Kriegs-Analyse

Ukraine könnte „das Blatt im Herbst wenden“ – oder ist „Russland militärisch nicht zu schlagen“?

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Könnte sich das Blatt für die Ukraine im Krieg bald wenden? Selenskyj spricht von Rückeroberungen – doch sei Russland laut einem deutschen Politiker militärisch nicht zu schlagen.
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Die Ukraine meldet seit einigen Tagen zunehmend Rückeroberungen ukrainischer Gebiete. Könnte sich das Blatt im Krieg bald wenden? Der Linke Gysi zweifelt daran.

Charkiw – Wann ist der Ukraine-Krieg endlich vorbei? Diese Frage wird mit Blick auf die verheerenden Folgen, die der russische Angriffskrieg nach sich zieht, immer drängender. Unzählige Menschen haben im Laufe der Kämpfe bereits ihr Leben verloren und auch in Deutschland zeigen sich die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs in der folgenreichen Energiekrise. Doch wecken die aktuellen Entwicklungen im Krieg einen Hoffnungsschimmer. Die ukrainische Armee spricht immer häufiger von Rückeroberungen ihrer Gebiete und ein Militärexperte ist der Meinung, dass sich „das Blatt im Herbst wenden“ könnte. Es gibt aber auch Gegenstimmen aus der deutschen Politik.

News aus dem Ukraine-Krieg: Selenskyj bestätigt Rückeroberungen der Stadt Balaklija in Charkiw

Am Donnerstagabend, 8. September 2022, konnte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj endlich die Rückeroberung der Kreisstadt Balaklija im Gebiet Charkiw im Osten des Landes bestätigen. Die Kleinstadt war seit Anfang März von russischen Truppen besetzt gewesen. Als Beleg für die Rückeroberung veröffentlichte Selenskyj ein Video, das laut dem Handelsblatt mutmaßlich auf dem Rathaus gedreht wurde. Darin jubilierte der Präsident: „Alles ist so, wie es sein soll. Die ukrainische Flagge weht über einer befreiten ukrainischen Stadt unter ukrainischem Himmel!“

Nicht-verifizierte Videos im Internet zeigen zudem Passanten, die ukrainischen Soldaten zuwinken und diese unter Tränen umarmen. Dem US-Militärexperten Michael Kofman zufolge sei die russische Militärführung von der Attacke bei Balaklija offenbar überrascht worden. „Die russischen Kräfte waren zu weit verteilt“, folgert Kofman auf Twitter. Dem kann Präsident Wladimir Putin nicht zustimmen: Laut der von Russland eingesetzten Verwaltung für die eroberten Gebiete um Charkiw seien Balaklija und der Ort Schewtschenkowe weiterhin unter russischer Kontrolle. Diese Angaben ließen sich jedoch nicht unabhängig prüfen.

Ukraine-Krieg: Teile von Charkiw und Cherson sind wieder in ukrainischer Hand

Die mutmaßliche Rückeroberung der Stadt Balaklija ist aber nicht der einzige Erfolg, den die Ukraine in letzter Zeit verzeichnen konnte. Bei ihrer anderen Gegenoffensive im südlichen Gebiet Cherson meldete Kiew bereits Ende August, dass ukrainische Truppen die ersten russischen Frontlinien in dem Gebiet durchbrochen hätten, woraufhin erste russische Einheiten sich wohl zurückgezogen haben.

Dem Militärexperten Carlo Masala nach zu urteilen, sei die Bedeutung der Kämpfe im Süden der Ukraine extrem hoch einzuschätzen. „Wenn die Ukraine Cherson zurückerobern sollte, würde sie die Russen zurück über den Dnjepr schicken. Russland könnte dann keine Landbrücke zwischen dem Osten und dem Süden bis runter zur Krim schaffen. Gleichzeitig würde die Eroberung von Odessa fast völlig unmöglich werden“, erkärt Masala laut n-tv. Für Russland käme dies einer „massiven Niederlage“ gleich.

Ukrainisches Militär im Einsatz: Streitkräfte rücken in Cherson vor

Tatsächlich berichtete die ukrainische Militärführung in aktuellen Bestandsaufnahmen, dass die eigenen Streitkräfte schrittweise in der Oblast Cherson vorrückten und russische Nachschublinien, Kommando- und Kontrollpunkte sowie Munitionsdepots in der gesamten Region angriffen. Das berichtete Zeit Online.

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Angaben des stellvertretenden Leiters der ukrainischen Hauptoperationsabteilung, Olexij Hromow, zufolge sind die ukrainischen Streitkräfte in Richtung des Gebiets Cherson zwischen zwei und mehreren Dutzend Kilometern vorgerückt. Das ukrainische Einsatzkommando Süd erklärte zudem laut Zeit Online, dass die Armee in der Nacht zum Donnerstag, 8. September 2022, zwei russische Pontonbrücken getroffen hätte.

