Frankfurter-Rundschau-Interview

Trumps Militär-„Knall“ droht: Expertin empfiehlt Doppelstrategie – „Sehe Konfliktherde“

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Für Europa wird es bei der Verteidigung ernst, meint Fachfrau Jana Puglierin. Sie sieht nur „einen Weg nach vorne“ – und unter Merz ein anderes Vorgehen als unter Merkel.

Jana Puglierin ist dieser Tage eine gefragte Expertin. Auch, weil sie sich an eine heikle Aufgabe gewagt hat. Nämlich zu erklären, wie sich Europa eingeklemmt zwischen Donald Trump, Wladimir Putin (und auch Xi Jinping) selbst verteidigen kann. Auf den gut 200 Seiten ihres frisch veröffentlichten Buchs „Wer verteidigt Europa?“ (Rowohlt, 24,- Euro) macht sie klar: Einfach wird das nicht, die nächsten Jahre werden heikel. Aber die Leiterin des European Council on Foreign Relations in Berlin hat ein paar Vorschläge im Köcher.

Der NATO drohen unter Donald Trump (re.) schwere Zeiten, lässt Autorin Jana Puglierin durchblicken.

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media warnt Puglierin vor einem Knall und „neuen Konfliktherden“ mit dem (Ex-)Partner USA. Und dann sieht sie noch ein weiteres potenzielles Problem, mitten in Europa. Da bleibe politisch nur ein „einziger vorstellbarer Weg nach vorne“.

Verteidigung gesucht: Trumps großer Schock für Europa – und „neue Konfliktherde“

Frau Puglierin, wie schwierig ist dieser Tage eigentlich, ein aktuelles Buch über Verteidigungspolitik zu schreiben?
Ich habe von Juni bis Dezember 2025 an dem Buch geschrieben. Und es gab tatsächlich Momente, in denen ich mir meiner eigenen Einschätzung nicht mehr ganz sicher war. Das hat sich im Verlauf der Ereignisse aber immer wieder zurechtgeruckelt, die großen Linien haben sich immer wieder herauskristallisiert. Ich habe nach der Grönland-Krise mein US-Kapitel noch einmal nachgelesen – und ich glaube, keines der Geschehnisse wäre für einen aufmerksamen Leser überraschend gekommen. 
Auf die Grönland-Krise zielte meine Frage. Gerade Trumps Drohungen gegen einen NATO-Partner – das war doch eine neue Qualität, oder?
Ja. Aber der Blick von Trump, Putin und Xi Jinping auf die Rolle des eigenen Landes ähnelt sich in einem Punkt doch sehr: Alle drei denken in Einflusssphären. Und sie sehen sich als „Rechtsetzungsmächte” – sie halten sich nicht in erster Linie an Recht, sie gestalten es. Da passt Grönland ganz gut rein. Aber natürlich hat das eine neue Dynamik hereingebracht. Das hat vielen, die dachten, man könne sich mit Charmeoffensiven durchwursteln, die Dringlichkeit verdeutlicht.
Die USA drängen seit Jahren auf mehr Verantwortung der Europäer für die eigene Sicherheit – sie bremsten aber lange, wenn es darum ging, Führung abzugeben. Trump könnte das nun ändern. Bedeutet das Chancen oder Überforderung für Europa?
Ich bin ehrlich gesagt noch nicht ganz überzeugt, dass die Trump-Regierung tatsächlich ein starkes, verteidigungsfähiges Europa als ihr Interesse ansieht. Wir sehen ja, wie Trump die Debatte um das Fünf-Prozent-Ziel an die eigenen Leute verkauft: Damit, dass europäische Investitionen in US-Waffen sehr erstrebenswert seien. Da geht es um das Schultern von Lasten – aber im Sinne der USA. Ich sehe Konfliktherde auf uns zukommen.

