Russische Häftlinge schildern ihr Dasein an der Ukraine-Front – „Wir sind für sie keine Menschen“
VonStephanie Munk
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Russland setzt im Ukraine-Krieg auch kriminelle Strafgefangene als Soldaten ein. Wie dort mit ihnen umgegangen wird, zeigen nun US-Recherchen.
Cherson – Russland rekrutiert für den Ukraine-Krieg auch Häftlinge aus Gefängnissen – aus Mangel an Rekruten und wegen der hohen Verluste an der Front. Wie es ehemaligen Häftlingen an der Front ergeht, beschreibt nun ein Bericht der US-Zeitung New York Times.
Das Blatt beruft sich auf Aussagen von vier ehemaligen Häftlingen, die in der Ukraine gekämpft haben. Die Informationen über die Zustände an der Front stammten teils aus Sprachnachrichten, teils aus direkten Interviews oder Gesprächen mit Angehörigen.
Der Kontakt zu den Männern sei durch eine russische Menschenrechtsaktivistin hergestellt worden, heißt es. Anhand von Gerichtsakten und Informationen von Freunden und Verwandten seien deren Identitäten bestätigt worden. Dennoch sind die Berichte der Ex-Strafgefangenen nicht unabhängig verifiziert.
Einer der Betroffenen, genannt Alexandr, lieferte die eindringlichsten Schilderungen von seiner Zeit an der Front. Wie vielen anderen seien ihm 2000 US-Dollar im Monat an Sold versprochen worden, wenn er sich für den Kriegsdienst melde. Halte er ein halbes Jahr an der Ukraine durch, winke ihm die Freiheit, stand offenbar in seinem Vertrag, den er der New York Times vorlegte.
Ex-Häftlinge kämpfen in der Ukraine für Russland – „Sie sagen uns: Ihr seid Niemande“
Im vergangenen März habe sich der wegen Mordes Verurteilte deshalb für den Ukraine-Einsatz gemeldet und sei in einer Sträflingseinheit gelandet. Wie viele ehemalige Häftlinge in diesen Einheiten für Russland kämpfen, ist nicht bekannt. Laut Recherchen der britischen BBC und der unabhängigen russischen Nachrichtenagentur Mediazona soll es sich bei den häufigsten russischen Gefallenen im Ukraine-Krieg jedoch um Ex-Häftlinge handelt.
Glaubt man Alexandrs Schilderungen, verwundert das nicht. „Wir werden zu einem Massaker geschickt“, beklagte er sich in Audiobotschaften über seine Vorgesetzten in der Armee. „Wir sind für sie keine Menschen, weil wir Kriminelle sind. Sie sagen uns: ‚Ihr seid niemand und euer Name ist nichts.‘“
„Nur Köder“: Ex-Häftlinge beklagen sich über mangelnde Ausrüstung in der Ukraine
Nach einem einmonatigen Training sei mit seiner Einheit in die Region Cherson geschickt worden, wo sie die Ukrainer an einer Überquerung des Flusses Dnipro hindern sollten. Wochenlang seien sie von der anderen Seite des Flusses aus bombardiert und von Scharfschützen und durch nächtliche Hinterhalte ins Visier genommen worden. Außer einigen ausgebrannten Häuserreihen habe das sumpfige, flache Gebiet keinerlei Schutz geboten.
Auch mit scharfen Waffen seien die Häftlinge nicht ausgestattet worden. „Ich renne wie ein Idiot mit einer automatischen Waffe herum. Ich habe keinen einzigen Schuss abgegeben, ich habe keinen einzigen Feind gesehen“, soll ein anderer ehemaliger Insasse in einer Sprachnachricht an seine Frau erzählt haben. „Wir sind nur ein Köder, um ihre Artilleriestellungen bloßzustellen.“
Die Verluste innerhalb der Einheit seien immens gewesen, von ursprünglich 120 Mann würden heute noch 40 leben, so Alexandr. Das Leben sei jeden Tag „wie auf einem Pulverfass“ gewesen. Auch der Lohn sei weit hinter dem Versprochenen gelegen. Nach Ablauf des halben Jahres seien die Überlebenden zudem genötigt worden, noch ein weiteres Jahr an der Front zu bleiben.
Keine Nahrung und kein Wasser – Gefallene bleiben einfach liegen
Tagelang habe es keine Nahrung und kein Wasser gegeben. Dann hätten er und die anderen Männer Müllhalden durchsucht und Regenwasser getrunken. Ihre Offiziere hätten sie teils angewiesen, gefallene Kameraden einfach liegenzulassen – so hätte sich die Armee davor drücken wollen, ihren Familien die versprochene Entschädigung zu zahlen. Er habe beobachtet, wie Hunde an den Leichen seiner Kameraden nagten, schildert Alexandr. „Überall lagen Leichen.“
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
„Das ist nicht unser Krieg“ – Unmenschliche Bedingungen für russische Häftlinge
Alexandr wurde schließlich verletzt, als seine Abteilung ein Flussufer verminen sollte und von einer ukrainischen Granate getroffen wurde. Nun sei er in einer Hütte im Hinterland untergebracht, zusammen mit anderen russischen Soldaten, die sich von einer Kriegsverletzung erholen. Sein Dasein dort sei „beängstigend“, berichtet er. „Das ist nicht unser Krieg“, es gebe dort „nichts Menschliches“.
Ein vernichtendes Urteil über die Handlungen der russischen Armee fällt auch ein russischer Kommandeur in Kriegsgefangenschaft, der in einem Verhör 14 Minuten lang die Zustände in der Ukraine schildern soll. (smu)