Vom Boden oder aus der Luft: Beide Parteien im Ukraine-Krieg setzen nach wie vor auf Schrot gegen anfliegende Drohnen. Die werden allerdings schlauer und resistenter. Während westliche Armeen dem Konzept zu huldigen beginnen, zieht Kritik daran herauf.
Flinten und Flieger: Die Ukraine vertraut weiter auf Schrotkugeln gegen Russlands Drohnen. Die einen loben das Konzept, andere halten es für überholt.
Kiew – Gegen die zunehmende Zahl russischer Glasfaserdrohnen, die elektronisch nicht gestört werden können, „könnten Schrotflintendrohnen eine nützliche Waffe sein“, schreibt David Hambling im Magazin Forbes. Auch ohne Drohne hat sich im Ukraine-Krieg die Schrotflinte als probate Waffe gegen Wladimir Putins Drohnen-Attacken bewiesen. An der Front soll jetzt ein nach Do-It-Yourself aussehender Starrflügler aufgetaucht sein, bewaffnet mit zwei Schrotgewehren. Das wäre innerhalb einer Woche die zweite „Sensations-Drohne der Ukraine“: In Odessa sollen Ingenieure Schrotkugeln jetzt sogar mit Düsenantrieb Feuer gemacht haben.
Wie die Kiyv Post berichtet, habe der Drohnenhersteller Besomar bereits Ende 2024 einen Starrflügel-Abfangjäger entwickelt, um russische unbemannte Luftfahrzeuge (Unmanned Aerial Vehicles, kurz UAVs) abzuschießen; inzwischen soll die Drohne mit zwei Schrotgewehren nachgerüstet worden sein – die Tauglichkeit beruht aber lediglich auf Unternehmensangaben. Optisch bleibt die Waffe weit zurück hinter allem, was beispielsweise deutsche Drohnen-Start-ups mit Hilfe ukrainischer Entwickler präsentieren.
Ukraine-Krieg: Schrotflinten gelten inzwischen als Ultima Ratio gegen Drohnen
Besomars „Shotgun-Drone“ ist ein rund eineinhalb Meter langer Vierkant-Rumpf mit einer schwarzen Spitze, beidseitig eingesteckten Tragflächen, einem V-förmigen Leitwerk am Heck, dahinter ein Rotor. Unter den Tragflächen hängt beidseitig jeweils ein Rohr, auf dem Rumpf ragen Antennen. „Von einem Flugzeug aus können zwei Schüsse abgefeuert werden, und wir können die Anzahl der Schüsse an Bord auf vier erhöhen. Wir entwickeln grundsätzlich Flugzeuge und produzieren Flugzeuge in Massenproduktion. Aber es gab eine Anfrage, etwas Neues zu entwickeln, das in der Luft schießen und trotzdem zurückkehren kann“, zitiert Ukraine Today einen Unternehmenssprecher.
„‚Wir haben unsere Chance verschlafen. Als wir begannen, mobile Abwehrteams einzusetzen, waren wir zu zufrieden mit deren Effizienz und den geringen Kosten.‘ Die Ukraine habe an diesem Ansatz seither festgehalten, ‚und die Russen, die sind nicht stehen geblieben, die haben sich weiterentwickelt‘.“
Was eingangs des Ukraine-Krieges als eine Notlösung gedacht war, entwickelt sich mittlerweile zum festen Bestandteil effektiver Drohnenabwehr, wie verschiedene Medien anfangs des Jahres berichtet haben: Da elektronische Kriegsführung nicht jede Bedrohung stoppen könne, wüssten sich beide Seiten inzwischen kaum noch anders zu helfen, als zu einer „direkten Lösung“ zu greifen, wie Daniel Kosoy formuliert hat: Schrotflinten gelten inzwischen als Ultima Ratio gegen Drohnen, die sich schnell auf Stellungen zubewegten, so der Autor des ukrainischen Mediums United24.
