Experten uneins über Bedrohung

Ukraine-Triumph: Putins Oreschnik-Rakete schon 2023 zerstört?

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Die Verteidiger melden, dass sie Putins neue Vorzeige-Rakete bezwingen könnten – der NATO also Sicherheit verschaffen. Wenn Trump unterstützen wollte.

Kiew – „Wir können kurz und bündig sagen, dass einer der drei Oreschniks erfolgreich auf russischem Territorium bei Kapustin Jar zerstört wurde …“, sagt Vasyl Maliuk. So zitiert Reuters den Chef des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU (Sluschba bespeky Ukrajiny). Laut der Nachrichtenagentur hätten die Verteidiger im Ukraine-Krieg Wladimir Putins großspurig angekündigten Schrecken der Welt schon frühzeitig in die Schranken verwiesen – 2023 sei die Operation erfolgreich verlaufen. Also rund ein Jahr nach Kriegsausbruch; und lange, bevor Putin eine Attrappe dieser Waffe auf die Ukraine losgelassen hat.

Momentaufnahme aus dem August: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (links) spricht, während der französische Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump zuhören. Eines der drängendsten Themen der überfallenen Nation: Nachrüstung mit Tomahawk-Marschflugkörpern. Die Bekanntgabe des Erfolgs gegen russische Oreschnik-Raketen mag dazu dienen, Trump auf die Seite der Ukraine zu ziehen (Archivfoto).

Putin von Panik befallen? Russland weitet mit neuen Waffensystemen Angriffsfähigkeiten aus

Putin sei von Panik befallen, hat Wolodymyr Selenskyj Ende 2024 geäußert. Der ukrainische Präsident beantwortete damit die Raketen-Offensive auf die Ukraine mit der für die Welt neuartigen Waffe. Wie Reuters berichtete, hätte der russische Präsident in einer Fernsehansprache gesagt, Moskau habe eine ukrainische Militäreinrichtung mit einer neuen hyperschallschnellen Mittelstreckenrakete namens 9M729-„Oreschnik“ (zu Deutsch etwa: Hasel/Haselnussstrauch) angegriffen und gewarnt, dass weitere Raketen dieses Typs folgen könnten. Reuters zufolge wolle er Zivilisten künftig vor solchen Angriffen warnen. Die Rakete sei mit Übungssprengköpfen versehen gewesen, da keine Explosionen nach dem Aufschlag erfolgt seien. Neben der Ukraine habe Putin offenbar auch die NATO ins Bild setzen wollen, wozu Russland technisch fähig sei.

Gegenüber dem Sender Suspilne behauptete der ukrainische Präsident daraufhin, Russland würde die Ukraine als Übungsgelände nutzen und für seinen aggressiven Imperialismus ständig nach neuen Waffensystemen suchen. „Und wie ängstlich er ist! So ängstlich, dass er bereits neue Raketen einsetzt. Und er sucht weltweit nach weiteren Waffenquellen: im Iran, in Nordkorea. Heute wurde eine neue russische Rakete vorgestellt. Alle Eigenschaften – Geschwindigkeit, Flughöhe – entsprechen denen einer Interkontinentalrakete“, sagte der Präsident laut dem Sender. Der mit der Interkontinentalrakete Oreschnik durchgeführte Angriff hat definitiv eine neue Dimension russischer Angriffsfähigkeiten verdeutlicht – aber wird das der NATO gefährlich? Experten streiten.

„Er sagte gegenüber Reuters, Kiew unterstütze Trumps Friedensvorschläge und Russland müsse maximalem Druck ausgesetzt werden, um es zum Frieden zu bewegen. Die Stärkung der ukrainischen Feuerkraft auf große Entfernungen würde Moskau dazu bewegen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.“

Tom Balmforth, Reuters

Die Ukrainska Prawda mutmaßt, die Rakete sei abgefeuert worden vom Testgelände Kapustin Jar im russischen Bezirk Astrachan. Bis zum Ziel Dnipro hat die Rakete also 1000 Kilometer zurückgelegt. Sie könnte vom dortigen Standort aus mindestens das rund 3800 Kilometer entfernte Paris erreichen oder fast sogar das rund 5500 Kilometer entfernte Lissabon. Kapustin Jar liegt im Verwaltungsbezirk Astrachan beziehungsweise Wolgograd und teilweise auf dem Territorium von Kasachstan – das russische Raketentestgelände ist von Kiew ungefähr 800 Kilometer Luftlinie entfernt. Die von der Ukraine jetzt veröffentlichten Angaben habe Reuters keiner objektiven Prüfung unterziehen können, teilt die Nachrichtenagentur mit. Aber die Ukraine hätte damit erneut ihre Fähigkeiten zu Schlägen über lange Distanzen hinweg bewiesen.

