Tödliche Nebenkosten: Ukraine verzweifelt an Lösungen gegen Putins Drohnen
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Dressierte Adler, Rucksack-Drohnen, Schrotpatronen: Keine der bisherigen Experimente gegen Drohnen will zünden. Die Kosten der Abwehr bleiben immens.
Kiew – „Die niederländische Polizei hat sich mit Guard From Above, einem Greifvogel-Trainingsunternehmen mit Sitz in Den Haag, zusammengetan, um herauszufinden, ob Adler als intelligente, adaptive Waffensysteme zur Drohnenabwehr eingesetzt werden könnten“, schrieb Evan Ackerman 2016. Da war die Krim gerade zwei Jahre von Wladimir Putin annektiert, und Drohnen steckten in ihren Kinderschuhen; neben dem Autoren des Technik-Magazins IEEE Spectrum (Institute of Electrical and Electronics Engineers) befassten sich viele Publikationen mit der heraufziehenden Gefahr, auch die französische Armee hat damit experimentiert – im Ukraine-Krieg wird eine Lösung verzweifelter denn je gesucht; vor allem eine bezahlbare. Die Nebenkosten sind tödlich.
Gegenwehr mit allen Mitteln: Ein ukrainischer Soldat schießt mit seinem Gewehr auf eine Drohne, die über einer Stellung in der Nähe von Bachmut fliegt. Die Ukraine verfügt jetzt über eine neue Anti-Drohnen-Patrone, die aber persönlichen Mut vom Schützen erfordert (Symbolfoto).
„Wenn man Stationen, Trägerraketen und Training hinzurechnet, sehen die tatsächlichen Kosten für den Abschuss der Shahed-Drohne ganz anders aus“, schreibt aktuell Sofiia Syngaivska. Die Autorin des Magazins Defense Express hebt ab auf die aktuelle Vorstellung eines weiteren Modells zum Abfangen von Drohnen: Das ukrainische Unternehmen will mit dem Shahed Hunter einen Hochgeschwindigkeits-Abfangjäger entwickelt haben – zu vermeintlich irrwitzigen Gesamtkosten, wie Defense Express aufzählt aufgrund einer Analyse der Financial Times (FT): „Der Preis einer einzelnen Drohne erzählt nur einen Teil der Geschichte“, urteilt Syngaivska über die Kosten eines gesamten Abfangsystems – schätzungsweise 35.000 US-Dollar.
Gegen Putin: „Dutzende von Bodenstationen, Hunderte von Trägerraketen und mehrere Drohnen pro Ziel“
„Erstaunlicherweise machte die Drohne selbst nur einen Bruchteil davon aus, nämlich etwa 4.500 Dollar. Weitaus teurer waren die Bodenkontrollstation (15.000 Dollar), das Startkatapult (8.000 Dollar) sowie die unterstützende Hard- und Software (8.000 Dollar)“, schreibt der Defense Express. Die Kosten für die Ausbildung der einzelnen Piloten kommen obendrauf. Ebenso ist in die Kalkulation mit einzubeziehen, dass nur zwei Drittel der Drohnen treffen. Sofiia Syngaivska rechnet vor, eine effektive Abschusswahrscheinlichkeit erfordere „Dutzende von Bodenstationen, Hunderte von Trägerraketen und mehrere Drohnen pro Ziel“. Die Elektronische Kriegsführung hat sich inzwischen als genau so schlagkräftig erwiesen wie die Kampfdrohnen selbst.
