Interview

Affäre um Chinas Außenminister: „Xi Jinping trägt einen Schaden davon“

  • schließen

Qin Gang ist nicht länger chinesischer Außenminister. China-Experte Nis Grünberg nennt mögliche Gründe für das Verschwinden des Diplomaten und sagt, wie es in Peking weitergehen könnte.

München/Peking – Es ist, als habe es ihn nie gegeben. Dort, wo Chinas Außenministerium auf seiner Internetseite bislang über die Aktivitäten von Qin Gang informiert hatte, klafft seit Dienstagnachmittag eine Lücke; wo bis zum Vormittag die Biografie von Qin zu finden war, heißt es nun: „Diese Informationen werden aktualisiert.“

Qin Gang war im Dezember zum chinesischen Außenminister berufen worden, als Nachfolger von Wang Yi. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte er am 25. Juni, seitdem ist Qin verschwunden. Am Dienstag meldete Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua dann in knappen Worten: „Abberufung von Qin Gang von seinem Amt als Außenminister, Ernennung von Wang Yi zum Außenminister“.

Was hinter den geheimnisvollen Vorgängen in Peking stecken könnte, erklärt Nis Grünberg im Interview. Grünberg forscht bei der China-Denkfabrik Merics unter anderem zu den Beziehungen zwischen dem chinesischen Staat und der Kommunistischen Partei Chinas.

Herr Grünberg, Chinas Außenminister Qin Gang ist seit vier Wochen verschwunden, jetzt wurde er kommentarlos abgesetzt. Wie ungewöhnlich ist das?
Es kam schon vor, dass auch höherstehende Beamte ein paar oder Tage oder eine Woche verschwunden waren, besonders bei Krankheitsfällen. Ungewöhnlich ist diesmal, dass ein Monat vergangen ist, ohne irgendwelche offiziellen Signale, was los ist. Es kam zwar relativ früh die etwas kryptische Botschaft, dass Qin krank sei – dann aber nichts mehr, bis zur Bekanntgabe, dass er seines Amtes enthoben wurde. Seltsam ist auch, dass Qin offenbar nur seinen Ministerposten verloren hat, nicht aber sein Amt als Staatsrat. Viele Fragen sind noch offen.
Was ist Ihrer Meinung nach geschehen?
Ich kann mir zwei Szenarien vorstellen. Entweder ist Qin Gang sehr schwer erkrankt, und man wusste wochenlang nicht, ob er wieder zurück ins Amt kommen würde. Und erst als klar war, dass er sein Amt nicht weiterführen kann, hat man reagiert.

„Qin Gang wurde, bevor Xi Jinping ihn zum Außenminister gemacht hat, durchleuchtet“

Und die zweite Möglichkeit?
Möglich ist auch, dass eine schwerwiegende Anklage gegen ihn vorliegt, wegen irgendeiner Disziplinarsache, von der man im Dezember, als man Qin Gang eingestellt hat, noch nichts wusste. Qin war lange in den USA, zuletzt als Botschafter. Es kann sein, dass ihm irgendetwas vorgeworfen wird, das mit Staatsgeheimnissen oder der nationalen Sicherheit zu tun hat. Qin Gang hat eine steile Karriere gemacht und ist ebenso steil abgestürzt, deswegen halte ich so etwas durchaus für plausibel.
Es gibt auch Gerüchte, er habe eine Affäre mit einer Journalistin gehabt.
Es ist durchaus möglich, dass es diese Affäre gibt. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass das allein als Grund für eine Absetzung ausreicht. Eine Affäre, das haben viele andere Beamte auch schon gehabt. Und sollte es diese Affäre wirklich gegeben haben, dann hat man das schon lange gewusst, das war sicher kein großes Geheimnis. Qin Gang wurde, bevor Xi Jinping ihn zum Außenminister gemacht hat, durchleuchtet.

Chinas Staats- und Parteichef: So stieg Xi Jinping zum mächtigsten Mann der Welt auf

Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping (2. von links) mit anderen Jugendlichen im Mao-Anzug
Xi Jinping wurde am 15. Juni 1953 in Peking geboren. Als Sohn eines Vize-Ministerpräsidenten wuchs er sehr privilegiert auf. Doch in der Kulturrevolution wurde er wie alle Jugendlichen zur Landarbeit aufs Dorf geschickt. Das Foto zeigt ihn (zweiter von links) 1973 mit anderen jungen Männer in Yanchuan in der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Dort soll Xi zeitweise wie die Einheimischen in einer Wohnhöhle gelebt haben. © imago stock&people
Xi Jinping steht vor der Golden Gate Bridge in San Francisco
Xi Jinping 1985 vor der Golden Gate Bridge in San Francisco: Damals war er als junger Parteichef des Landkreises Zhengding in der nordchinesischen Agrarprovinz Hebei Delegationsleiter einer landwirtschaftlichen Studienreise nach Muscatine im US-Bundesstaat Iowa. Dort nahm die Gruppe nach offiziellen Berichten „jeden Aspekt der modernen Landwirtschaft unter die Lupe“. Anschließend reiste Xi weiter nach Kalifornien. Es war sein erster USA-Besuch. © imago stock&people
Xi Jingping und Peng Liyuan
Zweites Eheglück: Xi Jinping und seine heutige Ehefrau, die Sängerin Peng Liyuan, Anfang 1989. Zu dieser Zeit war Xi Vizebürgermeister der ostchinesischen Hafenstadt Xiamen. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Xis erste Ehe war nach nur drei Jahren an unterschiedlichen Lebenszielen gescheitert. Seine erste Frau, die Diplomatentochter Ke Lingling, zog in den 1980er-Jahren nach Großbritannien. © imago
Xi Jinping gräbt mit Parteikollegen an einem Damm zur Verstärkung eines Deiches in Fujian
Aufstieg über die wirtschaftlich boomenden Küstenregionen: 1995 war Xi Jinping bereits stellvertretender Parteichef der Taiwan gegenüberliegenden Provinz Fujian – und noch ganz volksnah. Im Dezember 1995 arbeitet er mit an der Verstärkung eines Deiches am Minjiang-Fluss. © Imago/Xinhua
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Chinas Vizepräsident Xi Jinping das Regierungsviertel in Berlin
Vizepräsident Xi Jinping 2009 im Kanzleramt bei Angela Merkel: Die deutsch-chinesischen Beziehungen waren unter Merkel relativ eng und von wirtschaftlicher Zusammenarbeit geprägt. Merkel und Xi reisten aus Berlin weiter nach Frankfurt, um die dortige Buchmesse zu eröffnen. China war als Ehrengast geladen. © GUIDO BERGMANN/Pool/Bundesregierung/AFP
Die Vizepräsidenten Xi Jinping aus China und Joe Biden aus den USA halten T-Shirts mit einer Freundschaftsbekundung in die Kamera
Ein Bild aus besseren Zeiten: Aus ihrer jeweiligen Zeit als Vizepräsidenten kamen Joe Biden und Xi Jinping mehrmals zusammen. Im Februar 2012 demonstrierten sie bei einer Reise Xis nach Los Angeles in einer Schule „guten Willen“ zur Freundschaft mit T-Shirts, die ihnen die Schüler überreicht hatten. Damals fehlten Xi nur noch wenige Monate, um ganz an die Spitze der Kommunistischen Partei aufzusteigen. © FREDERIC J. BROWN/AFP
Ein alter Mann in Shanghai schaut auf Xi bei seiner ersten Rede als Parteichef im Fernseher.
Xi Jinping hat es geschafft: Zum Ende des 18. Parteitags am 15. November 2012 wurde Xi als neuer Generalsekretär der Kommunisten präsentiert – und ganz China schaute zu. Xi gelobte in seiner ersten kurzen Rede als Parteichef, die Korruption zu bekämpfen und ein „besseres Leben“ für die damals 1,3 Milliarden Menschen des Landes aufzubauen.  © PETER PARKS/AFP
Der neue Staatschef Xi Jinping geht hinter seinem Vorgänger Hu Jintao zu seinem Platz in der Großen Halle des Volkes in Peking.
Übernahme auch des obersten Staatsamtes: Xi Jinping wurde auf dem Nationalen Volkskongress im März 2013 Präsident und schloß damit den Übergang von seinem Vorgänger Hu Jintao (vorn im Bild) zur Xi-Ära ab. © GOH CHAI HIN/AFP
Chinas Präsident und seine Ehefrau Peng Liyuan gehen über den Flughafen Orly in Paris.
Xi Jinpings Ehefrau Peng Liyuan ist die erste First Lady Chinas, die auch öffentlich in Erscheinung tritt. Hier kommt das Ehepaar zu einem Staatsbesuch in Frankreich an. Die Gattinnen von Xis Vorgängern hatten sich nie ins Rampenlicht gedrängt. Vielleicht auch, weil Maos politisch aktive dritte Ehefrau Jiang Qing nach dem Tod des „Großen Vorsitzenden“ als Radikale verurteilt worden war. © YOAN VALAT/Pool/AFP
Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas auf dem Weg zum Parteitag in Peking
So sehen KP-Funktionäre aus: Delegierte des 19. Parteitags auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes in Peking im Oktober 2017. Auf diesem Parteitag gelang es dem Staats- und Parteichef, seine „Xi Jinping-Gedanken zum Sozialismus Chinesischer Prägung in der Neuen Ära“ in die Parteiverfassung aufzunehmen. Er war der erste nach Mao, der zu Lebzeiten in der Verfassung eine Theorie mit seinem Namen platzieren konnte. Einen Kronprinzen präsentierte Xi auf dem Parteitag nicht – entgegen den normalen Gepflogenheiten. © GREG BAKER/AFP
Xi Jinping nimmt in einer Staatslimousine „Rote Fahne“ die Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ab.
70 Jahre Volksrepublik China: Staatschef Xi Jinping nahm 2019 in einer offenen Staatslimousine Marke „Rote Fahne“ die Militärparade in Peking zum Jahrestag der Staatsgründung ab. © GREG BAKER/AFP
Wirtschaftsforum in Wladiwostok
Xi Jinping pflegt eine offene Freundschaft zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin – bis heute, trotz des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Putin und Xi teilen die Abneigung gegen die von den USA dominierte Weltordnung. Hier stoßen sie 2018 bei einem gemeinsamen Essen auf dem Wirtschaftsforum von Wladiwostok, auf dem sich Russland als Handelspartner und Investitionsziel im asiatischen Raum präsentierte, miteinander an. © Sergei Bobylev/POOL TASS Host Photo Agency/dpa
Xi Jinping besucht im weißen Kittel ein Labor und lässt sich die Impfstoffentwicklung erklären
Ende 2019 brach in China die Corona-Pandemie aus. Im April 2020 informierte sich Xi Jinping in einem Labor in Peking über die Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung. Xi ist bis heute überzeugt, dass China die Pandemie besser im Griff hat als der Rest der Welt. Seine Null-Covid-Politik beendet er nicht, wohl auch wegen der viel zu niedrigen Impfquote unter alten Menschen. © Ding Haitao/Imago/Xinhua
Xi Jinpings Konterfei lächelt von einem Teller mit rotem Hintergrund
Auf dem 20. Parteitag im Oktober 2022 ließ sich Xi Jinping zum dritten Mal zum Generalsekretär der Kommunisten ernennen. Damit ist er der mächtigste Parteichef seit Mao Zedong. © Artur Widak/Imago
Qin Gang galt als enger Vertrauter von Staats- und Parteichef Xi. Beschädigt diese Affäre nun auch ihn?
Xi Jinping trägt einen Schaden davon, ja. Ich würde aber nicht sagen, dass er in seiner Macht geschwächt ist. Er wird jedoch Lehren daraus ziehen. Besonders falls es eine Disziplinaranklage gibt, die mit Qins Aufenthalt im Ausland zusammenhängt, wo man ihn nicht lückenlos kontrollieren konnte. Ist dies der Fall, wird man in Zukunft sein Spitzenpersonal wohl vor noch stärker aus Leuten rekrutieren, die nicht so lange im Ausland waren, von denen man also besser weiß, wer sie wirklich sind und wie sie ticken.

