VonAnika Zuschkeschließen
Die EU-Sanktionen zeigen – Aussagen von Wladimir Putin zum Trotz – in Russland Wirkung. Die russische Wirtschaft leidet und Geschäftsleute verzweifeln langsam.
Moskau – Wladimir Putin betreibt mit seinem Angriffskrieg unvorstellbare Gräueltaten in der Ukraine. Deswegen hat der Westen Russland bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit zahlreichen wirtschaftlichen Sanktionen belegt – und die zeigen ihre Wirkung. Denn entgegen der vehementen Zusicherungen Putins, dass die Sanktionen seinem Land nichts anhaben könnten, leidet die russische Wirtschaft merklich. Das zeigen Zahlen aus Russland, dortige Geschäftsleute sind verzweifelt und auch die Elite wird langsam unruhig.
Sanktionen gegen Putin: Russlands Wirtschaft leidet unter westlichen Sanktionen – BIP sinkt
Nach dem Angriffskrieg auf die Ukraine waren die Monate April bis Juni das erste vollständige Quartal, an dem sich die Auswirkungen der westlichen Sanktionen gegen Putin und Russlands Wirtschaft feststellen ließen – und in diesem Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um vier Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken, berichtet das Handelsblatt.
Dieser BIP-Rückgang fiel zwar geringer aus als Analysten und die Zentralbank erwarteten – einer Konsensprognose zufolge hätte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 4,7 Prozent sinken sollen – doch müssen Zahlen dieser Art auch mit Vorsicht genossen werden.
Denn einerseits kommen zunehmend Zweifel zum Wahrheitsgehalt offizieller russischer Zahlen auf und zum anderen warnen renommierte Wirtschaftsexperten in Russland laut dem Handelsblatt immer häufiger vor einer lang anhaltenden Rezession. Sogar die russische Zentralbank geht von einem drei Jahre andauernden Abschwung der russischen Wirtschaftsentwicklung aus. Dass die Sanktionen Wirkung zeigen, beweisen auch Szenarien, in denen russische Airlines neue Flugzeuge für technische Ersatzteile ausschlachten müssen.
Was ist eine Rezession?
Eine Rezession beschreibt eine Konjunkturphase, in der das Wirtschaftswachstum stagnierende oder negative Wachstumsraten aufweist. Von einer technischen Rezession ist die Rede, wenn die Wirtschaft im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresquartal mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft. (Quelle: SWR)
Sanktionen gegen Putin: Wirtschaft in Russland ist einem Experten zufolge „tief und unwiderruflich verwundet“
Jeffrey Sonnenfeld vom Chief Executive Leadership Institute an der Yale Universität, ist laut dem Handelsblatt der Meinung in Bezug auf die Sanktionen gegen Putin und Russland: „Die positiven Statistiken, die veröffentlicht werden, sind fragwürdig, wenn nicht gar unseriös.“ Nach einer tiefgreifenden Wirtschaftsanalyse von Putins Russland lautet das Fazit des Instituts: Die russische Wirtschaft sei „tief und unwiderruflich verwundet“. Demnach treibt Putin Russland mit seiner Führung in den Abgrund.
Sonnenfeld zufolge gebe es „keinen Weg aus dem ökonomischen Niedergang, solange die verbündeten Länder geschlossen den Sanktionsdruck gegen Russland aufrechterhalten und verstärken“. Der Professor für makroökonomische Politik und strategisches Management an der Moskauer Staatsuniversität MGU, Oleg Buklemischew, stimmt dem Handelsblatt zufolge zu: „Wenn Russland für eine lange Zeit in den Krieg zieht und dementsprechend lange unter Sanktionen steht, wird es mit der Wirtschaft noch viel schlimmer, als man sich bisher vorstellen kann.“
Russische Wirtschaft seit dem Ukraine-Krieg: Geschäftsleute sind zunehmend verzweifelt
Eine vergleichbare Meinung vertritt auch der Moskauer Ökonom Andrej Jakowlew, der sich in einem Interview mit dem Spiegel zur wahren Lage der russischen Wirtschaft äußerte. Ihm zufolge habe Russland mit Blick auf die Sanktionen zwar enorme Fähigkeiten zur Anpassung, doch seien auch viele Geschäftsleute inzwischen verzweifelt. Russen aus kleinen und mittleren Unternehmen hätten den Krieg, wenn es nach ihnen ginge, nicht begonnen.
Das sei auch ein Problem in der westlichen Wahrnehmung: „Viele Leute meinen dort, Russland und das Putin-Regime seien monolithisch, stabil, und es könne noch zehn Jahre so weiter existieren. Ich halte das für einen Trugschluss“, so Jakowlew laut dem Spiegel. Die meisten Geschäftsleute wüssten dem Ökonomen nach genau, wer der Verantwortliche für ihre Probleme ist. Der Kampf ums wirtschaftliche Überleben habe deswegen „mit Rückhalt für Putin nichts zu tun“ – ganz im Gegenteil.
News aus Russland: „Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, werden Leute reagieren“
Russischen Medien zufolge „kontrolliert Putin die Emotionen der Russen“ und hält sie damit in Schach. Doch glaubt Jakowlew nicht, dass es viel mehr als 25 bis 30 Prozent sind, die Putins Krieg tatsächlich unterstützen. „Diese Gruppe ist nicht viel größer als die Gruppe der Gegner des Kriegs“, vermutet der Moskauer Ökonom und fährt fort: „Wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, werden diese Leute reagieren. Es ist nur schwer zu sagen, wie diese Reaktion aussehen wird.“
Außerdem ist Jakowlew laut dem Spiegel der Meinung, dass es in Russland heute keine Gewinner mehr gebe und „das wird zu Spannungen in der Elite führen“. Tatsächlich fallen Putin schon erste Oligarchen in den Rücken, die den Ukraine-Krieg als „kolossalen Fehler“ bezeichnen.
Putin und Kim Jong Un halten zusammen – und wollen ihre Beziehung weiter ausbauen
Wer aber all dem zum Trotz weiterhin zu Wladimir Putin steht, ist der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un. Wie nordkoreanische Staatsmedien laut n-tv berichten, habe Putin in einer Grußbotschaft an Kim zum Tag der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialherrschaft (1910 bis 1945) aktuell geschrieben, dass beide Seiten eine Tradition der bilateralen Freundschaft und Zusammenarbeit verbinde. Diese Beziehung zwischen ihren Ländern wollen die beiden Machthaber wohl weiter ausbauen.
