Münchner-Merkur-Interview

„Das System ins Wanken bringen“: Wo Russlands Gefahr lauert – und was Putin aus dem Ukraine-Krieg „lernt“

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Der Ausgang des Ukraine-Kriegs ist wichtig für Russlands Pläne, sagt Expertin Jana Puglierin. Sie plädiert für Kontakte zum Kreml – jedenfalls nach einem Kampf-Stopp.

Es ist eine große Aufgabe, der sich Jana Puglierin da gewidmet hat. Die Sicherheits- und Verteidigungsexpertin hat rund ein halbes Jahr an einem Buch mit dem Titel „Wer verteidigt Europa?“ (Rowohlt, 24 Euro) gearbeitet. In einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump alle naselang neue Antworten andeutet. Einkalkulieren muss man wohl ein bitteres Szenario, wie Puglierin zuletzt bei Markus Lanz erklärte: Europa wird sich selbst verteidigen müssen.

Sicherheitsexpertin Jana Puglierin sieht große Aufgaben auf Europa zukommen – auch nach Putins Ukraine-Krieg.

Großen Einfluss auf die Gefahren aus Russland dürfte indes der Ausgang des Ukraine-Kriegs haben, wie Puglierin dem Münchner Merkur von Ippen.Media sagt – denn Wladimir Putin gehe es um ein anderes Ziel als die Eroberung von Land. Warum auf Sicht dennoch ein direkter Draht in den Kreml für Europa nützlich wäre und wie der Kontinent „wehrfähig“ werden kann, erklärt die Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations im Interview.

„Für Russland ist der Einsatz von Militär ein normaler Bestandteil des Besteckkastens“

Frau Puglierin, Sie fragen in Ihrem Buch: „Wer verteidigt Europa?”. Ein Zusatz könnte lauten „...gegen Russland”. Bundeswehr-Generalleutnant Gerald Funke hat gerade erklärt, mit einem Angriff sei in zwei bis drei Jahren zu rechnen. Für wie real halten Sie die Gefahr?
Ich bin vorsichtig mit Prognosen und Jahreszahlen, es gibt viele Einflussfaktoren und Unbekannte. Ganz grundsätzlich geht es immer um Intentionen, um Fähigkeiten und Gelegenheiten. Auch Russlands Absichten können sich ändern – aber seit vielen Jahren ist erkennbar, dass Russland die Sicherheitsordnung und das Gleichgewicht in Europa verändern will. Es will sich nicht integrieren und einfügen, sondern eine Großmacht mit Veto sein. Das ist auch das Ziel hinter dem Angriff auf die Ukraine.
Sie beschreiben das Szenario eines „begrenzten Zwischenfalls“, um das Vertrauen in die NATO zu erschüttern. Ist es das nach Trumps Grönland-Drohungen nicht bereits?
Wenn Russland Europas Sicherheitsordnung neu gestalten will, dann sind die zentralen Ansatzpunkte die EU und die NATO. Ich finde, die Grönland-Krise hilft, die Gefahr besser zu schreiben.
Inwiefern?
Wenn jetzt manche in Polen überlegen, ob es wegen einer Eisinsel mit 57.000 Einwohnern die spezielle Beziehung zu den USA kappen soll, dann ist das im Kern das gleiche Szenario, wie wenn Pedro Sanchez in Spanien sagt, „die Russen werden schon nicht über die Pyrenäen kommen”: Wenn man nicht uneingeschränkt zueinander steht, sind EU und NATO obsolet. Man kann sich ja schwer vorstellen, dass sich Polen und Dänemark dann noch an einen Tisch setzen und zum Beispiel über Erasmus-Abkommen sprechen. Es geht um Solidarität. Die Gefahr ist in jedem Fall, dass Russland mit einem kleineren Angriff das ganze System ins Wanken bringen könnte.

Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken

Nato-Übung „Arctic Defender 2024“
Die Nato ist das größte militärische Verteidigungsbündnis der Welt. Der Nordatlantikpakt („North Atlantic Treaty Organization“) soll die territoriale Souveränität der Mitgliedsstaaten sichern und im Kriegsfall verteidigen. Dafür gibt es die Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato. Die Truppenstärke aller Nato-Länder zusammengerechnet umfasste 2025 nach vorläufigen Zahlen rund 3,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen.  © Kay Nietfeld/dpa
US-Armee Nato
Dem „Global Firepower Index“ zufolge stellen die USA mit rund 1,328 Millionen Soldatinnen und Soldaten die größte Nato-Truppe. Im Kampfeinsatz vertraut die US-Armee auch auf den Chinook-Hubschrauber. Der CH-47 ist bekannt für seine Fähigkeit, schweres Material und Personal in unwegsames Gelände zu transportieren. Im Bild ist eine gemeinsame Übung von Südkorea und den USA in Yeoncheon zu sehen. © Jung Yeon-Je/AFP
Militär Türkei
Das zweitgrößte Militär der Nato-Mitgliedstaaten kommt aus der Türkei (Truppenstärke: 355.200). Die Armee gilt als eine der stärksten der Welt. Anhand von mehr als 60 Einzelfaktoren analysieren die Fachleute von „Global Firepower Index“ die militärische Gesamtstärke der Armeen. Türkei, die seit 1952 Mitglied der Nato ist, belegt hier unter 145 Armeen den neunten Platz. © Tunahan Turhan/Imago
Polnische Armee
In der Nato-Rangliste der Truppenstärke liegt Polen auf Platz drei. Die polnischen Streitkräfte verfügen über 202.100 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte sind seit 2010 eine Berufsarmee und gliedern sich wie folgt: Heer, Marine, Luftwaffe, Spezialkräfte, Territorialverteidigung (Freiwilligenmiliz). © Radek Pietruszka/dpa
Frankreich Macron
Platz vier in der Nato-Rangliste belegt Frankreich (Truppenstärke: 200.000). Frankreich ist seit dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs die einzige Atommacht in der Europäischen Union. Der französische Staatspräsident ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte und die einzige Person, die einen nuklearen Angriff befehlen kann. Hier hält Präsident Emmanuel Macron (Mitte) eine Rede vor zwei Kampfjets vom Typ Dassault Mirage 2000 (links) und vom Typ Dassault Rafale (rechts). © Ludovic Marin/AFP
Britische Armee bei einer Übung in Finnland
Die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs gliedern sich in drei Teilstreitkräfte und umfassen ungefähr 184.860 Soldatinnen und Soldaten. Bei einer Übung in der Nähe von Rovaniemi am Polarkreis testet die Armee hier die mobile Haubitze Archer.  © Ben Birchall/dpa
Pistorius-Besuch in Litauen
Auf Platz sechs in der Nato-Rangliste liegt die Bundesrepublik Deutschland. Die Bundeswehr umfasst das Heer, die Luftwaffe, die Marine, den Cyber- und Informationsraum, sowie den Unterstützungsbereich. Aktuell gibt es rund 181.600 aktive Soldatinnen und Soldaten in Uniform. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, rechts) erlebt die Fähigkeiten eines Leopard-2-Panzers auch schon mal aus nächster Nähe. © Alexander Welscher/dpa
Tag der italienischen Streitkräfte 2021
Die italienische Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ fliegt am Tag der italienischen Streitkräfte über das Denkmal des Unbekannten Soldaten hinweg. Mit einer Truppenstärke von 165.500 Soldatinnen und Soldaten belegt Italien in der Nato-Rangliste den siebten Platz.  © Giuseppe Lami/dpa
Griechenland Militär
Kampfjets, Kriegsschiffe, Drohnenabwehrsysteme: Griechenland rüstet auf. Die Regierung will Milliarden investieren, um ihr Militär stärker zu machen als je zuvor. Aktuell verfügen die griechischen Streitkräfte (hier bei einer Militärparade in Athen) über eine Truppenstärke von 142.700 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Kostas Galanis/Imago
Luftlandeübung Swift Response
Noch eine weitere Armee der Nato verfügt über mehr als 100.000 aktive Soldatinnen und Soldaten: Spanien (Truppenstärke: 133.282). Allerdings ist das Land weit davon entfernt, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato zu erreichen: Mit knapp 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist Spanien sogar Schlusslicht in der Nato.  © Kay Nietfeld/dpa
Air Police Übung der Nato in Rumänien
