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Thomas Borchert- Gerd Braune
Stefan Brändle
Tatjana Coerschulte- Christine Dankbar
Pamela Dörhöfer
Michael Hesse- Stephan Kaufmann
Florian Leclerc
Jan Christian Müller
Die Nachrichten sind voll von Konflikten und Krisen. Die FR sammelt aktuelle Entwicklungen aus Deutschland und der Welt, die positiv aus dem Verdruss der Zeit herausragen.
Der Zustand der Welt ist so bedrückend wie seit vielleicht dem letzten Höhepunkt des Kalten Krieges 1983 nicht mehr. Kriege erschüttern den Globus, Hunger, Vertreibung, Flucht, Klimakatastrophe, Intoleranz, Populismus, rechte Rattenfänger ... Man möchte sich verkriechen vor so viel Elend. Aber Bange machen und Einknicken gilt nicht. Denn überall zeigen sich auch immer wieder Leuchtfeuer der Hoffnung. Nicht unbedingt immer große und von globaler Wirkkraft. Aber Hoffnungsschimmer nichtsdestotrotz. Mit ein paar von ihnen auf den folgenden Seiten wollen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, in die Feiertage entlassen. Frohe Ostern!
Demokratie in Deutschland: Viele stehen auf für eine diverse Gesellschaft
Markranstädt ist eine Kleinstadt in Sachsen. Sie hat rund 16 000 Einwohner:innen, die AfD ist die zweitstärkste politische Kraft. Am 4. Februar hat es dort ziemlich geregnet. Trotzdem sind rund 200 Menschen zur Demo gegen rechts gekommen. Das Bündnis „Markranstehtauf“ hat dazu aufgerufen. Die Initiative hat auf Instagram gerade mal 135 Follower, in die großen Medien hat es die Demo daher auch nicht geschafft. Da war vor allem von den Kundgebungen gegen rechts mit 150 000 und 300 000 in den Großstädten die Rede, ist ja auch klar. Die Recherche von „Correctiv“ hatte im Januar für einen Paukenschlag gesorgt: AfD-Abgeordnete, Neonazis und reiche Unternehmer hatten sich im November in einem Hotel in Potsdam getroffen, um über die Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte aus Deutschland zu beraten. Während die AfD im Bundestag noch so tat, als sei nichts passiert, durchschauten viele, sehr viele diese Taktik. Es gab sofort Demos, die sich schnell ausweiteten. 200 000 Menschen in Hamburg oder 700 in Sonneberg in Thüringen oder eben 200 in Markranstädt – die Kundgebungen, die nach dem Bekanntwerden des rechtsextremen Geheimtreffens begonnen haben, zeigen vor allem eines: In diesem Land sind sehr viele Menschen bereit, für die Demokratie und eine diverse Gesellschaft auf die Straße zu gehen. Das ist nicht so banal, wie es auf den ersten Blick klingen mag. Demonstriert wird meistens gegen etwas, Unzufriedenheit treibt die Menschen auf die Straße. Wer zufrieden ist, bleibt zu Hause. Doch jetzt kommen viele aus ihren Häusern und wollen die Demokratie verteidigen, die von rechtsextremer Seite attackiert wird, sogar in den Parlamenten. Die Einigkeit darüber, dass die Extremen damit nicht durchkommen dürfen, reicht von den Ballungsgebieten bis in die sogenannte Provinz. Ein Demonstrant in Sonneberg in Thüringen hat es kürzlich so formuliert: „Politisches Desinteresse ist ungesund für uns alle.“ In Markranstädt waren es bei der nächsten Demo dann schon 300 Menschen. Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist. (Christine Dankbar)
Politik in Deutschland: In weiten Teilen verantwortungsbewusst und sachbezogen
Schon von Berufs wegen sind Journalistinnen und Journalisten auf Krisen und Streit fokussiert. Auseinandersetzungen haben in der Regel nun mal einen größeren Nachrichtenwert als pure Harmonie. Zudem gehört in einer liberalen Demokratie Dissens zum Prozess der Meinungs- und Willensbildung. Doch die vergangenen vier Jahre muteten selbst Konflikt-Profis einiges zu: die Pandemie, der Ukraine-Krieg, jetzt Gaza, dazwischen Erdbeben und weltweit großflächig brennende Wälder. Hierzulande kam hinzu: Rezession, eine Energiewende, die nicht klappt, und der wachsende Zuspruch für die AfD. Dennoch sehe ich