Experte im Fr.de-Interview

Psywar, Cyberwar, TikTok-War: Wie Russland und die Ukraine uns im Krieg manipulieren

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Russland und die Ukraine liefern im Krieg viele Bilder und News. Was ist wahr, was manipuliert? Experte Christian Hardinghaus erklärt, wie im Krieg gelogen wird.

Osnabrück - „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“, heißt es oft. Gemeint ist, dass zur Kriegsführung Propaganda, Desinformation, einseitige Darstellung und sogar Lügen gehören. Der Historiker Christian Hardinghaus untersuchte in seinem Buch „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“, wie Russland - aber auch die Ukraine - versuchen, im Ukraine-Krieg zu manipulieren und zu täuschen. Im Interview mit Fr.de von IPPEN.MEDIA erklärt er die Mechanismen.

Herr Hardinghaus, dass Russland im Ukraine-Krieg massive Propaganda betreibt, ist bekannt. Wie sieht es bei der Ukraine aus?
Es gibt kein Land in der Geschichte, dass sich im Krieg nicht den Mitteln der Propaganda bedient hat. Wenn zwei Länder im Krieg sind, betreiben deshalb immer beide Seiten Propaganda. Für die Ukraine ist Auslandspropaganda besonders wichtig, weil sie nicht allein gegen Russland kämpfen kann. Ihr Ziel ist es, um Unterstützung zu werben. Auch die russische Seite versucht das – sie erreichen aber unsere Medien und Politiker nicht, weil sie sich klar positioniert haben. Deshalb läuft sich die russische Propaganda vor allem über Social Media. Dass im Ukraine-Krieg beide Seiten Informationen manipulieren, sieht man allein an den angeblichen Opferzahlen. Zwischen den von der Ukraine und von Russland veröffentlichten Zahlen zu gefallenen Soldaten liegt eine solche Diskrepanz, dass es klar ist, dass beide Seiten übertreiben bzw. verheimlichen.
Kriegspropaganda gehört laut Experte Christian Hardinghaus zur Strategie im Ukraine-Krieg - sowohl von Wladimir Putin (r.) als auch Wolodymyr Selenskyj.
Abgesehen davon - wie leicht erkennt man Propaganda?
Das Militär verfügt über technische Möglichkeiten, denen wir uns oft noch gar nicht bewusst sind. Im Ersten Weltkrieg konnte schon eine einfache Bildcollage die Menschen täuschen. Heutzutage gibt es Deep Fakes, zum Beispiel mit Künstlicher Intelligenz produzierte Videos von Selenskyj, bei denen man gar nicht merkt, dass sie gefälscht sind.

Manipulation im Ukraine-Krieg: Auf TikTok gibt es Live-Berichte von der Front

Welche Formen der Propaganda und Manipulation kann man unterscheiden?
Moderne Informationskriege bestehen im Wesentlichen aus zwei Kernbereichen. Der sogenannte Psywar soll Menschen inhaltlich und psychologisch manipulieren. Jede Kriegspartei will sich dabei als diejenige darstellen, die auf der guten Seite steht. Die andere Partei wird dagegen als das absolut Böse dargestellt. Der Angesprochene soll sich durch diese Art der Propaganda positionieren und die eigene Seite unterstützen, zum Beispiel durch Waffenlieferungen.
Daneben gibt es den Cyberwar, der das Zerstören und Lahmlegen von technischen Apparaturen und Infrastruktur des Gegners zum Ziel hat. Eine recht neue Form ist der umgangssprachlich so bezeichnete TikTok-War, der sich an junge Menschen richtet. Zum Beispiel gibt es Live-Berichte von der Front aus der Sicht eines russischen Soldaten. Das geht so weit, dass man sehen kann, wie Menschen misshandelt oder sogar exekutiert werden. Natürlich wird dabei immer nur das gezeigt, was der eigenen Seite nutzt. Der Zuschauer entwickelt dadurch automatisch Wut auf die andere Seite. Gerade für junge Menschen, die noch nicht so reflektiert sind, ist das supergefährlich.
Der Historiker Christian Hardinghaus verfasste das Buch „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“, das sich auch der Propaganda im Ukraine-Krieg widmet.
Wenn ich auf Twitter ein Video aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine sehe, beispielsweise wie eine Rakete einen Panzer zerstört, muss ich dann immer damit rechnen, dass es eine Fälschung ist?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Twitter-Videos inszeniert sind, ist sogar sehr groß, gerade wenn ein Video direkt aus dem Kriegsgebiet stammt. Doch heutzutage fallen sogar große Medien auf solche Propagandastrategien rein, auch weil durch das Internet alles immer schneller gehen muss.

