Ukraine baut Befestigungen aus: Der Bewegungskrieg ist eingefroren
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Gegenoffensive der Ukraine steht still. Eingefroren im Winter. Beobachter streiten sich, ob das ein Zwischenstopp ist oder der Anfang vom Ende.
Charkiw – Er ist voll des Lobes gegenüber dem Feind und tritt den Journalisten von Reuters sogar mit einem hilflosen Lächeln entgegen: „Egal, wie man es betrachtet“, sagt der Soldat der Ukraine gegenüber der Nachrichtenagentur, „die alte Schule der Sowjetunion, der Russland immer noch folgt, ist eine der besten, was Befestigungen angeht.“
Die Aussage des Verteidigers gegen die Truppen Wladimir Putins sind schockierend: Nach fest zwei Jahren Ukraine-Krieg ist der Kampf eingefroren. Das Video mit dem Interview läuft auf T-Online und zeigt ukrainische Männer, die Schützengräben ausbauen. Sie tragen nur zum Teil Uniform. Zivilisten in quietschbunter Funktionskleidung sind darunter, zivile Baufahrzeuge stehen herum neben zivilen Autos. Bewehrungen aus Stahl werden herumgetragen, Dämmmaterial wird daran festgetackert. Die Szenen erinnern an das Erschließen eines Neubaugebietes irgendwo im Frieden.
„,Wenn es nur nicht immer das gleiche wäre‘, lässt Edlef Köppen den Protagonisten seines Romans ,Heeresbericht‘ im inneren Monolog sagen. „Der Krieg ist zur Maschine geworden, zur automatischen Maschine. Infanterieangriff: Sperrfeuer. Artilleriekampf: Antwort. Und Antwort heißt: Verluste.‘“ Damit beginnt der Historiker Bernd Ulrich einen Aufsatz für die Bundeszentrale für politische Bildung über die erste Katastrophe des 20. Jahrhunderts – den Ersten Weltkrieg. Die Materialschlachten dieses Weltkriegs machten den einzelnen Soldaten zur Randnotiz der Geschichte. Gerade die hohen Verluste der Armeen in den Anfangsmonaten des Krieges zeigen, wie die Wirkung von moderner Artillerie und Maschinengewehren, wie die Industrialisierung des Krieges, unterschätzt wurde. Im Stellungskrieg prägten dann Tod, Verwundung und seelischer Zusammenbruch den Alltag, schreibt Ulrich weiter.
Verstärkt: Russischer Terror gegen ukrainische Zivilisten hat wieder zugenommen
Mit einer der schwersten Angriffswellen des gesamten Krieges hatte Russland jüngst die zweitgrößte Stadt der Ukraine überzogen: Charkiw. Mindestens zehn Menschen waren beispielsweise verletzt worden, als eine Rakete ein Hotel getroffen hatte. Charkiw liegt ganz in der Nähe der russischen Grenze. Der dort zuständige Militärgouverneur Oleh Synjehubow schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Telegram, die russische Armee habe mit abgewandelten Flugabwehrraketen vom Typ S-300 angegriffen; weitere Details sind unbekannt. Fest steht jedoch, dass durch den Angriff keine nennenswerten militärischen Fortschritte gemacht worden sind. Außer dem Terror gegen die zivile Bevölkerung.
Stellungs- statt Bewegungskrieg – in Charkiw wie an anderen Fronten ist die Gegenoffensive der Ukraine gegen Russland aktuell endgültig zum Stehen gekommen.
Im Gegenteil zu möglichen Vorkehrungen für Angriffe berichten ukrainische Soldaten gegenüber Reuters davon, die zum Wohnen ausgebauten Bunker und Schützengräben später zu verminen, um russische Angriffe abwehren zu können und den eigenen Truppen die Chance zur Regeneration einzuräumen. Die ukrainischen Verteidiger richten sich also baulich darauf ein, zahllosen russischen Angriffswellen standhalten zu können. Der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala hatte zuletzt Mitte Dezember in der Berliner Morgenpost prophezeit, der Krieg in der Ukraine werde über 2024 hinausgehen. Diese pessimistische Perspektive hatte er bereits zu Beginn der Invasion geäußert. Damals auch aufgrund der zögerlichen westlichen Waffenlieferungen.
Verbissen: Russische Truppen laufen unbeirrbar auch durch eigenes Feuer
Bereits im November vergangenen Jahres war eine ausgeglichene Gefechtssituation absehbar gewesen. Der Oberkommandierende des ukrainischen Militärs, General Walerij Saluschnyj, befürchtet weiterhin einen lange andauernden Abnutzungskrieg gegen Russland, wie Zeit Online schreibt. Keine Kriegspartei habe einen entscheidenden Vorteil gegenüber der anderen, hatte Saluschnyj gegenüber dem britischen Economist geäußert. „So wie im Ersten Weltkrieg haben wir ein technologisches Niveau erreicht, das uns in eine Pattsituation stellt“, sagte Saluschnyj. Das Video auf T-Online bestätigt diese deprimierende Diagnose. Im Osten des Landes baut Kiew derzeit großflächige Verteidigungsanlagen inklusive der Betonbarrikaden, auch „Drachenzähne“ genannt, wie die scheinbar aktuelle Aufnahmen zeigen.
Das scheint notwendig, denn die russischen Truppen rücken vereinzelt vor; ungeachtet hoher Verluste – auch durch eigenes Feuer. T-Online: „Videoaufnahmen sollen festgehalten haben, wie Putins Soldaten von heftigem Feuergefecht überrascht werden. Sie scheinen unsicher zu sein, von wem die Schüsse kommen.“ Dennoch versuchen sie verbissen vorzurücken.
