Ist die westliche Infrastruktur bedroht? Putin hat wohl Unterwasserkabel verminen lassen. Die Nato ist sich der Gefahr bewusst und fährt die Abwehr hoch.
Moskau – Weitet Wladimir Putin den Ukraine-Krieg aus? Vor dieser Gefahr warnen Experten seit Ausbruch der Kämpfe im Februar 2022. Doch bisherige Spekulationen über eine drastische Verschiebung der Front, einen möglichen Angriff auf Nachbarländer oder eine Reaktion der Nato blieben bisher größtenteils aus. Doch Anfang Mai sorgte eine britische Recherche für Aufsehen, die die westliche Unterwasser-Infrastruktur in Gefahr sieht – auch die Nato sprach von einer entsprechenden Bedrohung. Der Fregattenkapitän Göran Swistek hält einen möglichen Sabotageakt für „sehr wahrscheinlich“. Es geht um Minen und träges Handeln des Westens.
Nach Anschlag auf Nord-Stream: Im Ukraine-Krieg befürchtet der Westen weitere Angriffe auf Infrastruktur
Rückblick: Am 26. September 2022 kam es mitten im Ukraine-Krieg zu mehreren Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines, die in Friedenszeiten große Mengen russisches Gas nach Deutschland transportiert haben. Zunächst war damals ein unerwarteter Druckabfall aufgefallen, wenig später entdeckten Experten in etwa 70 Metern mehrere Lecks. Der Westen sowie Russland gehen von einem Anschlag aus. Zwar führte die Gas-Pipeline zum damaligen Zeitpunkt wenig Gas, doch der Fall machte auf dramatische Art deutlich, wie fragil Europas Energie-Infrastruktur tatsächlich ist.
Die britische Times sorgt nun mit einer neuen Recherche international für Aussehen. Das Medium vertritt die Ansicht, dass Russland Teile der westlichen Unterwasser-Infrastruktur vermint haben könnte. Gegenüber dem ZDF sagte Fregattenkapitän Gregor Siwstek, dass ein solches Szenario „sehr wahrscheinlich“ sei. Indizien hierfür seien Übungen und neue Fähigkeiten des russischen Militärs im Unterwasserbereich. Außerdem hätte es in den vergangenen Jahren immer wieder „verdächtige“ Aktivitäten russischer Schiffe entlang kritischer Infrastruktur gegeben.
Infrastruktur des Westens in Gefahr? Nato warnt vor Sabotage durch Russland
Wie die Times in ihrer Recherche schreibt, hätte die Nato entsprechende Sorgen geäußert. Berufen wird sich auf Informationen von Unternehmen, die Öl- und Gasbohrinseln, Pipelines, Stromanschlüsse und Telekommunikationskabel betreiben. Seit vergangenen Februar gibt es deshalb eine „Koordinierungsstelle für kritische Unterwasser-Infrastrukturen“, die von Generalleutnant Hans-Werner Wiermann, einem deutschen Militäroffizier im Ruhestand, geleitet wird. Hauptziel: Herausfinden, was Russland genau vorhat.
Geplant ist, dass die Expertengruppe bei einem kommenden Nato-Treffen im Juli 2023 einen Bericht vorstellt und die Lage bei der kritischen Infrastruktur im Blick behält. Aus den Kreisen der Nato gab es zuletzt immer wieder Stellen, die eine entsprechende Stelle für notwendig empfunden haben. Ein nicht näher benannter Nato-Beamter sagte der Times bezüglich der möglichen Sabotagepläne Russlands: „Wenn Russland eines unserer Kraftwerke an Land angreift, ist das Krieg. Wenn die Russen eine unserer Unterwasserpipelines oder -kabel sabotieren, können sie dies leugnen.“
Wegen des Ukraine-Kriegs: Putin könnte nach Nord-Stream weitere Ziele im Westen angreifen
Bereits vor Monaten hatten verschiedene Nachrichtendienste in Europa vor verdächtigen Aktivitäten Russlands gewarnt. Immer wieder wurden vor den Küsten der westlichen Nationen zivile Schiffe gesichtet. Vermutet wurde, dass der Kreml den Plan verfolgen könnte, kritische Infrastruktur des Westens auch zu Wasser genau zu kartieren. Sollte es zu einem Angriff auf entsprechende Anlagen kommen, könnten die Auswirkung gewaltig sein. Wie Swistek schätzt, wäre eine russische Attacke gefährlich, wenn mehrere Punkte betroffen wären. „Wir haben in der Nordsee zum Beispiel relativ viel maritime Infrastruktur. Wir haben Datenkabel. Wir haben Pipelines, wir haben Offshore-Bohrinseln. Wir haben Offshore-Windparks“, so der Experte gegenüber dem ZDF.
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses
Dass Russland in den vergangenen Wochen und Monaten „aktiver“ auf den Meeren wird, bereitet westlichen Beobachtern bereits länger Sorge. Zuletzt hatten mehrere Nationen ihre Beobachtungen zum Nord-Stream-Vorfall veröffentlicht und Russland verdächtig. Bezogen auf ein russisches Transportschiff, das auch U-Boote transportieren kann, sagte Jens Wenzel Kristoffersen, ein dänischer Marinekapitän und Analyst an der Universität Kopenhagen: „Bei dem Typ handelt es sich um ein Schiff, das Dinge auf den Meeresboden schicken kann.“ Es habe Ausrüstung, mit der es in der Lage sei, zu lokalisieren, zu bestätigen und zu kartieren, was auf dem Meeresboden liegt.
Russland weitet Aktivitäten auf Nordsee aus: Katz-und-Maus-Spiel der Geheimdienste
Bereits seit den 1960er Jahren soll Moskau gezielt militärische und vermeintlich zivile Schiffe in der Ost- und Nordsee eingesetzt haben, um mögliche Schwachstellen ausfindig zu machen. Während die Spannungen zwischen Ost und West im Kalten Krieg ihren Höhepunkt erreichten, lieferten sich beide Seiten auf den Meeren ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel und setzen Sonar, Radar, Unterwassermikrofone, Patrouillenboote ein. Immer wieder operieren seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs auf der Ostsee russische Kriegsschiffe im Auftrag von Wladimir Putin.
Um bestmöglich auf neue Spionageangriffe vorbereitet zu sein, setzt die Nato nun auf eine Mischung aus „traditioneller“ Spionageabwehr und Unterstützung aus dem privaten Sektor. Die größte Herausforderung für den Westen ist allerdings die geografische Besonderheit der Gewässer. Wenig Untiefen und der beschränkte Raum spielen einem mutmaßlichen Saboteur geradezu in die Hände.
Verteidigung der Nato: Experte schlägt Patrouillen vor
Während die Nato nun ihre Abwehr auf Nord- und Ostsee hochfährt, fällt Professor Jonathan Holslag von der VUB-Universität in Brüssel und dem Belgischen Königlichen Höheren Institut für Verteidigung gegenüber der Times ein hartes Urteil: „Ehrlich gesagt wissen wir nicht, was die Russen getan haben. Wir sind zu spät aufgewacht.“ Um nun entsprechend zu reagieren, bietet sich dem Westen kaum eine Alternative als auf regelmäßige Patrouillenfahrten entlang der kritischen Unterwasser-Infrastruktur zu setzen. (febu)