Trumps Gaza-Plan: Begeht der US-Präsident einen Tabubruch und riskiert seinen Friedensdeal?
VonMarcus Giebel
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Donald Trump offenbart seinen Plan für den Gazastreifen. Die arabische Welt zeigt sich besorgt bis ablehnend. Auch im Westen wird vor den Folgen gewarnt.
Washington – Trotz der vollmundigen Ankündigung im Wahlkampf benötigt Donald Trump doch noch etwas mehr Zeit, um den Ukraine-Krieg für beide Seiten zu einem annehmbaren Ende zu führen. Da hat der US-Präsident beim Nahost-Konflikt zwischen Israel und der Hamas aktuell mehr zu gewinnen. Nun skizziert er für den schwer in Mitleidenschaft geratenen Gazastreifen bereits eine Zukunft, die international auch für Staunen und Entsetzen sorgt.
Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verkündete Trump gewohnt entschlossen: „Die USA werden die Kontrolle über den Gazastreifen übernehmen, und wir werden damit gute Arbeit leisten.“ Dies solle „langfristig“ gelten, wodurch „Tausende von Arbeitsplätzen“ geschaffen und „Wohnungen für die Menschen in diesem Gebiet“ bereitgestellt würden.
Trump und der Gazastreifen: Küstengebiet soll „Menschen der Welt“ offenstehen
Gut zwei Millionen Menschen nennen das Küstengebiet zwischen Israel und Ägypten, das mit etwa 360 Quadratkilometern flächenmäßig kaum größer als die Stadt Bremen ist, ihr Zuhause. Allerdings befinden sich viele von ihnen auf der Flucht, seit die israelische Armee als Antwort auf das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 die Kämpfer der radikalislamischen Palästinenserorganisation in Gaza jagt. Derzeit kehren die Menschen jedoch im Zuge des Waffenstillstandsabkommens nach und nach in Richtung Norden zurück.
Trumps Zukunft für das Palästinenser-Gebiet sieht so aus: Künftig sollen dort „die Menschen der Welt“ leben. Dass dazu auch Palästinenser zählen, bestätigte der 78-Jährige auf Nachfrage. Zunächst würden die USA allerdings die Nachbarländer bitten, die Gaza-Bewohner aufzunehmen. Trump schwebt vor, das Gebiet in „die Riviera des Nahen Ostens“ zu verwandeln.
Trump will Kontrolle über Gaza: US-Präsident schließt Entsendung von Soldaten nicht aus
Außenminister Marco Rubio spielte in einem Tweet auf X sogar auf das bekannteste Motto seines Chefs an und schrieb: „Make Gaza Beautiful Again“. Im Vordergrund stünde ein „dauerhafter Frieden in der Region für alle Menschen“.
Was Trumps Gaza-Pläne, die in der Heimat auf geteiltes Echo stoßen, bedeuten, kann bislang nur spekuliert werden. Es drängt sich jedenfalls der Eindruck auf, die USA würden einmal mehr in die Rolle der Weltpolizei schlüpfen wollen – zumal Trump die Entsendung von US-Soldaten keinesfalls ausschließt. Die dürfte es ohnehin allein deshalb brauchen, um die Sicherheit der von ihm beauftragten Aufbauhelfer zu gewährleisten.
Trumps Plan für den Gazastreifen: Nahost-Experte erwartet ein Milliarden-Dollar-Projekt
In der New York Times wird im Zusammenhang mit Trumps Ausführungen an „die Tradition des Imperialismus aus dem 19. Jahrhundert“ erinnert. Außerdem stellt die Zeitung einen Zusammenhang zu seinen anderen außenpolitischen Ideen her. Die da wären: Grönland kaufen, Kanada annektieren, den Panama-Kanal zurückfordern und den Golf von Mexiko umbenennen. Zur Sprache kommt auch, dass vor dem Treffen des US-Präsidenten mit Netanjahu Reporter von Trump-Beratern gehört hätten, ein Wiederaufbau des Gazastreifen würde mindestens 15 Jahre in Anspruch nehmen.
Andrew Miller denkt demnach auch an die finanziellen Folgen und die eigentlich selbst auferlegten Sparmaßnahmen. Der einstige Berater für den Nahen Osten unter den demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden arbeitet mittlerweile für die Denkfabrik „Center for American Progress“ und warnt, die Kosten für das Gaza-Projekt würden „das 40-Milliarden-Dollar-Budget für Auslandshilfe, das Trump und Elon Musk als Verschwendung bezeichnen, wie einen Rundungsfehler erscheinen lassen“.
