Vorbild Ukraine: NATO übt Weitblick auf See und geht Risiken ein
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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18 schwarm- und „strikefähige“ „Future Combat Surface Systems“ – Bundeswehr baut stark auf Drohnen, während deutsche Werften eifrig um Aufträge werben.
Rostock – „Wir fügen neue Bedrohungen hinzu, aber wir werden die alten nie los“, sagte Konteradmiral Ignacio Cuartero, wie das US-amerikanische Magazin National Defense berichtet. Der Direktor für Konzepte und Fähigkeiten des Militärstabs der EU benannte als neue Bedrohungen gegen Schiffe beispielsweise Wladimir Putins Drohnen. Anfang des Jahres berichtete das deutsche Militärmagazin hartpunkt, dass auch die Marine als Teilstreitkraft der Bundeswehr künftig ihre Fähigkeiten durch die Nutzung unbemannter Systeme erweitern wolle – jetzt soll die NATO auch bald die Taktik der Verteidiger im Ukraine-Krieg übernehmen können. Mit deutscher Technik.
Lehre aus Ukraine-Krieg: Entwicklung von Fähigkeiten zur Aufklärung, Überwachung und Erkundung
Wie das Unternehmen FLANQ Anfang September bekannt gab, sei der in Rostock ansässige Anbieter maritimer Verteidigungslösungen eine Partnerschaft eingegangen mit CiS, einem ebenfalls aus Rostock operierenden Entwickler autonomer Luftsysteme. Beide Unternehmen planen die Entwicklung einer integrierten Fähigkeit, die den Start und die Bergung unbemannter Luftfahrzeuge (Unmanned Aerial Vehicles, UAVs) von unbemannten Überwasserschiffen (Unmanned Surface Vehicles, USVs) aus ermögliche. Also das, was die Ukraine schon in Ansätzen im Schwarzen Meer erfolgreich praktiziere. „Die Zusammenarbeit folgt auf erfolgreiche Tests einer CiS Orka-Drohne, die bei autonomen Operationen auf offenem Wasser von einem 3,6 Meter langen FLANQ USV startete und dorthin zurückkehrte“, schreibt Akhsan Erico Elezhar.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
Laut dem Autor des Magazins Defense Post sei das Ziel die Entwicklung von Fähigkeiten zur Aufklärung, Überwachung und Erkundung von maritimen Operationen im gesamten europäischen Raum; daneben solle die Lösung modular und skalierbar sein. Also eventuell könnten Kampfaufträge folgen und die dann auch in einem größeren Rahmen. Vorbild ist auch hier die Ukraine in ihrem täglichen, auf Improvisation und Innovation gestützten Abwehrkampf: Beispielsweise ist die Magura V-Überwasserdrohne zu einer der gefährlichsten Waffen dieses Krieges geworden. Inzwischen kann sie auch einen Raketenwerfer tragen, was ihre Reichweite und Gefährlichkeit potenziert. Eigentlich heißt das Boot „Maritime Autonomous Guard Unmanned Robotic Apparatus“ und ist in ihrer jetzigen Ausführung bereits die fünfte Generation.
Bundeswehr-Initiative: Ersatz für bemannte Schiffe in „langweiligen, schmutzigen und gefährlichen“ Jobs
Vor dem Ukraine-Krieg wäre eine Magura-Drohne Science Fiction gewesen, anfangs des Ukraine-Krieges sei sie „als Ersatz für bemannte Schiffe in ,langweiligen, schmutzigen und gefährlichen‘ Jobs“ eingesetzt worden, wie Bryan Clark schreibt. „Heute können Seedrohnen in jedem Glied der ,Kill Chain‘, die von der Erkennung eines Ziels bis zu dessen Beschuss mit einer Waffe reicht, Skalierbarkeit, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit bieten“, so der Analyst des U.S.-Thinktanks „Hudson Institute“ in einer Publikation des Verbands „Advanced Technology for Humanity (IEEE)“. Verschiedene europäische Nationen ziehen jetzt in der Entwicklung nach, darunter auch die Bundeswehr.
