Putin attackiert gezielt die Schwachstellen der NATO-Verteidigung
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Das „East Shield“ kann nützen – aber wogegen und wie lange? Die NATO ist präsent in Polen, aber ihr fehlen Ressourcen gegen das, was Putin aufbieten wird.
Warschau – „Russland möchte eine ,Grauzone‘ der Unsicherheit so weit wie möglich nach Westen ausdehnen“, schreibt Daniel Fried. Für den ehemaligen US-Botschafter in Polen ist klar: Wladimir Putin wolle den Westen erpressen, mit der Drohung, den Konflikt Meter um Meter in NATO-Territorium hineinzutragen. Er wolle die Zustimmung zu seinen Ansprüchen auf die Vorherrschaft in der Ukraine erzwingen, so Fried in einer Analyse für den US-Thinktank „Atlantic Council“. Offenbar testet Putin neben seinem Vormarsch im Ukraine-Krieg parallel die Reaktionsfähigkeit der nordatlantischen Verteidigungsallianz. Die Polen haben Angst, und die NATO muss überlegen, ob sie präsent genug ist an ihrer östlichen Flanke und ob letztendlich alle für einen kämpfen werden oder doch jeder für sich.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
Anders als beispielsweise auch in Deutschland sind die polnischen Militärs ständig wachsam gegenüber der globalen Entwicklung: Die heute gültige polnisch-russische Grenze verläuft fast geradlinig etwa 232 Kilometer lang zwischen der Republik Polen und der Verwaltungseinhalt (Oblast) Kaliningrad in der Russischen Föderation. Das Kaliningrader Gebiet ist eine Exklave, also getrennt vom übrigen russischen Territorium. Zudem trennt eine 418 Kilometer lange Grenze das EU- und NATO-Mitglied von Russlands engstem Verbündetem Belarus. Mit 3,9 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) war der polnische Verteidigungshaushalt 2023 fast doppelt so hoch wie das einstige NATO-Ziel von zwei Prozent des BIP für jedes Land – ein Ziel, mit dem sich beispielsweise Bündnispartner wie Deutschland und Frankreich immer schwergetan haben.
NATO im Osten bereit für Putin? „Alle acht Gefechtsverbände sind voll kampffähige Formationen“
Allerdings beweisen die jüngsten Übergriffe Russlands über die NATO-Grenze, dass das Verteidigungsbündnis gegenüber Angriffen mit Drohnen schlecht gewappnet ist – wobei sich alle eigentlich auf eine eher klassische Verteidigung eingestellt hatten. Wie die NATO Anfang Juni in einer Pressemitteilung mitgeteilt hat, setze sie auf eine militärische Präsenz an den Grenzen zu Russland. Acht multinationale Gefechtsverbände der Vorwärtslandstreitkräfte sollen auf rotierender Basis in Abstimmung mit den nationalen Verteidigungsstreitkräften operieren und in ihren Gastgeberländern ständig präsent sein. „Alle acht Gefechtsverbände sind voll kampffähige Formationen“, schreibt das Bündnis. In Polen stehen neben den USA Verbände aus Kroatien, Rumänien und dem Vereinigten Königreich.
„Länder, die keine Erinnerung an eine russische oder sowjetische Besatzung haben, können sich schwerer vorstellen, wofür sie kämpfen.“
Mehr als 10.000 US-amerikanische Kräfte sollen in Polen stationiert sein, das gesamte dortige NATO-Kontingent wird auf rund 12.000 Kräfte geschätzt. Die Allianz zeigt also dort die deutlichste Verteidigungsbereitschaft. Allerdings wird auch dieses Kontingent einem russischen Drohnenangriff vermutlich relativ machtlos gegenüberstehen. Wie Bloomberg berichtet, habe Polen bei den Nato-Partnern um eine Verstärkung seiner Luftabwehr nachgesucht – das Dilemma mit der löchrigen Luftabwehr des NATO-Himmels ist seit langem augenfällig. „Wir benötigen Patriots, weil Drohnen nicht die einzige Form der russischen Bedrohung unseres Luftraumes darstellen. Außerdem benötigen wir einen ,Anti-Drohnenwall‘“, habe Radoslaw Sikorski auf einer Pressekonferenz in Warschau gesagt, wie der Wirtschaftsnachrichtendienst den polnischen Außenminister zitiert.
Wehrbereit und kriegstüchtig? Goran Meredith, 19, Student der Amerikanistik, nimmt am 22. Juli 2025 am militärischen Trainingsprojekt „Ferien mit der Armee“ am Stadtrand von Warschau, Polen, teil. Fast 10.000 Männer und Frauen haben sich freiwillig für das einmonatige, bezahlte Programm „Ferien mit der Armee“ gemeldet. Das Programm wurde vom Verteidigungsministerium ins Leben gerufen, um den Militärdienst unter jungen Menschen zu fördern, während Polen seine Sicherheit verstärkt.
Ukraine-Krieg als Beispiel? „Hätte eine ,Drohnenmauer‘ den polnischen Luftraum schützen können?“
„Hätte eine ,Drohnenmauer‘ den polnischen Luftraum schützen können?“, fragt Elisabeth Gosselin-Malo. Ein mehrschichtiges Sensor- und Abfangnetzwerk hätte zügigere, günstigere und effektivere Reaktionen ermöglichen können, zitiert die Autorin der Defense News Getter Oper. Der Leiter für Strategie und Kommunikation der estnischen Firma DefSecIntel gehört zu den Unternehmen, die die „Baltic Drone Wall“ für die baltischen Staaten realisieren sollen. Kern des Konstrukts ist, Bedrohungen frühestmöglich zu erkennen und die Entscheidungsfindung über Gegenmaßnahmen zu rationalisieren. „Bislang ist das Projekt nur auf dem Papier eine logische und kostengünstige Alternative. Die Unternehmen sind sich zudem darüber im Klaren, wie schwierig es ist, Hunderte von Gebieten an der Grenze zu Russland vollständig gegen mögliche Drohnenangriffe zu sichern“, schreibt Gosselin-Malo.
