VonLinus Prienschließen
CNN konnte in Kiew russische Kriegsgefangene interviewen. Diese waren entsetzt darüber, was die russische Armee für einen Krieg führt.
Kiew - Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat die Ukraine 600 russische Kriegsgefangene in Gewahrsam. Diese wurden im eskalierten Ukraine-Konflikt auch öffentlich gezeigt. Eine Praxis, die unter der Berücksichtigung der Genfer Konventionen äußerst fraglich ist. Diese schreiben vor, dass Kriegsgefangene nicht überflüssigerweise bloßgestellt werden dürfen. Man kann nicht ausschließen, dass die russischen Kriegsgefangenen unter Druck standen, pro-ukrainische Meinungen wiederzugeben.
Ukraine-Krieg: Kriegsgefangene äußern sich zu Putins Krieg
CNN konnte mit russischen Kampfjetpiloten sprechen, die sich in ukrainischem Gewahrsam befanden. Diese versicherten CNN, nicht unter Druck gestanden zu haben, sich Ukraine-freundlich äußern zu müssen. Während der Interviewsituation waren nur die Journalisten des amerikanischen Fernsehsenders, die russischen Kriegsgefangenen und ukrainisches Sicherheitspersonal anwesend. Das Sicherheitspersonal griff zu keinem Zeitpunkt ein. Die russischen Soldaten trugen keine Handschellen und bewegten sich nicht von ihren Stühlen. Auch die Journalisten von CNN gingen im Nachhinein nicht davon aus, dass die russischen Soldaten zu ihren Aussagen gezwungen wurden.
Die Schilderungen der russischen Kriegsgefangenen bestätigen die Berichte von schlechter Moral in den russischen Reihen und die Vermutung, dass russische Soldaten unter falschen Vorwänden in den Krieg entsendet wurden. Ein Kampfjetpilot sagte, er hätte nur einen Tag vor der Invasion, einen „geheimen Kampfbefehl“ erhalten. Zu Wladimir Putins Kriegsvorwand der „Entnazifizierung der Ukraine“ sagten die russischen Soldaten, dieser sei eine Erfindung des russischen Präsidenten gewesen. Die Welt könne diese nicht verstehen. Putin und sein enger Kreis bräuchten diese Lügen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Ein Kampfpilot sagte: „Wir haben keine ‚Nazis‘ gesehen. Russen und Ukrainer können in der gleichen Sprache kommunizieren, wir können das Gute in den Menschen sehen.“
Bei einer anderen Befragung sagte ein russischer Aufklärungsoffizier, die russische Regierung hätten ihm den Auftrag gegeben, die ukrainische Zivilbevölkerung zu befreien. Er wandte sich an alle russischen Soldaten und rief sie dazu auf, ihre Waffen niederzulegen.
Ukraine-Krieg: Russische Kriegsgefangenen sind empört über Putins Krieg
Einer der Kampfjetpiloten äußerte sich zum Bombardement der Kinderklinik in Mariupol: „Es ist die perverseste Form des Neonazismus, Neo-Faschismus. Wer kommt auf sowas?“ Sie hatten erfahren, was in Mariupol geschehen war: „Man kann diese Dinge nicht verzeihen.“ Seine Truppe würde diese Angriffe nicht wollen, sagte einer der Piloten. Ein Dritter fügte hinzu, dass es nicht ihre Entscheidung sei, wo oder was sie bombardieren, es seien Befehle.
Was für einen Ausgang des Krieges sich die Piloten wünschten, sagten sie nicht im Interview. Sie hätten jedoch Angst vor der Zukunft. Die Beziehungen zur Ukraine wiederherzustellen werde Jahrzehnte oder noch länger dauern. Solange werden sie alle gleich beurteilt werden. Ein Soldat sagte: „Ich wünschte, ich könnte im Boden versinken.“
Ukraine-Krieg: Psychologe schätzt Äußerungen von Kriegsgefangenen ein
Der Psychiater Neil Greenberg ordnete die Aussagen der russischen Kriegsgefangenen im Interview mit CNN ein. Die Genfer Konventionen schreiben vor, dass Kriegsgefangene nur ihren Namen, ihren Dienstgrad, ihr Geburtsdatum und ihre militärische Identifikationsnummer angeben müssen. Dass die russischen Soldaten darüber hinaus mit der Presse gesprochen haben, sei bemerkenswert. Entweder, so der Experte, wäre Druck auf die Soldaten ausgeübt worden, damit sie sich entsprechend äußerten oder sie seien derartig beklemmt gewesen, dass sie freiwillig ihre eigene Meinung preisgaben. (lp)
