Krieg und Zerstörung in Gaza: Babys „zu schwach, um zu schreien“
VonMaria Sterkl
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In Gaza bahnt sich eine Hungerepidemie an. Selbst in Kreisen des Militärs Israels steigt die Nervosität. Hunger als Waffe einzusetzen, ist Kriegsverbrechen.
Gaza – Der humanitären Helferin ist die Verzweiflung anzuhören, ihre Stimme zittert. „Nennt es nicht Krise, es ist längst keine Krise mehr. Es ist der Kollaps.“ Bushra Khalidi von der Organisation Oxfam schildert drastische Szenen aus Gaza: Babys, die „zu schwach sind, um zu schreien“. Eltern, die Gras kochen, die Schildkröten aus Kloaken fischen, um ihre Kinder zu ernähren.
„Das sind keine symbolischen Bilder“, sagt Khalidi. „Das ist der Alltag.“ Gaza steht am Beginn einer Hungerepidemie. Seit fast elf Wochen lässt Israel keine Nahrung, keine Hilfsgüter in den Gazastreifen hinein. Während in Tel Aviv jeden Tag Tonnen an unverdorbenen Lebensmitteln im Müll landen, leben nur 70 Kilometer entfernt Familien von einem Teller Reis pro Tag.
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„Menschengemachte Katastrophe“ im Gazastreifen: Hilfsgüter stauen sich an den Grenzübergängen
Anders als in anderen Weltregionen, die von Hunger betroffen sind, liegt es hier nicht an Ernteausfällen, Dürren oder Misswirtschaft. „Das ist eine menschengemachte Katastrophe, eine vermeidbare Katastrophe“, sagt Amande Bazerolle von Ärzte ohne Grenzen, die bis vor kurzem in Gaza stationiert war. Vor diesem Krieg war Mangelernährung in Gaza ein Randphänomen. Jetzt gebe es niemanden, der nicht von der Nahrungsknappheit betroffen sei, sagt Bazerolle. „Selbst, wenn man sich Essen leisten kann, findet man es einfach nicht“, erzählt die Französin. „Meine Kollegen essen nur einmal am Tag.“
Vor den Grenzübergängen stauen sich die Vorräte an Hilfsgütern: Medikamente für die Kliniken, Treibstoff für die Stromgeneratoren der Krankenhäuser, tonnenweise Mehl und Reis. Die Teams humanitärer Helfer:innen warten in Gaza darauf, die Lieferungen zu übernehmen. Doch sie hängen an der Grenze fest, Israels Armee erlaubt die Einfuhr nicht. Die wenigen Vorräte, die es in Gaza noch gibt, werden zu Wucherpreisen verkauft: 350 Dollar für 25 Kilogramm Mehl – das sind 14 Dollar pro Kilo, dank Mengenrabatt.
Inzwischen schlagen nicht nur Hilfsorganisationen Alarm. Auch in Israels Militär steigt die Nervosität. Laut einem Bericht der New York Times haben Offiziere und Offizierinnen der Armee ihre Kommandanten vor der unmittelbar bevorstehenden Hungerepidemie gewarnt. Sollte die Blockade nicht sofort aufgehoben werden, seien die Folgen undenkbar.
Israel verwehrt Hilfsgüter für den Gazastreifen: Hunger als Waffe ist ein Kriegsverbrechen
Sie denken dabei auch an die möglichen rechtlichen Folgen. Hunger im Krieg als Waffe einzusetzen, ist ein Kriegsverbrechen. Der Internationale Gerichtshof verfolgt genau, auf welche Weise Israel seinen Verpflichtungen laut Völkerrecht nachkommt – oder eben nicht. Es geht dabei auch um individuelle Verantwortung der Offiziere und Offizierinnen vor Ort. Nachdem Haftbefehle gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Ex-Verteidigungsminister Joav Gallant verhängt wurden, fürchtet man solche Konsequenzen auch in den höheren Rängen der Armee.
Der Hunger im Gazastreifen ist aber nicht nur eine Folge der Blockade. Selbst wenn Israel die Grenzen für Hilfsgüter öffnet, bleiben die anderen Faktoren der Unterversorgung weiter bestehen, solange der Krieg nicht beendet wird und Israels Militär sich zurückzieht. Zwar gäbe es im Gazastreifen Land, um Nutzpflanzen anzubauen und Gewässer, um zu fischen – doch das Militär blockiert den Zugriff auf Agrarflächen und Fischereigebiete. Große Teile der fruchtbaren Flächen im Nordosten des Landes seien Teil der sogenannten Pufferzone, die Israels Armee errichtet hat, sagt Gavin Kelleher vom Norwegischen Flüchtlingsrat.
Keine Plünderungen während Hamas-Israel-Waffenruhe im Gazastreifen
Während Hilfsorganisationen darauf warten, dass Israel sie in Gaza ihren Job machen lässt, hat Israels Regierung längst andere Pläne. Anstatt wie bisher auf die Vereinten Nationen und Hilfs-NGOs zu setzen, will man die Hilfe in den Händen einer privaten Stiftung sehen. Das sei notwendig, um Plünderungen zu verhindern, argumentiert die Regierung. Gavin Kelleher hält das für einen Vorwand. Die Plünderungen seien eine Folge der Knappheit. „Während der Waffenruhe, als wir Hilfsgüter hereinbringen konnten, haben wir so gut wie keine Plünderungen gesehen.“
Was Israel, unterstützt von den USA, mit dem neuen Mechanismus bezwecke, sei vielmehr eine Militarisierung der Hilfe, die „das Problem nur noch verschlimmern würde“, meint Amande Bazerolle. „Das System der humanitären Hilfe war nie kaputt, also muss man es nicht reparieren.“ Die Medizinerin ruft die Staaten der EU auf: „Setzt Israel unter Druck, um diese Krise zu beenden.“