Kosoy zufolge gehörten Pumpguns zu den günstigen Lösungen für den durchschnittlichen Infanteristen, dem der Zugang zu elektronischen Kriegsführung (EW) gänzlich fehlt; oder dem im entscheidenden Moment die Technik versagt. Das Geheimnis einer Pumpgun ist neben anderem: dass sie unverwüstlich ist und einfach immer funktioniert. Das hat sich in den Armeen herumgesprochen – beispielsweise unter den US-Amerikanern: „Die Schrotflinte ist praktisch, da sie robust und leicht einsetzbar ist. Ihre Streuung der Schrotkugeln bietet selbst einem wenig ausgebildeten Soldaten gute Trefferchancen. Um effektiver zu sein, ist jedoch noch Training erforderlich“, schreibt Timothy Warren.
Nato-Offizier propagiert die Offensive: „Wir brauchen jetzt ein Schrotflintentraining“
„Wir brauchen jetzt ein Schrotflintentraining“, fordert deshalb der Oberstleutnant im Online-Magazin des U.S. Naval Institute. Ihm zufolge seien Drohnenschwärme inzwischen entwickelt genug, um ausgeklügelte Verteidigungsanlagen links liegenzulassen. Aber selbst für die aktuellen Bedrohungen aus der Luft sei an der Schrotflinte kein Vorbeikommen – sie hält er für die letzte wirksame Verteidigungslinie.
Allerdings scheint sie das bisher lediglich in der Hand eines versierten und trainierten Infanteristen zu sein. Im Laufe des jetzt mehr als vier Jahre währenden Krieges sind immer wieder Berichte über mit Schusswaffen bestückte Drohnen aufgetaucht. Bislang sind aber Erfolgsmeldungen größeren Ausmaßes über diese Waffen ausgeblieben. „Die zahlreichen Bemühungen, Raketenwerfer oder Schusswaffen einzusetzen, haben bisher kaum sichtbare Ergebnisse gebracht“, urteilt Forbes-Autor David Hambling.
Nichtsdestotrotz haben sich Drohnen mit Bewaffnung offenbar zu einer fixen Idee von Ingenieuren entwickelt. Eine US-amerikanische Firma will bereits Mitte 2024 eine mit Maschinengewehren bestückte Drohne entwickelt haben – über den Erfolg der Waffe ist wenig bekannt. Wie Forbes berichtet, hätten auch Israel und Spanien mit Handfeuerwaffen bestückte Drohnen entwickelt beziehungsweise im Einsatz. Fakt ist, dass der massenhafte und daher relevante Einsatz an der Front bisher ausgeblieben ist und die Waffen ihre Tauglichkeit noch unter Beweis stellen müssen.
Putins neuer Gegner: „Mungo“ soll so funktionieren wie ein hungriger Hai im Heringsschwarm
„Mongoose“ macht da keine Ausnahme. Mongoose (zu Deutsch Mungo beziehungsweise Erdmännchen) sei eine wiederverwendbare Drohne mit einem Düsentriebwerk und einem automatischen Zielsuchsystem, um Shahed-Drohnen vom Himmel zu fegen: „Laut den Entwicklern wird sie sich den Shaheds nähern, eine Schrotladung in den Motor oder Propeller der feindlichen Drohne feuern und dann die Mission fortsetzen oder zum Auftanken zurückkehren“, schreibt Roman Sudolsky. Der Autor des Magazins The Defender gibt wieder, dass die aus Odessa stammenden „Raketeningenieure“, wie sie sich selbst betiteln, etwas nie Dagewesenes produziert haben wollen.
Der „Mungo“ soll so funktionieren wie ein hungriger Hai im Heringsschwarm: Da Russland seine Shaheds jetzt statt mit Propellern mit Düsenantrieben fliegen lässt, will das Unternehmen Technary ihre Drohnen jetzt in der Abfanggeschwindigkeit anpassen und mit Schrotpatronen in den angreifenden Schwärmen wildern lassen. Je nach Kaliber kann eine Patrone zwischen 100 und mehr als 1.000 Kugeln enthalten – das Ziel der „Moongoose“-Schrotflinten-Drohne ist, wichtigen mechanischen Teilen effektive Schäden zuzufügen. Mongoose werde eine mehrläufige Schrotflinte einsetzen, um den Motor oder Propeller einer feindlichen Drohne auszuschalten, so Sudolsky.