Comeback der Atomwaffen-Tests: die nukleare Bedrohung kehrt zurück

Atompilz der nuklearen Explosion bei einem Test am 24. Juni 1957 in Nevada
Sie ist der Schrecken der Moderne und galt lange Zeit als die größte Bedrohung für das Überleben der Menschheit: die Atombombe. Ihre Erfindung nahm ihren Anfang mit der Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann im Jahr 1938. Der erste Test einer Atomwaffe fand am 16. Juli 1946 im US-Bundesstaat New Mexico statt. Dieses Foto zeigt den ikonografischen Atompilz der nuklearen Explosion bei einem Test am 24. Juni 1957 in Nevada. © dpa
Als Vater der Atombombe gilt Dr. J. Robert Oppenheimer.
Als Vater der Atombombe gilt Dr. J. Robert Oppenheimer. Der Atomphysiker leitete das „Manhattan Project“, in dem unter höchster Geheimhaltung ein nuklearer Sprengkörper entwickelt werden sollte. Nach dem ersten erfolgreichen Test war Oppenheimer die Tragweite seiner Erfindung offenbar schnell bewusst. Das machte der Wissenschaftler mit einem aus der Bhagavad Gita, einer heiligen Schrift im Hinduismus, entliehenen Zitat deutlich: „Ich bin zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ © Imago
Die erste jemals gezündete Kernwaffe trug den Code-Namen „The Gadget“
Die erste jemals gezündete Kernwaffe trug den Code-Namen „The Gadget“ und war Teil des „Trinity Tests“, der unter Leitung Oppenheimers am 16. Juli 1945 durchgeführt wurde. In diesem Bild posiert der Atomphysiker Norris Edwin Bradbury einen Tag zuvor, am 15. Juli 1945, mit der im Bau befindlichen Bombe. Die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte hatte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT.  © Imago
Die Druckwelle der ersten Atombombe in der Menschheitsgeschichte war über 160 Kilometer zu spüren.
Die Druckwelle der ersten Atombombe in der Menschheitsgeschichte war über 160 Kilometer zu spüren. Die Pilzwolke erreichte eine Höhe von etwa zwölf Kilometern. Aufgrund der enormen Hitze, die durch die Atomexplosion freigesetzt wurde, schmolz der Sand in der Umgebung zu grünlichem Glas, das auch als Trinitit bezeichnet wird. Es folgen zahlreiche weitere Tests, darunter dieser am 1. März 1954 auf dem Bikini Atoll im Pazifischen Ozean. © Imago
Die Aufnahme zeigt die Explosion der ersten Atombombe im Rahmen des Trinity-Tests am 16. Juli 1945.
Die Aufnahme zeigt die Explosion der ersten Atombombe im Rahmen des Trinity-Tests am 16. Juli 1945. © Imago
Diese Aufnahme zeigt die Explosion einer Kernwaffe mit der Sprengkraft von 61 Kilotonnen am 4. Juni 1953 in Nevada.
In den Folgejahren testeten die USA munter weiter. Die Sprengkraft der Atombomben wurde dabei sukzessive erhöht. Diese Aufnahme zeigt die Explosion einer Kernwaffe mit der Sprengkraft von 61 Kilotonnen am 4. Juni 1953 in Nevada. © Imago
Soldaten zu Versuchszwecken in der unmittelbaren Nähe von Atomtests
Zu Beginn der Atomwaffenforschung in den USA ignorierte die damalige Militärführung die Gefahren, die durch die radioaktive Strahlung für Menschen in der Umgebung der Explosion entstand. Stattdessen schickte man tausende Soldaten zu Versuchszwecken in die unmittelbare Nähe der Atomtests, wie hier im Jahr 1951 im US-Bundesstaat Nevada. Die größtenteils jungen Soldaten wurden angewiesen, während der Tests die Augen mit Händen oder Ellbogen zu schützen. © imago
Abwurf einer Atombombe auf Nagasaki
Im Zweiten Weltkrieg kam es zum ersten und bislang einzigen Einsatz von Atomwaffen. Am 6. August bombardierten die USA zuerst die japanische Stadt Hiroshima mit einer Kernwaffe. Am 9. August folgte der zweite Abwurf einer Atombombe auf Nagasaki (im Bild). Den Befehl zum Abwurf gab der damalige US-Präsident Harry S. Truman. Sechs Tage nach der Bombardierung von Nagasaki gab Kaiser Hirohito die Kapitulation Japans bekannt. © Imago
Die erste Atombombe (im Bild), die jemals zum Einsatz kam und über Hiroshima detonierte, trug den Codenamen „Little Boy“