Trump greift nach Grönland: Der Streit um die Arktisinsel in Bildern

Grönland
Donald Trump ist nicht der erste US-Präsident, der ein Auge auf Grönland geworfen hat. Schon in den 1860ern gab es einen ersten US-Vorstoß zum Kauf. So ließ Außenminister William Seward im Jahr 1868 einen „Bericht über die Ressourcen Islands und Grönlands“ erstellen. Es gebe dort Rohstoffvorkommen, die für die USA von Nutzen sein könnten, hieß es damals. Kurz zuvor hatte Seward bereits den erfolgreichen Kauf Alaskas vom russischen Zarenreich organisiert und wollte die Expansionspolitik fortsetzen. © Odd Andersen/AFP
Grönland
Der erste konkrete Kaufversuch scheiterte nicht an Dänemark, sondern am US-Kongress selbst. Dänemark hatte dem Verkauf Grönlands zugestimmt, doch der amerikanische Kongress wollte nicht schon wieder hohe Summen für nahezu unbewohnte „Eisregionen“ ausgeben. Die Abgeordneten waren nach dem teuren Alaska-Kauf skeptisch gegenüber weiteren kostspieligen Territorialerwerbungen in unwirtlichen Gebieten. © Odd Andersen/AFP
Expeditionen nach Grönland
Zwischen 1853 und 1909 führten die USA systematisch wissenschaftliche Expeditionen nach Nordgrönland durch, das damals noch staatsrechtliches Niemandsland war. Forscher wie Elisha Kent Kane, Isaac Israel Hayes und Robert Edwin Peary (dessen Basislager der Expedition von 1909 im Bild zu sehen ist) erkundeten das von den Inughuit bewohnte Gebiet und lieferten sich spektakuläre Wettläufe um die Erreichung des Nordpols. Diese Expeditionen legten den Grundstein für spätere amerikanische Gebietsansprüche. © Imago
Dänisch Westindien
1916/17 gelang den USA ein diplomatischer Schachzug: Dänemark verkaufte seine Kolonie Dänisch-Westindien in der Karibik an die Vereinigten Staaten, die daraufhin im Gegenzug die dänische Oberhoheit über ganz Grönland anerkannten. Dieser Handel war strategisch wichtig, da Dänemark bis dahin nur die grönländische Westküste kolonisiert hatte und Nord- sowie Ostgrönland Niemandsland gewesen waren. © Imago
Dänemark im Jahr 1940
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besetzung Dänemarks am 9. April 1940 flammte das US-Interesse an Grönland erneut auf. Washington befürchtete, Nazi-Deutschland könnte die gewaltige Insel unter seine Kontrolle bringen und damit eine strategische Bedrohung für Nordamerika darstellen. Grönland war durch die britische Seeherrschaft von dem besetzten Dänemark abgeschnitten. © Imago
Grönland
Der dänische Gesandte Henrik Kauffmann handelte am 9. April 1941 eigenmächtig einen Vertrag mit den USA aus, der die Errichtung amerikanischer Militärbasen in Grönland genehmigte. Kauffmann erklärte, dass er keine Weisungen aus dem deutsch besetzten Kopenhagen mehr entgegennehmen werde und sich zum alleinigen Vertreter der dänischen Interessen für Grönland erkläre. Diese „Entscheidung ebnete den Weg für die amerikanische Militarisierung Grönlands, die seither aufrechterhalten wurde.“ © Odd Andersen/AFP
Rostiges Fahrzeug ehemaliger US Luftwaffenstützpunkt im Zweiten Weltkrieg Ikatek Grönland
Bis Kriegsende waren knapp 6000 US-Militärs auf vier Marine- und 13 Armeestützpunkten auf Grönland stationiert (im Bild: der ehemalige US-Luftwaffenstützpunkt im Zweiten Weltkrieg, Ikatek). Die Insel diente vor allem als Basis für atlantiküberwachende Flugzeuge auf der Suche nach deutschen U-Booten und wurde als Auftankstation für eigene Seemissionen genutzt. 1941 wurde zudem die Sirius-Schlittenpatrouille gegründet, um deutsche Versuche zur Errichtung von Wetterstationen der Wehrmacht in der Arktis zu verhindern. © Egmont Strigl/Imago
Harry Truman unterzeichnet NATO-Vertrag 1949
Nach dem Krieg wollte Dänemark die amerikanische Militärpräsenz auf der Insel wieder rückgängig machen, doch ohne Erfolg. US-Präsident Harry Truman (hier bei der Unterzeichnung des NATO-Pakts 1949) schlug Kopenhagen drei Optionen vor: entweder das Abkommen von 1941 fortzusetzen, die US-Stützpunkte für 99 Jahre zu leasen oder Grönland für 100 Millionen US-Dollar in Gold zu kaufen. Die dänische Antwort war eindeutig: „Absurd.“ © Imago
