Trump und Netanjahu: Angespanntes Telefonat nach israelischem Angriff in Katar
VonMarcus Giebel
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Donald Trump soll Benjamin Netanjahu nach dem israelischen Angriff auf die Hamas in Katar zurechtgewiesen haben. Scharfe Kritik kommt auch aus Doha.
Washington – Die Drähte liefen zuletzt besonders heiß zwischen dem Weißen Haus und dem Büro von Benjamin Netanjahu. Auch bei den Telefonaten selbst soll es hitzig zugegangen sein. Denn US-Präsident Donald Trump ist augenscheinlich ganz und gar nicht damit einverstanden, dass der israelische Ministerpräsident einen Angriff auf die Führungsspitze der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas anordnete, ohne ihn vorab zu informieren.
Hitzige Stimmung am Telefon? Donald Trump (l.) soll aufgebracht gewesen sein, dass Benjamin Netanjahu ihn nicht rechtzeitig vom Angriff auf Hamas-Anführer in Katar in Kenntnis gesetzt hat.
Das Wall Street Journal (WSJ) schreibt deswegen unter Berufung auf einen hochrangigen Beamten der US-Regierung von einem „hitzigen Telefonat“ zwischen den beiden Politikern. Trump habe Netanjahu klargemacht, dass es nicht klug gewesen sei, die politischen Führer der Terrororganisation in Katars Hauptstadt Doha ins Visier zu nehmen. Ihn habe gestört, dass er zunächst vom US-Militär über die Attacke unterrichtet worden sei und diese obendrein auf dem Territorium eines Verbündeten, der sich um eine Lösung im Gaza-Krieg bemüht, verübt worden sei.
Israels Attacke auf Hamas: Sechs Tote – Trump informiert sich bei Telefonat mit Netanjahu
Netanjahu habe sich damit verteidigt, dass ihm nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung gestanden habe, um den Angriff durchführen zu lassen, und er die Chance genutzt habe. Nach Angaben der Hamas kam kein Mitglied des Verhandlungsteams ums Leben. Allerdings starben sechs Personen, darunter der Sohn von Chalil al-Haja, dem höchstrangigen Hamas-Anführer im Ausland, und dessen Büroleiter.
Über das Ergebnis des Angriffs sprachen Trump und Netanjahu dem WSJ zufolge bei einem zweiten Telefonat. Währenddessen sei es herzlich zugegangen. Der Republikaner hatte sich also beruhigt und war abgekühlt. Auf seine Frage, ob die Attacke erfolgreich war, habe Netanjahu jedoch geantwortet, er wisse es nicht. Dies war wenige Stunden vor dem Hamas-Statement.
Ein hochrangiger Beamter der Trump-Administration habe jedoch betont, dass Trump zunehmend frustrierter wegen Netanjahu sei. Durch dessen aggressives Vorgehen, das eine Reaktion auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 darstellt, würden Trumps eigene Ziele im Nahen Osten erschwert.
Donald Trumps Orbit: Einflüsterer, Berater und Vertraute des Präsidenten
Trump contra Netanjahu: US-Präsident hofft auf schnellen Frieden im Nahen Osten
Der US-Präsident bemüht sich um Frieden in der Region. In seiner ersten Amtszeit gelang es ihm, einen Friedensvertrag zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu vermitteln. Allerdings hatte er zuletzt auch wegen zunehmender Befürchtungen einer Eskalation zwischen Jerusalem und Teheran drei iranische Atomanlagen bombardieren lassen.
Beim Kampf gegen die Hamas, die immer noch 48 israelische Geiseln – von denen wohl noch 20 am Leben sind – festhalten soll, steht Trump fest zu Netanjahu. Allerdings übte er wegen der Bilder der im Gazastreifen hungernden Kinder auch schon deutliche Kritik am israelischen Vorgehen.
Medien wie Politico, ntv oder die Süddeutsche Zeitung hatten bereits davon geschrieben, der 79-Jährige scheine mit Netanjahu zu brechen oder zumindest von ihm abzurücken. Laut The Atlantic soll er sogar den Eindruck gewonnen haben, der israelische Regierungschef würde den Gaza-Krieg quasi künstlich verlängern.
