Nato sollte um Ukraine-Beitritt „betteln“: Selenskyj-Botschafter wirbt provokant
VonNail Akkoyun
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Die Ukraine pocht weiterhin auf einen Nato-Beitritt. Ein Botschafter Selenskyjs will Gegenargumente nun entkräften – und bezeichnet diese als „dumm“.
Kiew – Vor dem Hintergrund eines Überraschungsbesuchs des Nato-Generalsekretärs Jens Stoltenberg hat sich Kiew selbstbewusst gegeben. Der Beitritt der Ukraine zur Nato werde „früher oder später“ schon erfolgen, sagte Wadym Prystajko, ukrainischer Botschafter in Großbritannien. Aufgrund der jüngsten Erweiterung der Nato – Finnland trat dem Verteidigungsbündnis Anfang April bei – gebe es kein Grund mehr, der Ukraine die Mitgliedschaft zu verwehren, sagte Prystajko im Gespräch mit Newsweek.
Weiter sagte der ehemalige Außenminister, dass der „atemberaubende Erfolg“ im Ukraine-Krieg bedeute, dass die Nato das Land und sein hartgesottenes Militär um einen Beitritt „anflehen“ müsse. Tatsächlich hat das Land seit der russischen Annektierung der Krim im Jahr 2014 immer engere Beziehungen zu dem Verteidigungsbündnis aufgebaut und Zehntausende ukrainische Soldaten nach dessen Standards ausgebildet.
Für die Ukraine sei der einzige, langfristige Garant gegen russische Angriffe eine Mitgliedschaft in der Nato. Denn dann würde bei einem Angriff Russlands Artikel 5 greifen – und die Armeen der restlichen Verbündeten auf den Plan rufen. „Alle Bedingungen – man kann lange Listen schreiben – werden früher oder später nacheinander abgehakt werden. Treffen Sie einfach die Entscheidung“, argumentierte der Diplomat. Wer sonst habe, „eine Million Leute an der Waffe, kampferprobte Veteranen?“, fragte Prystajko.
Der ukrainische Botschafter im Vereinigten Königreich, Wadym Prystajko, spricht vor der St. Volodymyr-Statue in London anlässlich des einjährigen Jahrestages des Ukraine-Kriegs. (Archivfoto)
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Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte in der Vergangenheit erklärt, dass die Ukraine schließlich Mitglied des transatlantischen Bündnisses werden wird, dies aber ein langfristiges Ziel sei. Ähnlich äußerte sich auch US-Präsident Joe Biden. Dennoch gehört Stoltenberg zu denjenigen, die sich immer wieder aufgeschlossen für eine deutlich größere Unterstützung der Ukraine mit westlichen Waffensystemen gezeigt haben. „Der Ukraine steht ein Platz in der Nato zu“, sagte der 64-Jährige am Donnerstag (20. April) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Mit Unterstützung der Nato werde sie diesen auch im Laufe der Zeit einnehmen können.
Auf die Frage, ob Alliierte im Zweifelsfall eher Ziele des Bündnisses erfüllen sollten, als der Ukraine noch mehr Ausrüstung zu liefern, machte er deutlich, dass er eine Niederlage der Ukraine für gefährlicher hält als nach Plan gefüllte Waffenlager. Gleichzeitig spreche man inzwischen „viel leichter über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union und der Nato als in Friedenszeiten“, betonte Wadym Prystajko.
Sowohl für die Nato als auch für Russland ist die Bündnis-Erweiterung durch Finnland und wahrscheinlich auch um Schweden von großer Bedeutung. Doch auch Kiew will aus den Entwicklungen einen Nutzen ziehen und hat bereits einen beschleunigten Beitrittsprozess beantragt. „Sie haben sich selbst ein Problem geschaffen“, scherzte Prystaiko.
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Dennoch scheint es nahezu unmöglich, dass alle 31 Mitglieder des Bündnisses – vielleicht sogar 32, wenn Schweden ein baldiger Beitritt gelingt – der Aufnahme Kiews zustimmen würden, solange der Krieg mit Russland andauert. In den Augen von Prystajko handelt es sich dabei allerdings nur um Ausreden. Schließlich sei die Sorge, Moskau mit einem ukrainischen Nato-Beitritt zu provozieren, inzwischen hinfällig.
„Die Ukrainer nutzen diese Gelegenheit“, sagte der Botschafter. Veraltete Argumente zu verwenden, um eine sich abzeichnende Mitgliedschaft zu verweigern, sei schlichtweg „dumm“.
Zuletzt lud Stoltenberg Selenskyj zum kommenden Nato-Gipfel in Litauen ein. Der Nato-Gipfel wird am 11. und 12. Juli in Litauens Hauptstadt organisiert. Unklar blieb zunächst, ob Selenskyj tatsächlich kommen wird. (nak)