Alles zu kurz und zu schwach: Kaum eine Alternative nach Trumps-Tomahawk-Trickserei
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Kommt der Taurus wieder in Frage? Auch die deutsche Waffe hilft wenig gegen die Ziele, die für die Ukraine zählen. Für Putin ein Triumph, dank Trump.
Washington D.C. – „Die Ukraine werde diese Waffen ,hoffentlich‘ gar nicht brauchen“, schreibt die Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) über den möglichen oder wahrscheinlichen Rückzieher von US-Präsident Donald Trump gegenüber seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj. Wladimir Putin dürfte sich die Hände reiben – nachdem möglich geworden zu sein schien, dass die USA Tomahawk-Marschflugkörper in den Ukraine-Krieg senden. Das scheint jetzt wieder vom Tisch gewischt. Im Gegenteil könnte die Überlegung seitens der US-Regierung ein wenig mehr Bedeutung gehabt haben, als eine diplomatische Finte gegenüber den NATO-Partnern zu sein.
Seine nächste Pleite: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich von Donald Trump die nächste Absage abgeholt. Die Ukraine bekommt keine Tomahawks – vorerst. Eine effektive Alternative fehlt ihm.
„Quellen zufolge, mit denen Kyiv Post gesprochen hat, will Trump damit den Druck sowohl auf Moskau als auch auf zögerliche westliche Partner erhöhen“, hat Alex Raufoglou für das Medium geschrieben – der Sonderkorrespondent in Washington, D.C. hatte diese Behauptung vor dem Treffen zwischen Trump und Selenskyj veröffentlicht und gewagt, den deutschen Taurus-Marschflugkörper wieder ins Gespräch zu bringen: „Trump verknüpft Tomahawk-Deal mit der Ukraine mit Lieferung deutscher Raketen“, so die Überschrift. Allerdings stehen die weiterhin nicht zur Debatte – wobei sie seit Anbeginn des Ukraine-Krieges ein Mittel der Wahl gewesen wären. Allerdings nimmt sich die Reichweite des Taurus gegenüber dem Tomahawk mit 500 Kilometern eher bescheiden aus.
Trump macht „Kehrt, marsch“: „Es könnte dazu führen, dass eine Menge Schlimmes passiert“
Darüber hinaus sind sich sowohl der ehemalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) sowie sein Nachfolger Friedrich Merz (CDU) einig, dass die Waffe an sich weniger Brisanz enthält als die Daten, aufgrund derer sie ihr Ziel erreicht. Würde Deutschland die Zielkoordinaten geliefert haben, hätte wohl Russland die Deutschen als Kriegspartei angesehen und entsprechend reagiert – was möglicherweise sogar zu einer NATO-Beistandsverpflichtung eskaliert wäre. Insofern hat die Ukraine in Deutschland mit diesem Thema auf Granit gebissen. Sollte Donald Trump nicht aufgrund mangelnder Impulskontrolle eine vorher angedrohte Entscheidung wieder kassiert haben, mögen ihn ähnliche Erwägungen umgetrieben haben: Die Ukraine trotz der Warnungen Putins mit Tomahawks zu beliefern, könne zu einer „großen Eskalation“ führen, so sein Wortlaut.
Zu diesem Zweck benötigt die Ukraine Raketen mit einem Sprengkopfgewicht von mindestens 400 bis 500 Kilogramm und einer Reichweite von mindestens 1.000 Kilometern. Zudem sollte die Produktionsrate dieser Raketen hoch genug sein – mindestens mehrere Dutzend pro Jahr.“
„Es könnte dazu führen, dass eine Menge Schlimmes passiert“, sagte Trump, wie ihn die AFP weiter zitiert. Kurz nach seinem Treffen mit Trump telefonierte Selenskyj nach Angaben aus ukrainischen Delegationskreisen zudem mit Verbündeten aus Europa, so die Nachrichtenagentur. Bundeskanzler Merz erklärte auf X, Selenskyj habe „die volle Unterstützung Deutschlands und der europäischen Freunde auf dem Weg zu einem Frieden. Nach seinem Treffen mit Präsident Trump haben wir uns abgestimmt und werden die nächsten Schritte begleiten. Jetzt braucht die Ukraine einen Friedensplan“, so Merz ergänzend. Damit hätte die Ukraine aber noch lange keine Raketen. Schon gar keine mit längerer Reichweite. Und die Taurus schießt letztendlich einfach zu kurz.
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses
Trump war beim Thema Tomahawks schon länger hin- und hergerissen. Er zeigte sich bereit, über die Waffen zu reden, hatte aber zugleich mehrfach betont, die USA brauchten die Tomahawks auch selbst, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa) über das als „schwierig“ beurteilte Treffen zwischen Trump und Selenskyj. Für den ukrainischen Präsidenten wäre insofern fahrlässig, sich in seiner militärischen Planung auf diese Waffe zu verlassen. Aber was dann? „Der größte Vorteil des Tomahawk gegenüber allen Waffen, die den ukrainischen Streitkräften derzeit zur Verfügung stehen, ist seine große Reichweite“, schreibt Illia Kabachynskyi. Der Autor der ukrainischen Nachrichtenplattform United24 sieht die Waffe in einem Mix mit ukrainischen Raketen beziehungsweise Marschflugkörpern mit jeweils anderen Stärken.
