Vor Türkei-Wahl 2023

Erdogans Zahlen in der Kritik: Trickst der Präsident vor der Türkei-Wahl?

  • schließen

Das unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitut Ena Grup sieht die Inflation in der Türkei doppelt so hoch wie angegeben - keine guten Nachrichten für Erdogan kurz vor der Wahl.

Ankara - Das staatliche türkische Statistikbüro TÜIK steht seit langem in der Kritik. Grund dafür sind die von der Behörde angegebenen Inflationszahlen und deren Diskrepanz zu den Zahlen anderer unabhängiger Wirtschaftsinstitute. Während die TÜIK die Teuerungsrate mit 44 Prozent angibt, berechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut „Ena Grup“ diese mit 105 Prozent.

Wahlkampf auf anderer Ebene: Staatliche Statistikbehörde schikaniert unabhängige Wirtschaftsforscher

Nach eigenen Angaben liegen der Ena Grup für ihre Berechnungen dieselben Zahlen vor wie der staatlichen Behörde. Diese ergeben sich aus dem Handel von Waren und Dienstleistungen in der Türkei. „Wir haben uns bislang kontinuierlich bemüht, der Öffentlichkeit reale Inflationsdaten zu liefern“, teilt das Unternehmen auf Twitter mit. Dabei seien sie von der TÜIK „ständig schikaniert und mehrfach verklagt“ worden. „Derzeit sind alle Gerichtsverfahren zugunsten von ENAG entschieden worden“.

In der Erklärung kritisiert die ENA Group die Zahlen der staatlichen Behörde. „Die Lebenshaltungskosten werden in den Daten eindeutig nicht widergespiegelt. Eine der wichtigsten Aufgaben des Staates ist es, die Öffentlichkeit korrekt (mit Statistiken) zu informieren“.

Einkaufen in der Türkei werden für die Menschen immer teurer.

Opposition macht Wirtschaftszahlen in der Türkei zum Wahlkampfthema

Auch Oppositionspolitiker kritisieren die Statistikbehörde für ihre Zahlen und ihre Nähe zur Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. „Die TÜIK veröffentlicht unrealistische Zahlen“, sagt der Oppositionspolitiker ÖmerFaruk Gergerlioglu (HDP) in einer Pressekonferenz. „Niemand glaubt den Zahlen der TÜIK“.

Der ehemalige Wirtschaftsminister und Vorsitzende der oppositionellen Deva Partisi, Ali Babacan, veranschaulichte in einer Wahlkampfrede die Inflation: „Im Jahr 2009 waren 200 TL 134 Dollar wert. Heute sind sie nicht einmal mehr 10 Dollar wert. Wer hat von diesen 200 Lira in jedermanns Tasche 124 Dollar gestohlen“? Die Inflation in der Türkei sei zu einer Qual geworden. Während die TÜIK die aktuellen Inflationszahlen mit 43,68 Prozent angibt, kommt die Ena Grup bei ihren Berechnungen auf 105.19 Prozent.

Wahlkampf in der Türkei: Erdoğan vs. Kılıçdaroğlu - Das Duell um die Präsidentschaft