Frederik IX
„Wir verkaufen nicht!“ – Diese klare Absage stammte vom dänischen König Frederik IX (hier ein Gedenkstein in Nuuk) im Jahr 1960, nachdem US-Präsident Eisenhower wiederholt die Absicht geäußert hatte, Grönland von Dänemark kaufen zu wollen. 65 Jahre später sind die Aussagen Dänemarks und der USA zum gleichen Thema nahezu identisch, auch an den Motiven Washingtons hat sich im Wesentlichen nichts geändert. © Imago
Thule Air Base in Grönland
1951 gelang es den USA dennoch, ein Abkommen auszuhandeln, das ihnen gewährte, Grönland weiterhin militärisch zu nutzen, wenn sie dafür die Verteidigung Grönlands übernahmen. In diesem Jahr wurde die Thule Air Base als wichtigster militärischer Stützpunkt in Grönland errichtet. Bis 1958 nutzten die USA den Flughafen Narsarsuaq und bis 1992 den Flughafen Kangerlussuaq als Militärbasen. © Imago
Absturz einer B-52 nahe der Thule Air Base 1968
Die amerikanische Militärpräsenz führte zu schweren diplomatischen Krisen und Problemen. Zu den bedeutendsten gehörten die Zwangsumsiedlung der Bewohnerinnen und Bewohner von Uummannaq direkt neben der Thule Air Base nach Qaanaaq im Jahr 1953 und der Absturz einer B-52 nahe der Thule Air Base 1968 (im Bild). Mit diesem Vorfall musste Dänemark anerkennen, dass die USA heimlich Atomwaffen in Grönland lagerten. © Imago
Grönland
Nach Ende des Kalten Kriegs verminderten die USA ihre militärischen Aktivitäten und zogen sich 1991 aus Kangerlussuaq (im Bild) und Kulusuk zurück. Jedes Mal hinterließen sie das Gebiet mit Schrott verunreinigt und häufig mit umweltschädlichen Stoffen verseucht, weigerten sich aber dafür zu haften. Dänemark erklärte sich bereit, die Verantwortung für das Aufräumen zu übernehmen. © Sergi Reboredo/Imago
Colin Powell, Per Stig Møller und Josef Motzfeldt
2004 wurde das sogenannte Igaliku-Abkommen von den Außenministern Colin Powell (USA, rechts), Per Stig Møller (Dänemark, links) und Josef Motzfeldt (Grönland, Mitte) unterzeichnet. Die USA verpflichteten sich zur Zusammenarbeit für den Umweltschutz und Grönland erhielt mehrere entwicklungsmäßige und finanzielle Vorteile von den USA. Das Abkommen wurde im Heimatort des grönländischen Außenministers geschlossen. © AFP
Klimawandel in Grönland
Das schmelzende Polareis verschärft die strategische Bedeutung Grönlands dramatisch. Die Arktis erwärmt sich laut einer Studie der Stiftung für Wissenschaft und Politik viermal so stark wie im globalen Durchschnitt. Das zurückgehende Meereis öffnet neue Seewege zwischen Asien und Europa und macht Lagerstätten von Rohstoffen an Land und auf dem Meeresboden besser zugänglich. © Jason Briner/dpa
Grönland
In der Arktis werden in Gebieten, die durch die Klimakrise zugänglich werden, riesige Mengen an unentdeckten Erdgas- und Erdölvorkommen vermutet. Diese beiden Faktoren - Kontrolle der neuen Seewege in der Arktis und Zugang zu den immensen Rohstoffvorkommen - sind die wesentlichen Gründe für den jetzigen, erneuten Vorstoß der USA, sich Grönland „anzueignen.“ © Steffen Trumpf/dpa
Anti-Trump-Demo in Kopenhagen 2019
Donald Trump hatte bereits während seiner ersten Amtszeit 2019 ein „gieriges Auge“ auf Grönland geworfen und einen Kauf der Insel ins Gespräch gebracht. Seine Begründung: Man benötige die strategisch gelegene Insel für die „nationale Sicherheit“ der USA. In Kopenhagen kam es deswegen schon damals zu Demonstrationen.  © Niels Christian Vilmann/Imago
Grönland und Trump
Doch so unverhohlen wie jetzt hatte Trump noch nie gedroht, Grönland „haben“ zu wollen. Trump verweist auf die zunehmende Präsenz russischer und chinesischer Schiffe in der Arktis-Region und behauptet, Dänemark sei nicht in der Lage, Grönland ausreichend zu schützen. Sogar eine militärische Intervention schließt er nicht aus. Die große Mehrheit der rund 57.000 auf der Insel lebenden Menschen wollen dagegen mit den USA nichts zu tun haben: Grönland stehe nicht zum Verkauf, hieß es bei einer Demonstration im März 2025. © Christian Klindt Soelbeck/dpa
