VonLukas Rogallaschließen
Der offene Machtkampf zwischen Wagner-Chef Prigoschin und Präsident Putin scheint vorerst beigelegt. Die Lage in Russland und an der Front im Ukraine-Krieg im Überblick.
Rostow – Der bewaffnete Aufstand russischer Söldner gegen die Staatsführung von Präsident Wladimir Putin scheint kurz nach einer unerwarteten Eskalation schon wieder beendet. Auf Befehl von Söldnerchef Jewgeni Prigoschin gaben die Angehörigen seiner berüchtigten Wagner-Gruppe bis zum späten Samstagabend ihre Stellungen in Südrussland auf und kehrten in ihre Feldlager zurück. Alle Wagner-Truppen haben Rostow und die Militäreinrichtung in der Stadt mittlerweile verlassen.
Das wegen bewaffneten Aufstands gegen die Militärführung eingeleitete Strafverfahren gegen Prigoschin wird laut Kreml eingestellt. Auch die aufständischen Söldner selbst hätten keine strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten. Die wichtigsten Entwicklungen und Informationen der letzten Stunden zusammengefasst:
Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland




Nach Wagner-Einmarsch in Russland: Prigoschin geht nach Belarus
Prigoschin selbst werde nun unbehindert nach Belarus gehen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Samstag nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Als Garantien für den freien Abzug habe er „das Wort des Präsidenten“. Ein Video, das das ukrainische Portal Nexta auf Twitter geteilt hat, zeigt den Wagner-Chef auf dem Rücksitz eines schwarzen Autos. Eine versammelte Menge jubelt ihm zu, einige schütteln durch das Fenster seine Hand, ehe das Auto davonfährt. Auch ein großes Militärfahrzeug, auf dem sich Wagner-Kämpfer befinden, ist zu sehen. Prigoschin hatte sich demnach im Hauptquartier des südlichen Militärbezirks Russlands aufgehalten.
Putin will Schoigu nach Wagner-Aufstand nicht absägen
Nach dem bewaffneten Aufstand Prigoschins gegen die russische Militärführung sieht der Kreml keinen Einfluss auf den Fortgang des Kriegs gegen die Ukraine. Die Situation wirke sich nicht auf den Verlauf der „militärischen Spezialoperation“ aus, sagte Kremlsprecher Peskow am Samstag laut Interfax. Peskow sagte auch, dass ihm nicht bekannt sei, dass sich die Haltung von Präsident Putin gegenüber Verteidigungsminister Sergej Schoigu geändert habe.
Als Chef der Söldnergruppe Wagner hatte Prigoschin Minister Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow immer wieder Unfähigkeit vorgeworfen und die beiden für die vielen Niederlagen im Krieg verantwortlich gemacht. Er sagte mehrmals, dass der Krieg mit dem Minister und Gerassimow nicht zu gewinnen sei. Prigoschin beklagte auch Korruption, Bürokratie, Betrug und Diebstahl in den russischen Streitkräften unter der Führung der beiden. Personalfragen seien aber nicht Gegenstand der Gespräche zur Beendigung des Aufstandes gewesen, sagte Peskow.
Nach Prigoschins Wagner-Einmarsch in Russland: Wie ist die Lage in Rostow und Moskau?
Die Wagner-Gruppe hat ihre bis zum frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) gehaltenen Positionen in der Millionenstadt Rostow am Don aufgegeben. Unter Applaus der schaulustigen Zivilbevölkerung verließen zunächst die ersten Fahrzeuge mit Söldnern das Hauptquartier des russischen Militärkommandos Süd, ehe später auch die Panzer und Gefechtsfahrzeuge die Innenstadt verließen. An den Zufahrtsstraßen rund um Moskau wurden am frühen Sonntagmorgen nach offiziellen Angaben alle Straßensperren aufgehoben. Zuvor hatten in der chaotischen Lage Tausende Menschen versucht, Russland zu verlassen.
In Moskau bleibt der Montag wie angekündigt ein arbeitsfreier Tag. Eine Sprecherin von Bürgermeister Sergej Sobjanin bestätigte in der Nacht zum Sonntag auf Anfrage der Agentur Ria-Nowosti, dass die von ihm getroffene Entscheidung weiterhin Bestand habe. In den ersten Stunden des Aufstands der Söldner der berüchtigten Wagner-Gruppe hatte Sobjanin am Samstagvormittag aus Sicherheitsgründen den Montag zum arbeitsfreien Tag erklärt und die Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Als sich der Wagner-Konvoi noch auf dem Weg nach Moskau befand, hatte sich die Hauptstadt entsprechen vorbereitet. Auf einem Video waren Soldaten, Sandsäcke und ein Schützenpanzer an einem Abschnitt des Moskauer Autobahnrings zu sehen. Der Rote Platz war für Besucher abgesperrt.
Wie reagiert der Westen auf Prigoschins Wagner-Aufstand?
International wurde die Eskalation in Russland mit Besorgnis aufgenommen. US-Präsident Joe Biden telefonierte mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und dem britischen Premierminister Rishi Sunak. Dabei bekräftigten sie nach Angaben des Weißen Hauses „ihre standhafte Unterstützung für die Ukraine“.
Biden und seine Stellvertreterin Kamala Harris wurden am Samstagmorgen (Ortszeit) vom Nationalen Sicherheitsrat über die aktuellen Entwicklungen in Russland informiert, wie das Weiße Haus mitteilte. Sie würden den ganzen Tag über weiter auf dem Laufenden gehalten. US-Außenminister Antony Blinken tauschte sich mit seinen G7-Kolleginnen und -Kollegen über die Lage in Russland aus. Lettland kündigte an, die Grenzsicherung zu verstärken und Flüchtlinge des Chaos‘ in Russland nicht einreisen zu lassen.
Nach Prigoschins Wagner-Einmarsch in Russland: Wie geht es im Ukraine-Krieg weiter?
Abseits der Eskalation in Russland tobten die Kämpfe in der Ukraine weiter. Hanna Maljar, die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin, sprach von einer „einmaligen Gelegenheit“ für Kiew. Sie meldete neue ukrainische Offensiven in der östlichen Region Donbass, dort gebe es „Fortschritte in allen Richtungen“.
„Die Ostgruppierung der Truppen hat heute eine Offensive an mehreren Abschnitten zugleich begonnen“, schrieb Maljar bei Telegram. Russische Truppen seien bei Bachmut zurückgedrängt worden. An anderen Frontabschnitten im Luhansker und Donezker Gebiet seien Angriffe russischer Einheiten abgewehrt worden.
Laut russischen Militärbloggern soll es auch Bewegung in der Region Cherson geben. Die ukrainischen Streitkräfte hätten damit begonnen, schweres Gerät wie Panzer über den Fluss Dnipro zu transportieren. Die Angaben der Konfliktparteien im Ukraine-Krieg lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. (lrg/dpa/afp)
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