nicht schwarz. Nehmen wir die AfD: Die Feinde der Freiheit werden bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland Siege einfahren, das zeichnet sich ab und ist bedrückend. Das ist jedoch kein Grund, in Pessimismus zu verfallen. Pessimismus macht mutlos und raubt die Kraft. Die brauchen wir aber. Wir können froh sein, dass wir in Deutschland mehrheitlich rationale Politikerinnen und Politiker haben, jedenfalls die von den demokratischen Parteien. Ob Scholz, Baerbock, Merz oder viele andere: Sie sind keine politischen Irrlichter, maximal berauscht von der eigenen Bedeutung, aber zu konstruktiver Sachpolitik gar nicht fähig. Die allermeisten, die in unserem Land an politisch entscheidenden Stellen sitzen, sind verantwortungsbewusst und sachbezogen. Das sollten wir bei allen Mäkeleien im politischen Tagesbetrieb nicht vergessen. Wir können froh sein, dass dieses Land so stabil ist und sein politisches System so gut funktioniert. Ich bin sicher, dass unsere demokratischen Politikerinnen und Politiker Antworten auf Krisen und Schwächen finden und Allianzen gegen Rechtsaußen bauen (ja, auch du, CDU). Was die Rechtsextremen angeht, ist allerdings auch der Souverän einer Demokratie in der Pflicht, das sind wir alle: Das beste Mittel gegen die AfD ist, sie nicht zu wählen. (Tatjana Coerschulte)
Arbeitskampf: Das Machtverhältnis verschiebt sich
Die Gewerkschaften haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie führen harte Auseinandersetzungen und um ihre Lohnforderungen durchzusetzen, greifen sie mehr als in den Jahren zuvor zu Mitteln des Arbeitskampfes. Die Lokführergewerkschaft GDL und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) bestreikten den Verkehr auf der Schiene. Auch auf den Flughäfen, im Nahverkehr, im Öffentlichen Dienst und im Handel: Streiks und Streikdrohungen. Laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln wurde 2023 in den Tarifverhandlungen so viel gestritten wie noch nie. Aber am Ende einigt man sich auch. In vielen Branchen steigen die Tariflöhne dadurch deutlich. Mancherorts, wie bei den Lokführerinnen und Lokführern, sinkt auch die Arbeitszeit. Es hat sich etwas verändert auf dem Arbeitsmarkt: Zumindest in einigen Branchen verschiebt sich das Machtverhältnis zwischen Unternehmen und Beschäftigten zugunsten der Arbeitnehmerseite. Viele Beschäftigte der Babyboomer-Generation gehen bald in Rente, um den knappen Nachwuchs müssen die Unternehmen mehr werben als noch in den vergangenen Jahrzehnten. Hinzukommt, dass viele Branchen seit der letzten Finanzkrise kräftig gewachsen sind und viel Personal aufgebaut haben. Die Bauindustrie zum Beispiel hat zwischen 2009 und 2022 knapp 500 000 Menschen eingestellt. Damit sind die Arbeitskräftereserven dort weitgehend ausgeschöpft. Auch das verändert die Verhandlungsposition. Ob der Trend sich fortsetzen wird? Das bleibt abzuwarten. Viele Unternehmen bauen gerade Stellen ab, ohne dass es zu Massenentlassungen kommt. In vielen Branchen setzen Arbeitgeber auf Künstliche Intelligenz, um Prozesse zu optimieren und Lohnkosten zu drücken. Trotzdem: Ein bisschen Hoffnung lohnt sich. (Steffen Herrmann)
Inflation: 2024 bringt wohl die Wende
Solch einen Einkommensverlust hat es in der (west)deutschen Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben: Im Zuge rasant steigender Energie- und Rohstoffpreise sanken die deutschen Reallöhne im Jahr 2022 um durchschnittlich 4,0 Prozent, nachdem sie bereits in den beiden Vorjahren geschrumpft waren. 