Allerdings schwelen global zurzeit zu viele Brände, als dass Patriot-Batterien für alle als Feuerwehr ausrücken könnten: Polen fordert genauso dringend Nachschub und Verstärkung wie auch die Ukraine – wo die Flammen aktuell höher schlagen. Und die USA müssen offensichtlich haushalten, die Unterstützung Israels gegen den Iran hat deren Reservoir an Möglichkeiten der klassischen Luftabwehr deutlich geleert. Die Schwachstelle der NATO liegt offensichtlich in den jetzt fälligen Folgekosten der „Friedensdividende“ nach dem Kalten Krieg. Neben der politischen Vielstimmigkeit des Verteidigungsbündnisses hat Putin mit der Drohnen-Attacke auf Polen die Tür aufgestoßen zu einer gähnend leeren NATO-Waffenkammer.
Putin als Drohnen-Zar der künftige Sieger? „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken?
Die NATO habe mit überkommenen Lösungen neue Herausforderungen zu meistern versucht, lässt Ulrike Franke erahnen, weil zum Abschuss der Drohnen über Polen drei niederländische F35-Kampfjets aufgestiegen wären. „An der Operation sollen auch ein NATO-Tankflugzeug, ein italienisches Überwachungsflugzeug und ein deutsches Patriot-Luftabwehrsystem beteiligt gewesen sein“, ergänzt Politico. Ob dieses kostenintensiven Abwehrmanövers fordert die Analystin des US-Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR) neue Ideen zur Drohnenabwehr: „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, zitiert sie Politico. Allerdings bestünde die Schwachstelle der Verteidigungsallianz neben der unzureichenden Technik vermutlich auch in der ausbaufähigen Verteidigungsbereitschaft, wie die Wehrpflicht-Debatte in Deutschland deutlich macht.
„Länder, die keine Erinnerung an eine russische oder sowjetische Besatzung haben, können sich schwerer vorstellen, wofür sie kämpfen“, sagt Gustav Gressel zu Reuters. Den Analysten der Landesverteidigungsakademie in Wien zitiert die Nachrichtenagentur angesichts eines wohl neuen Trends im NATO-Grenzland: „Aus Angst vor russischer Aggression strömen Polen zu militärischen Übungen“, so Reuters-Autorin Barbara Erling. Während sie sich bemühe, sich auf den Alltag zu konzentrieren, „wolle sich auf ,eine neue Realität‘ vorbereiten“, zitiert Reuters die Bürokauffrau Agnieszka Jedruszak, die wie tausende anderer Polen freiwillig an militärischen Übungen teilnimmt – und dort beispielsweise lernt, einen Panzergraben auszuheben oder sich gefechtsmäßig im Feld zu bewegen. Polen versucht damit, seine Reihen für einen möglichen Konfliktfall zu verdichten.
Einzige Chance der Nato: „Die fragmentierte Verteidigungsindustrie Europas zu harmonisieren“?
Laut Grzegorz Wawrzynkiewicz hätten sich bis Juli 2025 mehr als 20.000 Polen für eine freiwillige militärische Ausbildung angemeldet, so der Leiter des polnischen Zentralen Militärrekrutierungszentrums gegenüber der Nachrichtenagentur. „Er geht davon aus, dass bis Ende dieses Jahres rund 40.000 Freiwillige ihre militärische Ausbildung abgeschlossen haben werden, mehr als doppelt so viele wie die 16.000 im Jahr 2022. Dies spiegele ein gestiegenes öffentliches Engagement seit der Invasion Russlands in der Ukraine wider“, schreibt Reuters. Mit diesen Kräften baut Polen neben den inzwischen 216.000 regulären Kräften eine belastbare Reserve auf. Eine Reserve, die vielen anderen NATO-Partnern fehle – im Gegensatz zu Russland, das insofern Verluste über einen längeren Zeitraum kompensieren könne.
Daneben versucht sich Polen mit dem „East Shield“ zu wappnen – eine 645 Kilometer lange Befestigungsanlage aus Panzerabwehrsperren sowie modernen Überwachungs- und elektronischen Kampfsystemen auf 645 Kilometern entlang seiner Grenzen zu Weißrussland und der russischen Enklave Kaliningrad. Alles Stückwerk, legt Shaheen Gaszewski nahe; weile eine umfassende Strategie zur Sicherung der NATO-Ostflanke fehle, wie die Analystin aktuell für den deutschen Thinktank „Konrad-Adenauer-Stiftung“ zusammenfasst. Polens Unternehmungen hätten Vorbildcharakter; gleichwohl denke das Land vorrangig regional, urteilt sie und drängt darauf, „die fragmentierte Verteidigungsindustrie Europas zu harmonisieren“, wie sie schreibt. „Wirksame Abschreckung erfordert jedoch mehr als nur koordinierte Stationierung und Planung – sie verlangt auch eine größere Kohärenz in der beschaffungs- und rüstungspolitischen Zusammenarbeit.“ (Quellen: Atlantic Council, Konrad-Adenauer-Stiftung, NATO, Reuters, Bloomberg, Defense News, Politico) (hz)