Ein Mann läuft an einem Bild von Recep Tayyip Erdogan und Kemal Kılıçdaroğlu vorbei.
Weiter mit Präsident Recep Tayyip Erdogan oder lieber mit Herausforderer Kemal Kılıçdaroğlu? Die Präsidentschaftswahlen in der Türkei am Sonntag, dem 14. Mai 2023, werden entscheiden, wer zukünftig das Land am Bosporus und seine 85 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner regieren wird. Längst tobt der Wahlkampf im ganzen Land, auch hier in der Millionen-Metropole Istanbul. © Emrah Gurel/dpa
CHP Anhänger feiern in Kocaeli den Kandidatend der Opposition, Kemal Kılıçdaroğlu.
Die Anhängerinnen und Anhänger von Kemal Kılıçdaroğlu hoffen auf einen personellen Wechsel an der Spitze der Türkei nach fast 20 Jahren mit Erdogan. Die Umfragen vor der Türkei-Wahl deuten auf einen Wechsel hin. CHP-Kandidat Kılıçdaroğlu liegt je nach Meinungsforschungsinstitut entweder vor Erdogan oder nur knapp hinter ihm. Entsprechend groß ist der Optimismus der Opposition wie hier in Kocaeli, wo Kılıçdaroğlu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern die „Rückkehr des politischen Frühlings“ verspricht. © YASIN AKGUL/AFP
Kemal Kilicaroglu beim Wahlkampf in der Türkei
Wird er wirklich der nächste Präsident der Türkei? Kemal Kılıçdaroğlu ist seit 2010 Vorsitzender der sozialdemokratischen CHP, der größten Oppositionsfraktion im türkischen Parlament. Der studierte Wirtschaftswissenschaflter gilt als Finanzexperte. Er ist seit 1974 verheiratet und entstammt einer alevitischen Familie. Die Umfragewerte sprechen für den Herausforderer Erdogans. © Uncredited/dpa
Wahlkampf mit Erdogan vor der Türkei-Wahl in Istanbul
Doch schlechte Umfragewerte können anscheinend weder Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch die Anhängerinnen und Anhänger seiner regierenden AKP entmutigen. Der Machthaber der Türkei tritt weiter selbstbewusst auf und spricht vor seinen Fans wie hier in Istanbul von nichts anderem als einem historischen Sieg über Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis. © IMAGO/AK Party Office\ apaimages
Wahlkampf in der Türkei: Millionen Menschen jubeln in Istanbul Erdogan zu
Laut eigenen Angaben versammelte Recep Tayyip Erdogan allein in Stanbul zuletzt 1,5 Millionen Menschen zu einer Wahlkampfveranstaltung. Die dabei entstandenen, imposanten Bilder sind ein klares Signal an Kemal Kılıçdaroğlu und sein Oppositionsbündnis: Die AKP gibt sich noch längst nicht geschlagen. Erdogan bleibt ein siegessicherer Amtsinhaber. © afp
Putin besucht Erdogan in der Türkei
Als amtierender Präsident ist sich Recep Tayyip Erdoğan nicht zu schade, seinen Amtsbonus im Vorfeld der Wahl voll auszunutzen. Dabei kommt ihm auch ein alter Verbündeter offenbar gerne zu Hilfe: Wladimir Putin, hier bei einem Besuch in Ankara, der Hauptstadt der Türkei im Jahr 2022. Im Wahljahr inszenierte sich Erdoğan bereits mehrfach als Vermittler im Ukraine-Krieg - bislang jedoch ohne nennenswerten Erfolg.  © MURAT KULA/AFP
Ekrem İmamoğlu mit Ehefrau im Wahlkampf der Türkei in Istanbul.
Doch der Wahlkampf in der Türkei bleibt nicht immer friedlich. Diese Erfahrung musste Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, wie Präsidentschaftskandidat Kemal Kılıçdaroğlu Mitglied der CHP, machen. Der Bürgermeister, hier mit seiner Frau Dilek İmamoğlu, wurde auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Stadt Erzurum mit Steinen attackiert. İmamoğlu musste den Auftritt abbrechen und fliehen. Die Provinz Erzurum in Ostanatolien gilt als Hochburg Erdogans und seiner nationalkonservativen AKP. © IMAGO/Tunahan Turhan
Lebensmittelgeschäft in der Türkei kurz vor der Präsidentschaftswahl
Neben dem Erdbeben ist vor allem die wirtschaftliche Lage des Landes das bestimmende Thema im Wahlkampf in der Türkei. Die Inflationsrate hat astronomische Höhen erreicht, der Wert der Türkischen Lira befindet sich im freien Fall. Zwar konnte die AKP-Regierung die Teuerungsrate zuletzt wieder senken, sie liegt aber weiterhin jenseits der 50 Prozent. Unter Experten gilt auch die Politik Erdogans als verantwortlich für die wirtschaftlichen Probleme der Türkei. © ADEM ALTAN/AFP
Erdbebenkatastrophe in der Türkei in der Stadt Antakya
Kurz vor der Wahl wurde die Türkei von einer der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren Vergangenheit heimgesucht. Ein Erdbeben am 6. Februar kostete mehr als 50. Menschen in der Türkei das Leben. Nach dem Beben geriet auch die AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan in die Kritik. Der Präsident hatte in den Jahren vor der Katastrophe zahlreiche Bauvorschriften, die Gebäude erbebensicher gemacht hätten, aufgeweicht und Gelder, die für den Katastrophenschutz gedacht waren, anderweitig eingesetzt. © Boris Roessler/dpa
Atatürk-Banner vor den Wahlen in der Türkei.
Doch gewählt wird in der Türkei nicht nur der Präsident. Auch die Neubesetzung des türkischen Parlaments entscheidet sich am 14. Mai 2023, das 600 Mitglieder umfasst. Recep Tayyip Erdogan hatte die Macht des Parlaments in seiner Amtszeit zugunsten des Präsidenten geschwächt. Kemal Kilicdaroglu hat versprochen, diese Änderungen bei einem Wahlsieg rückgängig zu machen und so die einst von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gegründete Republik in der Türkei vor autokratischen Umtrieben zu schützen. © Francisco Seco/dpa

Hohe Inflation wird Erdogan zum Verhängnis

Die hohe Inflation ist bei den Menschen inzwischen deutlich spürbar und könnten Erdogan bei der anstehenden Türkei-Wahl am Sonntag zum Verhängnis werden. „Wie bei den öffentlichen Bediensteten werden wir das niedrigste Gehalt auf 15.000 Lira anheben und eine ähnliche Erhöhung wie einen Inflations- und Wohlstandausgleich vornehmen.“ Damit werde das niedrigste Beamtengehalt 22.000 Lira erreichen, kündigte Erdogan an. Kurz vor der Parlaments- und Präsidentschaftswahl hat Herausforderer Kemal Kilicdaroglu (CHP) in den Umfragen seinen Abstand zum Amtsinhaber vergrößert. Das Meinungsforschungsinstitut „KONDA“ sieht Kilicdaroglu mit 49,3 Prozent vor Erdogan mit 43,7 Prozent.

Rubriklistenbild: © Tolga Bozoglu/dpa

Kommentare