„Mit diesem Plan werden die Bündnispartner und die NATO eine neue Denkweise und einen besseren Ansatz für Verteidigungsinnovationen entwickeln – sie werden in frühen Phasen mehr Risiken eingehen, um schneller bessere Ergebnisse zu erzielen.“
Die Deutsche Marine wolle künftig unbemannte Überwasserfahrzeuge in Kombination mit anderen bemannten und unbemannten Einheiten einsetzen, berichtet das Magazin hartpunkt. „Nach den Vorstellungen der Marineplaner sollen bereits im Einsatz befindliche Überwassereinheiten mit mindestens 18 schwarm- und ,strikefähigen‘ ,Future Combat Surface Systems‘ (FCSS) ergänzt werden“, schreibt aktuell hartpunkt-Autor Lars Hoffmann. Davor liefen und laufen auch weiter Tests durch die Streitkräfte unter realistischen Einsatzbedingungen – Operational Experimentation (OPEX) genannt, wie Hoffmann berichtet. Ihm zufolge sollen die Tests für Unterwasser-Drohnen bereits abgeschlossen sein, die für Überwasserfahrzeuge hätten überraschende Ergebnisse gezeitigt. Die als Favoriten gehandelten Anwärter aus Norwegen und Israel hätten auf ihre Teilnahme verzichtet.
Zukunft, ahoi! Die Korvette Oldenburg der Deutschen Marine beim Auslaufen vom Ostseebad Warnemünde im August 2023 vor dem mandatierten Auslandseinsatz UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) vor der libanesischen Küste. Wie alle Korvetten der K130-Klasse soll sie künftig von zwei Überwasserdrohnen verstärkt werden.
Jetzt würden zwei Unternehmen aus Deutschland in die Tests gehen, wie hartpunkt berichtet. Zum einen ein Konsortium aus der in Rostock sitzenden Werft Tamsen-Maritim sowie dem Kieler Navigationsexperten Anschütz; zum anderen die Fassmer-Werft aus der niedersächsischen Wesermarsch, die wohl ST Engineering aus Singapur als Partner gewonnen habe, vermutet hartpunkt. Voraussetzung der Teilnahme an der Ausschreibung soll gewesen sein, dass die Modelle einen Technologiereifegrad der Klasse Neun erreicht haben sollten, also erprobt und für den vollständigen kommerziellen Einsatz nutzbar. Die Überwasser-Kampfdrohne soll eine 30-Millimeter-Kanone tragen können und ist Teil der unter „Kurs Marine 2025“ firmierenden Strategie einer zukunftsfähigen deurtschen Marine.
Pistorius‘ Drohnen-Plan: „Mindestens“ 18 Einheiten davon sollten angeschafft werden
Den Planungen entsprechend würden die Überwasserdrohnen im Verbund mit den Korvetten der Klasse 130 operieren, schreibt Hoffmann. „Mindestens“ 18 Einheiten davon sollten angeschafft werden; bei neun Korvetten würde jedes Schiff von zwei Drohnen unterstützt werden. „Future Combat Surface Systems (FCSS), Large Remote Missile Vessels (LRMV), Large Uncrewed Underwater Vehicles (LUUV) und VTOL-UAV (Vertical Take-Off and Landing Unmanned Aerial Vehicle) sind nicht mehr Vision, sondern gewollte Realität. Der Leitsatz lautet: ‚Every unit a drone carrier‘“ (Deutsch: „Jede Einheit ein Drohnenträger“), schreiben Holger Schlüter und Hans-Uwe Mergener über die Aussagen von Marineinspekteur Vizeadmiral Jan Kaack zur gewünschten Drohnen-Realität in der Marine der Zukunft.
