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Abstieg statt Aufschwung: Mit der Berlin-Wahl kassiert die FDP die fünfte Schlappe in Folge. Kein gutes Omen für Lindner im Superwahljahr. In der Partei brodelt es.
Berlin – Bangen und zittern statt jubeln und feiern: Die Berlin-Wahl 2023 hat der FDP wieder einmal einen betrüblichen Wahlabend beschert. Während die CDU einen klaren Wahlsieg einfuhr und der rot-grün-roten Landesregierung um die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) einen herben Dämpfer verpasste, konnte die FDP so gar nicht von der Wechselstimmung profitieren.
Wieder einmal mussten die Liberalen bei einer Landtagswahl um den Wiedereinzug ins Parlament fürchten. Vom Stolz einer Regierungspartei ist jedenfalls nicht viel übrig. Parteichef Christian Lindner (FDP) dürften unangenehme Wochen erwarten.
Berlin-Wahl 2023: FDP taumelt an Fünf-Prozent-Hürde – Christian Lindner übt sich in Durchhalteparole
Nach der Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen und Ergebnisse der Berlin-Wahl zeigte sich der Parteivorsitzende der FDP jedenfalls kleinlaut. Die Freien Demokraten seien in der Hauptstadt angetreten, um einen Politikwechsel in der Hauptstadt einzuleiten, schrieb Christian Lindner in einer ersten Reaktion bei Twitter. Doch jetzt heiße es erst einmal: „Daumen drücken.“
Daumendrücken statt Sondierungsgespräche ausloten: Die FDP hat sich offenbar ins Abseits katapultiert. Unabhängig vom Endergebnis bei der Berlin-Wahl – ein knappes Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde ist für die FDP zu wenig. Unter dem Strich bestätigen die Zahlen aus der Hauptstadt einen Abwärtstrend, den die Partei schon seit der Bundestagswahl verspürt.
FDP bei der Berlin-Wahl: Liberale um Lindner kassieren fünfte Schlappe bei einer Landtagswahl in Folge
Die Berlin-Wahl 2023 ist seitdem bereits der fünfte Urnengang in Folge, bei dem die Liberalen nichts holen konnten. Im Saarland verpassten die Freidemokraten den Einzug ins Landesparlament (4,8 Prozent). In Schleswig-Holstein schaffte man es mit 6,4 Prozent knapp, flog aber aus der Regierung – ebenso wie in Nordrhein-Westfalen (5,9 Prozent). In Niedersachsen kommt der Landtag in den kommenden Jahren ohne FDP aus (4,7 Prozent). Und jetzt Berlin.
Berlin-Wahl 2023: Fraktionschef Dürr und Spitzenkandidat Czaja weichen Fragen um Lindner aus
Doch woran lag es dieses Mal? Falsche Inhalte? Wenig Rückendeckung für Spitzenkandidat Sebastian Czaja aus der Bundespolitik? Unter dem Eindruck der niederschmetternden Ergebnisse bei der Berlin-Wahl wichen führende FDP-Politiker in den Wahlsendungen von ARD und ZDF allen unbequemen Fragen aus.
Er gratuliere der CDU als Wahlsieger, alles andere müsse man erst einmal abwarten, kommentierte Czaja. Und Bundestagsfraktionschef Christian Dürr ignorierte die Fragen und sprach von einem „tollen Wahlkampf“, den man geführt habe. Immerhin habe die SPD eine „Quittung bekommen“. Was er jedoch verschwieg: die FDP offenbar auch.
Sachzwänge in der Ampel-Koalition: FDP will erkennbarer in Bundesregierung werden
Traditionell ist Berlin für die Liberalen ein schwieriges Pflaster. In der Hauptstadt erlebte die FDP immer wieder ein Auf und Ab. Doch 2016 hatten sie sich zurück ins Abgeordnetenhaus gekämpft. Nun droht wieder die außerparlamentarische Opposition. Dass die Partei ständig Denkzettel von den Wählerinnen und Wähler verpasst bekommt, schreiben nicht wenige FDP-Politiker den Sachzwängen zu, denen die Partei in der Bundesregierung ausgesetzt ist.