Tomahawk-Alternative für Ukraine-Krieg? „Realistischerweise auf vier Hauptoptionen“ beschränkt
„Wenn wir die Diskussion auf wirklich weitreichende US-Marschflugkörper beschränken, verengt sich die Auswahlliste realistischerweise auf vier Hauptoptionen – jede mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Preisschildern“, erläutert der Defense Express. Laut dem Magazin bestünde die Qual der Wahl zwischen Barracuda und CMMT sowie JASSM und JASSM-ER; wobei damit hauptsächlich Modell-Familien gemeint sind, also Versionen mit verschiedenen Reichweiten. Die Barracuda der US-Software- beziehungsweise Rüstungsschmiede Anduril wird gebaut, mit Reichweiten von etwa 100, über bis zu 400 beziehungsweise mehr als 900 Kilometern; gestartet würden die Modelle sowohl vom Boden aus als auch aus der Luft. Laut dem Defense Express sei die Waffe auch schon vom Kampfjet F-16 aus getestet worden.
Laut dem Magazin wolle der Hersteller die Waffe aber nur auf Bestellung produzieren; die ersten Modelle würden initiativ für das US-Militär hergestellt: „Aus diesem Grund stellen die mangelnden Lagerbestände und die derzeitige ,heiße‘ Produktionslinie dieser Raketen den ersten erheblichen Nachteil der Barracuda dar.“ Insofern brächte diese Waffe der Ukraine keine schnelle Hilfe. Überdies wird der Sprengkopf mit 45 Kilo angegeben – ein Zehntel des möglichen Kampfgewichts einer Tomahawk. Eine ähnlich dürftige Alternative käme vom Flugzeugbauer Lockheed Martin mit dem Common Multi-Mission Truck-Marschflugkörper, abgekürzt CMMT, ausgesprochen „Komet“. Laut dem Defense Express ähnelten sich die beiden Waffen in Reichweite und Zuladung.
Trump hat JASSM im Angebot: Damit würden die F-16-Kampfjets der Ukraine schlagkräftiger
Im Zuge der Lieferung der F-16-Kampfjets war schon diskutiert worden, die Ukraine zusätzlich auszurüsten mit AGM-158 JASSM-Raketen (Joint Air-to-Surface Standoff Missile) beziehungsweise der reichweitenstärkeren JASSM-ER. Die Waffen sind vergleichbar mit den europäischen Storm Shadow/SCALP-Marschflugkörpern, die bereits auf der Krim durchschlagenden Erfolg gehabt hatten. Der US-Thinktank „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) gibt die Reichweite der „Standard-JASSM“ mit 370 Kilometern an, während die JASSM-ER über eine Reichweite von etwa 1.000 Kilometern verfügen sollen; die beiden 4,26 Meter langen Versionen unterscheiden sich demnach lediglich durch einen größeren internen Treibstofftank sowie ein effizienteres Triebwerk, tragen aber beide einen 432 Kilogramm schweren Sprengkopf.
„Der Flugzeugrumpf selbst kann als eckig beschrieben werden, ähnlich dem Taurus KEPD 350, allerdings runder und fließender“, schreibt das CSIS über die Raketen – damit würden die F-16-Kampfjets der Ukraine schlagkräftiger und für den Kampf gegen Moskau gerüstet. „Man kann viele schnelle Jets haben, aber wenn diese nicht über wirksame Waffen verfügen und die Besatzungen nicht in der Lage sind, sie mit wirksamen Taktiken einzusetzen, werden sie einfach in großer Zahl abgeschossen“, hatte Justin Bronk über die weitgehend eher unzureichende Bewaffnung der Kampfjets geäußert, wie die Nachrichtenagentur Reuters den Analysten des britischen Thinktankts „Royal United Services Institute“ (RUSI) zitiert hat.
Putins weiche Flanke: Ein Dutzend Fabriken der russischen Rüstungsindustrie zu Kernzielen erklärt
Der US-Thinktank „Jamestown Foundation“ hat Ende 2024 etwa ein Dutzend Fabriken der russischen Rüstungsindustrie zu Kernzielen für ein schnelles Ende der russischen Invasion bestimmt. Vor allem sind die Anlagen zum Bau von Zirkon-, Iskander- und Kinshal-Waffen. Allesamt liegen sie rund 1.000 Kilometer entfernt von möglichen ukrainischen Startpunkten. Pavel Luzin verdeutlicht, dass mit Drohnen-Angriffen wenig gewonnen wäre; dazu seien die Anlagen zu mächtig – deren Fehlen aber würden riesige Lücken in die Versorgung der russischen Militärmaschinerie reißen; da gibt sich der Analyst der „Jamestown Foundation“ sicher, obwohl er die Gesamtheit von Putins Produktionsstätten auf das Zehnfache dessen einschätzt. Aber die meisten befänden sich weit entfernt von der Ukraine.
Dennoch ist seine Forderung – das entscheidende Dutzend der Fabriken müsse stillgelegt werden: „Zu diesem Zweck benötigt die Ukraine Raketen mit einem Sprengkopfgewicht von mindestens 400 bis 500 Kilogramm und einer Reichweite von mindestens 1.000 Kilometern. Zudem sollte die Produktionsrate dieser Raketen hoch genug sein – mindestens mehrere Dutzend pro Jahr.“ (Quellen: Jamestown Foundation, Center for Strategic and International Studies, AFP, Deutsche Presse-Agentur, Reuters, Kyiv Post, United24, Defense Express, X) (hz)