„Und das Feuer muss gezielt sein, nicht wahllos. Der Schütze muss ein schnelles, manövrierendes, kleines Ziel verfolgen und führen. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber wenn es richtig gemacht wird, ist die Belohnung eine abgeschossene Drohne.“
Wenn die Drohnen der jeweiligen Seiten geortet worden seien, habe der jeweils eingesetzte Operateur die von der Drohne genutzte Funkfrequenz zu ermitteln und sie mit Störsendern zu blockieren – die Sender könnten mobil stationiert oder im Boden versteckt sein. „Unsere Störquote liegt bei etwa 70 Prozent“, sagt ein Soldat mit dem Kampfnamen „Shoni“ gegenüber dem britischen Guardian. Offensichtlich versucht die Ukraine deshalb auf verschiedenen Wegen den Preis zu drücken: Laut dem Business Insider (BI) verfolge die Ukraine seit einigen Wochen den Plan, Zivilisten für das Aufspüren und Eliminieren russischer Drohnen bis zu 2.400 Dollar pro Monat zu zahlen – das ukrainische Parlament hatte sich auf eine Ausweitung der rechtlichen Möglichkeiten geeinigt.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Wie der Abgeordnete Taras Melynchuk auf Telegram gepostet haben soll, ziele das Programm darauf ab, die Luftverteidigung der Ukraine zu stärken, schreibt der BI; demnach soll Zivilisten erlaubt sein, mit Jagdgewehren auf feindliche Drohnen zu schießen. BI-Autor Matthew Loh bezieht sich auf eine Parlamentsvorlage, die so gebilligt worden sein soll: „In dem Dokument heißt es, dass die Freiwilligen bei Bedarf auf Vorräte der ukrainischen Streitkräfte zurückgreifen können, aber auch das ,Recht haben, ihre eigenen Fahrzeuge, andere Ausrüstung sowie persönliche Jagdwaffen, Kleinwaffen und andere Arten von Waffen und Munition zu verwenden‘“, schreibt Loh. Diese Initiative versucht einerseits, den Preis pro Abschuss zu drücken, andererseits vor allem die Verfügbarkeit von Verteidigern zu erhöhen.
Ukraine-Krieg: Ukraine gezwungen, den Preis pro eingesetztem Wirkmittel ins Unendliche zu drücken
„Wenn der Verteidiger eine Frontlinie abdecken muss und die effektive Waffenreichweite 1.000 Meter beträgt, dann müssen die Systeme in Abständen von weniger als zwei Kilometern aufgestellt werden, selbst bei freier Sicht“, schreibt Bradley Perrett im Strategist, der herausgegeben wird vom „Australian Strategic Policy Institute“. Dem Autoren zufolge bestimme neben dem Preis also die Reichweite des einzelnen Systems die Menge an benötigtem Material und somit wieder den Preis. Und die Frontlinie sowie die Menge an Angreifern diktiert aktuell noch der russische Diktator Wladimir Putin. Die Ukraine ist also gezwungen, den Preis pro eingesetztem Wirkmittel ins Unendliche zu drücken.
Diesem Ziel ordnet sich aktuell eine Vielzahl von Unternehmen unter – der schwedische Gripen-Kampfjet-Bauer Saab stellt sich diesem wachsenden Markt ebenfalls und präsentiert aktuell mit der Nimbrix-Rakete ein System, das möglicherweise konsequent unter Kostengesichtspunkten entwickelt worden sein könnte – „als hochpräzise Minirakete mit kurzer Reichweite, deren Preis dem vieler Drohnen, die es zerstören soll, nicht unähnlich ist“, schreibt das Unternehmen in einer Pressemitteilung. „Flexibel, erschwinglich – und der schlimmste Albtraum einer Drohne“, soll das System sein. Was allerdings auch von anderen Systemen behauptet worden war. Die US-amerikanische „Ghost“ sollte ebenfalls ein Gamechanger gewesen sein – von kleinen Bodentrupps aus nutzbar und aus dem Rucksack heraus startklar.
