Verteidigung harmonisieren

Putin attackiert gezielt die Schwachstellen der NATO-Verteidigung

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Das „East Shield“ kann nützen – aber wogegen und wie lange? Die NATO ist präsent in Polen, aber ihr fehlen Ressourcen gegen das, was Putin aufbieten wird.

Warschau – „Russland möchte eine ,Grauzone‘ der Unsicherheit so weit wie möglich nach Westen ausdehnen“, schreibt Daniel Fried. Für den ehemaligen US-Botschafter in Polen ist klar: Wladimir Putin wolle den Westen erpressen, mit der Drohung, den Konflikt Meter um Meter in NATO-Territorium hineinzutragen. Er wolle die Zustimmung zu seinen Ansprüchen auf die Vorherrschaft in der Ukraine erzwingen, so Fried in einer Analyse für den US-Thinktank „Atlantic Council“. Offenbar testet Putin neben seinem Vormarsch im Ukraine-Krieg parallel die Reaktionsfähigkeit der nordatlantischen Verteidigungsallianz. Die Polen haben Angst, und die NATO muss überlegen, ob sie präsent genug ist an ihrer östlichen Flanke und ob letztendlich alle für einen kämpfen werden oder doch jeder für sich.

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
Die Nato ist das größte militärische Verteidigungsbündnis der Welt. Der Nordatlantikpakt („North Atlantic Treaty Organization“) soll die territoriale Souveränität der Mitgliedsstaaten sichern und im Kriegsfall verteidigen. Dafür gibt es die Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato. Die Truppenstärke aller Nato-Länder zusammengerechnet umfasste 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 3,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen.  © Kay Nietfeld/dpa
US-Armee Nato
Dem „Global Firepower Index“ zufolge stellen die USA mit rund 1,328 Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Nato-Truppe. Im Kampfeinsatz vertraut die US-Armee auch auf den Chinook-Hubschrauber. Der CH-47 ist bekannt für seine Fähigkeit, schweres Material und Personal in unwegsames Gelände zu transportieren. Im Bild ist eine gemeinsame Übung von Südkorea und den USA in Yeoncheon zu sehen. © Jung Yeon-Je/AFP
Militär Türkei
Das zweitgrößte Militär der Nato-Mitgliedstaaten kommt aus der Türkei (Truppenstärke: 355.200). Die Armee gilt als eine der stärksten der Welt. Anhand von mehr als 60 Einzelfaktoren analysieren die Fachleute von „Global Firepower Index“ die militärische Gesamtstärke der Armeen. Türkei, die seit 1952 Mitglied der Nato ist, belegt hier unter 145 Armeen den neunten Platz. © Tunahan Turhan/Imago
Polnische Armee
In der Nato-Rangliste der Truppenstärke liegt Polen auf Platz drei. Die polnischen Streitkräfte verfügen über 202.100 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt: Heer, Marine, Luftwaffe, Spezialkräfte, Territorialverteidigung (Freiwilligenmiliz). © Radek Pietruszka/dpa
Frankreich Macron
Platz vier in der Nato-Rangliste belegt Frankreich (Truppenstärke: 200.000). Frankreich ist seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die einzige Atommacht in der Europäischen Union. Der französische Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und die einzige Person, die einen nuklearen Angriff befehlen kann. Hier hält Präsident Emmanuel Macron (Mitte) eine Rede vor zwei Kampfjets vom Typ Dassault Mirage 2000 (links) und vom Typ Dassault Rafale (rechts). © Ludovic Marin/AFP
Britische Armee bei einer Übung in Finnland
Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs gliedern sich in drei Teilstreitkräfte und umfassen ungefähr 184.860 Soldatinnen und Soldaten. Bei einer Übung in der Nähe von Rovaniemi am Polarkreis testet die Armee hier die mobile Haubitze Archer.  © Ben Birchall/dpa
Pistorius-Besuch in Litauen
Auf Platz sechs in der Nato-Rangliste liegt die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeswehr umfasst das Heer, die Luftwaffe, die Marine, den Cyber- und Informationsraum, sowie den Unterstützungsbereich. Aktuell gibt es rund 181.600 aktive Soldatinnen und Soldaten in Uniform. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, rechts) erlebt die Fähigkeiten eines Leopard-2-Panzers auch schon mal aus nächster Nähe. © Alexander Welscher/dpa