Propaganda im Ukraine-Krieg: „Kein einziger Krieg, der nicht mit einer Lüge begonnen hat“

Die Ukraine wurde von Russland angegriffen und verteidigt sich. Deshalb ist es doch rational, dass man ihr mehr glaubt als Russland.
Das ist menschlich nachvollziehbar. Putin hat den Krieg begonnen und es ist das Recht der Ukraine, sich zu verteidigen. Doch es kann zu großen Schwierigkeiten führen, wenn die deutschen Medien und die Regierung deshalb alles für bare Münze nehmen, was die Ukraine sagt. Zum Beispiel bei der Sprengung der Nord Stream-2-Pipelines: Gleich danach wurde die Schuld Russland zugewiesen. Doch mittlerweile scheint es so, als hätte die Ukraine den Anschlag durchgeführt. Nach der Sprengung des Kachowa-Staudamms wurde die Schuld ebenfalls sofort bei Russland gesucht, obwohl man noch gar nicht wissen konnte, wer dafür verantwortlich ist. Wenn Regierungsverantwortliche wenige Minuten später das wiederholen, was die Ukraine behauptet, kann das fatale Folgen haben. Dann schicken wir vielleicht aus einem bestimmten Anlass Kampfjets in die Ukraine und hinterher kommt raus, dass doch alles anders war.

Der meiner Meinung nach dreistesten Propagandalüge bin ich als junger Mensch selbst aufgesessen.

Historiker Christian Hardinghaus
Gibt es Beispiele für gezielte Propagandalügen in Kriegen?
Es gibt wohl keinen einzigen Krieg, der nicht mit einer Lügen begonnen hat. Diese werden immer gebraucht, um den Krieg zu rechtfertigen. Man nennt das Kriegsanlasslüge und es gab sie sowohl im Zweiten Weltkrieg als auch in Vietnam und bei den Irak-Kriegen.
Der meiner Meinung nach dreistesten Lüge bin ich als junger Mensch selbst aufgesessen. Es ist die sogenannte Brutkastenlüge. Eine junge Kuwaiterin berichtete 1990 vor einem US-Menschenrechtskomitee, was sie als Krankenschwester beobachtet habe: Irakische Soldaten hätten bei der Invasion in Kuwait Säuglinge aus Brutkästen gerissen und die Kinder auf den Boden geworfen. Die Welt hat daraufhin gesagt: Es geht nicht mehr, wir müssen Saddam Hussein stürzen. Die USA haben dann unter George Bush den Zweiten Golfkrieg begonnen. Später stellte sich heraus, dass der Bericht frei erfunden war und die angebliche Krankenschwester die Tochter des kuwaitischen Botschafters in New York war.

Propaganda im Ukraine-Krieg: Wagner-Aufstand wirft Fragen auf

Wie sieht es mit Propaganda-Lügen im Ukraine-Krieg aus?
Wenn Dinge scheinbar keinen Sinn ergeben oder mehreren Seiten nützlich sein könnten, sollte man sie skeptisch hinterfragen. Stutzig macht mich persönlich aktuell der 24-Stunden-Aufstand von Wagner-Chef Prigoschin. Es stellt sich die Frage: Hat Putin Prigoschin verbannt - oder folgte das Ganze einem Plan, und Prigoschin ist mit seinen Wagner-Söldnern jetzt in Belarus, weil er dort einen Auftrag hat?
Wie unterscheidet sich Kriegspropaganda von früher und heute?
Früher hat Propaganda funktioniert, weil Medien gleichgeschaltet waren, heute dagegen gibt es ein riesiges Überangebot an Informationen. Viele Menschen stehen dem völlig hilflos gegenüber und wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Für Propagandisten ist das ein gefundenes Fressen, denn sie verkaufen Wahrheiten und Weltanschauungen. Nach dem Motto: „Komm, ich nehm dich an die Hand und sag dir, was richtig ist, dann musst du nicht mehr selbst nachdenken“.

Folgen von Propaganda: „Gefahr dass sich Gesellschaft total entzweit“

Welche Wirkung hat das auf uns?
Weil viele Menschen sich von den großen Medien abwenden und ihnen nicht mehr vertrauen, suchen sie ihre Informationen auf anderen Kanälen. Heutzutage bilden sich ja an jeder Ecke neue Medien und Kanäle, die jeweils andere Wahrheiten verkaufen. Wenn jeder aber nur in seiner eigenen Blase bleibt, findet kein Austausch mehr statt. Es ist sehr schwer geworfen, mit Menschen zu diskutieren, weil sie gar keine anderen Sichtweisen mehr zulassen. Ich sehe die Gefahr, dass unsere Gesellschaft sich total entzweit. Ich bin auch oft enttäuscht von den Talkshows der großen Sender: Die Ausgewogenheit bei der Zusammensetzung der Talkgäste war zum Beispiel beim Thema Corona nicht wirklich gegeben. Die Diskussion ist darum harmlos und seicht geworden. Ein bisschen mehr Kontroverse und Streitkultur würde uns guttun.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko
Und was würde ihrer Meinung nach helfen, um gegen Propaganda immuner zu werden?
Vielleicht sollte sich jeder eingestehen, dass er selbst von irgendjemanden, seien es Politiker oder Medien, manipuliert wird, ohne dass er es merkt. Dann ist er vielleicht eher bereit, sich auch die andere Perspektive anzuschauen. Jedes Bild, das die Propaganda liefert, ist immer nur ein kleiner Ausschnitt. Würde die Kamera nach links oder rechts schwenken, würde ich vielleicht etwas ganz anderes sehen. Man sollte sich deshalb nicht so schnell einfach sagen lassen, was zu sehen ist.

Das Interview führte Stephanie Munk.

Rubriklistenbild: © Imago (Montage)

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