„Trump-Show“ reicht nicht: Experte fordert eigene Putin-Strategie der EU
VonMax Nebel
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Nico Lange ruft Europa zu einem eigenen Plan gegen Putin auf. In Brüssel und Berlin wächst zugleich der Druck, unabhängig von Washington zu handeln.
Berlin/Brüssel – Der Sicherheitsexperte Nico Lange fordert, Europa müsse „anstatt nur die Trump-Show zu beobachten“ eine eigene, umfassende Initiative gegen den Kreml starten – militärisch, wirtschaftlich und politisch. „Europa sollte seinen eigenen umfassenden Plan vorlegen und Putin schlagen“, schreibt Lange auf X. Er fordert unter anderem einen integrierten Luftverteidigungsschirm mit der Ukraine, Langstreckenwaffen für Kiew sowie das konsequente Stoppen russischer Energieeinnahmen.
Bundeskanzler Friedrich Merz fordert in Berlin mehr europäische Eigenständigkeit in der Sicherheits- und Russlandpolitik. Währenddessen bereitet US-Präsident Donald Trump ein erneutes Treffen mit Wladimir Putin vor – wie hier beim Gipfel in Alaska im August 2025.
Gleichzeitig bewegt sich die EU innenpolitisch: Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte in einer Regierungserklärung (16. Oktober) an, Europa müsse „seine Möglichkeiten entschlossener und geschlossener nutzen“ und Deutschland „Führungsverantwortung übernehmen“. Die Bundesregierung wolle beim anstehenden Europäischen Rat „sehr grundsätzlich darüber beraten“, wie eigene europäische Initiativen jenseits des US-Dialogs verstärkt werden können.
Experte fordert eigene EU-Putin-Strategie
Merz verwies darauf, dass die EU ihre „militärische Stärke“ gezielt ausbauen müsse, um Frieden zu sichern. „Nur Stärke bewahrt Frieden“, schreibt der Kanzler. Er kündigte an, eingefrorene russische Zentralbankguthaben für zinsfreie Kredite an die Ukraine im Umfang von rund 140 Milliarden Euro zu nutzen – ein Signal an Putin, dass Europas Unterstützung für Kiew im Ukraine-Krieg nicht nachlasse. Die Rückzahlung solle erst fällig werden, wenn Russland Reparationszahlungen leiste.
Darüber hinaus bekräftigte Merz, die EU müsse sich enger abstimmen, Doppelstrukturen mit der NATO vermeiden und die europäische Verteidigungsagentur stärken. Diese solle künftig gemeinsame Beschaffung und Standardisierung europäischer Rüstung sicherstellen. Tempo und Entschlossenheit seien entscheidend, betont der Kanzler, „denn Stärke, Abschreckung und konsequenter Einsatz für unsere demokratischen Werte – das heißt es, europäische Friedensmacht zu sein“.
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Langes Anti-Putin-Fahrplan für Europa: Luftabwehr, Waffen, Sanktionen
Nico Lange fordert ein integriertes europäisch-ukrainisches Luftverteidigungssystem, das Drohnenabwehr, Radardaten und NATO-Systeme verbindet. Dieses solle nicht nur die Ukraine schützen, sondern auch die NATO-Ostflanke stärken. Zugleich drängt er auf die Lieferung von Langstreckenwaffen, um russische Kommandostrukturen, Munitionsdepots und Drohnenfabriken tief im russischen Hinterland zu treffen. Nur so könne Kiew militärische Vorteile gewinnen – und Europa zugleich seine eigene Sicherheit verteidigen.
Darüber hinaus fordert Lange ein 10-Milliarden-Euro-Notprogramm für die ukrainische Rüstungsindustrie und 50 Milliarden Euro Makrohilfe, finanziert aus konfiszierten russischen Vermögenswerten. „Europa muss seine wirtschaftliche Macht einsetzen“, schreibt er. Damit ließe sich die Ukraine stabilisieren – und zugleich die Glaubwürdigkeit der EU in der Sicherheitsarchitektur festigen.
Wer ist Nico Lange?
Nico Lange (Jahrgang 1975) ist Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz in der Initiative „Zeitenwende“ sowie Senior Fellow für Transatlantic Defense and Security beim Center for European Policy Analysis (CEPA) in Washington. Zuvor leitete er den Leitungsstab im Bundesministerium der Verteidigung (2019–2022) und war stellvertretender Bundesgeschäftsführer der CDU.
Der frühere Bundeswehr-Offizier (1993–2000) diente in Bosnien, im Kosovo und in NATO-Stäben. Er studierte Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Informatik an der Universität Greifswald. Heute lehrt Lange an der Universität Potsdam und der Hertie School of Governance in Berlin.
Seine Expertise umfasst Verteidigungs-, Russland- und Sicherheitspolitik. In Medien und Podcasts tritt er regelmäßig als Analyst und Kommentator auf.
Europas Sanktionen gegen Russland und Ungarns Rolle
Ein zentraler Punkt in Langes Plan ist die wirtschaftliche Isolierung Russlands. Europa müsse „sofort und endgültig“ alle Energieimporte aus Russland stoppen – kein Öl, Gas, LNG, Uran oder Titan, auch nicht über Drittstaaten wie Indien. „Jeder Euro für russische Rohstoffe verlängert den Krieg“, warnt er. Ergänzend fordert er, die „Schattenflotte“ alter Tanker in der Ostsee zu stoppen und Sanktionen gegen Drittstaaten, die Moskau helfen, konsequent zu verschärfen.