Tag der italienischen Streitkräfte 2021
Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ fliegt am Tag der italienischen Streitkräfte über das Denkmal des Unbekannten Soldaten hinweg. Mit einer Truppenstärke von 165.500 Soldatinnen und Soldaten belegt Italien in der Nato-Rangliste den siebten Platz.  © Giuseppe Lami/dpa
Griechenland Militär
Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnenabwehrsysteme: Griechenland rüstet auf. Die Regierung will Milliarden investieren, um ihr Militär stärker zu machen als je zuvor. Aktuell verfügen die griechischen Streitkräfte (hier bei einer Militärparade in Athen) über eine Truppenstärke von 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Kostas Galanis/Imago
Luftlandeübung Swift Response
Noch eine weitere Armee der Nato verfügt über mehr als 100.000 aktive Soldatinnen und Soldaten: Spanien (Truppenstärke: 133.282). Allerdings ist das Land weit davon entfernt, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen: Mit knapp 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Spanien sogar Schlusslicht in der Nato.  © Kay Nietfeld/dpa
Air Police Übung der Nato in Rumänien
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der rumänischen Luftwaffe steht auf dem rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Borcea. Rumänien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz zehn (Truppenstärke: 81.300).  © Kathrin Lauer/dpa
Kanada - Snowbirds bei Flugtag
Kanada verfügt über rund 68.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. In Canadian Army, Royal Canadian Navy und Royal Canadian Air Force dienen nur Freiwillige. Die Kunstflugstaffel der Air Force ist unter dem Namen „Snowbirds“ bekannt. Die Schneevögel sind ein Symbol Kanadas. © Patrick Doyle/dpa
Ungarn Militär
Die H225M Caracal ist ein taktischer Mehrzweck- und Transporthubschrauber mit großer Reichweite. Benutzt wird er unter anderem von Ungarn (Truppenstärke: 41.600).  © Sergey Kohl/Imago
Abschluss der Nato-Übung Quadriga 2024
Niederländische Kräfte nehmen an der Quadriga-Übung 2024 teil. Die Niederlande liegt auf Platz 13 der Nato-Rangliste (Truppenstärke: 41.380). Die Regierung will die Stärke der nationalen Streitkräfte allerdings deutlich erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa
Bulgarien Militär
Seit 2004 ist Bulgarien Nato-Mitglied. Die bulgarischen Streitkräfte bestehen aus den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftstreitkräfte. Derzeit umfasst das Militär in Bulgarien etwa 37.000 Frauen und Männern. © Vassil Donev/dpa
Kriegsende-Gedenken - Tschechien
Flugzeuge hinterlassen am Himmel farbige Spuren in den Nationalfarben Tschechiens anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Tschechien verfügt über 28.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Kamaryt Michal/dpa
Belgische Kronprinzessin schwitzt beim Militär-Sommercamp
Die Streitkräfte aus Belgien untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps. Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Im Jahr 2022 trainierte auch die belgische Kronprinzessin Elisabeth (2. von rechts) in einem Bootcamp der Königlichen Militärschule ihre Führungsqualitäten. Belgien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz 16 (Truppenstärke: 25.000). © Erwin Ceupp/dpa
Schwedische Nato-Truppen in Lettland stationiert
Die schwedischen Streitkräfte bestehen aus den vier Teilstreitkräften: Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Heimwehr. Seit dem 7. März 2024 ist Schweden (Truppenstärke: 24.400) das 32. Mitglied der Nato. © Alexander Welscher/dpa
80. Jahrestag der Schlacht von Arnheim
