VonAndreas Apetzschließen
Laut Girkin sei dem Ansturm der ukrainischen Streitkräfte im Osten der Ukraine nur schwer standzuhalten. Russland kämpfe mit „ständigen Verlusten“.
Saporischschja – Der frühere russische Geheimdienstoffizier und prominente Militärblogger Igor Girkin glaubt an einen baldigen Durchbruch der ukrainischen Streitkräfte an den Frontlinien der Ostukraine. „Die Tatsache, dass der Feind durch unsere Verteidigungslinien brechen könnte, beängstigt mich“, sagte Girkin in einem Video, das am Samstag (15. Juli) auf Twitter geteilt wurde.
Laut dem Russland-Hardliner versuche Kiew derzeit mit allen Mitteln in den beiden umkämpften Regionen Saporischschja und Bachmut weiter vorzudringen. Die Situation um Saporischschja ist aufgrund des dort befindlichen Atomkraftwerks besonders heikel.
„Niemand kann den Feind aufhalten“: Girkin rechnete mit Frontlinienbruch im Osten
Girkin wirkt pessimistisch in seiner Ansprache. Nach mehreren gescheiterten Artillerie- und Luftangriffen sei die Ukraine nun zum Bodenkampf übergegangen. Noch könne man die Situation kontrollieren, allerdings auf Kosten hoher Verluste. Das vorhandene Personal und die Ausrüstung seien nicht ausreichend, um die russischen Truppen in der Ostukraine ausreichend durchzutauschen und den Soldaten Ruhephasen zu gönnen. „Und es gibt nicht genügend Reserven, die unsere Truppen in einen voll funktionsfähigen Zustand zurückzuversetzen“, fügt Girkin hinzu.
Besonders in den stark umkämpften Gebieten sei Russlands Armee äußerst ausgedünnt. In den Brennpunkten des Ukraine-Kriegs kämpfe man mit weit weniger als 70 Prozent der ursprünglich eingesetzten Personalstärke. „Natürlich ist das kein Vergleich zu der Situation am Ende des letzten Sommers und Frühherbstes, als eine Personalstärke von 20 Prozent normal war. Aber unsere Truppen erleiden ständig Verluste, während der Strom von Verstärkungen und Reservisten aus dem Hinterland ausbleibt“, erklärt Girkin.
Sollte sich dieser Zustand nicht ändern, werde man die Frontlinien nicht mehr lange halten können: „Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, hat der Feind die Möglichkeit, unsere Verteidigung in Saporischschja zu durchbrechen. [...] Wenn diese Truppen auf dem Feld sterben, wird es niemanden geben, der den Feind aufhalten kann.“ Laut dem Ex-Geheimoffizier müsse Russland sämtliche Frontverläufe in den nächsten zwei bis drei Wochen mit gut ausgerüsteten und erfahrenen Truppen befestigen, um den ukrainischen Ansturm zu unterbrechen.
Russland ohne Reserven: Girkin gibt Putin die Schuld
Eine Verstärkung der russischen Fronten gestaltet sich jedoch schwierig. „Gerassimow hat keine vorbereiteten und ausgerüsteten Reserven. Er hat sie einfach nicht. Alles, was er hat, befindet sich bereits an der Front. [...] Eine Verlegung aus anderen Bereichen bedeutet deren Schwächung“, nimmt Girkin den Armeegeneral und Chef des Generalstabs der Streitkräfte Russlands in Schutz. Anfang Juli kursierte die Vermutung, Gerassimow sei von seinen Aufgaben entbunden worden. Ein vom Kreml veröffentlichtes Video offenbarte nun, dass der Armee-Chef wohl doch im Amt ist.
Girkin says Ukraine has a chance to break through the occupiers' defence in Zaporizhzhia due to a lack of equipped and trained reserves for Russia. He revealed this in an hour-long livestream. The excerpt from a 10-minute intro is below, while the 2-minute video is a short… pic.twitter.com/ftC4UzYuJl
— Dmitri (@wartranslated) July 15, 2023
Die Schuld für die verzwickte militärische Situation gibt Girkin Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Dieser sei unfähig, Entscheidungen zu treffen und führe das Land damit in eine Katastrophe: „Wir haben einen Präsidenten, der nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. [...] Wir könnten eine Katastrophe nationalen Ausmaßes erleben, die weit über die unmittelbaren Folgen einer einzelnen Niederlage hinausgeht“ – Girkin hatte sich wiederholt kritisch zu Putin geäußert.
Igor Girkin: Der russische Ultra-Nationalist
Igor Girkin, bekannt als Igor Strelkov, ist ein bei Kriegsbefürwortern populärer, aber auch umstrittener Charakter in Russland. Während der Ukraine-Krise im Jahr 2014 spielte Girkin eine wichtige Rolle bei den Anfängen des bewaffneten Konflikts in der Region Donbass, insbesondere in der Stadt Slowjansk. Er war einer der Anführer der pro-russischen Separatisten und wurde zum „Verteidigungsminister“ der selbsternannten Volksrepublik Donezk ernannt. Er gilt als Schlüsselfigur in der Eskalation des Separatistenaufstandes.
2015 kehrte Girkin nach Russland zurück und gründete die Bewegung „Neurussland“ mit dem Ziel, „die russische Welt zu erhalten und ein einheitliches Großrussland“ wiederherzustellen. Girkin war ein hochrangiger Offizier des russischen Militärs und diente als Geheimdienstoffizier des russischen Militärgeheimdienstes. (aa/dpa)
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