„Die Vorgänge werfen ein schlechtes Licht auf die Kommunistische Partei Chinas“

Nachfolger von Qin Gang ist nun sein Vorgänger Wang Yi.
Das halte ich für eine Übergangslösung, für eine Art von Schadenskontrolle. Man hat jemanden gebraucht, der schnell übernehmen kann, der weiß, wie das Spiel gespielt wird, der über die notwendigen Kontakte verfügt. Deswegen hat man sich für Wang Yi entschieden, der übrigens seinen höherrangigen Posten als oberster Diplomat der Kommunistischen Partei beibehalten wird.
Die Abberufung von Qin Gang fällt in einer Zeit der zunehmenden Spannungen zwischen China und dem Westen.
Das stimmt. Ich glaube aber nicht, dass der Abgang von Qin Gang große Auswirkungen haben wird. Schließlich war Wang Yi bereits Außenminister und weiß, was er zu tun hat. China wird die bisherige Linie weiterverfolgen und versuchen, ohne große Armbewegungen die Stabilität zu erhalten. Dafür ist Wang der richtige Mann, Xi vertraut ihm.
Für das Ansehen Chinas im Ausland ist die Affäre allerdings wohl eher schädlich.
Die Vorgänge werfen tatsächlich ein schlechtes Licht auf den Führungsstil der Kommunistischen Partei. Viele Menschen im Ausland, Diplomaten und Außenpolitiker, mussten zuletzt Treffen mit Qin Gang absagen, ohne zu wissen, was los ist.

„Diese Art schon Schweigen und Informationskontrolle ist nichts Neues für Peking“

Nun werden diese Treffen wohl nachgeholt werden – mit einem neuen Außenminister, während der alte verschwunden bleibt.
Das kann natürlich zu unangenehmen Situationen führen. In China ist man es aber gewohnt, keine Miene zu verziehen und keinen Kommentar abzugeben. Diese Art schon Schweigen und Informationskontrolle ist nichts Neues für Peking.
Qin Gangs Amtszeit war recht kurz, nur ein knappes halbes Jahr. Was war er für ein Außenminister?
Qin hat im Grunde unter Wang Yis Regie gehandelt. Einen eigenen Stil konnte auch deshalb nicht entwickeln, weil die Zeit dafür zu kurz war. Er ist zwischen dem Parteitag im Herbst und der Sitzung des Nationalen Volkskongresses im März eingesetzt worden, also in einer Zeit des Übergangs. Qin hat versucht, einen etwas offeneren und weltmännischeren Stil als sein Vorgänger zu etablieren. Ich bin mir aber nicht sicher, ob er das geschafft hat.

Rubriklistenbild: © Thomas Trutschel/Imago

Kommentare