Fallschirmjäger aus acht Nato-Mitgliedsländern (Deutschland, Griechenland, Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich und USA) springen hier zum Gedenken an den Jahrestag der Schlacht von Arnheim auf der Ginkelschen Heide ab. Portugals Truppenstärke beträgt 24.000 Frauen und Männer.  © Ben Birchall/dpa
Raketensschiff Pori der finnischen Marine
Das Raketensschiff Pori der finnischen Marine bricht vom Suomenlinna-Pier in Helsinki zur Nato-Operation „Enhanced Vigilance Activity“ in der Ostsee auf. Auch Finnland verfügt über 24.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Vesa Moilanen/dpa
Militärübung „Nordic Response“ in Norwegen
Norwegische Soldaten sitzen während der Militärübung „Nordic Response 24“ auf Schneemobilen. Die Streitkräfte bestehen aus dem Heer, der Marine, der Luftwaffe und der milizartig organisierten Heimwehr. Mit einer Truppenstärke von 23.250 Frauen und Männer belegt Norwegen Platz 20 in der Nato-Rangliste. © Jouni Porsanger/dpa
Deutsche Brigade in Litauen
Litauische Soldaten legen nach einem Schießtraining bei Rudninkai in dem Areal, wo die deutsche Brigade in Litauen stationiert werden soll, eine Pause ein. Die Truppenstärke von Litauen beträgt 23.000 Frauen und Männer. © Kay Nietfeld/dpa
The Royal Life Guards
Rekruten der Royal Life Guards aus Dänemark überqueren auf dem Truppenübungsplatz Kulsbjerg bei Vordingborg das Wasser. Dänemarks Militär verfügt derzeit über etwa 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Luftwaffe bildet slowakische Soldaten an Flugabwehrsystem aus
Slowakische Soldaten trainieren an einem Flugabwehrsystem. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der Nato. Die Truppenstärke des Militärs beträgt 19.500 Frauen und Männer. © Marcus Brandt/dpa
Lettland Militär Parade
imago80894560.jpg © Victor Lisitsyn/Imago
Militärmanöver in Kroatien
Kroatien verfügt über 14.325 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte werden umgangssprachlich meist als „Hrvatska vojska“ (Kroatische Armee) bezeichnet. Kroatien ist seit April 2009 Mitglied der Nato. © dpa
Mazedonien Namensänderung
Die Armee der Republik Nordmazedonien (Truppenstärke: 9000) gliedert sich in ein Heer mit angeschlossenen Luftstreitkräften (Heeresflieger). Aufgrund der Binnenlage des Landes gibt es keine eigenständige Marine.  © Dragan Perkovksi/dpa
Kaja Kallas
Am 15. Mai 2024 besuchte die damalige estnische Premierministerin Kaja Kallas die gemeinsame Übung „Spring Storm“ der estnischen Streitkräfte (Truppenstärke: 7700) und der alliierten Nato-Streitkräfte in Pärnu. © Jussi Nukari/Imago
Slowenien
Sloweniens Truppenstärke beträgt 7300 Frauen und Männer. Die Streitkräfte unterstehen dem Verteidigungsministerium. Die für den Schutz der 46 Kilometer langen Adriaküste zuständige Marine und die Luftstreitkräfte sind keine selbständigen Teilstreitkräfte. © Zeljko Stevanic/Imago
Albanien
Seit 2010 hat Albanien eine Berufsarmee. Sie besteht derzeit aus 6600 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das Joint Force Command bildet ein Hauptquartier, dem die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unterstehen. © Imago
Montenegro
Die seit 2006 aufgebauten Streitkräfte von Montenegro umfassen 2350 Frauen und Männer und gelten heute als eine funktionierende Kleinarmee in Europa. Montenegro ist seit Juni 2017 Mitglied der Nato. © Imago
Luxwemburg
Die Armee Luxemburgs umfasst die Streitkräfte des Großherzogtums Luxemburg. Sie besitzt eine leichtbewaffnete, Freiwilligenarmee (Truppenstärke: 1000). Die luxemburgische Armee ist in ein Infanteriebataillon mit zwei Aufklärungskompanien gegliedert. Mit einer dieser beiden Kompanien beteiligt sich Luxemburg am Eurokorps. © Berit Kessler7Imago
Eurofighter über Island. (Archivbild)
Ein Eurofighter fliegt bei der Übung „Rapid Viking 2023“ über Island. Der hohe Norden gewinnt zunehmend an geopolitischer Bedeutung. Nato-Mitglied Island selbst verfügt über keine eigene Armee. © Britta Pedersen

