Russland führt erneut Atomübungen durch: Liebäugelt Putin mit einem Nuklearschlag?
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Während die Charkiw-Front erstarrt, lässt Putin seine Atomstreitkräfte erneut den Ernstfall üben. Die Befürchtung: Russlands Präsident wartet nur auf den richtigen Moment.
Moskau – Ob Russland dem Westen in der Ukraine eine „Atompistole an die Schläfe“ halten solle, wollte Sergej Karaganow wissen. Russlands Präsident Wladimir Putin verneinte die Frage des Politikwissenschaftlers während des vergangenen Wirtschaftsforums in St. Petersburg, wie Reuters berichtet hat. Dennoch führen Russlands Atomstreitkräfte wieder Übungen durch, wie die Nachrichtenagentur aktuell meldet. Offenbar versucht der russische Diktator die Welt gleichzeitig zu beschwichtigen und massiv zu bedrohen. Der Westen steht vor der Frage, ob Putin blufft, oder inwieweit eine echte Gefahr heraufzieht.
Vorsicht sei aus mehreren Gründen geboten, prophezeit Ulrich Speck in der Neuen Zürcher Zeitung. Nach Reuters-Angaben hatte das russische Verteidigungsministerium am Freitag (5. Juli) mitgeteilt, Übungen mit mobilen Jars-Atomraketenwerfern durchgeführt zu haben beziehungsweise durchzuführen: „Das Ministerium teilte mit, dass sich die Besatzungen der Jars-Raketenwerfer in mindestens zwei verschiedenen Regionen über eine Distanz von 100 Kilometern bewegen und Tarnung und Einsatz üben würden“, schreibt Reuters. Bereits rund einen Monat zuvor hatten russische Atomstreitkräfte mit den gleichen Waffen und zusammen mit dem verbündeten Belarus die gleichen Drills absolviert. Auch diese Übungen hatten darin bestanden, die Einheiten zu verlegen und Gefechtsbereitschaft herzustellen.
„Je erfolgreicher es den Ukrainern gelingt, die russische Invasion abzuwehren, desto wahrscheinlicher ist es, dass Putin mit dem Einsatz einer Bombe droht – oder danach greift.“
Ähnliche Übungen würden in naher Zukunft auch von anderen Raketeneinheiten durchgeführt werden, teilte das Verteidigungsministerium nach Angaben von Reuters mit. Die Drohung mit dem Einsatz von taktischen beziehungsweise Nuklearwaffen sieht der NZZ-Autor Speck als elementar für die russische Kriegsführung gegen die Verteidigungsbereitschaft der Ukraine. Der Einschüchterungsversuch zielt ebenfalls auf die Unterstützungsbereitschaft des Westens.
Gefechtsbereitschaft herstellen: Russische Soldaten bringen eine Jars-24-Interkontinentalrakete in Stellung. Das Verlegen der Einheiten und Tarnen der Batterien sind auch Inhalte der aktuellen Übung (Archivfoto).
Putin ist schwer einzuschätzen: Die Welt fürchtet seine roten Linien
„Nicht jede Drohung ist eine Drohung, der eine Tat folgen muss. Aber sie kann folgen. Das Problem ist, dass man sich in einem Graubereich bewegt und niemand weiß, wo die roten Linien sind“, sagt Ulrich Kühn. Das ZDF wollte wissen, wie realistisch die Drohungen Russlands mit Atomwaffen sind. So wie der Politikwissenschaftler des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg müssen auch andere Wissenschaftler die Frage offen lassen. Das Manöver an sich bezeichnet Kühn als wenig spektakulär, wie er dem ZDF gegenüber geäußert hat.
Folgen einer Atomexplosion
Es dauert etwa zehn Sekunden, bis der Feuerball einer nuklearen Explosion seine maximale Größe erreicht. Eine nukleare Explosion setzt enorme Energiemengen in Form von Druck, Hitze und Strahlung frei. Eine enorme Stoßwelle erreicht Geschwindigkeiten von vielen hundert Kilometern pro Stunde.
Die Explosion tötet Menschen in der Nähe des Einschlags und verursacht weiter entfernt Lungenverletzungen, Ohrenschäden und innere Blutungen. Menschen werden durch einstürzende Gebäude und umherfliegende Objekte verletzt. Die thermische Strahlung ist so intensiv, dass fast alles in der Nähe verdampft wird. Die extreme Hitze verursacht schwere Verbrennungen und entzündet großflächige Brände, die sich zu einem riesigen Feuersturm zusammenschließen. Sogar Menschen in unterirdischen Schutzräumen drohen aufgrund von Sauerstoffmangel und Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben.
Die Bombe, die Hiroshima zerstörte und bis Ende 1945 mit einer Sprengkraft von 15 Kilotonnen rund 140.000 Menschen tötete, ist so groß wie eine der kleinsten Waffen im russischen Arsenal.
Quelle: International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN)
„Es ist, offen gestanden, nicht so spannend, was da passiert“, sagte er. Russland testet also offenbar gleichermaßen seine taktischen wie strategischen Nuklearwaffen. 12.000 Kilometer soll die „Jars“ zurücklegen können. Strategische Atomwaffen sind ein Relikt des Kalten Krieges; mit ihnen waren die beiden Machtblöcke USA und UdSSR in der Lage, sich direkt zu beschießen und massiv zu vernichten. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung sind das Waffen für den „globalen Schlagabtausch“ – taktische Atomwaffen dagegen wirken kleinräumiger und sind für Schauplätze wie Europa oder Asien konzipiert worden.
