Prigoschin gegen den Kreml

Wagner-Aufstand im Ukraine-Krieg: Das ist in der Nacht zum Sonntag passiert

  • schließen

Der offene Machtkampf zwischen Wagner-Chef Prigoschin und Präsident Putin scheint vorerst beigelegt. Die Lage in Russland und an der Front im Ukraine-Krieg im Überblick.

Rostow – Der bewaffnete Aufstand russischer Söldner gegen die Staatsführung von Präsident Wladimir Putin scheint kurz nach einer unerwarteten Eskalation schon wieder beendet. Auf Befehl von Söldnerchef Jewgeni Prigoschin gaben die Angehörigen seiner berüchtigten Wagner-Gruppe bis zum späten Samstagabend ihre Stellungen in Südrussland auf und kehrten in ihre Feldlager zurück. Alle Wagner-Truppen haben Rostow und die Militäreinrichtung in der Stadt mittlerweile verlassen.

Das wegen bewaffneten Aufstands gegen die Militärführung eingeleitete Strafverfahren gegen Prigoschin wird laut Kreml eingestellt. Auch die aufständischen Söldner selbst hätten keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten. Die wichtigsten Entwicklungen und Informationen der letzten Stunden zusammengefasst:

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Nach Wagner-Einmarsch in Russland: Prigoschin geht nach Belarus

Prigoschin selbst werde nun unbehindert nach Belarus gehen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Samstag nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Als Garantien für den freien Abzug habe er „das Wort des Präsidenten“. Ein Video, das das ukrainische Portal Nexta auf Twitter geteilt hat, zeigt den Wagner-Chef auf dem Rücksitz eines schwarzen Autos. Eine versammelte Menge jubelt ihm zu, einige schütteln durch das Fenster seine Hand, ehe das Auto davonfährt. Auch ein großes Militärfahrzeug, auf dem sich Wagner-Kämpfer befinden, ist zu sehen. Prigoschin hatte sich demnach im Hauptquartier des südlichen Militärbezirks Russlands aufgehalten.

Jewgeni Prigoschin (r), Chef der Wagner-Gruppe, sitzt in einem Militärfahrzeug und macht ein Selfie mit einem Zivilisten in Rostow am Don, Russland.

Putin will Schoigu nach Wagner-Aufstand nicht absägen

Nach dem bewaffneten Aufstand Prigoschins gegen die russische Militärführung sieht der Kreml keinen Einfluss auf den Fortgang des Kriegs gegen die Ukraine. Die Situation wirke sich nicht auf den Verlauf der „militärischen Spezialoperation“ aus, sagte Kremlsprecher Peskow am Samstag laut Interfax. Peskow sagte auch, dass ihm nicht bekannt sei, dass sich die Haltung von Präsident Putin gegenüber Verteidigungsminister Sergej Schoigu geändert habe.

Als Chef der Söldnergruppe Wagner hatte Prigoschin Minister Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow immer wieder Unfähigkeit vorgeworfen und die beiden für die vielen Niederlagen im Krieg verantwortlich gemacht. Er sagte mehrmals, dass der Krieg mit dem Minister und Gerassimow nicht zu gewinnen sei. Prigoschin beklagte auch Korruption, Bürokratie, Betrug und Diebstahl in den russischen Streitkräften unter der Führung der beiden. Personalfragen seien aber nicht Gegenstand der Gespräche zur Beendigung des Aufstandes gewesen, sagte Peskow.

Ein Panzer beim Wagner-Aufmarsch in Rostow.

Nach Prigoschins Wagner-Einmarsch in Russland: Wie ist die Lage in Rostow und Moskau?

Die Wagner-Gruppe hat ihre bis zum frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) gehaltenen Positionen in der Millionenstadt Rostow am Don aufgegeben. Unter Applaus der schaulustigen Zivilbevölkerung verließen zunächst die ersten Fahrzeuge mit Söldnern das Hauptquartier des russischen Militärkommandos Süd, ehe später auch die Panzer und Gefechtsfahrzeuge die Innenstadt verließen. An den Zufahrtsstraßen rund um Moskau wurden am frühen Sonntagmorgen nach offiziellen Angaben alle Straßensperren aufgehoben. Zuvor hatten in der chaotischen Lage Tausende Menschen versucht, Russland zu verlassen.

In Moskau bleibt der Montag wie angekündigt ein arbeitsfreier Tag. Eine Sprecherin von Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte in der Nacht zum Sonntag auf Anfrage der Agentur Ria-Nowosti, dass die von ihm getroffene Entscheidung weiterhin Bestand habe. In den ersten Stunden des Aufstands der Söldner der berüchtigten Wagner-Gruppe hatte Sobjanin am Samstagvormittag aus Sicherheitsgründen den Montag zum arbeitsfreien Tag erklärt und die Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Als sich der Wagner-Konvoi noch auf dem Weg nach Moskau befand, hatte sich die Hauptstadt entsprechen vorbereitet. Auf einem Video waren Soldaten, Sandsäcke und ein Schützenpanzer an einem Abschnitt des Moskauer Autobahnrings zu sehen. Der Rote Platz war für Besucher abgesperrt.

Wie reagiert der Westen auf Prigoschins Wagner-Aufstand?

International wurde die Eskalation in Russland mit Besorgnis aufgenommen. US-Präsident Joe Biden telefonierte mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Rishi Sunak. Dabei bekräftigten sie nach Angaben des Weißen Hauses „ihre standhafte Unterstützung für die Ukraine“.

Biden und seine Stellvertreterin Kamala Harris wurden am Samstagmorgen (Ortszeit) vom Nationalen Sicherheitsrat über die aktuellen Entwicklungen in Russland informiert, wie das Weiße Haus mitteilte. Sie würden den ganzen Tag über weiter auf dem Laufenden gehalten. US-Außenminister Antony Blinken tauschte sich mit seinen G7-Kolleginnen und -Kollegen über die Lage in Russland aus. Lettland kündigte an, die Grenzsicherung zu verstärken und Flüchtlinge des Chaos‘ in Russland nicht einreisen zu lassen.

Nach Prigoschins Wagner-Einmarsch in Russland: Wie geht es im Ukraine-Krieg weiter?

Abseits der Eskalation in Russland tobten die Kämpfe in der Ukraine weiter. Hanna Maljar, die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin, sprach von einer „einmaligen Gelegenheit“ für Kiew. Sie meldete neue ukrainische Offensiven in der östlichen Region Donbass, dort gebe es „Fortschritte in allen Richtungen“.

„Die Ostgruppierung der Truppen hat heute eine Offensive an mehreren Abschnitten zugleich begonnen“, schrieb Maljar bei Telegram. Russische Truppen seien bei Bachmut zurückgedrängt worden. An anderen Frontabschnitten im Luhansker und Donezker Gebiet seien Angriffe russischer Einheiten abgewehrt worden.

Laut russischen Militärbloggern soll es auch Bewegung in der Region Cherson geben. Die ukrainischen Streitkräfte hätten damit begonnen, schweres Gerät wie Panzer über den Fluss Dnipro zu transportieren. Die Angaben der Konfliktparteien im Ukraine-Krieg lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. (lrg/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Erik Romanenko

Kommentare