- VonBettina Menzelschließen
Munitionsmangel und Fehler bei der Verteidigung: Russlands Präsident räumt vor pro-russischen Militärbloggern Probleme bei der Abwehr der Gegenoffensive ein.
Moskau - Bei einem rund zweistündigen Treffen mit 18 pro-russischen Bloggern und Kriegsberichterstattern hat der russische Präsident Wladimir Putin am Dienstag (13. Juni) militärische Fehler eingeräumt. Russland hätte die südlichen Grenzregionen des Landes besser auf die ukrainische Gegenoffensive vorbereiten können, so der Kremlchef. Es war das erste Mal seit langem, dass sich Russlands Präsident öffentlich ausführlich vor Medienvertretern zum Ukraine-Krieg äußerte – wohl, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen.
Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Putin räumt Fehler in Grenzregion Belgorod ein
Zuletzt hatte es immer mehr Drohnenangriffe auf russisches Staatsgebiet gegeben, insbesondere die Region Belgorod war betroffen. Die Oblast sei allein im Mai 130 Mal beschossen worden, wie russische Behörden mitteilten. Anfang Juni hatte der Gouverneur von Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, die Bewohner der Grenzregion nach erneutem tagelangem Beschuss dazu aufgerufen, die Gegend zu verlassen. Bei dem Treffen mit ausgewählten pro-russischen Kriegsberichterstattern und Bloggern ging Putin am Dienstag auch auf die Angriffe im Rahmen der Gegenoffensive ein.
„Natürlich ist daran nichts Gutes“, sagte Putin laut der Transkription des Kremls. „Aber im Prinzip hätte man davon ausgehen können, dass der Feind sich so verhalten würde, und man hätte sich besser vorbereiten können“, räumte der Kremlchef Fehler ein und sprach auch von Munitionsmangel. „Hochpräzisionsmunition, Kommunikationsausrüstung, Drohnen [...]. Wir haben sie, aber leider sind es nicht genug“, so Putin laut Moscow Times und stellte bei dem Treffen auch einen besseren Schutz durch die Flugabwehr in Aussicht. Es handle sich um eine nicht einfache, aber lösbare Aufgabe, sagte der Kremlchef in Moskau.
Putin widerspricht zweiter Mobilisierungswelle und berichtet von 156.000 neuen Freiwilligen
Die Gegenoffensive der Ukraine laufe, doch Russland habe alles unter Kontrolle, hieß es bei dem Treffen am Dienstag. „Der Feind hat in keinem der Sektoren Erfolg gehabt“, sagte Putin einem Bericht der New York Times zufolge. Dass eine zweite Mobilisierungswelle bevorstehe, wies Putin bei dem Treffen mit Militärkorrespondenten indes zurück. Der russische Präsident hatte Ende Oktober vergangenen Jahres das offizielle Ende der Teilmobilisierung verkündet, ohne allerdings einen entsprechenden Erlass zu unterzeichnen.
Seit Monaten läuft nun eine Rekrutierungskampagne, mit der Moskau 400.000 neue freiwillige Kämpfer für seinen Angriffskrieg anwerben will. Der Kreml stellt die Kampagne als Aufruf für Freiwillige dar. Im Hinblick auf die laufende Rekrutierungskampagne habe man bislang 156.000 neue Vertragssoldaten gewinnen können, teilte Putin bei dem Treffen mit Militärkorrespondenten mit. Der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu hatte Ende Dezember erklärt, es sei „notwendig“, die russische Armee auf 1,5 Millionen Soldaten aufzustocken.
Putin stellt sich im Streit um Zwangs-Verträge von Söldnergruppen hinter Verteidigungsministerium
Der pro-russische Militärkorrespondent Alexander Kots sprach eigenen Angaben zufolge beim Treffen mit dem Präsidenten die Diskrepanz in der Bezahlung verschiedener Einheiten an. Im selben Schützengraben gebe es „zum Beispiel einen Grenzschutzbeamten mit einem Gehalt von 50.000 Rubel, einen Eingezogenen mit einem Gehalt von 200.000 Rubel und einen einfachen Wehrpflichtigen mit einem Gehalt von 2.900 Rubel. Und sie erfüllen die gleiche Aufgabe“, schrieb Kots dazu in einem Beitrag auf Telegram.
Die Zwangs-Verpflichtung von Söldner-Gruppen „sei die einzige Möglichkeit, soziale Garantien [für Söldner] zu gewährleisten, da es [derzeit] keinen Vertrag mit dem Staat und keinen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium gibt“, verteidigte Putin am Dienstag die Anordnung des Verteidigungsministeriums, wonach Söldnertruppen vor dem 1. Juli Verträge mit dem Ministerium unterschreiben müssen. Der Chef der paramilitärischen Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, hatte bereits öffentlich angekündigt, dem nicht nachkommen zu wollen.
Russische Militärkorrespondenten als Teil der Kriegspropaganda im Ukraine-Krieg
Kriegsberichterstatter gehören zur Propaganda-Maschine des Kreml. Die russische Öffentlichkeit vertraut den Bloggern oftmals mehr als dem Verteidigungsministerium. Der Blogger Semyon Pegow vom Projekt WarGonzo beispielsweise ist einer der wenigen, dem der Kreml im Ukraine-Krieg direkten Zugang zu den russischen Truppen gewährt. Pegow ergänzt die Kriegspropaganda mit Bildern der „einfachen Soldaten“ direkt von der Front. Schon im Jahr 2014 hatte der Blogger über die völkerrechtswidrige Annexion in der Krim berichtet und war auch beim russischen Militäreinsatz in Syrien vor Ort. Pegow schrieb auf Telegram von dem Treffen mit Putin und lobte, der Präsident habe „ausführlich“ auf seine Fragen geantwortet.
Kritische Militärblogger hatte Putin indes nicht zum Treffen geladen. Der Ultranationalist und frühere Geheimdienstoffizier Igor Girkin war beispielsweise nicht vor Ort, äußerte sich jedoch in einem Telegram-Beitrag abfällig über die anwesenden Medienvertreter sowie das Gesagte. Russland könne eine „Sperrzone“ schaffen, damit sein Territorium von der Ukraine nicht mehr erreichbar sei, hatte Putin mitgeteilt. „Und mit welchen Kräften?“, fragte Girkin in seinem Beitrag und zweifelte damit an, dass die vage angekündigte „Sperrzone“ halten könne. „Oh diese Geschichtenerzähler“, so der Ex-Geheimdienstler und Putin-Kritiker. (beme)

