Wagner-Strategie verschärft: Putin lässt Strafgefangene automatisch für Russlands Armee registrieren
VonJens Kiffmeier
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Die Gegenoffensive fordert blutigen Tribut: Wegen hoher Verluste gehen Russland die Soldaten aus. Die Armee will jetzt Sträflinge automatisch heranziehen.
Moskau – Mörder, Räuber, aber auch Betrüger und Kleinkriminelle: Angesichts hoher Verluste im Ukraine-Krieg sucht der Kreml nach neuen Rekrutierungsmöglichkeiten. Um die Zahl der Soldaten an der Front zu erhöhen, soll deswegen jetzt einfacher als bislang auf Strafgefangene zurückgegriffen werden. Das berichtet die russische, unabhängige Online-Zeitung Moscow Times. Demnach sollen Verurteilte automatisch auf Listen registriert werden, hieß es.
Verluste im Ukraine-Krieg: Russland will mehr Strafgefangene für die Armee rekrutieren
Damit reagiert Russland auf die enorm hohen Verluste im Angriffskrieg gegen die Ukraine. Schätzungen von US-Geheimdiensten zufolge sollen die Streitkräfte innerhalb von eineinhalb Jahren mehr als 276.000 Soldaten verloren haben – entweder durch Tod, Verwundung oder Desertion. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Aber zuletzt häuften sich die Berichte, dass den Truppen von Präsident Wladimir Putin die Soldaten ausgehen könnten. Denn durch die Gegenoffensive der Ukraine, die in den vergangenen Monaten mit Hightech-Waffen des Westens ausgerüstet worden ist, ist der Blutzoll drastisch gestiegen.
Vor diesem Hintergrund soll das Verteidigungsministerium jetzt den Kreml um eine neue Verfahrenspraxis beim Einzug von Strafgefangenen in den Wehrdienst ersucht haben. Dem Medienbericht zufolge wurde die Änderung bereits in der Wehrverordnung veröffentlicht und ist damit gültig. Auf dieser Grundlage sollen jetzt in den Gefängnissen, Straflagern und Strafkolonien Listen erstellt werden, auf die die Namen möglicher Verurteilter registriert werden. Infrage kommen für den Einsatz an der Ukraine-Front Mörder, Räuber oder Kriminelle mit leichteren Vergehen. Ausgeschlossen sind politische Gefangene, Terroristen oder Vergewaltiger.
Bereits in den vergangenen Monaten hatte Russland den Einzug von Sträflingen in das Militär ermöglicht. Per Erlass hatte der Kreml die Mobilisierung ermöglicht. Am Anfang beruhte sie aber noch auf Freiwilligkeit. Den Gefangenen winkte im Gegenzug für den Kriegseinsatz ein hoher Sold sowie die Streichung der verbleibenden Haftstrafe. Mit der neuen Anordnung wird nun die Freiwilligkeit gestrichen und auch die Höhe des Soldes liegt dadurch nicht mehr über dem Durchschnittsverdienst eines normalen Soldaten.
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Häftlinge an die Front: Putin kopiert das System von Prigoschins Wagner-Gruppe
Von der Praxis, Strafgefangene einzusetzen, hatte zunächst die berüchtigte Wagner-Gruppe vom inzwischen verstorbenen Söldner-Boss Jewgeni Prigoschin Gebrauch gemacht. Von den 50.000 Kämpfern, die die Truppe zwischenzeitlich in die Schlachten geworfen hatte, sollen am Ende rund 40.000 aus russischen Gefängnissen stammen. Viele der Gefangenen sind mittlerweile frei – oder tot. Nachdem Prigoschin wegen einer angezettelten Meuterei bei Putin in Ungnade gefallen und wenig später bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, hatte die reguläre Armee von Russland die Rekrutierung in den Gefängnissen selber übernommen. Nun soll das Vorgehen offenbar noch einmal intensiviert werden, den es fehlt der Armee an allen Ecken und Enden an Soldaten und Waffen.
Das Reservoir an neuen Soldaten für den Ukraine-Krieg ist jedenfalls riesig. Laut Moscow Times saßen am 1. Januar 2023 insgesamt 433.000 Menschen in russischen Haftanstalten. (jkf)