VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die Angriffe intensivieren sich, der Westen reagiert: In den Überresten nordkoreanischer Raketen stecken westliche Komponenten. China scheint involviert zu sein.
Moskau – „Soweit ich mich erinnern kann, kann ich nicht glauben, dass das nordkoreanische Militär jemals über ein solches Gefechtslabor verfügt hat, wie es die Russen ihnen in der Ukraine zur Verfügung stellen“, sagte Charles Flynn im April gegenüber dem Nachrichtenportal Bloomberg. Laut dem kommandierenden General der US Army Pacific böte der Ukraine-Krieg dem Diktator Kim Jong-un eine „seltene Gelegenheit“, seine Waffen auf Gefechtstauglichkeit zu testen. Wie der US-Nachrichtensender CNN jetzt berichtet, sei das nur möglich aufgrund westlicher Komponenten, die aktuell erneut in nordkoreanischen KN-23-Raketen-Trümmern in der Ukraine gefunden worden seien.
„Wir sehen, dass Russland seit dem Frühjahr viel mehr ballistische Raketen und Kampfdrohnen einsetzt, um die Ukraine anzugreifen. Und weniger Marschflugkörper“, sagte Jurij Ignat gegenüber CNN. Der Kommunikationschef der ukrainischen Luftwaffe sieht in diesen technisch minderwertigen Raketen den schlagenden Beweis für Nordkoreas massive Unterstützung des Ukraine-Krieges abseits der asiatischen Truppen von mehr als 10.000 Mann, die in der Region Kursk kämpfen. CNN zitiert eine ukrainische offizielle Quelle, nach der unter den fast 200 in diesem Jahr auf die Ukraine abgefeuerten ballistischen Raketen „etwa 60 nordkoreanische KN-32-Raketen“ gewesen wären.
Ukraine unter Feuer: Zuletzt soll der Beschuss mit ballistischen Raketen besonders stark gewesen sein
Im August und September soll der Beschuss mit ballistischen Raketen besonders stark gewesen sein, wie die Ukraine vermeldet habe. Klar ist, dass das unmöglich gewesen wäre ohne die Hilfe des Westens. Wie die in der Ukraine angesiedelte Unabhängige Antikorruptionskommission veröffentlicht hat, enthielten die nordkoreanischen ballistischen Raketen KN-23/24, die im September nach Luftabwehr-Beschuss in Trümmern bei Poltawa vom Himmel gefallen seien, „ Mikroelektronik, die von Unternehmen aus den USA, der Schweiz, Großbritannien und den Niederlanden hergestellt wurde“, wie die Kommission schreibt.
„Etwa die Hälfte der nordkoreanischen Raketen verlor ihre programmierte Flugbahn und explodierte in der Luft; in solchen Fällen wurden die Trümmer nicht geborgen.“
Die meisten mikroelektronischen Komponenten hätten laut den Analysen die Markierungen US-amerikanischer Unternehmen getragen und wären zwischen 2021 und 2023 hergestellt worden. Keine überraschende Erkenntnis. Wie die Nachrichtenagentur Reuters bereits im Mai dieses Jahres berichtete, hatten bereits Anfang des Jahres Trümmerteile nordkoreanischer Raketen diese unangenehme Wahrheit erbracht. Reuters zufolge wollte man zu der Zeit anhand von 21 untersuchten aus insgesamt 50 zwischen Dezember 2023 bis Februar 2024 abgefeuerten Raketen nordkoreanischen Ursprungs einschätzen, wie ernst die Bedrohung durch die Kooperation zwischen Moskau und Pjöngjang zu nehmen sei.
Möglicherweise habe die Ukraine die Gefahr unterschätzt, wie Reuters berichtet. „In bislang nicht veröffentlichten Einzelheiten einer laufenden Untersuchung zu den Raketen erklärte das Büro des ukrainischen Generalstaatsanwalts Andrij Kostin gegenüber Reuters zudem, dass die Ausfallrate der nordkoreanischen Waffen hoch zu sein scheine.“ Schriftlich habe sich Kostins Büro gegenüber Reuters explizit geäußert: „Etwa die Hälfte der nordkoreanischen Raketen verlor ihre programmierte Flugbahn und explodierte in der Luft; in solchen Fällen wurden die Trümmer nicht geborgen.“
Bedrohliche Männer-Freundschaft: Als „Achse der Autokraten“ gilt die Kooperation zwischen Putin und Kim
Als „Achse der Autokraten“ bezeichnet Olena Tregub die Kooperation zwischen Wladimir Putin und Kim Jong-un. Die Analystin des Thintank Atlantic Council kritisiert aktuell, dass die Sanktionen des Westens gegenüber den beiden Staaten ins Leere liefen beziehungsweise die beiden Länder von ihren Reserven zehrten – oder aber, dass westliche Politiker den falschen Fokus setzten: „Während die Politiker in den westlichen Hauptstädten nach einer angemessenen Antwort auf das erwartete Auftauchen nordkoreanischer Soldaten in Europa suchen, stellt diese technologische Abhängigkeit eine offensichtliche Schwachstelle dar“, wie sie schreibt.