Ein Kampfflugzeug vom Typ F-16 der rumänischen Luftwaffe steht auf dem rumänischen Luftwaffenstützpunkt in Borcea. Rumänien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz zehn (Truppenstärke: 81.300).  © Kathrin Lauer/dpa
Kanada - Snowbirds bei Flugtag
Kanada verfügt über rund 68.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. In Canadian Army, Royal Canadian Navy und Royal Canadian Air Force dienen nur Freiwillige. Die Kunstflugstaffel der Air Force ist unter dem Namen „Snowbirds“ bekannt. Die Schneevögel sind ein Symbol Kanadas. © Patrick Doyle/dpa
Ungarn Militär
Die H225M Caracal ist ein taktischer Mehrzweck- und Transporthubschrauber mit großer Reichweite. Benutzt wird er unter anderem von Ungarn (Truppenstärke: 41.600).  © Sergey Kohl/Imago
Abschluss der Nato-Übung Quadriga 2024
Niederländische Kräfte nehmen an der Quadriga-Übung 2024 teil. Die Niederlande liegt auf Platz 13 der Nato-Rangliste (Truppenstärke: 41.380). Die Regierung will die Stärke der nationalen Streitkräfte allerdings deutlich erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa
Bulgarien Militär
Seit 2004 ist Bulgarien Nato-Mitglied. Die bulgarischen Streitkräfte bestehen aus den Teilstreitkräften Heer, Marine, Luftstreitkräfte. Derzeit umfasst das Militär in Bulgarien etwa 37.000 Frauen und Männern. © Vassil Donev/dpa
Kriegsende-Gedenken - Tschechien
Flugzeuge hinterlassen am Himmel farbige Spuren in den Nationalfarben Tschechiens anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Tschechien verfügt über 28.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Kamaryt Michal/dpa
Belgische Kronprinzessin schwitzt beim Militär-Sommercamp
Die Streitkräfte aus Belgien untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps. Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Im Jahr 2022 trainierte auch die belgische Kronprinzessin Elisabeth (2. von rechts) in einem Bootcamp der Königlichen Militärschule ihre Führungsqualitäten. Belgien liegt in der Nato-Rangliste auf Platz 16 (Truppenstärke: 25.000). © Erwin Ceupp/dpa
Schwedische Nato-Truppen in Lettland stationiert
Die schwedischen Streitkräfte bestehen aus den vier Teilstreitkräften: Heer, Marine, Luftstreitkräfte, Heimwehr. Seit dem 7. März 2024 ist Schweden (Truppenstärke: 24.400) das 32. Mitglied der Nato. © Alexander Welscher/dpa
80. Jahrestag der Schlacht von Arnheim
Fallschirmjäger aus acht Nato-Mitgliedsländern (Deutschland, Griechenland, Niederlande, Polen, Portugal, Spanien, Vereinigtes Königreich und USA) springen hier zum Gedenken an den Jahrestag der Schlacht von Arnheim auf der Ginkelschen Heide ab. Portugals Truppenstärke beträgt 24.000 Frauen und Männer.  © Ben Birchall/dpa
Raketensschiff Pori der finnischen Marine
Das Raketensschiff Pori der finnischen Marine bricht vom Suomenlinna-Pier in Helsinki zur Nato-Operation „Enhanced Vigilance Activity“ in der Ostsee auf. Auch Finnland verfügt über 24.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. © Vesa Moilanen/dpa
Militärübung „Nordic Response“ in Norwegen
Norwegische Soldaten sitzen während der Militärübung „Nordic Response 24“ auf Schneemobilen. Die Streitkräfte bestehen aus dem Heer, der Marine, der Luftwaffe und der milizartig organisierten Heimwehr. Mit einer Truppenstärke von 23.250 Frauen und Männer belegt Norwegen Platz 20 in der Nato-Rangliste. © Jouni Porsanger/dpa
Deutsche Brigade in Litauen
Litauische Soldaten legen nach einem Schießtraining bei Rudninkai in dem Areal, wo die deutsche Brigade in Litauen stationiert werden soll, eine Pause ein. Die Truppenstärke von Litauen beträgt 23.000 Frauen und Männer. © Kay Nietfeld/dpa
The Royal Life Guards
Rekruten der Royal Life Guards aus Dänemark überqueren auf dem Truppenübungsplatz Kulsbjerg bei Vordingborg das Wasser. Dänemarks Militär verfügt derzeit über etwa 20.000 aktive Soldatinnen und Soldaten. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Luftwaffe bildet slowakische Soldaten an Flugabwehrsystem aus
Slowakische Soldaten trainieren an einem Flugabwehrsystem. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der Nato. Die Truppenstärke des Militärs beträgt 19.500 Frauen und Männer. © Marcus Brandt/dpa
Lettland Militär Parade
imago80894560.jpg © Victor Lisitsyn/Imago
Militärmanöver in Kroatien
Kroatien verfügt über 14.325 aktive Soldatinnen und Soldaten. Die Streitkräfte werden umgangssprachlich meist als „Hrvatska vojska“ (Kroatische Armee) bezeichnet. Kroatien ist seit April 2009 Mitglied der Nato. © dpa