Die erste Atombombe (im Bild), die jemals zum Einsatz kam und über Hiroshima detonierte, trug den Codenamen „Little Boy“. Den Sprengkörper, der kurz darauf Nagasaki zerstörte, taufte die US-Luftwaffe auf den Namen „Fat Man“. Die Militärführung der USA wählte die Großstadt Hiroshima als erstes Ziel, weil diese von Luftangriffen bis dahin verschont geblieben war. Die Auswirkungen einer Atombombe konnten so besser eingeschätzt werden. © Imago
Frau, die mit ihrem Kind auf dem Rücken durch die Trümmer des zerstörten Nagasakis läuft.
Die Folgen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren verheerend. Die Explosionen töteten laut Schätzungen etwa 100.000 Menschen sofort. An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen. In den Folgejahren starben weitere Menschen an durch die nukleare Strahlung ausgelösten Krankheiten. Japan gibt die Gesamtzahl der Todesopfer mit etwa 540.000 an. Im Bild zu sehen ist eine Frau, die mit ihrem Kind auf dem Rücken durch die Trümmer des zerstörten Nagasakis läuft. © Imago
Friedensdenkmal von Hiroshima
An den Einschlag der Atombombe in Hiroshima erinnert noch heute das dortige Friedensdenkmal. Untergebracht ist es einem 1915 erbauten Haus, das infolge der Explosion vollständig ausbrannte. Wegen des geringen Abstands von 140 Metern zum Einschlagsort der Atombombe blieben viele Gebäudestrukturen erhalten, darunter auch die charakteristische Stützkonstruktion des Kuppeldachs. © Imago
Sasaki-Denkmal
In unmittelbarer Nähe des Friedensmuseums befindet sich das Friedensdenkmal der Kinder. Es erinnert an die Schülerin Sadako Sasaki, die zur weltweit bekanntesten Hibakusha (Überlebende der Atombombenabwürfe) wurde. Sie wurde 1943 geboren, blieb zunächst unverletzt, erkrankte aber zehn Jahre später an Leukämie. Sie starb am 25. Oktober 1955 im Alter von 12 Jahren. Die von ihr gefalteten Origami-Kraniche sind zu einem Symbol der internationalen Friedensbewegung und des Widerstands gegen den Atomkrieg geworden. © Imago
Ein Bild vom 6. August 1945 zeigt das vollständig zerstörte Hiroshima und verdeutlich so die Wirkung der Atombombe.
Ein Bild vom 6. August 1945 zeigt das vollständig zerstörte Hiroshima und verdeutlicht so die Wirkung der Atombombe. © Imago
Die erste Wasserstoffbombe in der Geschichte der Menschheit
Am 31. Oktober 1952 gelang den USA der nächste Durchbruch bei der Erforschung von Massenvernichtungswaffen. Unter dem Codenamen „Ivy Mike“ wurde die erste Wasserstoffbombe in der Geschichte der Menschheit über dem Pazifik gezündet. Die Bombe setzte eine Energie von mehr als 10 Megatonnen TNT-Äquivalent frei, was der 800-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe entsprach. © Imago
Am 29. August 1949 führte die UdSSR einen erfolgreichen Atombombentest durch
Die USA sind bis heute die einzige Nation, die je eine Atomwaffe in einem Krieg eingesetzt hat. Sie sind aber nicht das einzige Land, das nukleare Bomben im Arsenal hat. Am 29. August 1949 führte die UdSSR einen erfolgreichen Atombombentest durch (im Bild) – und leitete damit einen nuklearen Rüstungswettlauf mit den USA ein, der die Beziehungen beider Länder die nächsten 50 Jahre bestimmen sollte. © Imago
Rakete des Typs Topol-M
Heute soll Russland über mehr als 5400 Atomsprengköpfe verfügen. Bei den jährlich stattfindenden Militärparaden in Moskau präsentiert das Land unter Machthaber Wladimir Putin immer wieder voller Stolz seine atomar bestückbaren Langstreckenraketen, so geschehen im Jahr 2010, als eine Rakete des Typs Topol-M über den roten Platz rollte. © dpa
Aufnahme zeigt einen Atomwaffentest, den die Royal Air Force am 8. November 1957 im Pazifik nahe der Weihnachtsinsel durchführte.
Am 2. Oktober 1952 wurde Großbritannien als dritte Nation der Welt zur Atommacht. Diese Aufnahme zeigt einen Atomwaffentest, den die Royal Air Force am 8. November 1957 im Pazifik nahe der Weihnachtsinsel durchführte. © Imago