2023 gab es dann den ersten Anstieg seit 2019 – allerdings nur ein mageres Plus von 0,1 Prozent. Das laufende Jahr allerdings bringt wohl endlich die Wende. Zwar dürfte die deutsche Wirtschaftsleistung 2024 sinken. Doch Wachstum ist nicht alles – der Arbeitsmarkt bleibt relativ stabil, es gibt deutliche Lohnerhöhungen und vor allem: Die Inflation geht weiter zurück, die abhängig Beschäftigten können Teile der Lohnverluste wieder aufholen. Laut Prognose des gewerkschaftsnahen Instituts IMK wird die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 2024 bei 2,4 Prozent liegen, 2025 bei zwei Prozent. Inflationsraten von sechs bis sieben Prozent wie 2022/23 sind damit erst einmal vorbei. Das liegt laut IMK zum einen daran, dass die teilweise überhöhten Gewinnmargen der Unternehmen zurückgehen. Zum anderen verteuert sich Energie nicht mehr so stark, teilweise sinken die Preise. Das entlastet das Budget der privaten Haushalte und wirkt auch indirekt über die Produktionskosten von Waren und Dienstleistungen auf die Gesamtinflation. In der Folge erwartet das IMK einen Zuwachs der Realeinkommen von 0,8 Prozent im Jahresdurchschnitt 2024 und von 1,3 Prozent 2025. Das macht den privaten Konsum zur zentralen Stütze der Wirtschaftsentwicklung. Das hätte bereits etwas früher geschehen können. Denn die Inflation wäre in den ersten beiden Monaten dieses Jahres um rund einen halben Prozentpunkt niedriger ausgefallen, wären nicht die Energiepreisbremsen vorzeitig beendet, die Mehrwertsteuer auf Speisen im Gastgewerbe auf 19 Prozent angehoben und der CO2-Preis um 50 Prozent auf 45 Euro pro Tonne erhöht worden, so das Institut. Doch wie sagt man: lieber spät als nie. (Stephan Kaufmann)
Frankfurt: Sprudelnde Steuereinnahmen für Schulen, Straßen, Bäder und das Klima
Gute Nachrichten aus Frankfurt: Die Stadt nimmt zunehmend Geld aus der Gewerbesteuer ein. Drei Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr. 2024 plant die Stadt zurückhaltend mit 2,9 Milliarden Euro – am Ende wird es voraussichtlich mehr sein. In den kommenden Jahren sollen jeweils 100 Millionen Euro dazukommen. Auch das ist eine konservative Schätzung. Frankfurt liegt damit etwa gleichauf mit anderen finanz-starken Städten oder Stadtstaaten. Hamburg, Berlin und München hatten laut Statistischem Bundesamt zuletzt ebenfalls Gewerbesteuereinnahmen von etwa drei Milliarden Euro. Die wichtigste kommunale Einnahmequelle erwirtschaftete 2022 etwa 70 Milliarden Euro in ganz Deutschland – ein Plus von gut neun Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr, Mit dem Geld baut Frankfurt Schulen, saniert Straßen und Brücken, investiert in den Klimaschutz, fördert Vereine, baut den öffentlichen Nahverkehr aus. Während andere Kommunen in Hessen ihre Schwimmbäder schließen müssen, weil das Geld fehlt, baut Frankfurt das Brentanobad und das Panoramabad neu. Milliardenschwere Großprojekte wie den Fernbahntunnel oder den Neubau der Städtischen Bühnen kann eine finanzstarke Stadt wie Frankfurt wiederum nicht alleine finanzieren. Wegen der überregionalen Bedeutung von Oper, Schauspiel und dem Fernbahnhof ist die Stadt auf die finanzielle Hilfe des Landes Hessen beziehungsweise des Bundes angewiesen. Es ist nicht so sehr das produzierende Gewerbe (acht Prozent Anteil), das der Stadt den jährlichen Geldsegen beschert, oder der Handel (fünf Prozent) beziehungsweise das Baugewerbe (ein Prozent). Die Banken und Kapitalgesellschaften (43 Prozent) und die Versicherungen (20 Prozent) machen Frankfurt zur reichsten Stadt in Hessen. Eine Weltfinanzkrise wie 2007/2008 wäre auch eine Krise für den Frankfurter Haushalt. Obwohl Frankfurt hohe Gewerbesteuereinnahmen hat, reicht das Geld nicht für alle Vorhaben der Römer-Koalition. Der Schuldenberg der Stadt steigt in den nächsten Jahren auf fünf Milliarden Euro an. (Florian Leclerc)
Fanproteste: Die Basisdemokratie siegt
