Extreme Unterschiede bei ersten Ergebnissen zur Türkei-Wahl
VonErkan Pehlivan
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In der Stichwahl zeigt sich dasselbe Bild wie im ersten Wahlgang. Die Hochrechnungen der oppositionellen und regierungsnahen Medien in der Türkei weichen voneinander ab.
Ankara - Kaum dürfen Hochrechnungen zur Präsidentschaftswahl veröffentlicht werden, sieht man wie sehr die Zahlen voneinander abweichen. Nach 57 Prozent der ausgezählten Stimmen verkündete CNN Türk, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan mit 54,37 Prozent vor seinem Herausforderer Kemal Kilicdaroglu (CHP) mit 45,63 Prozent liegt. Die Nachrichtenagentur ANKA, die als oppositionell gilt, sieht nach 70 Prozent der ausgezählten Stimmen bei der Türkei-Wahl Kilicdaroglu mit 50,88 Prozent knapp vor Amtsinhaber Erdogan mit 50,88 Prozent.
Und die unterschiedlichen Zahlen waren abzusehen. Hinter dem Sender CNN Türk steht die Demirören Gruppe, ein Mischkonzern, zu dem auch dutzende Medien in der Türkei gehören. Vorstandsvorsitzender des Konzerns ist Yildirim Demirören. Er gehört zu den Geschäftsleuten, die eine Nähe zu Erdogan haben.
Wie Medien in der Türkei in regierungsnahe Hände wechseln
Für Aufsehen sorgte Demirören mit dem Kauf des Medienkonzerns „Dogan Medya Grubu“ 2018, zu dem neben CNN Türk auch die Zeitung Hürriyet gehörte. Möglich war der Kauf durch einen 750 Millionen Kredit durch die staatlichen „Ziraat Bank“, erzählte damals der ehemalige Mafiapate Sedat Peker aus seinem Exil in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Demirören Holding brauchte laut Peker weder den Kredit zurückzuzahlen, noch dessen Zinsen.
Auch die bekannten Gesichter von CNN Türk fallen mit einer extremen Nähe zu Erdogan und seiner AKP-Regierung auf. Der Investigativjournalist Cevheri Güven hatte in einem seiner Videos erzählt, wie sich die Moderatorin Hande Firat (CNN Türk) nur einen Tag vor dem Putschversuch mit dem damaligen Leiter des Pressedienstes des türkischen Geheimdienstes MIT, Nuh Yilmaz, getroffen hatte.
Verbindungen zu Geheimdienst MIT zufällig bekannt geworden
Die Verbindungen der Moderatorin zum Geheimdienst waren zufällig bekannt geworden. In der Putschnacht hatte sie während ihrer Nachrichtensendung über ihr Smartphone Erdogan live zugeschaltet und ihr Gerät in die Kamera gehalten. Darin hatte Erdogan die Bevölkerungen aufgerufen, auf die Straßen zu gehen. Firat bekam während der Live-Schaltung einen Anruf des Geheimdienstmitarbeiters, den sie aber sofort wegdrückte.
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Der Name von Nuh Yilmaz war auf dem Smartphone deutlich zu erkennen. „Mein Video hat die ganze Thematik in der Türkei verändert. Es wurde tagelang nur darüber gesprochen“, erzählte damals Güven im Gespräch mit unserer Redaktion. Über die Rolle des MIT beim Putschversuch zu sprechen, habe allerdings die rote Linie von Erdogan überschritten, erzählt uns der Journalist.
Private und gleichzeitig regierungsnahe Medien
Ähnliche enge Verbindungen zwischen Erdogan gibt es auch mit anderen Konzernen, denen ebenfalls zahlreichen TV-Sender und Zeitungen gehören, darunter auch die Turkuvaz Medya, zu denen Sender wie Ahaber und ATV gehören. Vorstandsvorsitzender dort ist Serhat Albayrak, der Bruder von Erdogans Schwiegersohn und ehemaliger Finanzminister Berat Albayrak. Bei der Stichwahl in der Türkei hatten nach Auszählung von über 95 Prozent der Stimmen schließlich sowohl die staatliche Nachrichtenagentur sowie CNN Türk und auch ANKA Erdogan (52,18 Prozent/ 51,48 Prozent) vor Kilicdaroglu (53,43 Prozent/47,57 Prozent) gesehen.