„Anhaltend und organisiert“

Ukrainischer Widerstand in besetzten Gebieten wächst - Militärexperte fürchtet „Eskalationsspirale“

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Im Ukraine-Krieg konnte Russland große Gebiete und Städte im Süden der Ukraine besetzten. Die Einwohner leisten allerdings entschlossen Widerstand.

München - Vor genau drei Monaten erteilte der russische Machthaber Wladimir Putin den Befehl für die Invasion der Ukraine. Aktuell versuchen russische Truppen im Osten des Landes, wo Moskau die pro-russischen sogenannten „Volksrepubliken Donezk und Luhansk“ anerkannte, vorzustoßen. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Das ukrainische Militär leistet währenddessen erbitterten Widerstand.

Der Widerstand beschränkt sich aber nicht nur auf die Frontlinie im Osten. Zu Beginn des Ukraine-Konflikts erzielte das russische Militär schnelle Erfolge vor allem im Süden bzw. Südwesten des Nachbarlandes unmittelbar im Norden der seit 2014 illegal annektierten Halbinsel Krim. In diesen besetzten Gebieten nehmen jetzt Partisanenangriffe und Widerstand gegen die Besatzer zu. Experten befürchten eine Spirale der Eskalation.

Ukraine-Russland-News: Ukrainer leisten Widerstand in besetzten Gebieten - Angriffe auf Putin-Beamte und Soldaten

Kurz nach dem Beginn der Invasion fielen weite Teile der ukrainischen Südküste in die Hände des russischen Militärs. Die Einwohner von Städten wie Cherson oder Melitopol etwa wehrten sich zu Beginn noch mit Demonstrationen gegen die Kontrolle von Russland. Allerdings gingen russische Streitkräfte mit aller Härte gegen die Massen vor. „Die Menschen von Cherson haben sich entschlossen, einen leisen Widerstand zu leisten“, betonte Inna Zelena, eine lokale ukrainische Beamtin, gegenüber der Financial Times. So lege man gelbe und blaue Schleifen an verschiedenen Orten ab oder verteilte Flugblätter gegen russische Besatzer.

Dieser „leise Widerstand“ wird nun jedoch zunehmend lauter. In den besetzten Regionen wird eine Zunahme von Partisanenangriffen gegen von Russland eingestellte Beamte sowie russische Truppen gemeldet. Das letzte große Beispiel: Ein Angriff auf den von Moskau ernannten Bürgermeister der Stadt Enerhodar, Andrej Schevtschik. Nach einem Bericht der russischen Staatsagentur Tass wurde am Eingang des Wohnhauses von Schevtschik eine improvisierte Sprengladung platziert. Bei der Explosion wurden der Bürgermeister und seine zwei Leibwächter verletzt, wie eine weitere russische Staatsagentur Ria Nowosti mitteilte.

In der vergangenen Woche meldeten ukrainische Behörden außerdem einen Angriff auf einen russischen Panzerzug in der besetzten Stadt Melitopol. Der Zug habe russische Truppen transportiert und sei mithilfe von Sprengstoff angegriffen worden, wobei die Schienen beschädigt worden seien, schrieb der Berater des ukrainischen Innenministeriums, Anton Geraschenko, auf Twitter. Es gebe auch Verluste unter den russischen Truppen. Der Angriff sei unter anderem von „Partisanen“ durchgeführt worden, betonte der ukrainische Bürgermeister von Melitopol, Iwan Federow. Die Militäradministration Saporischschja behauptete auf Telegram zudem einen Angriff auf russische Soldaten in Melitopol. Man habe „hochrangige russische Offiziere getötet“.

Ukrainische Soldaten einer Aufklärungseinheit. Der Widerstand in den durch Russland besetzten gebieten wächst.

Ukraine-Russland-News: Ex-Nato-General sieht „Macht des kleinen Mannes“ - Stratege erwartet Aufstandsbewegung

Die ukrainischen Angaben zu diesem Partisanen-Krieg können zwar nicht unabhängig verifiziert werden. Allerdings gehen Experten davon aus, dass die Ukraine tatsächlich effektiv Widerstand leistet. Die US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ etwa sieht Anzeichen eines „anhaltenden und organisierten ukrainischen Widerstands in besetzten Gebieten“. Mit Blick darauf sprach der Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) von der „Macht des kleinen Mannes gegenüber einer Weltmacht“. Einwohner würden kleine Nadelstiche setzen und die russische Kampfmoral beschädigen.

Dies führt ohne Zweifel zu der Frage, ob es russischen Truppen unter ständigen Nadelstichen und somit einer ständig bedrohlichen Lage gelingen wird, die besetzten Gebiete auch tatsächlich über längere Zeit zu halten. Militärstratege Markus Reisner vom Österreichischen Bundesheer rechnet an dieser Stelle mit „umfangreichen Aufstandsbewegungen“. Vor allem dann, wenn Russland die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht befriedigen kann, hält er dieses Szenario für möglich. „Wenn Russland die Versorgung nicht sicherstellen kann oder systematische Übergriffe und Terror zunehmen, bietet das den Nährboden für weitere und ausgedehnte Aufstände“, so Reisner gegenüber dem RND.

Ukraine-Russland-News: Militärstratege warnt vor „Eskalationsspirale“ in besetzten Gebieten

Der Militärstratege warnte auch vor einer „Eskalationsspirale“. Reisner erklärte, infolge eines schnellen Zulaufs der Widerstandsbewegung würden russische Truppen versuchen, die Widerstandszellen aufzulösen. Die Toten während der Übergriffe würden schließlich den Hass gegen die russischen Besatzer ankurbeln und zu einem noch schnelleren Zulauf führen. Dabei sieht Reisner das Hauptproblem Russlands schon bald in einer „harten Besatzung“. Ihm zufolge wird sich dies als schwierig erweisen: „Zu einem solchen Besatzungsregime ist Russland aber langfristig nicht fähig, weil jeder Konvoi, jeder Kontrollpunkt, jeder Stützpunkt in den besetzten Gebieten zur Zielscheibe wird.“

Das ukrainische Militär plant indes schon eine Großoffensive im Süden des Landes, um die besetzten Gebiete wieder unter die Kontrolle der Ukraine zu bringen. „Es wird keine Volksrepublik Cherson geben“ stellte Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, klar, nachdem ein Putin-Vertreter Pläne zur Annektierung von Cherson offenbarte. Man werde Cherson so bald wie möglich „mit aller Härte befreien“ und hierfür so viele russische Soldaten ausschalten wie möglich, zitierte die ukrainische Nachrichtenagentur Unian Podoljak. (bb)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire | Daniel Ceng Shou-Yi

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