Tausende Tennisbälle, Schokotaler und Lutschbonbons sind aus den Fanblocks geflogen, es wurden frische Zitronen und faule Äpfel geworfen, ferngesteuerte Autos fuhren blinkend in Strafräumen herum, Ultraleicht-Tiefflieger düsten nur knapp über Torlatten hinweg. Das für derartig vielfältige Übergriffe ungeschulte Ordnungspersonal mühte sich ungelenk nach Kräften mit Laubbläsern, Eimern, Plastikbeuteln und oft mit bloßen Händen – und am Ende war der geplante Investorendeal des deutschen Profifußballs vom Tisch. Die vermeintlich Mächtigen im Bundesliga-Business haben sich der Macht der Basis nur ungern gebeugt. Sie hatten den Widerstand unterschätzt. Erst hatten die einen die Schnauze voll vom Streben der anderen nach immer mehr Kohle, dann hatten die anderen die Schnauze voll von der hartnäckigen Impertinenz der einen. So kann Basisdemokratie in einem Unterhaltungsbetrieb funktionieren, in dem Basisdemokratie gar nicht vorgesehen ist. Versuche, die Leute in den Stehblocks zu kriminalisieren, blieben aus guten Gründen zaghaft. Weil bald zu spüren war, dass die Kurven diesmal nicht ihr eigenes Ding machten. Sondern einen strategisch gut platzierten Protest angezettelt hatten, dem auch eine Menge Leute folgen konnten, die ihren Hintern im Fußballstadion gewohntermaßen auf einem Schalensitz zu platzieren pflegen. Nie zuvor haben Ultrabewegungen in Deutschland eine derart breite Unterstützung auch von jenen Teilen der fußballinteressierten Bevölkerung erfahren, die gemeinhin mit Pyrotechnik so viel am Hut hat wie mit Raketenwissenschaft. Am Ende sorgten nicht nur fliegende Tennisbälle, sondern auch kluge Argumente der Fanorganisationen für einen Sieg gegen die Bosse nach Verlängerung und Elfmeterschießen – der dann auch gar nicht mal so knapp ausfiel. (Jan Christian Müller)
Medizin: Eine von Malaria befreite Welt
Für die armen Länder des globalen Südens ist sie eine echte Geißel: Jedes Jahr erkranken mehr als 200 Millionen Menschen an Malaria, vor allem in Afrika. Rund 600 000 sterben daran, die allermeisten sind Kinder unter fünf Jahren. Weder mit Mückennetzen und Insektiziden noch mit Medikamenten gelang es bisher, die von Parasiten ausgelöste und von Moskitos übertragene Krankheit einzudämmen. Und trotz intensiver Bemühungen seit mehr als einem halben Jahrhundert schaffte es bis vor kurzem kein Impfstoff zur Zulassung. Doch mittlerweile stehen die ersten zur Verfügung, endlich, und geben Anlass zur Hoffnung, das durch Malaria verursachte Leid zu verringern. Als weltweit erster Impfstoff hatte RTS.S (Handelsname Mosquirix) vom britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline 2021 eine Zulassung erhalten, doch erst jetzt kann er breit eingesetzt werden. Bis Ende 2023 war Mosquirix nur in ausgewählten Regionen von Ghana, Kenia und Malawi an Kleinkinder und Babys verabreicht worden, nun werden auch andere Länder in Afrika den Impfstoff erhalten. Bedarf und Nachfrage sind riesig, weit größer als die bislang verfügbaren 18 Millionen Dosen, von denen jedes Kind jeweils vier erhalten muss. Das Kinderhilfswerk Unicef und die globale Impfallianz GAVI entscheiden, wo die Not am größten ist. Als erstes Land weltweit erhielt Kamerun im November 2023 Lieferungen für Routine-Impfungen. In Burkina Faso, das 2022 fast 12,5 Millionen Malariafälle zählen musste, startete die Impfkampagne am 5. Februar 2024. Allein in diesen beiden Ländern könnte die Impfung Tausende Leben retten. Mit R21/Matrix-M kommt nun ein zweiter Impfstoff hinzu. Entwickelt wurde er von der Universität Oxford, der zugesetzte Wirkverstärker stammt von der US-Pharmafirma Novavax. Beide Vakzine sind klassische Proteinimpfstoffe und ähneln einander, allerdings erzielte R21/Matrix-M in den klinischen Studien mit einer Senkung der Erkrankungsfälle um bis zu 75 Prozent bessere Ergebnisse als Mosquirix, dessen Wirksamkeit bei etwa 56 Prozent liegt. Ein weiterer Vorteil soll sein, dass R21/Matrix-M preisgünstiger und in größeren Chargen produziert werden kann als Mosquirix. Freilich: Auf absehbare Zeit werden diese Impfstoffe nicht die alleinige Lösung für die alte Geißel Malaria sein und die vorbeugenden Strategien nicht ersetzen können. Aber sie sind ein sehr großer Schritt. Und längst nicht das Ende des Weges. Weitere Impfstoffe sind in der Pipeline – und es gibt auch noch ganz andere Ansätze wie den, der Krankheit durch gentechnisch veränderte Mücken den Garaus zu machen. (Pamela Dörhöfer)