Reden und Handeln sind Zweierlei: Putin beschwichtigt und lässt Gefechtsbereitschaft üben
Während des Wirtschaftsforums in St. Petersburg hat Wladimir Putin nochmals dezidiert auf Russlands Atomdoktrin verwiesen: „Atomwaffen dürfen nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden – wenn die Souveränität und territoriale Integrität des Landes bedroht ist, unter außergewöhnlichen Umständen“, wie er sagte. Und dennoch betonte Putin, diese Doktrin sei „ein lebendiges Instrument“, und eine Anpassung dieser Doktrin an den Kriegsverlauf in der Ukraine schließe er nicht aus.
„Unsere Streitkräfte sammeln weiterhin Erfahrungen und steigern ihre Effizienz, während unser Verteidigungssektor seine Leistungsfähigkeit kontinuierlich unter Beweis stellt“. wie Putin in St. Petersburg sagte. „Ich habe dies mehrfach betont und werde es noch einmal sagen: Unsere Munitionsproduktion hat sich um mehr als das 20-fache erhöht, unsere Fähigkeiten in der Luftfahrttechnik übertreffen die unserer Gegner bei weitem und unsere Überlegenheit bei gepanzerten Fahrzeugen ist erheblich.“ Er sei der „festen Überzeugung“, wie er betonte, ein atomares Szenario würde ausbleiben, „da wir eine solche Notwendigkeit nicht vorhersehen“.
USA sind sich sicher: Putin hat im bereits Oktober 2022 mit einem Atomschlag geliebäugelt
Allerdings hatte Putin immer wieder das Abweichen von seiner Doktrin und damit den Verzicht auf Vorbereitung von atomaren Schlägen daran geknüpft, dass das russische Kernland von Angriffen mit westlichen Waffen frei bliebe. Diese Zurückhaltung hat der Westen bereits stückweise aufgegeben. Allerdings hatte die New York Times Ende März dieses Jahres berichtet, bereits im Herbst 2022 sollen russische Militärs mit dem Einsatz von Atomwaffen im festgefahrenen Ukraine-Krieg geliebäugelt haben – das will der US-Geheimdienst aus abgehörten Gesprächen erfahren haben: „Manche Gespräche waren nur ,Geschwätz in aller Art‘“, so ein Offizieller gegenüber der NYT. Andere Gespräche hätten jedoch die Einheiten betroffen, die für die Verlegung oder Stationierung der Waffen verantwortlich waren, berichtet das Blatt.
„Am alarmierendsten war, dass einer der ranghöchsten russischen Militärkommandanten explizit über die Logistik der Detonation einer Waffe auf dem Schlachtfeld diskutierte“, wie die New York Times schrieb. Und Anfang vergangenen Jahres berichtete das Magazin The War Zone über eine Modifikation der RS-24-Jars-Interkontinentalrakete, „deren Endstufe deutlich mehr mobile, unabhängige Sprengköpfe enthalten soll“. Diese Änderungen würden den Gegnern erschweren, die Waffe zu verfolgen und abzufangen, und ihre Genauigkeit und Leistungsfähigkeit insgesamt verbessern, schreibt das Magazin.
Jars-24-Raketen werden modernisiert: Krim könnte zu Putins Trigger werden
„Während Sprengköpfe dieser Art in der Vergangenheit von Russland getestet wurden, deuten neueste Erkenntnisse darauf hin, dass das Land kurz davor steht, mit der Serienproduktion dieser Raketen zu beginnen, die zunächst auf straßenmobilen Trägerraketen eingesetzt werden sollen“, so The War Zone. Der Westen wartet seitdem auf Putins Trigger, den Atomschlag zu befehlen. Die Rückeroberung der Krim beispielsweise könnte die Welt an den Rand der Katastrophe steuern, so wird befürchtet. Es sei immer noch „90 Sekunden vor Mitternacht“, schreibt der Wissenschafts- und Sicherheitsausschuss des US-amerikanischen Bulletin of the Atomic Scientists und „lässt die Zeiger seiner Weltuntergangsuhr unverändert, da unheilvolle Trends die Welt weiterhin auf eine globale Katastrophe hinweisen“, wie er schreibt.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Seine Autoren Hans Kristensen und Matt Korda sehen Russland in der „Endphase einer jahrzehntelangen Modernisierung seiner strategischen und nicht-strategischen Nuklearstreitkräfte, um Waffen aus der Sowjetzeit durch neuere Systeme zu ersetzen“. Der Zeitpunkt ihres Einsatzes scheint überfällig; die New York Times hatte den Herbst 2022 bereits als „Bidens Armageddon-Moment“ bezeichnet („Armageddon“ ist ein biblischer Begriff und bezeichnet die „endzeitliche Schlacht“). „Es ist das nukleare Paradoxon“, sagte US-General Mark A. Milley laut der New York Times. Der ehemalige Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs fügte hinzu:. „Je erfolgreicher es den Ukrainern gelingt, die russische Invasion abzuwehren, desto wahrscheinlicher ist es, dass Putin mit dem Einsatz einer Bombe droht – oder danach greift.“