Der Krieg in der Ukraine erinnert immer deutlicher an die starren Auseinandersetzungen des Ersten Weltkrieges – deren blutigstes Kapitel war die Schlacht an der Somme in Frankreich. Diese monatelange Schlacht entwickelte sich zu einem Abnutzungskrieg. Zwischen Juli und November 1916 verloren Deutsche und Briten jeweils rund 500.000, die Franzosen 200.000 Mann – im Vergleich zum Ukraine-Krieg mögen die Verluste astronomisch sein, das Prinzip ist jedoch gleich, wie Historiker Ulrich schreibt: „In dieser Welt der immer wieder neu ersonnenen Mittel, Durchbrüche zu erzielen und möglichst viele Menschen zu töten, versuchte die Mehrzahl der Soldaten vor allem zu überleben.“ Natürlich spielte es eine wichtige Rolle, an welchem Frontabschnitt sie eingesetzt wurden, ob sie eher zu kämpfenden Einheiten oder Bau- beziehungsweise Pionier-Trupps gehörten.
Verluste: Ukraine Führung hat Oberbereitschaft russischer Soldaten unterschätzt
Mit Blick auf die Zukunft des Krieges sagt der deutsche Militärhistoriker Sönke Neitzel gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk: „Die Lage ist betrüblich.“ Er sehe keine Anzeichen dafür, dass der Westen die Ukraine derart unterstützen würde, dass die eine weitere Gegenoffensive zu starten in der Lage wäre. Neitzel: „Russland zwingt der Ukraine seine Art der Kriegsführung mit massivem Artillerie-Einsatz auf. Und in Moskau glaube man, dass man den längeren Atem und die höhere Opferbereitschaft habe. Deswegen gebe es in der russischen Führung auch keine Bereitschaft zu Verhandlungen.“ Laut Neitzel geht es derzeit darum, dafür zu sorgen, dass die ukrainische Armee nicht zusammenbreche und den Krieg nicht verliere.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Gegenüber Zeit Online räumte General Walerij Saluschnyj ein, die russische Opferbereitschaft unterschätzt zu haben, obwohl viele Medien wiederholt von einer geringen beziehungsweise auch sinkenden Moral der russischen Truppen berichten. So sei die militärische Führung der Ukraine davon ausgegangen, dass Russland die bisher erlittenen Verluste nicht in Kauf nehmen würde. „Das war mein Fehler“, sagte der General. Mindestens 150.000 russische Soldaten seien seinen Informationen zufolge inzwischen getötet worden. „In jedem anderen Land hätten solche Verluste den Krieg beendet“, sagt Saluschnyj.
Verunsichert: Experten streiten über die weiteren Sieges-Chancen der Ukraine
Politikwissenschaftler Carlo Masala hatte schon kurz nach Beginn des Konflikts in der Ukraine vor der jetzigen Situation gewarnt, wie ihn der Stern zitiert: „Nach Masalas Einschätzung wächst der Druck auf die ukrainische Führung. In einem langen Abnutzungs- und Vernichtungskrieg könne sie nichts gewinnen.“ Trotz einzelner Geländegewinne fehlten der Ukraine letztendlich die Mittel, um die russischen Truppen aus dem Land zu drängen. „Die ukrainische Armee ist momentan nicht zu umfassenden Gegenoffensiven in der Lage“, sagte er. Die aktuelle Entwicklung hat ihm recht gegeben. Masala sah die Ukraine bereits früh im Zugzwang, über das Ausmaß der Zugeständnisse gegenüber dem Invasoren Russland nachzudenken.
Für den Militäranalysten Franz-Stefan Gady vom Institute for International Strategic Studies(ISS) bedeuten die Kämpfe auf den verschiedenen ukrainischen Schlachtfeldern allerdings noch keinen klassischen Stellungskrieg; da widerspricht er anderen Beobachtern. Wie er gegenüber der Tagesschau geäußert hat, beobachte er weiterhin eine „dynamische, sich noch entwickelnde Lage“. Seinen Erfahrungen nach wechselten groß angelegte militärische Operationen natürlicherweise immer wieder ihren Status: Statische Phasen wechselten sich mit dynamischen ab. Gady zufolge können Stellungskriege früher oder später also auch wieder in Bewegungskriege übergehen. Im bisherigen Kriegsverlauf seien tiefe Vorstöße „in den Rücken des Feindes“ aber ohnehin „eher die Ausnahme gewesen“, so Gady gegenüber der Tagesschau.
Der Militäranalyst vermutet, dass der ukrainische Oberkommandierende Saluschnyj dennoch das Ziel verfolge, wieder zu einem Bewegungskrieg überzugehen. Mit seinen Aussagen wolle Saluschnyi im Westen für mehr Aufmerksamkeit für die Situation in der Ukraine schaffen, behauptet Gady. Seiner Meinung nach versuche Saluschnyi im Westen für mehr westliche Militärausbildung zu werben, mehr Waffentechnik und vor allem für mehr Nachschub an Munition für die Artillerie. Auch die Nato macht sich fit für einen Marathon, wie Generalsekretär Jens Stoltenberg jüngst gesagt hat: „Wir müssen auf die Langstrecke vorbereitet sein.“ Das heißt: den russischen Truppen Tribut zollen, was das Schanzen angeht, aber dem russischen Diktator seine Grenzen im Gefecht aufzeigen, wie Stoltenberg sagte: Der russische Präsident Wladimir Putin müsse erkennen, dass er auf dem Schlachtfeld nicht gewinnen könne.