Erster erfolgreicher Atomwaffentest Frankreichs nahe der Stadt Reggane in Algerien
Am 13. Februar 1960 folgte Frankreich. Die „Grande Nation“ unternahm ihren ersten erfolgreichen Atomwaffentest nahe der Stadt Reggane, die sich in Algerien befindet und von Wüste umgeben ist. Insgesamt 17 nukleare Sprengkörper zündete die französische Armee dort zu Testzwecken in den Folgejahren, davon vier oberirdisch. © Imago
die Überbleibsel der französischen Militärbasis auf einer der unbewohnten Inseln des Atolls.
Es folgten zahlreiche weitere französische Atomwaffentests, der Großteil auf dem Moruroa-Atoll im Süd-Pazifik. Von 1966 bis 1995 sollen dort insgesamt 179 Kernwaffen gezündet worden sein. Im Bild zu sehen sind die Überbleibsel der französischen Militärbasis auf einer der unbewohnten Inseln des Atolls. © AFP
Jacques Chirac, hier bei einem Treffen mit Wladimir Putin am 30. Mai 2008 in Paris
Frankreichs Präsident Jacques Chirac, hier bei einem Treffen mit Wladimir Putin am 30. Mai 2008 in Paris, geriet infolge der Atomwaffentests in den 1990er Jahren in die Kritik. Es dauerte bis ins Jahr 2008, ehe Frankreich die negativen Auswirkungen der jahrelangen Atomwaffentests auf das Mururoa-Atoll anerkannte und sich bereit erklärte, Entschädigungen für das militärische Personal und betroffene Zivilisten zu übernehmen. © AFP
chinesische Arbeiter, die über den erfolgreichen Atomwaffen-Test in der autonomen Region Xinjiang jubeln.
Am 16. Oktober 1964 wurde die Volksrepublik China Mitglied im erlauchten Kreis der Atommächte. Mithilfe von sowjetischer Technik gelang es den Wissenschaftlern der sozialistischen Diktatur, 15 Jahre nach ihrer Gründung eine eigene Kernwaffe zu entwickeln. Auf dem Bild zu sehen sind chinesische Arbeiter, die über den erfolgreichen Atomwaffen-Test in der autonomen Region Xinjiang jubeln. © Imago
indische Soldaten, die an einem Militärmanöver teilnehmen, bei dem es auch zur Zündung einer Nuklerwaffe kam.
Indien gilt seit 1974 offiziell als Atommacht. Im Bild zu sehen sind indische Soldaten, die an einem Militärmanöver teilnehmen, bei dem es auch zur Zündung einer Nuklearwaffe kam. © Imago
Atrappe der pakistanischen Atombombe
Im Jahr 1976 begann daraufhin das Atomwaffentestprogramm in Pakistan. Der erste erfolgreiche Atomwaffentest Pakistans erfolgte aber erst 1998. Seitdem gilt auch das mit Indien verfeindete Nachbarland offiziell als Atommacht. Beide Staaten streiten bis heute über die Grenzregion Kaschmir. Bei einer dortigen Demonstration im Jahr 2002 trugen Teilnehmer eine Attrappe der pakistanischen Atombombe durch die Straßen. © AFP
israelische F-15-Kampfjets
Israel gilt seit 1985 als faktische Atommacht. Offiziell ist das Nuklear-Programm des Landes aber bis heute nicht. Das Atomwaffenarsenal des Landes wird auf bis zu 200 Sprengköpfe geschätzt. Abgefeuert werden können diese unter anderem von israelischen F-15-Kampfjets (im Bild) und U-Booten der Dolphin-Klasse. © Imago
m Jahr 2005 verkündete Nordkorea, eigene Kernwaffen entwickelt zu haben.
Im Jahr 2005 verkündete Nordkorea, eigene Kernwaffen entwickelt zu haben. International traf diese Behauptung zunächst auf Skepsis. Doch kurz darauf schienen seismische Messungen die Angaben zu bestätigen. Im Jahr 2009 sollen weitere erfolgreiche Tests unternommen worden sein. Zweifelsfrei bestätigt ist das Atomwaffenprogramm Nordkoreas bis heute aber nicht. Zeitgleich entwickelte Nordkorea unter der Führung von Kim Jong-un Trägerraketen mit hoher Reichweite (im Bild). © Imago
Uran-Anreicherungsanlage in Natanz, Iran
Auch der Iran betreibt seit Jahren atomare Forschung. Laut dem Mullah-Regime geht es dabei aber nur um die zivile Nutzung der Kernenergie. Sowohl Israel als auch die mit ihm verbündeten USA bezweifeln dies und gehen davon aus, dass der Iran in Uran-Anreicherungsanlagen wir hier in Natanz auch an der Entwicklung von waffenfähigem Plutonium forscht. © Imago