⚙️The Ukrainian company Besomar has developed a reusable interceptor drone equipped with a shotgun and an automated firing system.https://t.co/dRhjLmcfd0
Laut dem Technary-Chef Hennadii Suldin reiche das, um eine Shahed-Drohne ganz aus dem Gefecht zu nehmen. „Nach einem erfolgreichen Angriff kann die Mongoose weiterfliegen und weitere Shaheds verfolgen und anschließend zum Auftanken und Nachladen zur Basis zurückkehren. Technary hat berechnet, dass die Mongoose im Laufe ihrer Lebensdauer zehn bis zwölf Shaheds zerstören kann“, schreibt The Defender. Die Shaheds mit Jet-Antrieb gelten in der Ukraine tatsächlich als neue und große Herausforderung neben den Glasfaserdrohnen. Der neue Motor erlaubt neben neuen Geschwindigkeiten auch neue Höhen, sodass die alten Muster der Abwehr kaum noch greifen.
Schrot oder Schrott in der Ukraine? Die Russen sind nicht stehen geblieben, die haben sich weiterentwickelt
40 Prozent der Abschüsse von Drohnen sind bisher mobilen Einheiten mit schweren Maschinengewehren gelungen. „Schwere“ Maschinengewehre wie beispielsweise das M2 QCB der Bundeswehr haben „wirksame Kampfentfernungen“ von bis zu 2.000 Metern. Andere Modelle liegen zum Teil deutlich darüber; das deutsche MG 42, als eine der bekanntesten Waffen des Zweiten Weltkriegs soll von der Lafette aus bis zu 3.500 Meter gewirkt haben. Schrotgewehre liegen deutlich darunter.
Zum Grundwissen eines Jagdschein-Inhabers in Deutschland gehört beispielsweise die Berechnung des Gefährdungsbereichs von Schrotschüssen. Der berechnet sich aus der Schrotkorngröße in Millimetern, die mit 100 multipliziert wird; bei Schrot von drei Millimetern Durchmesser beträgt der Gefährdungs- beziehungsweise Wirkungsradius also 300 Meter. Für Drohnen wird das mittlerweile knapp.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Wie Mariia Kalus schreibt, nutzen die Drohnenjäger vom Boden aus entweder das aus Sowjetbeständen übernommene Maschinengewehr DSchK (Degtjarjowa Schpagina Krupnokaliberny) oder das US-amerikanische Browning M2. Vor allem Letzteres könne bis zu sieben Kilometer weit schießen, aber gegen Luftziele seien für beide Waffen 1.000 Meter die wirksamste Entfernung, so die Autorin der Zeit. Die Entwicklung der Drohnen rast weiter, Maschinenwaffen und Schrotflinten sind vielleicht heute noch zu gebrauchen. Aber bei aller Freude über den Treffer mit der Flinte, was passiert, wenn Drohnen plötzlich gelernt hätten, dass sie in Reichweite einer Schrotladung flögen und dann einfach höher stiegen?
Zukunftsmusik – sicher. Besomars „Shotgun-Drone“ jedenfalls könnte eine Lösung sein, wenn sie den Kamikaze-Drohnen auf Augenhöhe begegnet. Oleksandr Kowalenko ist dennoch skeptisch, wie die Zeit den Militäranalysten der ukrainischen Gruppe Informationswiderstand zitiert: „‚Wir haben unsere Chance verschlafen. Als wir begannen, mobile Abwehrteams einzusetzen, waren wir zu zufrieden mit deren Effizienz und den geringen Kosten‘. Die Ukraine habe an diesem Ansatz seither festgehalten, ‚und die Russen, die sind nicht stehen geblieben, die haben sich weiterentwickelt‘.“