Würde die Lieferung von Komponenten drastisch reduziert werden, müssten Putin und seine Verbündeten die Massenproduktion von Raketen und Drohnen deutlich drosseln, und die Front würde austrocknen. Zehn Punkte hat Daniel Salisbury formuliert, um genau das zu erreichen. An erster Stelle setzt der Analyst des britischen Thinktank Royal British Services Institute (RUSI) die Exportkontrollen im Westen. Salisbury zielt vorrangig auf Exportkontrollen Richtung Russland und China, aber ebenso auf die Staaten, die mit Nordkorea bilaterale Beziehungen pflegen – die finden sich vornehmlich in Afrika; allerdings ist auch Indien ein starker Handelspartner des Regimes in Pjöngjang.
Starlink-Desaster: Die Nutzung der Satelliten-Empfänger zeigt, wie Sanktionen ins Leere laufen können
Beispielsweise hatte auch die neuerliche Nutzung von Starlink-Empfängern durch Russland gezeigt, dass Sanktionen ins Leere laufen, wenn sich beispielsweise Privatleute online die frei verfügbaren Empfänger kauften, dann nach Russland schleusten und sie dort für militärische Zwecke umfunktionierten. In einem globalen Handelsgeflecht sind Schlupflöcher leicht zu nutzen. Zumal Salisbury ebenfalls empfiehlt, aufgrund der neuerdings dynamischen Aktivitäten Nordkoreas ein schärferes Auge auf dessen Außenposten zu werfen. Salisbury erkennt beispielsweise als ein Ergebnis von westlichen Sanktionen, dass Pjöngjang einige seiner weltweiten Vertretungen schließt; beispielsweise in Hongkong.
Salisbury vermutet, dass Pjöngjang dadurch entweder verstärkten Beobachtungen durch westliche Geheimdienste ausweichen wolle, oder eine Umgehung westlicher Sanktionen via Internet suche. Natürlich empfiehlt Salisbury auch multilaterale diplomatische wie politische Anstrengungen in Richtung China. Das scheint aus zweierlei Gründen lohnenswert; des einen argwöhnt China inzwischen in Richtung Nordkorea ob dessen neuer Aufmüpfigkeit gegenüber Direktiven der Zurückhaltung aus Peking; des anderen stammen tatsächlich einige elektronische Komponenten aus dem Reich der Mitte.
Entweder sind sie westlichen Ursprungs und lediglich von dort geliefert worden, oder sie sind chinesische Nachbauten. Die Nichtregierungsorganisation Conflict Armament Research (CAR) hatte in einem Bericht von Anfang dieses Jahres klargestellt, dass in nordkoreanischen Raketentrümmern in der Ukraine zu zwei Dritteln Bauteile aus US-amerikanischer Produktion stammen würden. Wie CNN berichtet, fehlte auch den Waffenverfolgungsexperten eine heiße Spur, wie genau die Komponenten nach Nordkorea gelangten. Aber alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass China der wahrscheinliche Überbringer sei, zitiert CNN die Experten, darunter Damian Spleeters.
„Wir konnten einige dieser Komponenten erfolgreich zurückverfolgen, und die letzten bekannten Besitzer sind chinesische Unternehmen“, sagte der stellvertretende Leiter der CAR-Abteilung, die sich um die unabhängige Dokumentation umgeleiteter Waffen kümmert. Ihm zufolge beweise das, dass chinesische Unternehmen die Komponenten von Herstellern und einer Reihe von Zwischenhändlern kauften.
Kaum Zweifel: Einige elektronische Komponenten könnten tatsächlich in China hergestellt sein
Auch die ukrainische Unabhängige Antikorruptionskommission ist sich lediglich nahezu sicher, dass einige der elektronischen Komponenten tatsächlich gefälscht und in China hergestellt sein könnten, sagt deren Analystin Victoria Vyshnivska laut C.NN. Lediglich ein Hersteller habe der Nichregierungsorganisation beweisen können, dass eine in einer nordkoreanischen Rakete gefundene elektronische Komponente von geringem Wert eine Fälschung gewesen sei.
Nordkorea – Kim Jong-uns abgeschottete Diktatur




Die Ziele der beiden Potentaten Putin und Kim sind ambitioniert und beinhalten laut deren Mitte dieses Jahres geschlossenen Kontrakt „gegenseitigen Beistand im Falle einer Aggression gegen eine der Parteien dieses Vertrags“. Die Nordkoreaner seien „insbesondere daran interessiert, neue, fortschrittliche Systeme zu entwickeln und von der russischen Raketentechnologie zu profitieren“, sagt dazu Wolfgang Richter. Den Analysten des Thinktank Austrian Institute für Security Policy zitiert die Deutsche Welle dahingehend, dass Nordkorea wahrscheinlich zweigleisig operiere.
Richter zufolge sei Kim Jong-un daran gelegen, „seine Vorräte nicht völlig zugunsten Russlands aufzubrauchen; denn man wolle für einen Konflikt auf der koreanischen Halbinsel gewappnet bleiben“, wie er gegenüber der Deutschen Welle prophezeit. Möglicherweise bestünde die aktuelle Kooperation aus zwei künftigen militärischen Habenichtsen, und die aktuellen Offensivbemühungen zielten darauf ab, das zu vertuschen und ein schnelles Ende der Kampfhandlungen zu provozieren, wie Richter nahelegt. „Auch die Koreaner müssen das Gleichgewicht wahren, denn auch ihr Angebot ist nicht unendlich.“ (KaHin)