So musste Lindner als Finanzminister wegen der Energiekrise und dem Ukraine-Krieg die Schuldenpolitik massiv ausweiten – statt sie zu bekämpfen. So beugten sich die Liberalen dem Druck von SPD und Grünen und pumpten hunderte Milliarden Euro in die Bundeswehr, in drei Entlastungspakete und in die Reform des Bürgergeldes. Für die FDP-Wählerschaft offensichtlich ein Graus. SPD und Grüne hofften in Berlin immerhin auf Platz zwei - und sogar das Rote Rathaus.
Klare Kante: Spitzenkandidaten fordern mehr „FDP pur“
In der Parteiführung zog man deswegen aus allen Wahlschlappen immer wieder den gleichen Umkehrschluss: Die FDP muss in der Ampel-Koalition mehr Kante zeigen – statt Mehrheitsbeschaffer einer tendenziell linken rot-grünen Politik zu sein. Anfang des Jahres, zum traditionellen Dreikönigstreffen am 6. Januar, lancierten die Spitzenpolitiker aus Bayern und Hessen, Stefan Naas und Martin Hagen, ein Positionspapier. In beiden Ländern wird in diesem Jahr noch gewählt, genauso wie in Bremen.
Berlin-Wahl: Das Spitzenpersonal der Parteien im Überblick




„Damit die FDP 2023 zurück auf die Erfolgsspur findet, muss sie ihr Profil schärfen“, hieß es in dem Papier, das vom Bundesvorstand unterstützt wurde. Wie die Trendumkehr gelingen soll? Dazu schrieben die Verfasser: „Mit mehr FDP pur“ und mehr klarer Kante gegen Klima-Ideologen. Konkret schlugen Naas und Hagen mehrere Themen vor, mit denen sich die Liberalen im Superwahljahr profilieren und wenig kompromissbereit zeigen sollen: Fracking, verlängerte AKW-Laufzeiten, Reform der Einkommens- und Körperschaftssteuer, Einhaltung der Schuldenbremse sowie gesteuerte Zuwanderung. Alles Themen, die den eigenen grünen Koalitionspartner traditionell reizen.
Doch was nun? Wird die FDP nach der Schlappe bei der Berlin-Wahl bei den Reizthemen noch lauter werden – und gar den Koalitionsfrieden gefährden? Bereits nach den vergangenen Landtagswahl-Niederlagen waren diese Reflexe zu beobachten. Oder wird es doch noch ein Umdenken geben, an deren Ende eine programmatische Neuausrichtung steht? Immer wieder wird der FDP ein Frauenproblem nachgesagt, weswegen sie eben nicht bei einem Großteil der Wählerschicht punkten kann.
Klientelpartei statt Volkspartei: Meinungsforscher Güllner rät zur Stärkung der Stammwähler
Doch Meinungsforscher Manfred Güllner glaubt nicht daran. Er sagte unlängst in einer Analyse zum FDP-Sturzflug für IPPEN.MEDIA: „Die FDP ist keine Volkspartei.“ Die Liberalen seien vielmehr „im durchaus nicht negativ gemeinten Sinn eine Klientelpartei. Sie ist die Partei des Mittelstandes, der Handwerker, der kleinen Unternehmer der freien Berufe – man kann auch sagen: der Besserverdiener.“
Der Meinungsforscher weiter: „Diese Kernwähler der FDP haben ganz bestimmte Interessen. Sie erwarten, dass die FDP das in die Politik einbringt.“ Sein Schluss: „Es ist gar nicht so der Punkt der programmatischen Erneuerung. Es geht darum, dass die FDP die Interessen ihrer Klientel in Politik umsetzt. Wenn der Mittelstand die FDP wählt, bringt das immer genügend Stimmen, um an die 10 Prozent zu kommen.“ Sprich: Die FDP macht wohl so weiter wie bisher. Ob mit Erfolg, ist eine andere Frage. (jkf)
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