Anders als beispielsweise auch in Deutschland sind die polnischen Militärs ständig wachsam gegenüber der globalen Entwicklung: Die heute gültige polnisch-russische Grenze verläuft fast geradlinig etwa 232 Kilometer lang zwischen der Republik Polen und der Verwaltungseinhalt (Oblast) Kaliningrad in der Russischen Föderation. Das Kaliningrader Gebiet ist eine Exklave, also getrennt vom übrigen russischen Territorium. Zudem trennt eine 418 Kilometer lange Grenze das EU- und NATO-Mitglied von Russlands engstem Verbündetem Belarus. Mit 3,9 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) war der polnische Verteidigungshaushalt 2023 fast doppelt so hoch wie das einstige NATO-Ziel von zwei Prozent des BIP für jedes Land – ein Ziel, mit dem sich beispielsweise Bündnispartner wie Deutschland und Frankreich immer schwergetan haben.

NATO im Osten bereit für Putin? „Alle acht Gefechtsverbände sind voll kampffähige Formationen“

Allerdings beweisen die jüngsten Übergriffe Russlands über die NATO-Grenze, dass das Verteidigungsbündnis gegenüber Angriffen mit Drohnen schlecht gewappnet ist – wobei sich alle eigentlich auf eine eher klassische Verteidigung eingestellt hatten. Wie die NATO Anfang Juni in einer Pressemitteilung mitgeteilt hat, setze sie auf eine militärische Präsenz an den Grenzen zu Russland. Acht multinationale Gefechtsverbände der Vorwärtslandstreitkräfte sollen auf rotierender Basis in Abstimmung mit den nationalen Verteidigungsstreitkräften operieren und in ihren Gastgeberländern ständig präsent sein. „Alle acht Gefechtsverbände sind voll kampffähige Formationen“, schreibt das Bündnis. In Polen stehen neben den USA Verbände aus Kroatien, Rumänien und dem Vereinigten Königreich.

„Länder, die keine Erinnerung an eine russische oder sowjetische Besatzung haben, können sich schwerer vorstellen, wofür sie kämpfen.“

Gustav Gressel, Reuters

Mehr als 10.000 US-amerikanische Kräfte sollen in Polen stationiert sein, das gesamte dortige NATO-Kontingent wird auf rund 12.000 Kräfte geschätzt. Die Allianz zeigt also dort die deutlichste Verteidigungsbereitschaft. Allerdings wird auch dieses Kontingent einem russischen Drohnenangriff vermutlich relativ machtlos gegenüberstehen. Wie Bloomberg berichtet, habe Polen bei den Nato-Partnern um eine Verstärkung seiner Luftabwehr nachgesucht – das Dilemma mit der löchrigen Luftabwehr des NATO-Himmels ist seit langem augenfällig. „Wir benötigen Patriots, weil Drohnen nicht die einzige Form der russischen Bedrohung unseres Luftraumes darstellen. Außerdem benötigen wir einen ,Anti-Drohnenwall‘“, habe Radoslaw Sikorski auf einer Pressekonferenz in Warschau gesagt, wie der Wirtschaftsnachrichtendienst den polnischen Außenminister zitiert.

Wehrbereit und kriegstüchtig? Goran Meredith, 19, Student der Amerikanistik, nimmt am 22. Juli 2025 am militärischen Trainingsprojekt „Ferien mit der Armee“ am Stadtrand von Warschau, Polen, teil. Fast 10.000 Männer und Frauen haben sich freiwillig für das einmonatige, bezahlte Programm „Ferien mit der Armee“ gemeldet. Das Programm wurde vom Verteidigungsministerium ins Leben gerufen, um den Militärdienst unter jungen Menschen zu fördern, während Polen seine Sicherheit verstärkt.

Ukraine-Krieg als Beispiel? „Hätte eine ,Drohnenmauer‘ den polnischen Luftraum schützen können?“

„Hätte eine ,Drohnenmauer‘ den polnischen Luftraum schützen können?“, fragt Elisabeth Gosselin-Malo. Ein mehrschichtiges Sensor- und Abfangnetzwerk hätte zügigere, günstigere und effektivere Reaktionen ermöglichen können, zitiert die Autorin der Defense News Getter Oper. Der Leiter für Strategie und Kommunikation der estnischen Firma DefSecIntel gehört zu den Unternehmen, die die „Baltic Drone Wall“ für die baltischen Staaten realisieren sollen. Kern des Konstrukts ist, Bedrohungen frühestmöglich zu erkennen und die Entscheidungsfindung über Gegenmaßnahmen zu rationalisieren. „Bislang ist das Projekt nur auf dem Papier eine logische und kostengünstige Alternative. Die Unternehmen sind sich zudem darüber im Klaren, wie schwierig es ist, Hunderte von Gebieten an der Grenze zu Russland vollständig gegen mögliche Drohnenangriffe zu sichern“, schreibt Gosselin-Malo.

Allerdings schwelen global zurzeit zu viele Brände, als dass Patriot-Batterien für alle als Feuerwehr ausrücken könnten: Polen fordert genauso dringend Nachschub und Verstärkung wie auch die Ukraine – wo die Flammen aktuell höher schlagen. Und die USA müssen offensichtlich haushalten, die Unterstützung Israels gegen den Iran hat deren Reservoir an Möglichkeiten der klassischen Luftabwehr deutlich geleert. Die Schwachstelle der NATO liegt offensichtlich in den jetzt fälligen Folgekosten der „Friedensdividende“ nach dem Kalten Krieg. Neben der politischen Vielstimmigkeit des Verteidigungsbündnisses hat Putin mit der Drohnen-Attacke auf Polen die Tür aufgestoßen zu einer gähnend leeren NATO-Waffenkammer.