Frankreich: Olympische Hymne an die Liebe
Man erinnert sich: Mitte März wurde Aya Nakamura angegriffen, weil sie im Juli an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Paris auf Wunsch von Präsident Emmanuel Macron ein Chanson von Edith Piaf zum Besten geben soll. Rassisten druckten darauf ein Spruchband: „Geht nicht, Aya. Hier ist Paris, nicht der Markt von Bamako.“ Solche unsäglichen Reaktionen gegen die aus Mali stammende Sängerin machten den Auftritt unsicher – aber auch viele Menschen in Frankreich wütend. Einige zeigten ein Gegenspruchband an die Adresse der Rechtspopulistin Marine Le Pen gewandt: „Geht nicht, Marine, hier ist Paris, nicht Vichy.“ In jenem Städtschen in der Auvergne kam 1940 der französische Reststaat von Hitlers Gnaden unter. Das dort installierte autoritäre Regime aus Kleinbürgerlichen und Erzfaschisten unter dem Marschall Pétain gab Frankreich Einblicke in die dunkelsten Ecken seiner Seele. Zu Ostern scheint es nun, dass die Rassistinnen und Nationalisten eine Schlappe erlitten haben. Die 28-jährige Nakamura, die sich den japanisch klingenden Künstler-Nachnamen selbst gegeben hat, soll bereit sein, am 26. Juli an der olympischen Ouverture teilzunehmen und ein Lied der französischen Ikone Edith Piaf anzustimmen. Welches, ist noch offen. „Non, je ne regrette rien“? Eher nicht, das würde olympisch wenig Sinn machen. „La vie en rose“? Vielleicht. Vorne im Rennen liegt aber offenbar „Hymne à l’amour“. Das Lied beginnt so: „Der blaue Himmel kann einbrechen, die Erde untergehen – das ist mir egal, wenn du mich liebst. Dann ist mir die ganze Welt egal.“ Das ist genau das, was die französische Sportministerin Amélie Oudéa-Castéra nach Aufbrechen der Nakamura-Affäre erklärt hatte: „Liebe Aya Nakamura, kümmern Sie sich nicht um die Welt. Wir sind mit Ihnen.“ Das Chanson endet: „Mon Amour, glaubst du, dass wir uns lieben? Gott bringt die zusammen, die sich lieben.“ Wenn das keine frohe Osterbotschaft ist! (Stefan Brändle)
Kanada: Die revolutionäre Kraft des neuen Händel
Deantha Edmunds steht auf den Klippen von Petty Harbour, einem Fischerort in Neufundland. Der Wind bewegt das Fell, das die Kapuze ihres Parka umsäumt. Dann singt sie „Kuvianattuksovut Itigangit“. Es ist die Arie „Wie lieblich ist der Boten Schritt“ aus dem „Messias“ von Georg Friedrich Händel, übersetzt in Inuttitut, der Sprache der Inuit in Kanadas Provinz Neufundland und Labrador. Edmunds ist Kanadas erste Opernsängerin aus dem indigenen arktischen Volk. Für ihre Verdienste als erste Inuk-Opernsängerin – Inuk ist die Einzahl von Inuit –, ihre Kompositionen und Unterstützung junger indigener Musiker:innen wurde ihr jetzt Kanadas Verdienstorden „Order of Canada“verliehen. Das ist bemerkenswert in diesem Land, das bis in die 60er Jahre indigene Kultur unterdrückte und dessen Geschichte von einem beschämenden Umgang mit den indigenen Völkern – den First Nations, Inuit und Métis – begleitet wird. Händels Oratorium „Der Messias“ von 1742 hat viele Adaptionen erlebt. Eine ganz besondere Bearbeitung ist der „Messiah/Complex“: eine filmische Aufführung mit Schauplätzen, Aktricen und Akteuren quer durch Kanada. Der „Messiah/Complex“ entstand zu Beginn der Covid-Pandemie. Die Arien wurden in Englisch, Französisch, Arabisch und den indigenen Sprachen Dene, Tutchone und Inuktitut/Inuttitut gesungen. Indigene Kultur war für viele Neuankömmlinge im heutigen Kanada wegen der drastischen Unterschiede in Ausdrucksformen unzugänglich. Nun eine Sängerin zu erleben, die Opern in Inuktitut und den regionalen Variationen dieser Inuitsprache singt, eröffnet neue Sichtweisen. Edmunds und anderen indigenen Künstlerinnen und Künstlern geht es nicht nur darum, Texte in einer