Muss er bald Soldaten in den Gazastreifen schicken? US-Verteidigungsminister Pete Hegseth (M.) begrüßt Militärs bei ihrem Einsatz an der US-Grenze zu Mexiko.
Die Times gibt auch zu bedenken, dass ein Einsatz von US-Soldaten in Gaza einem Tabubruch gleichkäme. Washington unterstütze Israel zwar bislang sowohl diplomatisch als auch mit Waffenlieferungen. Trumps Vorgänger hätten jedoch davor zurückgeschreckt, US-Bodentruppen in großem Umfang in Israel oder den palästinensischen Gebieten zu stationieren. Bereits jetzt sind US-Söldner zur Unterstützung von Israels Truppen vor Ort im Einsatz.
Trump und der Waffenstillstand: Hat sein Plan Auswirkungen auf Deal zwischen Israel und Hamas?
Die BBC äußert derweil die Befürchtung, dass Palästinenser und andere arabische Nationen Trumps Gaza-Plan als Vorschlag wahrnehmen könnten, „der auf ihre Vertreibung und die ethnische Säuberung der Palästinenser von ihrem Land“ abziele. Das internationale Recht verbiete ohnehin jegliche Versuche, Bevölkerungsgruppen gewaltsam umzusiedeln.
Trumps Aussagen könnten sich obendrein auf das aktuelle Waffenstillstandsabkommen und die Geiselbefreiungen auswirken. Denn Palästinenser müssten eine Umsetzung als kollektive Strafe ansehen, ordnet das britische Medium ein.
Donald Trumps Kabinett: Liste voller skandalöser Überraschungen
Die Hamas ließ bereits verlauten, dass die Bevölkerung des Gazastreifens erst gar nicht mitspielen werde. Saudi-Arabiens Außenministerium postete ein Statement auf X, aus dem hervorgeht, dass Riad eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel von einer Zwei-Staaten-Lösung abhängig macht.
Trump und die Kontrolle über Gaza: Araber „verwirrt, besorgt und pessimistisch“
Im australischen Medium ABC wird darauf verwiesen, dass sich Jordanien und Ägypten ebenfalls gegen den Trump-Plan positionieren. Hier wird auch ein Vergleich zum Einmarsch der US-Truppen in den Irak unter George W. Bush gezogen. Dieser habe gezeigt, dass Länder oder Regionen nicht so einfach zu ihrem vermeintlichen Glück gezwungen werden könnten, wie es in Washington womöglich den Anschein habe. Schließlich sei der Irak auch zwei Jahrzehnte nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein noch weit von nachhaltiger Stabilität entfernt.
Bei CNN werden zwei arabische Beamte zitiert. Diese hätten „verwirrt, besorgt und pessimistisch“ auf Trumps Ausführungen reagiert. Einer von ihnen findet demnach, sie bräuchten „Klarheit und Weiterentwicklung, um verstanden zu werden“. Der andere befürchtet „tiefgreifende Auswirkungen solcher Vorschläge auf das Leben und die Würde des palästinensischen Volkes sowie des gesamten Nahen Ostens“.
Wichtige Errungenschaft: Donald Trump (2.v.r.) brachte Bahrains Außenminister Abdullatif bin Raschid al-Sajani (l.) und dessen VAE-Pendant Abdullah bin Zayid Al Nahyan (r.) mit Israels Premierminister Benjamin Netanjahu an einen Tisch.
Zu erwarten sei, dass die Gaza-Bewohner Widerstand leisten und sich weigern würden, ihre Heimat zu verlassen. Auch andere arabische Nationen könnten sich querstellen.
Es sei nicht auszuschließen, dass sie sogar „ihre Verpflichtungen gegenüber dem Abraham-Abkommen überdenken“. Dabei handelt es sich um einen während Trumps erster Amtszeit im Jahr 2020 in Washington unterzeichneten Friedensvertrag, der eine vollständige Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten regelt. Eine Errungenschaft, die dem Republikaner weltweit Anerkennung einbrachte, die er nun aber womöglich aufs Spiel setzt. (mg)