„Nawalny war Versuchskaninchen“: Nowitschok-Erfinder vermutet qualvolle Experimente als Todesursache
VonJens Kiffmeier
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Schwere Vorwürfe nach der Beerdigung: Laut dem Nowitschok-Erfinder wurde Nawalny mit Gift-Experimenten zu Tode gequält – angeordnet von Putin. Kann das sein?
Moskau – Vergiftung, gezielter Schlag aufs Herz oder doch einfach nur Entkräftung: Auch Tage nach der Beerdigung von Kremlkritiker Alexej Nawalny geht die Suche nach der genauen Todesursache weiter. Die Familie des Verstorbenen vermutet, dass der Oppositionelle in der Strafkolonie mit Nowitschok vergiftet worden ist – der Erfinder des Nervenkampfstoffes stützt diese These nun.
Nach Nawalnys Tod: Nowitschok-Erfinder wirft Putin gezieltes Attentat vor
So warf Vil Mirsajanow dem Kreml eine gezielte Tötungsaktion vor. „Der Mann, den Sie kennen ist ein Mörder“, sagte der russische Chemiker der italienischen Zeitung La Repubblica mit Blick auf Wladimir Putin. Mirsajonow hatte an der Entwicklung des Nowitschok-Kampfstoffes mitgewirkt und ist vor einigen Jahren in die USA geflohen.
Nach dem gescheiterten Attentat aus dem Jahr 2020 habe der Kreml sein Vorhaben abschließen wollen – und zwar auf die gleiche Weise. „Der vorherige Versuch hatte nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Und ein weiteres Nowitschok-Attentat, in das so viel Zeit und Geld investiert worden war, durfte nicht unvollendet bleiben“, sagte der Experte.
Ähnlich hatte sich der Wissenschaftler bereits in der vergangenen Woche geäußert. Jetzt erhob er aber drastische Anschuldigungen. So warf er dem Kreml erstmals vor, mit dem Tod von Nawalny experimentiert zu haben. Es sei kein Zufall gewesen, dass man Nawalny in die berüchtigte Strafkolonie „Polarwolf“ verlegt und von der Außenwelt isoliert habe.
Wurde Nawalny als „Versuchskaninchen“ missbraucht?
„Dort konnte man ihn als Versuchskaninchen einsetzen“, sagte Mirsajanow und fügte hinzu: „Was ich denke, ist, dass sie Experimente an Nawalnys Haut durchgeführt haben, indem sie zunächst kleine und große Dosen Nowitschok verabreicht haben und dann umgehend das Gegenmittel verabreicht haben. Sie ließen ihn genesen und erhöhten dann die Dosierung, bis sie eine tödliche Konzentration anwendeten, um ihn zu bestrafen und vor allem zu zeigen, dass Nowitschok wirkt.“
Unabhängig überprüfen lassen sich die Anschuldigungen nicht. Fest steht nur, dass Alexej Nawalny bereits einmal eine Nowitschok-Vergiftung überlebt hatte. 2020 war er auf einem Inlandsflug mit Krämpfen zusammengebrochen. Damals konnte er aber ausgeflogen und in der Berliner Charite gerettet werden. Nach seiner Genesung reiste er aber wieder nach Moskau – und wurde am Moskauer Flughafen umgehend verhaftet und wenig später in verschiedenen Prozessen zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt. Am 16. Februar starb der Kremlkritiker in der Strafkolonie.
Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick
Die genaue Todesursache blieb zunächst ungeklärt. Den offiziellen Angaben zufolge war Nawalny bei einem Hofgang plötzlich zusammengebrochen. Im Totenschein wurde eine „natürliche Todesursache“ vermerkt. Doch die Unterstützer des Kremlkritikers hegen an dieser Darstellung starke Zweifel. Auch die Familie glaubt das nicht. Ehefrau Julija Nawalnaja deutete bereits an, dass auch sie von einer erneuten Vergiftung ausgeht. In einer bei Youtube verbreiteten Video-Botschaft kündigte sie an, in den kommenden Wochen Beweise zu den Hintergründen und Hinterleuten vorzulegen.
Nowitschok-Erfinder macht Putin für Nawalny-Tod verantwortlich: „Anordnung nur von höchster Stelle“
Nowitschok-Erfinder Mirsajanow lässt jedenfalls keine Zweifel daran, wer aus seiner Sicht als Drahtzieher hinter dem Nawalny-Tod steckt. Er beschuldigte offen Russlands Präsident Wladimir Putin. Auf die Frage in dem Interview mit La Repubblica, wer die Verwendung von Nowitschok befehlen dürfe, sagte er: „Die Anordnung kann nur von höchster Stelle kommen. Von Wladimir Putin selbst. Nur der Kreml kann den Einsatz von Nowitschok in Auftrag geben.“
Die Regierung in Russland weist derartige Anschuldigungen aber zurück und wittert dahinter eine Desinformationskampagne des Westens. Nachdem US-Präsident Joe Biden und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Putin nach dem Nawalny-Tod direkt in die Mitverantwortung genommen hatten, reagierte Kremlsprecher Dimitri Peskow und warf dem Westen eine Vorverurteilung vor. Für die Aufklärung der Hintergründe seien die russischen Justizbehörden zuständig und nicht der Kreml, ebenso wenig wie ausländische Regierungen, zitierte ihn die staatliche Nachrichtenagentur Tass. Mehr habe er dazu nicht zu sagen. (jkf)