Bei Geheimtreffen

Russlands „größtes politisches Risiko“: Putin-Vertrauter besorgt über gewaltbereite Kriegsrückkehrer

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Die Rückkehr von gewaltbereiten Soldaten aus der Ukraine bereitet dem Kreml wohl große Sorgen. Die russische Zivilgesellschaft sei auf die Veteranen nicht vorbereitet, befürchtet ein Putin-Vertrauter.

Moskau – Seit Beginn der völkerrechtswidrigen Invasion der Ukraine war Russland sowohl was Waffen, als auch was die Zahl der Soldaten angeht, überlegen. Während die Ukraine laut Schätzungen rund 900.000 Soldaten zur Verfügung hat, sind es in Russland rund 1,3 aktive Soldaten und rund zwei Millionen Reservisten. Doch wie die Gesellschaft die Streitkräfte aufnehmen wird, nachdem sie aus der Front im Ukraine-Krieg zurückkehren, bereitet dem Kreml nun Sorge.

Um mehr Soldaten zu haben: Russland holte Verbrecher für Ukraine-Krieg aus dem Gefängnis

Viele der Streitkräfte im Ukraine-Krieg, sowohl auf ukrainischer als auch auf russischer Seite, sind keine ausgebildete Soldaten. Während die Ukraine für die Verteidigung gegen den Aggressor vor allem auf Zivilisten setzte, wählte Putin zusätzlich einen weiteren Weg: Der russische Präsident rekrutierte Verbrecher aus den russischen Strafkolonien und versprach ihnen, im Gegenzug für ihren Dienst an der Front, ihre Strafe zu erlassen. Wie das Portal Meduza berichtet, hat diese Entscheidung bereits jetzt Auswirkungen auf die Sicherheit in Russland.

Viele russische Soldaten sind nach dem Ukraine-Krieg schwer traumatisiert. Für Russland könnte das soziale und politische Folgen haben, befürchten Kreml-Politiker.

Bei einem Treffen im Juli mit wichtigen Kreml-Vertretern soll Sergei Kirijenko, stellvertretenden Leiter der russischen Präsidialadministration, eingeräumt haben, dass viele Russen durch den Dienst nur dem Gefängnis entkommen wollten. Einige von ihnen hätten nach ihrer Rückkehr aus der Ukraine weitere Verbrechen vergangen, darunter Mord und Vergewaltigung. Das russische unabhängige Medium will das von zwei Anwesenden bei dem Treffen sowie einer weiteren Kreml-nahen Quelle erfahren haben.

Putin-Verbündeter spricht bei Treffen mit Kreml-Politikern über Sorge von gewaltbereiten Kriegsrückkehrern

Russische Veteranen sollen wohl bereits mindestens 107 Menschen getötet und mindestens 100 weitere schwer verletzt haben, berichtet das Portal Verstka im April. Das schürt wohl in der Allgemeinbevölkerung Unmut und Angst. „Die Gesellschaft ist nicht vorbereitet“, soll einer der anwesenden Kreml-Gouverneure laut Meduza bei dem Treffen im Juli gesagt haben. Kirijenko befürchte, die zurückkehrenden Soldaten könnten das „größte politische und soziale Risiko“ für das Land darstellen. Denn: Nicht nur Ex-Gefangene, sondern auch andere Veteranen würden sich „schlecht“ ins zivile Leben einfügen.

Sergei Kirijenko zeigt sich bei einem Treffen mit anderen Kreml-Politikern wohl besorgt über die Rückkehrer aus dem Ukraine-Krieg.

Kirijenko, der von einigen Russland-Beobachtern bereits als Putins Nachfolger spekuliert wird, habe gesagt, dass russische Kriegsrückkehrer der Ukraine ein anderes Schicksal erleiden als diejenigen, die aus dem sowjetisch-afghanischen Krieg oder dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten. Der Grund dafür sei, dass die russische Gesellschaft den Ukraine-Krieg nur „im Fernsehen“ verfolgt habe und ohne direkte Kriegserfahrung im eigenen Land nicht darauf vorbereitet sei, die Veteranen „zu verstehen und zu akzeptieren“.

Hat Putin soziale Folgen des Ukraine-Krieges nicht bedacht? „Neue Elite“ sorgt in Russland für Angst

Die Befürchtung des Kremls sei, dass die Ex-Soldaten im Laufe der Zeit desillusioniert vom zivilen Leben werden und kriminelle Gruppen bilden könnten. Das könne auch auf die psychischen Kriegsfolgen zurückzuführen seien. Laut Russlands stellvertretender Verteidigungsministerin und Putin-Verwandten Anna Tsivileva leide jeder fünfte Soldat, der von der Front zurückkehre, an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Doch in Russland gebe es nicht genügend Psychologen, die für die Behandlung von PTBS ausgebildet seien, berichtet Meduza.

Wladimir Putin: Das Macho-Image des russischen Präsidenten

Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009.
Ebenfalls im sibirischen Tuwa ist dieses inzwischen weltbekannte Foto entstanden, welches Wladimir Putin beim Reiten in den russischen Bergen zeigt. Mal wieder inszeniert sich der Kreml-Chef besonders männlich und zieht vor der Kamera prompt das Shirt aus. Das Bild liegt allerdings schon einige Jahre zurück: entstanden ist es 2009. © Imago
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. © Aleksey Nikolskyi/Imago

Wie die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) schreibt, habe Putin vor der Invasion der Ukraine „wahrscheinlich wenig über die langfristigen sozialen Folgen“ des Krieges nachgedacht. Doch bereits der bewaffnete Aufstand der Wagner-Gruppe 2023 habe gezeigt, wie Unzufriedenheit unter russischen Militärangehörigen zu einer unmittelbaren Bedrohung für das Regime von Putin werden könne.

Die russischen Behörden wollen die Soldaten, die im Ukraine-Krieg für Putin gekämpft haben, nicht öffentlich kritisieren. Von ihnen begangene Verbrechen dürfen in russischen Medien nicht mehr erwähnt werden. Putin bezeichnet die Kriegsrückkehrer öffentlich indes als die „neue Elite“ des Landes. (nbe)

Rubriklistenbild: © Stanislav Krasilnikov/imago

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