Lediglich ein „Parade-Beispiel“? Fachjournalisten halten einen bodengestützten Killer-Roboter wie den Uran-9 aktuell eher rein für Propaganda-Zwecke tauglich. (Archivfoto)
Die Ukraine entsendet bewaffnete Roboter, da es an Soldaten fehlt. Die neuartige Waffe, „Pernach" genannt, soll den Ansturm russischer Truppen stoppen.
Kiew – „Zerstört mehr als 100 Besatzers monatlich“ – die Botschaft des Videos ist eindeutig. Anfang September hatte das Portal Business Insider zuletzt über ein Maschinengewehr berichtet, das die Ukraine im Kampf gegen Wladimir Putins Invasionsarmee einsetzt und wie ein Ballerspiel über eine Konsole gesteuert wird. Die Waffe war in einem Post auf X präsentiert worden. Wie das Verteidigungsministerium der Ukraine berichtet, haben dessen Streitkräfte jetzt einen weiteren Typ dieser Waffe zertifiziert und zum Einsatz in der Truppe freigegeben. Vor rund zehn Jahren hatte der Thinktank „The Foreign Military Studies Office“ (FMSO) noch darüber berichtet, dass solche Waffen häufig in Garagen zusammengebaut und von Terroristen für Hinterhalte genutzt würden.
Letzte Chance der Ukraine: Ferngesteuerte Waffen, damit feindliche Kämpfer effektiv bekämpft werden
Wie die ukrainische Plattform Unided24 ergänzt, sei der Geschützturm des Pernach außerdem mit einer Wärmebildkamera und Weitwinkelkameras zur Zielortung ausgestattet und könne bis zu einer Entfernung von etwas mehr als fünf Kilometern feuern. „Das Modul kann mit verschiedenen Waffen ausgestattet werden, darunter automatische Granatwerfer, Panzerabwehrraketensysteme, Maschinengewehre und andere Schusswaffen. Diese Vielseitigkeit macht es sowohl gegen Boden- als auch gegen Luftziele wirksam“, berichtet RBC.
„Ich denke, die Militärs wollen Systeme mit den Truppen auf den Weg schicken, wie Hunde, oder Maultiere oder andere Dinge in der Vergangenheit, die den Soldaten halfen, ihre Mission zu erfüllen.“
Über die Innovationen der neuen Waffe bleiben die Angaben aus. Fraglich ist auch der Hintergrund der Typenvielfalt. Die Anfang September vorgestellte Waffe trägt den Namen ShaBlya und ähnelt dem Pernach frappierend. Ende vergangenen Jahres hat das Technik-Portal technology.org berichtet, dass Ukrainer der 118. Separaten Territorialverteidigungsbrigade in der Region Tscherkassy einen ferngesteuerten Ständer für ein altes sowjetisches Maschinengewehr entwickelt und das System „Tarantul“ genannt hätten. „Diese Waffe verdient ihren Spinnennamen aufgrund ihrer langen schlanken Beine, die mit langen Metallpfählen am Boden befestigt werden müssen, damit die Waffe nicht umkippt“, schrieb das Portal.
ShaBlya thront noch auf vier Beinen, Pernach inzwischen auf einem soliden Dreibein. Tatsächlich ist in den ersten Bildern erkennbar, dass die Elektronik, Sensorik und Haptik der drei unterschiedlichen Modelle zum neueren Datum hin ausgefeilter wirken und insofern offenbar über einen relativ kurzen Zeitraum hinweg die individuellen Generationen einer ferngesteuerten Waffe darstellen. Anhand des Beispiels des ShaBlya-Kampfmoduls hatte das Magazin Defense Express geschrieben, sein Hauptzweck bestünde darin, die Aufklärungsbemühungen zu verbessern, indem Ziele auf dem Schlachtfeld schnell erkannt und feindliche Kämpfer effektiv bekämpft werden.