Trump nach Israel-Angriff auf Hamas: „Bedauerlicher Vorfall könnte Chance auf Frieden sein“
Öffentlich übte Trump jedoch wegen der humanitären Krise im Gazastreifen lediglich an der Hamas Kritik. Diese müsse kapitulieren und alle Geiseln freilassen, dann könne die Krise beendet werden.
Nach dem israelischen Angriff auf die Hamas-Delegation in Katar schrieb er bei Truth Social allerdings: „Diese Entscheidung wurde von Ministerpräsident Netanjahu getroffen, nicht von mir. Einseitige Bombenangriffe auf Katar, einen souveränen Staat und engen Verbündeten der Vereinigten Staaten, der sehr mutig Risiken eingeht, um gemeinsam mit uns Frieden zu vermitteln, dienen weder den Zielen Israels noch jenen Amerikas.“
Zudem informierte er darüber, mit Netanjahu gesprochen zu haben: „Der Ministerpräsident hat mir gesagt, er wolle für Frieden sorgen. Ich glaube, dass dieser bedauerliche Vorfall eine Chance auf Frieden sein könnte.“ Auch beim Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, und bei Premierminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al Thani habe er sich gemeldet und sich für die Unterstützung und die Freundschaft bedankt.
Netanjahu macht Jagd auf Hamas: Katar soll Terroristen ausweisen oder zur Rechenschaft ziehen
Das Emirat war eines der Länder, das Trump während seiner Golf-Reise im Mai besuchte. Dort wurde ihm ein Luxusjet im Wert von 400 Millionen US-Dollar geschenkt, was selbst unter einigen seiner treuesten Anhänger für Kritik gesorgt hatte.
Katars Premierminister nannte den israelischen Angriff derweil in einem CNN-Interview „einen barbarischen Akt“. Am Morgen zuvor habe er sich mit Familien der Geiseln unterhalten: „Sie zählen auf unsere Vermittlungen (über einen Waffenstillstand in Gaza, d. Red.), sie haben keine andere Hoffnung. Ich denke, was Netanjahu getan hat, tötet jede Hoffnung der Geiseln.“ Es habe sich um „Staatsterror“ gehandelt.
Will es sich mit Katar auf keinen Fall verscherzen: Donald Trump (l.) macht bereits erfolgreich Geschäfte mit dem Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani.
Netanjahu hatte zuvor via X Katar und alle Länder, „die Terroristen Unterschlupf gewähren“, dazu aufgefordert, diese auszuweisen oder zur Rechenschaft zu ziehen. „Denn wenn ihr es nicht tut, dann werden wir es tun“, warnte er.
Katar kontert Netanjahu: Attacke auf Hamas als „feiger Angriff“ gebrandmarkt
Aus Doha folgte ebenfalls auf dem Netzwerk von Elon Musk ein Statement. In diesem wurden „die rücksichtslosen Äußerungen“ von Netanjahu verurteilt und als „beschämender Versuch“ angesehen, um den „feigen Angriff“ zu rechtfertigen.
Dem israelischen Ministerpräsidenten sei „völlig bewusst“, dass die Hamas-Anführer vor Ort seien, weil Katar seiner Vermittlerrolle nachkomme. Zudem wird darauf verwiesen, dass Netanjahu auf „extremistische Rhetorik“ setze, um Wahlen zu gewinnen, mit internationalem Haftbefehl gesucht werde und sich immer schärferen Sanktionen gegenübersehe.
Die internationale Gemeinschaft wird dazu aufgerufen, „ihrer Verantwortung gerecht zu werden, indem sie Netanjahus islamfeindliche und aufrührerische Rhetorik zurückweist und den politischen Verzerrungen ein Ende setzt, die die Vermittlungsbemühungen untergraben und das Streben nach Frieden behindern“. Womöglich muss also auch Trump bald wieder in eine Vermittlerrolle schlüpfen. Immerhin verfügt er über einen guten Draht nach Jerusalem und Doha. (mg)