Zudem solle Ungarn bei sicherheitspolitischen Entscheidungen vorübergehend sein Stimmrecht im EU-Rat verlieren. „Europa darf nicht länger durch Blockadeakteure gelähmt werden“, so Lange. Auch russischen Staatsbürgern sollten keine neuen Schengen-Visa erteilt werden, laufende Visa müssten überprüft werden – beginnend mit Diplomaten, Beamten und Oligarchen. Damit würde Europa seine Handlungsfähigkeit stärken.
Trump–Putin-Gipfel in Budapest: Druck auf Brüssel
Das von US-Präsident Donald Trump angekündigte Treffen mit Wladimir Putin in Budapest löst in Brüssel Unbehagen aus, berichtet unter anderem die Süddeutsche Zeitung. Trump erklärte nach einem Telefonat mit Putin, schreibt tagesschau.de, das Ziel sei zu prüfen, „ob wir diesen unrühmlichen Krieg zwischen Russland und der Ukraine beenden können“. Ungarns Premier Viktor Orban bestätigte, so Reuters, Putin werde ungehinderte Ein- und Ausreise erhalten – trotz des internationalen Haftbefehls.
Die EU-Kommission reagierte zurückhaltend, bemerkt Euronews, begrüßte aber „alle Schritte“, die zu einem „gerechten und dauerhaften Frieden“ führen könnten. Diplomaten sehen das Treffen dennoch als Affront: Europa werde ausgeschlossen, während Orban sich als Vermittler inszeniere. Analysten sprechen von einem „symbolischen Schlag in den Magen der EU“, wie es ein Brüsseler Beamter formulierte, heißt es bei Reuters.
Ukraine-Krieg und Putins Provokationen: Brüssel debattiert über eigene Antworten
In den EU-Institutionen wird nun über Gegenstrategien beraten. Laut Merz‘ Regierungserklärung will der Europäische Rat am 23. und 24. Oktober „sehr grundsätzlich darüber beraten“, wie Europa eigene sicherheitspolitische Initiativen verstärken kann – ergänzend zu den US-geführten Gesprächen. Parallel arbeitet der neu gegründete Nationale Sicherheitsrat in Berlin an einem Aktionsplan gegen hybride Bedrohungen, von Cyberangriffen bis Desinformation.
Ein EU-Diplomat sagte laut Kyiv Independent, viele in Brüssel fühlten sich von Trump übergangen. „Das fühlt sich an wie Murmeltiertag“, so der Beamte. „Ein Anruf, und alle Mühen, Trump auf die richtige Seite zu ziehen, stehen wieder auf der Kippe.“ Auch die Ukraine habe erst durch Social Media von dem geplanten Gipfel erfahren – ein weiterer Beleg, wie wenig Washington die EU derzeit einbindet.
Symbolische Bühne für Orban – und geopolitischer Test
Dass Budapest der Austragungsort sein soll, halten Beobachter für ein kalkuliertes Manöver, analysiert Reuters. Orbán unterhält enge Beziehungen zu Moskau und positioniert sich als Brückenbauer zwischen Ost und West. Gleichzeitig steht er innenpolitisch unter Druck: Seine Partei Fidesz liegt laut Umfragen vor der Wahl 2026 hinter der Opposition. Der Gipfel könnte ihm international Ansehen verschaffen – und den Eindruck erwecken, er spreche „für Europa“.
Doch viele sehen darin eine gefährliche Täuschung. „Dieses Treffen droht Orbán die Autorität zu verleihen, im Namen der EU zu sprechen“, warnt EU-Rechtsexperte Alberto Alemanno in Euronews. Das könne Europas Geschlossenheit untergraben, gerade in einer Phase, in der sich Russland und China enger abstimmen.
Eigene Putin-Strategie, keine Abhängigkeit von Trump: Europas Stunde der Entscheidung
Für Lange steht fest: „Europa kann Putin nicht mit scharf formulierten Verurteilungen, steifer politischer Kommunikation und bürokratischem Politikmanagement besiegen.“ Taten sind gefragt. Merz wiederum spricht von einer „europäischen Friedensmacht“, die Stärke zeigen müsse, um den Frieden zu wahren. Beide Positionen eint der Appell, Europas strategische Handlungsfähigkeit zu sichern – unabhängig von Washingtons Kurswechseln.
Ob es der EU gelingt, die Initiative zurückzugewinnen, entscheidet sich wohl beim Europäischen Rat kommende Woche. Dort werden Verteidigungspläne, Sanktionsverschärfungen und die künftige Rolle Europas in der Sicherheitsarchitektur auf der Tagesordnung stehen. Zwischen Trump und Putin droht Europa sonst erneut nur Zuschauer zu sein – anstatt Akteur einer eigenen Politik. (Quellen: ZDFheute, Süddeutsche Zeitung, Reuters, Euronews, Kyiv Independent, X/Nico Lange, Deutschlandfunk, Regierungserklärung der Bundesregierung) (chnnn)