Leinen los zum Kampfeinsatz: Murmansk und Severomorsk sind die Häfen der Nordflotte-Schiffe, wie die mit dem Hyperschall-Raketensystem Zircon bestückte Fregatte Admiral Gorshkov. Zwei massive Explosionen in der Nähe der Häfen beziehungsweise dazugehörigen Flugplätze lassen auf die Verwundbarkeit der sensiblen russischen Standorte schließen (Symbolfoto)
Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine sind in der Arktis zu spüren; möglicherweise durch Drohnen verursachte Explosionen nahe der Nordflotte.
Severomorsk – „Je nachdem, welche Waffen die Ukraine für den Angriff auf den Marinestützpunkt in der Arktis verwendet, könnte dies zu einer Eskalation des Krieges führen, insbesondere wenn es sich um Langstreckenwaffen handelt.“, schreibt Maya Mehrara. Die Autorin des Magazins Newsweek schießt mit dieser These ihren Bericht über Explosionen in der Arktis. Wladimir Putins Armee ist in der Region empfindlich, und die Ukraine hat bewiesen, dass sie ihn dort verwunden kann.
Laut Newsweek haben sich in der Nähe eines russischen Marinehafens zwei „gewaltige Explosionen“ ereignet. Daraufhin sei im Internet wild spekuliert worden, da der russische Nachrichtensender Agentstvo auf Telegram ein Video gepostet und die Ursache der Explosionen als fraglich deklariert hatte. „Einwohner der Städte Murmansk und Safonovo sowie der Stadt Severomorsk im Nordwesten Russlands berichteten, sie hätten die Wucht der Explosionen gespürt. Diese ereigneten sich in der Nähe des Hauptstützpunkts der russischen Nordflotte in Severomorsk sowie zweier Militärflughäfen“, schreibt Mehrara.
Langer Arm der Ukraine: Wladimir Putin kann sich in seinem eigenen Reich nicht mehr sicher fühlen
Erst im August hatte die Ukraine ihrem fast übermächtigen Gegner Russland bewiesen, wie lang ihr Arm werden könnte. Sie hatte Rache genommen für einen Bomber-Angriff im Mai dieses Jahres – geflogen hatten den Angriff drei Tu-95MS-Bomber vom Luftwaffenstützpunkt Olenya südlich von Murmansk. Drohnen der Ukraine sollen die fast 2000 Kilometer in den Norden Russlands zurückgelegt und den Flugplatz sowie einen strategischen TU-22M3-Bomber beschädigt haben; das berichtete die Ukrainska Prawda. Diktator Wladimir Putin kann sich mittlerweile in seinem eigenen Reich nicht mehr sicher fühlen – was jetzt möglicherweise erneut bewiesen worden ist.
„Russland ist nie so stark, wie es aussieht; Russland ist nie so schwach, wie es aussieht.“
„Es gibt keine veröffentlichten Informationen darüber, was innerhalb der Militärgrenzen südlich des Hauptquartiers der russischen Nordflotte explodierte“, schreibt Thomas Nilsen. Der Autor der norwegischen Online-Zeitung Barents Observer will aber erfahren haben, dass in den nördlichsten Wohnblöcken Murmansks Wände und Fenster gezittert hätten, wie er schrieb. Mit einem Anschlag hätte die Ukraine mitten ins Herz der russischen Macht getroffen – in Murmansk liegt die Nordflotte vor Anker. Für Russland hat dieser Kampfverband nach wie vor eine große strategische Bedeutung.
Einer ihrer wichtigsten Häfen ist nach wie vor Sapadnaja Liza nahe der norwegischen Grenze auf der Halbinsel Kola. Darüber hinaus ist die Barentssee eines der Meere rund um die Arktis, liegt im Norden Russlands und grenzt an viele wichtige Stützpunkte Moskaus. Die Arktis verfügt über riesige Öl- und Gasreserven. Der Klimawandel lässt das Eis in der Region schmelzen, eröffnet Möglichkeiten zur Nutzung fossiler Brennstoffe und bildet neue Seerouten zwischen den Kontinenten rund um den Nordpol. Wladimir Putin verstärkte die militärische Präsenz in der Arktis, bevor es im Februar 2022 seinen Feldzug in der Ukraine startete.
Russlands weiche Flanke: Explosion nahe Dutzender Militärobjekte, darunter der Flughafen Seweromorsk-1
Aufgrund der im Video gezeigten Daten habe Nilsen den Ort der Explosion lokalisiert, wie er schreibt. In dessen Nähe befänden sich „Dutzende Militärobjekte, darunter der Marineflughafen Seweromorsk-1 sowie Waffenlager und Bunker“. Ihm zufolge läge Severomorsk-1 13 Kilometer vom Standort der Videoaufzeichnung entfernt. Der Luftwaffenstützpunkt sei der zweitgrößte auf der Kola-Halbinsel und beherberge sowohl Kampfjets als auch Bomber und Seeüberwachungsflugzeuge. Auf dem Flugplatz sei ebenfalls eine Staffel von Ka-27-Hubschraubern stationiert. Daneben stünden in dem Raum sowohl Luftabwehr als auch Antennen für die Elektronische Kriegsführung.