Diese Realität soll 2029 eingetreten sein, die Marineführung kalkuliert zu diesem Zeitpunkt mit einer denkbaren russischen Offensive gegen die NATO. „Ausgerechnet die Marine lernt vom landbasierten Krieg gegen die Ukraine“, so Schlüter und Mergener im Magazin Marineforum. Die Drohnen sollten „Durchhaltefähigkeit und Wirkung“ erzielen. „Es bleibt dem Marinechef auch nicht viel anderes übrig, denn bis 2029 wird keine der geplanten Fregatten, Tender und weiterer notwendiger Erneuerungen fertig werden“, machen die beiden Autoren und ehemaligen Marine-Offizieren deutlich. Von einem Boom-Markt schreibt der Bremer Weser-Kurier (WK). „Unbemannte Systeme ermöglichen der Marine auf der Grundlage moderner Waffentechnologie eine deutliche Steigerung des Abschreckungspotenzials, vor allem in der Ostsee“, zitiert der WK einen Marine-Sprecher.
Wegen Putins Provokationen: NATO hat einen neuen Beschaffungsansatz beschlossen
Hintergrund ist, dass auch die in Bremen ansässige Lürssen-Wert mit ihrer Marineschiffbausparte Naval Vessel Lürssen (NVL) ins Drohnen-Geschäft einsteigt – die unbemannten Überwasserschiffe sollen dann bei Blohm + Voss in Hamburg gebaut werden. Für den zügigen Beginn habe NVL mit der britischen Kraken Technology Group ein Joint Venture gegründet, schreibt WK-Autor Peter Hanuschke. Seinen Informationen zufolge wolle NVL damit in den militärischen wie zivilen Markt einsteigen mit Booten zwischen acht und 15 Metern Länge vor allem für Aufgaben der Seeraumüberwachung. Mehrere hundert Einheiten pro Jahr würden möglich, zitiert der Weser-Kurier den NVL-Sprecher Oliver Grün. Einer der Kunden wird wohl die NATO werden.
Im Rahmen der Task Force X zwischen dem 9. und 27. 2025 Juni habe das nordatlantische Verteidigungsbündnis eine Reihe unbemannter Systeme in der Ostsee erprobt, haben die Naval News berichtet. „Diese Initiative stärkt die maritime Sicherheitslage des Bündnisses, verbessert das Lagebewusstsein, verstärkt die Überwachung und schützt kritische Unterwasserinfrastruktur“, schreibt die NATO dazu in einer Pressemitteilung. Die Einberufung einer Taskforce sowie die Erprobung ist Teil der Anforderungen des neuen Rapid Adoption Action Plan (RAAP) des Bündnisses. Damit hat die NATO am 25. Juni in Den Haag während ihres Gipfeltreffens einen neuen Beschaffungsansatz beschlossen. Offenbar ein Hoffnungsschimmer für die Militärs und Planungssicherheit für Rüstungsproduzenten.
Die Abschreckungs- sowie die Verteidigungsfähigkeit steht auch in der Ostsee auf dem Spiel. Die seit dem Beitritt Schwedens zur NATO im März 2024 erhoffte „Eingemeindung“ der Ostsee als NATO-Meer ist durch Putins provokantes Auftreten seiner Schattenflotte sowie der teilweisen Eskortierung durch russische Marine zunächst noch bedroht. Mit dem Rapid Adoption Action Plan will die NATO größere Handlungsfreiheit gewinnen, wie sie in ihrer offiziellen Zusammenfassung zum Beschluss des RAAP formuliert: „Mit diesem Plan werden die Bündnispartner und die NATO eine neue Denkweise und einen besseren Ansatz für Verteidigungsinnovationen entwickeln – sie werden in frühen Phasen mehr Risiken eingehen, um schneller bessere Ergebnisse zu erzielen.“ (Quellen: NATO, Hudson Institute/Advanced Technology for Humanity, National Defense, hartpunkt, Defense Post, Naval News, Marineforum, Weser-Kurier) (hz)