Kaum Ende in Sicht

Ohne Scholz geht es nicht: Historiker fordert von Deutschland mehr Engagement im Ukraine-Krieg

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Der amerikanische Historiker Timothy Snyder blickt ambivalent auf Bundeskanzler Olaf Scholz.
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Wie geht es weiter in der Ukraine? Ein schnelles Ende des Kriegs wird es laut dem Historiker Timothy Snyder nicht geben. Viel hängt von Deutschland ab.

Kiew - Fast ein Jahr nach Beginn des Ukraine-Kriegs scheint kein Ende des Konflikts in Sicht. Der russische Präsident Wladimir Putin richtete am Dienstag (21. Februar) in seiner Rede zur Lage der Nation neue Drohungen an den Westen und der amerikanische Präsident Joe Biden besuchte fast zeitgleich Wolodymyr Selenskyj in der Ukraine, um ein starkes Zeichen gegen Russland zu setzen. Parallel dazu werden in Deutschland und bei Bündnispartnern der Bundesrepublik diskutiert, welche weiteren Waffensysteme nach Kiew geliefert werden sollen.

Vor diesem Hintergrund stellt der renommierte Historiker Timothy Snyder keine schnelle Lösung in dem Ukraine-Konflikt in Aussicht: „Ich glaube, es wird kein so klares Ende geben, wie wir uns das wünschen“, sagt der Professor gegenüber dem Spiegel. Wie andere Konflikte würde auch dieser langsam auslaufen, vermutet er. Jedoch nur unter der Bedingung, dass die Ukraine verteidigungsfähig bleibt.

Ukraine-Krieg: Deutschlands historische Verantwortung im Russland-Konflikt

Beim Beenden des Kriegs und der Unterstützung der Ukraine sollte gerade Deutschland eine prominente Rolle spielen, findet Snyder. Die Bundesrepublik habe eine „dreifache historische Verantwortung“, Kiew so weit wie möglich zu unterstützen. Denn Deutschland hat die Ukraine von 1941 bis 1945 kolonialisiert, in der Folge keine ernstzunehmenden Beziehungen zum Staat der Ukraine geführt und letztlich auch trotz der Annexion der Krim enge Beziehungen zu Russland geführt. Darüber hinaus gibt es eine gegenwärtige Verantwortung, findet der Historiker: „Es ist einfach die nächstgelegene große Macht.“

Snyder zufolge, haben „die Deutschen jetzt eine zweite Chance, auf den Faschismus zu reagieren“. Ob sie genutzt werden wird, wisse der Historiker noch nicht genau.

Snyder über Olaf Scholz: „Auf Reden müssten Taten folgen“

Auch über die Rolle des Bundeskanzlers äußerte sich der Yale-Professor. Snyder ist zwiegespalten mit Hinblick auf Scholz. Auf der einen Seite lobt er manche Positionierung des Bundeskanzlers, etwa, dass die „Europäische Union die Antithese zu Imperialismus und Autokratie sei“. Aber: „Auf solche Reden müssten Taten folgen.“ Deutschland müsse samt Europa selbstbewusster in seiner Außenpolitik werden. Derzeitig sei es noch zu abhängig von den USA. Teile der Kanzlerpartei scheinen auch nicht gewillt zu sein, Verteidigungsausgaben erheblich zu steigern, um unabhängiger zu werden.

Abschließend hält Snyder fest, dass man vor nichts die Augen verschließen dürfe. Alles könne in der Ukraine geschehen. Es läge jedoch auch in der Hand der Verbündeten der Ukraine, wie der Krieg weiter verlaufen werde: „Es hängt zum Großteil von den Entscheidungen ab, die wir treffen“. (lp)

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