Russland im Hintertreffen: Uran-9-Roboter hatte die Generalprobe krachend verpatzt
Taktisch gesehen böten sie eine stabile, präzise Schussplattform; und ohne die Gefahr, beschossen zu werden, könnten ferngesteuerte Schützen ihre Schüsse berechnender absetzen, schrieb das Magazin Forbes vor einigen Jahren, als im Mittleren Osten solche Waffen für Attentate verwandt wurden. Allerdings ziehen diese Maschinengewehre oder Maschinenkanonen inzwischen zahlreicher auf die Schlachtfelder, wie das Magazin Army Recognition im September berichtet hat: „Eine ferngesteuerte Waffenstation (RCWS) oder Remote Weapon Station (RWS), auch bekannt als Remote Weapon System (RWS), ist ein ferngesteuertes Waffensystem, das oft mit einem Feuerleitsystem für leichte und mittelkalibrige Waffen ausgestattet ist und auf Boden- und Kettenkampffahrzeugen sowie taktischen Leichtfahrzeugen und Lastwagen installiert werden kann.“
Forbes hatte sich in seinem Bericht über die häufigere Nutzung von ferngesteuerten automatischen Maschinenkanonen bezogen auf den Bericht des Thinktank The Foreign Military Studies Office (FMSO) für die US-Armee aus dem Jahr 2016. Darin berichteten die Autoren Robert J. Bunker und Alma Keshavarz über russische Experimente von ferngesteuerten Maschinengewehr-Türmen, die aus einer Entfernung von 50 Kilometern hätten gesteuert werden können – also von Schiffen aus genauso wie von Kommando-Fahrzeugen in sicherer Entfernung zum Gefechtsgeschehen. Russland hat beispielsweise das ferngesteuerte Maschinengewehr-Fahrzeug Uran-9 entwickelt. Die beiden US-Autoren hatten zwar 2016 geschrieben, das Fahrzeug sei längst keine improvisierte fahrbare Schusswaffe mehr wie dessen Vorgänger, sondern bereits die Vorstufe zu einem unbemannten Panzer.
Allerdings scheint das Fahrzeug seine Generalprobe im Syrien-Konflikt so krachend verpatzt zu haben, dass der Uran-9 im aktuellen Kriegsgeschehen keine Rolle spielt, wie das Portal Soldat & Technik eingangs des Ukraine-Kriegs prophezeit hat. Selbst das ferngesteuerte Uran-6 Kampfmittelräumfahrzeugs scheint im aktuellen Krieg keine Verwendung zu finden, wie das Magazin beobachtet hat. Russland hat offenbar in der Rüstungs-Robotik ziemlichen Nachholbedarf– einen Grund dafür könnten fehlende technische Komponenten darstellen.
Wachstumsmotor Ukraine-Krieg: Auf symmetrischen Gefechtsfeldern Zwang zur Automatisierung
Laut dem in den USA ansässigen Marktforschungsunternehmen Fact.MR soll das globale Marktvolumen von derzeit fast neun Milliarden Euro bis zum Jahr 2033 auf rund 28 Milliarden Euro hochgeschnellt sein. Die Unternehmensberater gehen davon aus, dass vor allem in asymmetrischen Gefechtssituationen ferngesteuerte Waffen einen Boom erleben – hier wird klar die Aufstandsbekämpfung in Schwellenländern als Wachstumsmotor angeführt; wobei die Kosten für die Automatisierung dort aufgrund von teuren Sensoren dem Bericht zufolge immer noch den Einsatz von Soldaten günstiger erscheinen lassen. Auf symmetrischen Gefechtsfeldern wiederum scheint beinahe ein Zwang zur Automatisierung zu herrschen.
The Armed Forces of Ukraine have begun deploying remote turrets controlled via a Steam Deck. pic.twitter.com/Lhq6RmppPW
Fact.MR führt den Schutz von eigenen Bodentruppen als Hauptgrund an für den zügigen Austausch bisheriger Waffenanlagen durch automatisierte Systeme. „Mit einem Anteil von 40 Prozent leisten die Bodentruppen weiterhin den größten Beitrag zum Marktwachstum“, schreibt Fact.MR. „Wir haben die Situation, dass die Ukraine gerade versucht, händeringend noch einmal 160.000 Mann zu mobilisieren“, hat vor kurzem Markus Reisner gesagt. Der Oberst des österreichischen Bundesheeres hatte im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Lagebeurteilung abgeben; die fiel desaströs aus.
Aufgrund der Verluste: „Die Zeit für den Killerroboter-Krieg in der Ukraine ist gekommen.“
„Die Zeit für den Killerroboter-Krieg in der Ukraine ist gekommen“, schrieb zeitgleich Autorin Jess Daly für United24. Ihr zufolge habe sich der ukrainische Rüstungssektor gegenüber dem Westen emanzipiert und die Produktion von Robotern angeschoben, um die Wartezeit auf westliche Waffenlieferungen zu nutzen. Daher hatte die ukrainische Regierung für 2024 fast 1,4 Milliarden Euro für den Kauf, die Produktion und die Entwicklung von Waffen im Inland bereitgestellt – das 20-fache dessen, was vor der Invasion Russlands investiert worden war – ein Großteil der Investitionen soll in stationäre sowie fahrbare Kampfroboter geflossen sein.
Ronald Arkin ist Professor an der Georgia Tech Hochschule in Atlanta und forscht zu autonomen Waffensystemen. Entscheidend ist für ihn die dienende Funktion, die solche Roboter einnehmen sollen, wie der Deutschlandfunk berichtet: „Ich denke, die Militärs wollen Systeme mit den Truppen auf den Weg schicken, wie Hunde, oder Maultiere oder andere Dinge in der Vergangenheit, die den Soldaten halfen, ihre Mission zu erfüllen.“