Putin als Drohnen-Zar der künftige Sieger? „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken?

Die NATO habe mit überkommenen Lösungen neue Herausforderungen zu meistern versucht, lässt Ulrike Franke erahnen, weil zum Abschuss der Drohnen über Polen drei niederländische F35-Kampfjets aufgestiegen wären. „An der Operation sollen auch ein NATO-Tankflugzeug, ein italienisches Überwachungsflugzeug und ein deutsches Patriot-Luftabwehrsystem beteiligt gewesen sein“, ergänzt Politico. Ob dieses kostenintensiven Abwehrmanövers fordert die Analystin des US-Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR) neue Ideen zur Drohnenabwehr: „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, zitiert sie Politico. Allerdings bestünde die Schwachstelle der Verteidigungsallianz neben der unzureichenden Technik vermutlich auch in der ausbaufähigen Verteidigungsbereitschaft, wie die Wehrpflicht-Debatte in Deutschland deutlich macht.

„Länder, die keine Erinnerung an eine russische oder sowjetische Besatzung haben, können sich schwerer vorstellen, wofür sie kämpfen“, sagt Gustav Gressel zu Reuters. Den Analysten der Landesverteidigungsakademie in Wien zitiert die Nachrichtenagentur angesichts eines wohl neuen Trends im NATO-Grenzland: „Aus Angst vor russischer Aggression strömen Polen zu militärischen Übungen“, so Reuters-Autorin Barbara Erling. Während sie sich bemühe, sich auf den Alltag zu konzentrieren, „wolle sich auf ,eine neue Realität‘ vorbereiten“, zitiert Reuters die Bürokauffrau Agnieszka Jedruszak, die wie tausende anderer Polen freiwillig an militärischen Übungen teilnimmt – und dort beispielsweise lernt, einen Panzergraben auszuheben oder sich gefechtsmäßig im Feld zu bewegen. Polen versucht damit, seine Reihen für einen möglichen Konfliktfall zu verdichten.

Einzige Chance der Nato: „Die fragmentierte Verteidigungsindustrie Europas zu harmonisieren“?

Laut Grzegorz Wawrzynkiewicz hätten sich bis Juli 2025 mehr als 20.000 Polen für eine freiwillige militärische Ausbildung angemeldet, so der Leiter des polnischen Zentralen Militärrekrutierungszentrums gegenüber der Nachrichtenagentur. „Er geht davon aus, dass bis Ende dieses Jahres rund 40.000 Freiwillige ihre militärische Ausbildung abgeschlossen haben werden, mehr als doppelt so viele wie die 16.000 im Jahr 2022. Dies spiegele ein gestiegenes öffentliches Engagement seit der Invasion Russlands in der Ukraine wider“, schreibt Reuters. Mit diesen Kräften baut Polen neben den inzwischen 216.000 regulären Kräften eine belastbare Reserve auf. Eine Reserve, die vielen anderen NATO-Partnern fehle – im Gegensatz zu Russland, das insofern Verluste über einen längeren Zeitraum kompensieren könne.

Daneben versucht sich Polen mit dem „East Shield“ zu wappnen – eine 645 Kilometer lange Befestigungsanlage aus Panzerabwehrsperren sowie modernen Überwachungs- und elektronischen Kampfsystemen auf 645 Kilometern entlang seiner Grenzen zu Weißrussland und der russischen Enklave Kaliningrad. Alles Stückwerk, legt Shaheen Gaszewski nahe; weile eine umfassende Strategie zur Sicherung der NATO-Ostflanke fehle, wie die Analystin aktuell für den deutschen Thinktank „Konrad-Adenauer-Stiftung“ zusammenfasst. Polens Unternehmungen hätten Vorbildcharakter; gleichwohl denke das Land vorrangig regional, urteilt sie und drängt darauf, „die fragmentierte Verteidigungsindustrie Europas zu harmonisieren“, wie sie schreibt. „Wirksame Abschreckung erfordert jedoch mehr als nur koordinierte Stationierung und Planung – sie verlangt auch eine größere Kohärenz in der beschaffungs- und rüstungspolitischen Zusammenarbeit.“ (Quellen: Atlantic Council, Konrad-Adenauer-Stiftung, NATO, Reuters, Bloomberg, Defense News, Politico) (hz)

Rubriklistenbild: © Wojtek Radwanski/AFP

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