Selenskyj verkündet: Seit September habe sein Militär über 1000 Quadratmeter zurückerobert

Präsident Selenskyj zufolge habe sein Militär seit Anfang September im Osten der Ukraine mehr als 1.000 Quadratmeter zurückerobert. Laut dem Brigadegeneral Olexij Hromow seien die ukrainischen Truppen insgesamt bis zu 50 Kilometer tief in die von Russland besetzten Gebiete eingedrungen. „Im Rahmen laufender Verteidigungsoperationen haben unsere Helden bereits Dutzende von Siedlungen befreit“, sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft laut dem Handelsblatt und versprach: Die Ukraine ist und wird frei sein.“

Tatsächlich gehen auch Beobachter des „Institute for the Study of War“ (ISW) davon aus, dass es in den kommenden Tagen abgesehen von der Stadt Balaklija noch weitere Rückeroberungen im östlichen Charkiw geben könnte. So sei das ukrainische Militär schon bis auf 15 Kilometer an die Stadt Kupjansk herangerückt. Diese gilt laut Zeit Online als wichtiger Nachschubknotenpunkt für die russischen Besatzer – und könnte dem ISW zufolge bereits in einigen Tagen von den Ukrainern eingenommen werden.

Russen verfallen in Panik – wegen schnellem Vorrücken der Ukrainer

Schenkt man dem „Institute for the Study of War“ Glauben, löst das relativ schnelle Vorrücken der ukrainischen Armee bei den Russen in den angrenzenden Gebieten Panik aus. Die Besatzungsverwaltung von Charkiw ordnete laut Zeit Online bereits die Evakuierung von Frauen und Kindern in Kupjansk an.

Darüber hinaus hat das russische Verteidigungsministerium wohl gerade Schwierigkeiten, auf die plötzlichen und unerwarteten Erfolge vonseiten der Ukraine zu reagieren. Laut dem ISW beruhe die Informationsausgabe innerhalb von Russland darauf, die „Spezialoperation“ in der Ukraine als fehlerfreien Erfolg darzustellen. Die aktuellen Rückeroberungen in Charkiw und Cherson lassen an dieser Sichtweise jedoch zweifeln – und erschüttern ISW zufolge das Vertrauen in die russische Führung in einem Maße, wie es seit der gescheiterten russischen Flussüberquerung im Mai nicht mehr der Fall war.

Militärexperte behauptet: Ukraine könnte Gegenoffensiven nutzen, „um das Blatt im Herbst zu wenden“

Der Militärexperte Gustav Gressel zweifelt außerdem inzwischen an der Kampfkraft russischer Truppen. Bei der Einschätzung bezieht er sich auf vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlichte russische Verlustdaten. Wie der Tagesspiegel berichtet, sind bereits mehr als 50.000 russische Soldaten kampfunfähig – also verwundet oder tot. Darüber hinaus seien fast 2100 Panzer, 1200 Artilleriegeschütze, 300 Mehrfachraketenwerfer, mehr als 4500 gepanzerte Kampffahrzeuge und an die 900 Drohnen inzwischen zerstört worden.

Auf Twitter schreibt Gressel: „Die russische Militärstärke beruht auf der Übermacht an schweren Waffen, nicht an Soldaten“ und fährt fort: „Sollte die Ukraine diesen Vorteil mit den Gegenoffensiven nutzen können, bereiten sie damit die Basis vor, um das Blatt im Herbst zu wenden.“

US-Airbase in Ramstein: Das „Gesicht des Krieges“ ändert sich – Deutschland und USA unterstützen Ukraine

Auch der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sagte auf der US-Airbase in Ramstein, dass sich das „Gesicht des Krieges“ gerade ändere – „und damit auch der Auftrag dieser Kontaktgruppe“. Deswegen müssten die USA und ihre Verbündeten ihre „Verteidigungsindustrie wiederbeleben“, forderte Austin laut der Deutschen Welle bei dem Treffen von Verteidigungsministern und hochrangigen Militärs aus 50 Ländern.

Es ginge darum, „sowohl den Prioritäten der Ukraine als auch unseren eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden“. Die Ukraine soll also mit noch mehr westlichem Kriegsgerät ausgestattet werden. Die USA und Deutschland sagten dem Land in Ramstein bereits ihre Hilfe zu.

News aus dem Ukraine-Krieg – Linker Gysi meint: „Militärisch ist Russland nicht zu schlagen“

All diesen positiven Aussichten und der Unterstützung aus dem Westen zum Trotz gibt es aus Deutschland auch kritische – und vor allem negative – Ausblicke auf den Erfolg der Ukraine. „Militärisch ist Russland nicht zu schlagen, es sei denn, wir machen den dritten Weltkrieg. Und den können wir uns nicht leisten“, äußerte der Linkenpolitiker Gregor Gysi in einem Gespräch mit dem Spiegel.

Ihm zufolge könne die Ukraine den Krieg nicht gewinnen und die russischen Streitkräfte würden unterschätzt. „Was man machen kann, ist, dass ein dauerhafter Krieg stattfindet“, statuiert Gysi laut dem Spiegel. Dabei werde Russlands Präsident Wladimir Putin womöglich feststellen, dass er nicht gewinnen könne. „Ich will aber keinen jahrelangen Krieg“, schließt der Linkenpolitiker.

Tatsächlich haben die Ukrainer zwar schon rund 1000 Quadratkilometer im Osten der Ukraine seit Anfang September zurückerobert – doch halten russische Truppen nach früheren Angaben etwa 125.000 Quadratkilometer in der Ukraine besetzt, wie das Handelsblatt berichtet. Das ist rund ein Fünftel des Staatsgebietes, einschließlich der Halbinsel Krim. Die Ukraine scheint sich also auf dem richtigen Weg zu befinden – von einer kompletten Rückeroberung kann aber noch keine Rede sein.

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