anderen Sprache zu singen. Sie wollen viel mehr: „Wir versuchen die Musikwelt zu dekolonisieren, so dass diese Musik für Menschen überall nicht nur zugänglich ist, sondern auch geschätzt wird, nicht nur in den Städten und in angesehenen Kreisen“, sagt Edmunds. Aufgewachsen ist die heute 51-jährige Sopranistin in Corner Brook in Neufundland. Ihr Vater war ein Inuk aus Hopedale an der Küste Labradors. Er sang mit ihr und ihren Geschwistern Weihnachtslieder wie „Stille Nacht“ und „O Tannenbaum“ in Englisch, Inuttitut – und auf Deutsch. Denn nach Labrador kamen vor 250 Jahren Missionare der „Moravian Church“, der deutschsprachigen „Herrnhuter Brüdergemeine“. In Inuit-Gemeinden Labradors entstanden Chöre und Orchester, die Musik von Bach, Händel und Mozart und Lieder, die die Missionare in Inuttitut verfassten, aufführten. „Die Inuit von Labrador haben klassische Musik seit Jahrhunderten in Inuttitut gesungen und gespielt. Diese Musik jetzt professionell in der Sprache meiner Vorfahren singen zu können, ist überwältigend.“ Deantha Edmunds greift in ihren Kompositionen auch Themen auf, die Indigene tief bewegen. Dazu gehört ihr Lied „Legacy“ über vermisste und ermordete indigene Frauen und Mädchen. Sie möchte mit ihrem Wirken dazu beitragen, „dass wir den Reichtum unserer Geschichte feiern“, aber auch die Wahrheit über die Vergangenheit anerkennen. (Gerd Braune)
Geschichte: Was die Perspektive der Jahrhunderte lehrt
Nach Meinung des US-Psychologen Steven Pinker leben wir in der besten Zeit, die es je auf der Erde gegeben hat. Hoher Lebensstandard, viel weniger Krankheiten, höhere Lebenserwartung, Abnahme der Armut. Dennoch sollen wir in einer Zeit voller Krisen leben, die alle Bereiche unserer Existenz, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch, umfassen? Ist die Phase der Wirtschaftskrise und der politischen Krise nicht vielmehr ein Interregnum, wie es der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck bezeichnete? Sind Schwankungen in Lebensverläufen von Menschen nicht einfach die Norm und keine Lebenskrisen? Die unüberschaubare Vielzahl an Krisen, in denen der Gegenwartsmensch steckt, lässt in einem das Gefühl entstehen, die Apokalypse stehe kurz zuvor. Gibt es einen besseren Moment als jenen der Krise, um die Menschen darauf hinzuweisen, dass es entgegen ihrem Glauben in nahezu allen Lebensbereichen einen Fortschritt gibt? Fortschritte erkennen wir in der Bildung, Gesundheit, Lebenserwartung, Wohlstand. Und trotz der Kriege in der Ukraine und in Nahost, trotz der Bedrohung durch Autokratien erkennen wir auch in der Entwicklung von Demokratie oder innerer Sicherheit vieles, das uns Hoffnung machen sollte. Betont sei, dass alles besser geworden ist. Einiges ist auch schlechter geworden – aber wen überrascht das? Dennoch: Heute ist die Welt hundertmal wohlhabender als vor 200 Jahren. Der Anteil der Menschheit, der in extremer Armut lebt, ist von rund 90 Prozent auf zehn Prozent gesunken. Er könnte sogar auf Null gehen. Die Lebenserwartung ist seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von 30 auf 71 Jahre gestiegen. Und die Welt gibt dem Frieden eine Chance. Verglichen mit den 80er Jahren ist der Anteil der Menschen, die in Kriegen sterben, immer noch deutlich geringer. Zudem ist das Leben in jeder Hinsicht sicherer geworden. Die Menschen werden gesünder, sicherer und freier, und sie lernen zunehmend lesen und schreiben, ihre Bildung wächst. Nicht alles taugt als Mittel, um sich gegen die Gefahren des Populismus zu immunisieren. Das sieht man sogar in Ländern wie Deutschland. Dennoch ist es wichtig, den Blick nicht von den guten Seiten der Entwicklung abzuwenden. Wer zu starke Krisengefühle mit sich herumträgt, neigt eher dazu, sich radikalen Lösungen zu öffnen. Und allein deshalb sollten wir etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. (Michael Hesse)