Putins neue Oreschnik-Rakete bald vor der NATO-Ostflanke stationiert?

Auf jeden Fall verdeutliche der Start der Oreschnik beziehungsweise die Realisierung einer solchen Waffe „die neue Verwundbarkeit des Westens“, wie die französische Tageszeitung Le Monde nach dem russischen Raketenüberfall geschrieben hat. Deren Autoren Chloé Hoorman und Elise Vincent berichteten von Putins Drohung, Russland könne Oreschnik-Raketen bis Mitte 2025 in Belarus stationieren; Grundlage sei ein Vertrag, der am 6. Dezember 2024 mit Minsk unterzeichnet worden war. „Am 19. Dezember, während seiner traditionellen Jahresendpressekonferenz, forderte Putin sogar ein ‚technologisches Duell‘ zwischen seiner Oreschnik-Rakete und westlichen Verteidigungssystemen“, so Le Monde. Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu jetzt berichtet, habe der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko Ende September bestätigt, dass sich Oreschniks auf dem Weg zur Stationierung befänden.

Laut Reuters sollen die Raketen im Dezember in Belarus stehen. Mit der jetzt veröffentlichten Mitteilung der Ukraine habe sich das Land offenbar schon sehr frühzeitig aus der Schockstarre ob der neuen Bedrohung gelöst – mit selbstverständlich anderen Methoden, als der Westen dazu in der Lage wäre – mit militärischer Gewalt. Zudem behaupten die Le-Monde-Autoren Hoorman und Vincent, dass der Westen von der Waffe ohnehin überrascht worden sei, weil sie offenbar im Schatten zu den offiziell zum russischen Arsenal zählenden Waffen entwickelt worden war. „Die Entwicklung von Mittelstreckenraketen war zudem bis 2019 verboten, als Moskau und Washington aus dem INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty, also: Vertrag über nukleare Mittelstreckenwaffen) austraten, der seit dem Kalten Krieg das Wettrüsten in Europa beenden sollte“, so Le Monde.

Wie der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) bereits parallel zur Unterzeichnung der Kooperation der beiden Verbündeten geschrieben hat, könnte die Oreschnik zum Zankapfel zwischen Lukaschenko und Putin werden. Angesichts dessen hat sich Maria Tril sogar getraut zu behaupten, „Putins Raketenpräsentation stellt eine Fortsetzung psychologischer Kriegstaktiken dar, keine bedeutende militärische Eskalation“, wie sie in der Euromaidan Press mit Bezug auf die ISW-Analyse schreibt. Die ISW-Analysten gehen kritisch um mit Russlands technischen Möglichkeiten eines Raketenangriffs. Sie bewerten beispielsweise ein Interview des russischen Außenministers Sergej Lawrow mit US-Journalisten nach dem November-Angriff als Versuch „Russlands Bereitschaft darzustellen, mit allen Mitteln eine strategische Niederlage Russlands durch den Westen zu verhindern“, so das ISW.

