Union kritisiert Wadephul wegen Abschiebungen nach Syrien – Was sagen die Zahlen?
VonKatja Thorwarth
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Die CDU streitet öffentlich über die Frage, ob Menschen aus Syrien in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollen. Doch was sagt das Statistische Bundesamt?
Berlin/Wiesbaden – Während Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul (beide CDU) eine Debatte über die Abschiebung in Deutschland lebender Syrer führen, nimmt die Zahl der Schutzsuchenden deutlich ab. Wadephul hatte nach einer Syrien-Reise geäußert, dass angesichts der massiven Zerstörung kurzfristig keine große Zahl syrischer Geflüchteter dorthin zurückkehren könnte: „Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben“, sagte er.
Obwohl sich Merz hinter Wadephul stellte, ist die Diskussion weiter im Gange. „Selbstverständlich steht der Bundeskanzler hinter dem Außenminister“, betonte Regierungssprecher Stefan Kornelius bereits am Dienstag (6. November) in Berlin. Der Landesvorsitzende der Jungen Union Hessen, Lukas Brandscheid, hingegen äußerte Zweifel an Wadephuls Amtstauglichkeit. Der Außenminister falle wiederholt durch irritierende Äußerungen auf, erklärte Brandscheid dem Deutschlandfunk. Es könne kein Dauerzustand sein, dass der Kanzler ihn öffentlich korrigieren müsse.
JU-Chef Hessen zweifelt an Amtstauglichkeit von Wadephul
Doch vor welchem Hintergrund findet diese Debatte überhaupt statt? Tatsächlich hat seit dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 der Zuzug syrischer Staatsangehöriger nach Deutschland erheblich abgenommen. Ihre Zahl sank im laufenden Jahr um 46,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Ergebnisse der Wanderungsstatistik mitteilte. Demnach registrierten die Meldebehörden von Januar bis September 2025 rund 40.000 Zuzüge von Syrerinnen und Syrern. Im Vorjahreszeitraum seien es 74.600 gewesen.
Unter dem Strich kamen 2025 bisher 18.100 Menschen
Gleichzeitig kehrten mehr syrische Staatsangehörige in ihre Heimat zurück, die Zahl stieg um mehr als ein Drittel (plus 35,3 Prozent): Von Januar bis September 2025 wurden gut 21.800 Ausreisen von Syrerinnen und Syrern registriert, im Vorjahreszeitraum waren es gut 16.100. Die Nettozuwanderung, also Zuzüge abzüglich Fortzüge, sank von 58.500 Menschen zwischen Januar und September 2024 auf 18.100 im aktuellen Jahr.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Entsprechend verringerte sich die Zahl der Asylanträge um 67 Prozent: 2025 waren es bis Ende September 19.200, zum selben Zeitpunkt des Vorjahres 58.400. Menschen aus Syrien blieben damit allerdings die größte Gruppe (21,9 Prozent) unter jenen, die in Deutschland Asyl suchten.
Ein ähnliches Bild zeigen Zahlen für die Europäische Union, die bis Ende Juli vorliegen: Hier wurden der Mitteilung zufolge mit rund 26.200 knapp 69 Prozent weniger Asylanträge von Menschen aus Syrien gestellt. Syrien lag unter den Herkunftsländern Asylsuchender in der EU nur noch an dritter Stelle (7 Prozent) nach Venezuela (14 Prozent) und Afghanistan (9 Prozent). Mehr als die Hälfte (61 Prozent) der Anträge von Syrerinnen und Syrern in der EU wurden bis Ende Juli 2025 in Deutschland gestellt.
UN besorgt über Verschwinden von Menschen in Syrien
Derweil zeigt sich das UN-Menschenrechtsbüro besorgt über Entführungen und das Verschwinden von Menschen in Syrien. „Die Sicherheitslage ist immer noch instabil“, sagte Sprecher Thameen Al-Keetan in Genf. Seit Anfang des Jahres habe das Büro die Fälle von 97 Vermissten dokumentiert. Die wahre Zahl liege wahrscheinlich deutlich höher, aber viele Menschen hätten Angst, mit UN-Mitarbeitern zu sprechen.
In Syrien werden auch noch mehr als 100.000 Menschen vermisst, die während der Assad-Zeit verschwanden. Einige seien zu ihren Familien zurückgekehrt. Viele wüssten aber bis heute nicht, was mit ihren Angehörigen passiert sei: Syrien könne nur eine friedliche und sichere Zukunft haben, wenn alle Menschenrechtsverletzer zur Rechenschaft gezogen würden, ergänzte der Sprecher.
Umfrage: Mehrheit gegen Abschiebung von syrischen Geflüchteten aktuell
Eine aktuelle Umfrage zum Thema zeigt übrigens, dass die Mehrheit nicht mit der Haltung politischer Hardliner übereinstimmt. Laut dem ZDF-Politbarometer sind nur 15 Prozent der Befragten der Ansicht, dass nach Ende des Bürgerkriegs jetzt möglichst alle Geflüchteten schnell nach Syrien zurückkehren müssen. 44 Prozent finden, nur diejenigen ohne Arbeit, die hier keinen Job haben, sollten jetzt zurückkehren müssen. 37 Prozent meinen, es sollte mit der Entscheidung darüber noch gewartet werden, bis sich die Lebensverhältnisse in Syrien verbessert haben. (Quellen: dpa, AFP, Deutschlandfunk, eigene Recherche) (ktho)