Mazedonien Namensänderung
Die Armee der Republik Nordmazedonien (Truppenstärke: 9000) gliedert sich in ein Heer mit angeschlossenen Luftstreitkräften (Heeresflieger). Aufgrund der Binnenlage des Landes gibt es keine eigenständige Marine.  © Dragan Perkovksi/dpa
Kaja Kallas
Am 15. Mai 2024 besuchte die damalige estnische Premierministerin Kaja Kallas die gemeinsame Übung „Spring Storm“ der estnischen Streitkräfte (Truppenstärke: 7700) und der alliierten Nato-Streitkräfte in Pärnu. © Jussi Nukari/Imago
Slowenien
Sloweniens Truppenstärke beträgt 7300 Frauen und Männer. Die Streitkräfte unterstehen dem Verteidigungsministerium. Die für den Schutz der 46 Kilometer langen Adriaküste zuständige Marine und die Luftstreitkräfte sind keine selbständigen Teilstreitkräfte. © Zeljko Stevanic/Imago
Albanien
Seit 2010 hat Albanien eine Berufsarmee. Sie besteht derzeit aus 6600 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Das Joint Force Command bildet ein Hauptquartier, dem die drei Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unterstehen. © Imago
Montenegro
Die seit 2006 aufgebauten Streitkräfte von Montenegro umfassen 2350 Frauen und Männer und gelten heute als eine funktionierende Kleinarmee in Europa. Montenegro ist seit Juni 2017 Mitglied der Nato. © Imago
Luxwemburg
Die Armee Luxemburgs umfasst die Streitkräfte des Großherzogtums Luxemburg. Sie besitzt eine leichtbewaffnete, Freiwilligenarmee (Truppenstärke: 1000). Die luxemburgische Armee ist in ein Infanteriebataillon mit zwei Aufklärungskompanien gegliedert. Mit einer dieser beiden Kompanien beteiligt sich Luxemburg am Eurokorps. © Berit Kessler7Imago
Eurofighter über Island. (Archivbild)
Ein Eurofighter fliegt bei der Übung „Rapid Viking 2023“ über Island. Der hohe Norden gewinnt zunehmend an geopolitischer Bedeutung. Nato-Mitglied Island selbst verfügt über keine eigene Armee. © Britta Pedersen
Zurzeit wird wieder über ein Ende des Ukraine-Kriegs verhandelt. Unabhängig davon, wie realistisch eine Einigung mit Wladimir Putin ist: Wie wichtig ist das Ergebnis für Europas Sicherheit?
Sehr wichtig. Russland will, wie gesagt, die europäische Sicherheitsordnung neu ordnen – was aber nicht zwingend heißt, dass es das militärisch versuchen wird. Wenn Russland mit dem Ende des Ukraine-Kriegs gestärkt vom Feld ginge, dann macht es allerdings einmal mehr die Erfahrung, seine Ziele auf militärischem Wege erreicht zu haben. Militärische Investitionen haben sich für Russland schon mehrfach gelohnt. Über Syrien kann man streiten, aber zumindest hat Moskau es damals geschafft, Assad zu stabilisieren. In Georgien hat es einen dauerhaften Konflikt errichtet. Mittlerweile gibt es dort auch eine Regierung, die sich vom Westen abwendet.
Was heißt das konkret mit Blick auf die Ukraine?
Für Russland ist der Einsatz von Militär ein normaler Bestandteil des Besteckkastens einer Großmacht. Und in der Ukraine kämpft es der eigenen Erzählung zufolge gegen die NATO. Auch wenn keine NATO-Soldaten involviert sind, kämpft es doch gegen ein von der NATO unterstütztes und ausgerüstetes Land. Wenn es da „gewinnt” – und das muss nicht heißen, jedes Fitzelchen Territorium zu besetzen – dann ist das ein Faktor, der das russische Kalkül beeinflussen kann. Russland beobachtet natürlich, wie viel es erreichen kann und wie viel Gegenwehr es gibt.
Worauf muss der Westen bei einem hypothetischen Friedensschluss aus Ihrer Sicht also achten?
Besonders mögliche Sicherheitsgarantien und die Frage, wie sehr Russland einen nächsten Krieg in der Ukraine fürchten muss, haben Auswirkungen darauf, wie schnell es sein Militär wieder aufbaut und neu aufstellt. Wenn Russland das Gefühl hat, dass die Ukraine kein abgeschlossener Fall ist, dann werden Soldaten gebunden bleiben, um den Status quo zu wahren. Alle Militäranalysten stellen sich jetzt aber die große Frage, wie schnell Russland wieder in der Lage ist, andere Angriffe zu führen.
Was wäre Ihre Antwort?
Der Knackpunkt wird sein, ob der nächste Schritt ist, das Militär abzubauen und Ausgaben zu beschränken, weil Russland finanzielle Probleme hat. Oder ob Russland sein ganzes System so sehr auf Krieg eingestellt hat, dass die Aufrüstung weitergeht, wie einige Analysten meinen. Den bekannten Plänen nach hat Russland ambitionierte Ziele. Die Rede ist von 1,5 Millionen Soldaten und dem Wiederaufbau der Militärdistrikte Leningrad und Moskau.