Agentstvo säte auch Grund zur Spekulation, dass die Explosionen herrührten von Munition und die Ursache eigenes Verschulden der Russen gewesen sein könnte – dazu zog der Sender ein Zitat von Yan Matveyev heran; laut dem Analysten könnten die Explosionen entweder „bei der Beseitigung von Munition oder im Falle von Sabotage durch Minen“ aufgetreten sein, wie Newsweek berichtet.
Der Barents Observer konsultierte zu den Ursachen Tormod Kværna. Er habe keine seismischen Ereignisse registrieren können, sagt der Wissenschaftler, der für eine Forschungsstiftung in Norwegen seismische Kontrollen durchführt, um das Verbot von Nuklearversuchen durchzusetzen. Dagegen habe er Infraschallsignale aufgezeichnet, also Geräusche. Observer-Autor Nilsen wertet das als Indiz dafür, das die Explosionen in der Luft ausgelöst worden waren, anstatt am Boden. Möglicherweise haben die Russen etwas abgeschossen.
Putins Nordflotte: Für die Nato eine strategische Herausforderung
Zur Nordflotte sollen bald drei Luftwaffenstützpunkte auf der Kola-Halbinsel gehören. Neben den beiden bestehenden Severomorsk-1 und Severomorsk-3 bald auch Severomorsk-2, der einst aufgegeben worden war, aber seit diesem Jahr wieder aufgemöbelt werden soll – wahrscheinlich im Zuge des Ukraine-Krieges beziehungsweise für eine mögliche Auseinandersetzung mit der Nato. Die Flugplätze sollen zwischen zehn und 30 Kilometer vom Hafen der Nordflotte entfernt liegen. Auch in der Arktis gewinnt der beginnende neue Kalte Krieg hitziger zu werden, wie das Deutsche Arktisbüro am Alfred-Wegener-Institut Ende 2022 festgehalten hat. Die sieben westlichen Arktisstaaten hätten das Vertrauen in eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Russland verloren, schreibt Arktisbüro-Analyst Volker Rachold. Was bliebe, sei Abschreckung.
„Russland setzt vor allem auf die Nordflotte, die zur Abschreckung der Nato dient und im Ernstfall den Zugang zum Nordatlantik und zur nordeuropäischen Arktis sichern soll. Sie wird seit Jahren kontinuierlich ausgebaut. Dies stellt für die Nato laut ihrem strategischen Konzept von 2022 eine strategische Herausforderung dar“, schreibt Rachold. Auch im ewigen Eis werden die zwischenmenschlichen Beziehungen frostiger, wie Sina Behrend klarstellt: Ende 2022 hätten die Vereinigten Staaten entschieden, vier Milliarden Dollar zu investieren, „um für weitere zwölf Jahre eine Luftwaffenbasis auf Grönland zu betreiben“, wie die Analystin für das deutsche Reservistenmagazin die reserve festhält.
Mit zunehmender Erwärmung wachsen die Begehrlichkeiten auch eines anderen global players, woran sie erinnert: Für den Zutritt zum Konzert der klassischen Arktis-Akteure habe China 2018 eine Selbstdeklaration als „arktisnaher Staat“ veröffentlicht; aktuell jedoch geriert sich Wladimir Putin noch als unantastbarer Potentat im Norden.
Russlands arktische Kräfte: „Weiterhin eine glaubwürdige Zweitschlagsfähigkeit“
Und das durchaus mit Berechtigung, wie Colin Wall und Njord Wegge schreiben. Die Analysten des Thintanks Center for Strategic & International Studies (CSIS) haben festgestellt, dass sowohl russische Bodentruppen als auch Raketen aus Einheiten nahe der Arktis in den Ukraine-Krieg abkommandiert worden sind und dort erhebliche Verluste erlitten haben. Dennoch stützt Wladimir Putin seine Bedrohungs-Szenarien gegen die Nato auf seine Truppen aus dem Hohen Norden.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Bereits für die Biden-Regierung schien die Arktis von geringerer Bedeutung zu sein, möglicherweise wird sich der kommende US-PräsidentDonald Trump dieser Einschätzung anschließen, vermuten Wall und Wegge. Zudem beschreiben sie Putins militärische Macht in dieser Region generell als „Kriegsuntüchtigkeit“, vor allem aufgrund der Verluste durch den Ukraine-Krieg – eine infanteristische Bedrohung der arktischen Anrainerstaaten schließen sie daher aus. Weitestgehend zumindest, denn sie beenden ihre Analyse mit einer Weisheit, die von einigen seiner Zeitgenossen dem britischen Kriegs-Premierministers Winston Churchill zugeschrieben wird: „Russland ist nie so stark, wie es aussieht; Russland ist nie so schwach, wie es aussieht“.