Ukraine wirbt um Drohnen-Schützen: Anspruch auf einmalige Barauszahlungen und Rentenleistungen
Aber dennoch kein finaler Gegner für die russischen Drohnen. Genau so wenig wie die Einweg-Abfangdrohne „Sting“, über die die Financial Times berichtet – 2.100 US-Dollar soll die Waffe kosten. „Es handelt sich um eine sehr kostengünstige Lösung. Sie ist ein Beispiel für den asymmetrischen Ansatz der Ukraine im Kampf gegen den Massenselbstmord Russlands“, sagt gegenüber der FT Alex Roslin. Der Sprecher des Drohnen-Herstellers „Wild Hornets“ gab gegenüber der Financial Times an, mit der „Sting“ in weniger als fünf Monaten 600 russische Drohnen abgefangen zu haben. Bei mehreren hundert angreifenden Raketen wöchentlich oder mindestens monatlich eine schwer einzuordnende Größenordnung hinsichtlich des Erfolges.
Zumal die Piloten ebenfalls knapp werden – deshalb wohl auch die Zivilisten-Initiative des ukrainischen Parlaments. Laut dem beschlossenen Papier hätten Angehörige von Kämpfern der Anti-Drohnen-Milizen denselben Anspruch auf einmalige Barauszahlungen und Rentenleistungen wie auch Veteranen regulärer Truppen, so BI-Autor Matthew Loh. Laut den Magazinen Forbes und Militarnyi habe die Ukraine jetzt auch eine neue Patrone im Lauf um Drohnen auf kurzer Distanz zu Leibe zu rücken. Auf 50 Meter Entfernung würde die wirken – was den Schützen tatsächlich in Lebensgefahr bringen dürfte.
Russland zwingt zum Kampf Mann gegen Drohne: „Das Feuer muss gezielt sein, nicht wahllos“
Das Geschoss sei eine Standardpatrone im Kaliber 5,56 mm für NATO-Gewehre wie das CZ Bren und das M4, die beide häufig von den ukrainischen Streitkräften verwendet würden, schreibt Forbes-Autor Vikram Mittal: „Nach dem Abfeuern zerfällt die Patrone in etwa fünf sich schnell bewegende Schrotkugeln. Werden mehrere Schüsse schnell hintereinander abgefeuert, erzeugen sie eine schrotflintenartige Streuung.“ Eine weitere Entwicklung, die auf das Innovations-Cluster „Brave1“ zurückzuführen sei. Allerdings ist das eine relativ archaische Methode, den Drohnen-Schwärmen Putins Herr zu werden; und sie erfordert so viel Mut wie Mannschaftsstärke – wobei Letzteres ein hohes Gut ist in den sich ausdünnenden ukrainischen Streitkräften.
Insofern bleibt auch diese Lösung nur ein Schritt – wenn auch in der Rückbesinnung auf kinetische Energie zur Zerstörung der Drohnen mehr Erfolg liegen könnte als technische Innovationen, die sich im gegenseitigen Rüstungswettlauf nach wenigen Wochen ohnehin wieder egalisiert haben. Evan Ackerman hat vor fast zehn Jahren ein Video in seinen Artikel für das IEEE Spectrum eingebaut: Ein dressierter Adler fischt einen Quattrocopter aus der Luft – ihre Krallen seien mit Schuppen versehen, die sie auf natürliche Weise vor den Bissen ihrer Opfer schützten, merkt er an bezüglich etwaiger Sorgen, dass den Tieren ein Schaden entstünde. Allerdings hat er selbst angemerkt, dass dieser Versuch als ziemlich realitätsfern einzustufen sei.
Im vierten Jahr des Ukraine-Krieges experimentieren die Verteidiger also immer noch mit Schrotpatronen. So Innovativ die Patrone auch sein mag: Militarnyi betont, dass für eine Drohne kaum ein Schuss reichen würde, fünf Schuss vielleicht, acht bis zehn ziemlich sicher: „Und das Feuer muss gezielt sein, nicht wahllos. Der Schütze muss ein schnelles, manövrierendes, kleines Ziel verfolgen und führen. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber wenn es richtig gemacht wird, ist die Belohnung eine abgeschossene Drohne.“ (Quellen: Quellen: Saab, Australian Strategic Policy Institute, IEEE Spectrum, Defense Express, Financial Times, Guardian, Business Insider, Strategist, Forbes, Militarnyi) (hz)