Expertin: „Russland beobachtet das Szenario eines wehrfähigen Europa genau“

Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, nach einem Stopp der Kriegshandlungen wieder eine Art Draht zu Russland aufzubauen.
Ja. Zwei Punkte sind in dieser Hinsicht wichtig: Zum einen hat Europa momentan eigentlich keine Russland-Strategie. Unsere „Russland-Strategie” ist, die Ukraine zu unterstützen. Aber für einen Tag X, an dem der Konflikt eingefroren ist, gibt es kaum Ideen – jedenfalls über Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung hinaus. Russland-Politik hat die Europäer immer gespalten. Das Risiko besteht auch jetzt, das müssen wir einhegen.
Und Punkt zwei?
Auch Russland beobachtet das Szenario eines wehrfähigen Europas genau. Da gibt es durchaus Wechselwirkungen. Es muss also eine Balance geben: Einerseits starke Abschreckung – andererseits die klare Kommunikation, dass es keine offensiven Absichten gibt. Deswegen ist es wichtig, dass man in Zukunft – wie im Kalten Krieg – auf Dauer Kontakte hat, um Missverständnisse und Unfälle zu vermeiden. Und irgendwann könnte es in Russland auch wieder Interesse an Rüstungskontrolle geben.
Tatsächlich?
Das ist im Kalten Krieg auch so gewesen. Irgendwann könnte der wirtschaftliche Druck auf Russland – genauso wie auf uns – so groß sein, dass man ein Interesse an Obergrenzen hat.
Das wäre so eine Art Hoffnung?
Zur Sicherheit: Ich glaube nicht, dass es absehbar gelingt, eine gemeinsame Sicherheitsordnung aufzubauen. Russland einerseits und Europa und NATO andererseits sind sehr viel weiter auseinander, als sie es noch vor vier Jahren waren. Die NATO hat neue Mitglieder, und die Mitglieder haben mehr Sorge vor einem russischen Angriff. Russland ist noch militaristischer, noch verschlossener, noch diktatorischer geworden. Worum es mir geht: Wir steuern auf eine konfliktreiche Zukunft zu. Und wir sollten von beiden Seiten Interesse haben, dass diese Konflikte nicht außer Kontrolle geraten. Das ist mein Plädoyer.

In Teil 2 des Gesprächs erklärt Expertin Jana Puglierin, wie Europa Druck aus Donald Trumps USA widerstehen kann. (Interview: Florian Naumann)

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