Russlands Militärbasen sind im Ukraine-Krieg zunehmend verwundbar

Neben den Fehlversuchen mit der Oreschnik, die wohl auch Tote auf dem Testgelände gefordert hatten, legt die Veröffentlichung des erfolgreichen ukrainischen Angriffs auch die Verwundbarkeit der russischen Raketenbasen offen. Russland liegt mit seinen vorgeschobenen Silos, vor allem in Belarus, in Reichweite der ukrainischen Abwehr. Und jeden Tag werden die ukrainischen Marschflugkörper technisch ausgereifter. Möglicherweise wird auch der belarussische Präsident aufmüpfiger – vor allem, je länger die Ukraine ihrem Widersacher Wladimir Putin zu widerstehen imstande ist. Wie das ISW über den Vertragsabschluss beider Verbündeter berichtet, wolle Lukaschenko die Hoheit über den Einsatz der auf seinem Territorium stationierten Raketen behalten, selbst wenn die von russischem Personal bedient würden.

„Vermutlich um die Souveränität von Belarus innerhalb des Unionsstaates zu sichern und seine Verhandlungsposition gegen eine weitere Integration in den Unionsstaat zu stärken“ so das ISW. Dessen Analysten gehen davon aus, dass Russland generell zu viel Budenzauber um die Oreschnik-Rakete gemacht habe – das ISW rechnet damit, dass die ständige öffentliche Zurschaustellung der Waffe tatsächlich eher Effekthascherei geschuldet sei, als der Kommunikation von tatsächlichen Tiefschlag-Fähigkeiten, die Russland vorher gefehlt hätten. Dafür, so das ISW verfügte das russische Regime auch und vor allem in Kaliningrad über bekannte Waffen, die die NATO sowie die Ukraine schon länger bedrohen und zudem teilweise sogar bereits im Ukraine-Krieg auf ihre Fronttauglichkeit getestet worden seien: atomwaffenfähige Iskander-Raketen, Kinschal-Hyperschallraketen und atomwaffenfähige Ch-101-Marschflugkörper, so das ISW.

Ukraine holt Oreschnik vom Himmel: Druck auf Trump wächst Tomahawk-Raketen zu liefern

Allerdings kartet die Ukraine weiter nach – ihr scheint schon ein Dorn im Auge zu sein, dass Russland die 9M729-Oreschnik überhaupt zur Verfügung hat; ungeachtet deren Anzahl oder Fronttauglichkeit, wie Reuters über Äußerungen Andrii Sybihas berichtet: „Der Einsatz der vom INF verbotenen 9M729 durch Russland gegen die Ukraine in den vergangenen Monaten beweist Putins Missachtung der Vereinigten Staaten und der diplomatischen Bemühungen von Präsident Trump, den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu beenden“, wie der ukrainische Außenminister schriftlich niedergelegt haben soll. Anders als das ISW beurteilen verschiedene Analysten die Gefahr durch die Oreschnik für die europäische Sicherheit als absolut gegeben.

Allerdings lässt Reuters durchblicken, dass die Ukraine mit ihrer Ankündigung über den Oreschnik-Abschuss Druck ausüben will auf US-Präsident Donald Trump: Der Fokus liege nach wie vor auf der Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern, wie Autor Tom Balmforth die Äußerungen Sybihas interpretiert. „Er sagte gegenüber Reuters, Kiew unterstütze Trumps Friedensvorschläge und Russland müsse maximalem Druck ausgesetzt werden, um es zum Frieden zu bewegen. Die Stärkung der ukrainischen Feuerkraft auf große Entfernungen würde Moskau dazu bewegen, den Krieg in der Ukraine zu beenden.“ (Quellen: Institute for the Study of War“, Reuters, Anadolu, Suspilne, Ukrainska Prawda, Le Monde, Euromaidan Press) (hz)

Rubriklistenbild: © Andrew Caballero-Reynolds/AFP

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