„Wir werden diesen Krieg verlieren“

„Putins wahnsinnige Ideen“: Russischer Major soll entscheidende Kriegsgeheimnisse verraten haben

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Der in ukrainischer Kriegsgefangenschaft befindliche Kommandeur Yuri Anatolyevich steht nicht mehr hinter Präsident Putin (m.) und seinem Land. (Archivfoto)
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Nach seiner Gefangennahme durch die ukrainischen Streitkräfte kehrt ein russischer Kommandeur seinem Präsidenten den Rücken zu.

Kiew/Moskau – Seit Sonntag (13. August) kursiert auf den gängigen Social-Media-Plattformen da Video eines vermissten russischen Kommandeurs. Major Juri Tomow, Befehlshaber des 1822. Bataillons der russischen Streitkräfte, wird nach eigenen Angaben seit vergangener Woche vermisst. Die Informationen decken sich mit Berichten über einen Durchbruch der ukrainischen Streitkräfte in den Dnipro-Gebieten, bei dem mehrere russische Soldaten infolge der Aktion im Ukraine-Krieg gefangen genommen worden sein sollen. In einem 14-minütigen Verhör spricht Tomow über die russischen Verluste und verurteilt die Handlungen der russischen Armee in der Ukraine.

Nach Informationen des Nachrichtendienstes Newsweek wurde der Clip über den mehr als 1,2 Millionen mal abonnierten ukrainischen Telegram-Kanal „Nikolaevsky Vanyok“ verbreitet. Die Umstände, unter welchen das Gespräch geführt wurde, konnten nicht unabhängig überprüft werden. Bei Interviews mit Kriegsgefangenen sind deshalb alle Aussagen mit Vorsicht zu betrachten und müssen im entsprechend eingeordnet werden.

Russland in der Klemme im Ukraine-Krieg: Befehlshaber nach Dnipro-Einsatz in Gefangenschaft

Das Video zeigt den Russlands Kommandeur Major Yuri Anatolyevich, kurz Major Tomow, niedergeschlagen vor einem weißen Hintergrund sitzend. Eine verzerrte Stimme stellt dem offenbar gefangenen Soldaten Frage, zu seinen Handlungen im Ukraine-Krieg. Tomov, erklärt, dass er im September 2022 auf Grundlage von Präsident Wladimir Putins Teilmobilmachung in den Krieg eingezogen worden war.

Der Bataillonskommandeur schätzt die Kampfverluste seiner Einheit im Ukraine-Krieg auf rund 30 Prozent. Er fügte hinzu, dass die russischen Soldaten binnen kurzer Zeit depressiv geworden seien und sich anschließend jegliche Anweisung verweigert hätten: „Es ist unmöglich, mit solchem Personal Kampfeinsätze durchzuführen“, sagt der Kommandeur. Der tägliche Gräuel des Krieges zehrt an den Nerven und der Moral der russischen Armee. Zwischen den Offizieren und ihrer Gefolgschaft gibt es deshalb häufiger gewalttätige Auseinandersetzungen. Warum Moskaus Truppen auch Zivilisten töten, könne er nicht beantworten, dies sei eine schwierige Frage.

Russlands Major nach Gefangennahme im Ukraine-Krieg geläutert: „Wir werden diesen Krieg verlieren“

Zu Beginn des Ukraine-Konflikts habe Tomow die russische Propaganda vom ukrainischen „Nazi“ mit „faschistischen Ideen“ selbst geglaubt. Seine Gefangenschaft habe ihn nun eines Besseren belehrt. Nachdem er mit der ukrainischen Bevölkerung gesprochen habe, sei ihm klar geworden, dass er sich geirrt habe und falsch informiert gewesen sei. Inzwischen sei dem russischen Kommandeur klar geworden, dass der Angriffskrieg sowohl der Ukraine als auch Russland schade.

Die Ansichten des russischen Präsidenten könne Tomow nun nicht mehr teilen: „Ich verstehe nicht, wie sich die Weltanschauung der Menschen radikal verändert hat, um den wahnsinnigen Ideen von Wladimir Putin zu entsprechen. Warum haben Menschen, die eigentlich friedlich leben wollten, angefangen, andere zu töten. Die Ideale des Präsidenten haben nichts mit der Realität zu tun“, sagte Tomow.

Gegen Ende des Verhörs richtet der Gefangene seine Worte direkt an die russische Militärführung: „Ich möchte an alle Offiziere, an alle meine Mitstreiter appellieren und sie bitten, diesen sinnlosen blutigen Krieg auf ukrainischem Gebiet zu beenden. Wir werden diesen Krieg verlieren, und er wird unserer Heimat nichts Gutes bringen.“ Man müsse alle Soldaten aus der Ukraine zurückziehen und die Ordnung im eigenen Land wiederherstellen, fügte Kommandeur in Bezug auf die Kampfhandlungen im Ukraine-Krieg hinzu.

Russland in der Klemme im Ukraine-Krieg: Kommandeur soll russische Kriegsgeheimnisse verraten

Neben dem Verhör tauchte am Sonntag ein weiteres Video des russischen Kommandeurs auf Twitter auf. Dies zeigt Tomov in Militärkleidung, gebeugt über eine Landkarte, wie er mit einem Stift die Stellungen der Armee Russlands imUkraine-Krieg einzeichnet. Die Karte soll das Gebiet zeigen, in welchem der Kommandeur vor seiner Gefangenschaft stationiert gewesen sein soll. Nach Angaben von Militärinsidern hat Tomow den ukrainischen Soldaten seit Dienstag (8. August) sowohl die Positionen seiner Kameraden als auch die Lage eines russischen Waffenlagers in der nahe gelegenen Stadt Oleschky verraten. Die könnte zu einer Wendung im anhaltenden Konflikt um das taktisch wertvolle Dnipro-Ufer führen.

Der russische Telegram-Kanal „Grey Zone“ bestätigte die Identität des Majors. „Um alle Gerüchte und Zweifel zu zerstreuen und Fragen zu beantworten: In dem Video wird der Kommandeur der […] des Bataillons 1822 der russischen Streitkräfte, Major Tomow, vom Feind gefangen genommen, nachdem er durch ein Gefecht in der Nähe der Siedlung der Kosakenlager dorthin gelangt war“, zitiert Kyiv Post den russischen Telegram-Kanal. (aa)

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