespräch mit Marina Rudyak, chinesisches Außenministerium, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © CPA Media/Imago/Björn Trotzki/Xinhua (Montage)

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