Vance in Grönland
Ende März 2025 reiste US-Vizepräsident JD Vance nach Grönland. Dort äußerte er vor den stationierten US-Soldaten scharfe Kritik am NATO-Verbündeten Dänemark, zu dem die riesige Eisinsel gehört. Das Land tue angesichts der Bedrohungen durch Russland und China zu wenig für die Sicherheit Grönlands, sagte Vance auf die US-Militärstützpunkt Pituffik im abgeschiedenen Norden Grönlands.  © Jim Watson/AFP
Die Frau von Trump-Berater Stephen Miller zündelt.
Trumps stellvertretender Stabschef Stephen Miller stellte in einem CNN-Interview sogar infrage, ob Grönland rechtmäßig zum NATO-Partner Dänemark gehöre. „Nach welchem Recht hat Dänemark die Kontrolle über Grönland?“, fragte Miller provokativ. Ein Social Media Post seiner Ehefrau Katie Miller zeigte eine Karte von Grönland in US-amerikanischen Farben. © Screenshot X
Grönland-Konflikt
In der EU und in der NATO hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Donald Trump meint es ernst mit seinen Grönland-Ambitionen. Europas Spitzenpolitiker reagieren mit klaren Worten auf Trumps Forderungen. Deutschland und weitere Länder stellen sich nach Trumps Drohungen demonstrativ hinter Grönland und Dänemark. Erst im September 2025 hatten dänische Streitkräfte mit Hunderten Soldaten aus mehreren europäischen Staaten an einer NATO-Übung auf Gönland teilgenommen (im Bild). © Ebrahim Noroozi/dpa
Mette Frederiksen und Donald Trump
Dänemark hat Trumps Anspruch auf Grönland und die militärischen Drohungen entschieden zurückgewiesen. Regierungschefin Mette Frederiksen sagte: „Wenn die USA ein anderes NATO-Land angreifen, dann hört alles auf.“ Das wäre das Ende des westlichen Verteidigungsbündnisses und damit auch der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestehenden Sicherheitsarchitektur. © Christian Hartmann/AFP
Thule, Grönland
Mehrere NATO-Bündnisstaaten haben sich zuletzt für eine stärkere Präsenz des Bündnisses in der Region ausgesprochen – auch Deutschland. Im Gespräch ist dabei unter anderem der Start eines neuen Überwachungseinsatzes mit dem Namen „Arctic Sentry“ (deutsch etwa: Wächter der Arktis). Er soll den USA das Argument nehmen, dass die Sicherheit in der strategisch wichtigen Region nicht ausreichend gewährleistet werden kann. © Imago
US-Militärbasis Pituffik Space Base in Grönland
Die USA betreiben schon heute auf Basis von Abkommen mit Dänemark die Pituffik Space Base auf Grönland. Dieser Stützpunkt unterstützt Raketenwarnsysteme sowie Raketenabwehr- und Weltraumüberwachungsmissionen. Dänemark hat grundsätzlich nichts gegen eine verstärkte US-Militärpräsenz auf der Insel, solange die Souveränität respektiert wird. Die dänischen Streitkräfte sind hauptsächlich über das Arktische Kommando in Nuuk auf der Insel präsent. © Thomas Traasdahl/dpa
Grönland
Dass die Trump-Regierung bislang auch militärischen Zwang nicht ausschließt, um die Kontrolle über Grönland zu erlangen, sorgt in Europa für große Beunruhigung. Tatsächlich ist der Fall, dass ein NATO-Land das andere überfällt, in den Statuten der Allianz nicht vorgesehen – der Feind kommt traditionell immer von außen. © Mads Claus Rasmussen/Imago
Alpenglühen in Alaska
Trump hat im Streit um Grönland aber auch immer von einem „Erwerb“ gesprochen. Der Kauf zusätzlichen Territoriums ist in der US-Geschichte kein Novum. In der Vergangenheit haben die USA für bestimmte Gebietserweiterungen immer wieder Geld in die Hand genommen. Dazu zählt beispielsweise auch Alaska (im Bild), das die damalige US-Regierung im Jahr 1867 für einen Spottpreis von 7,2 Millionen Dollar von Russland erwarb.  © Al Grillo/dpa
An welcher Stelle genau?
Wenn wir die konventionelle Verteidigung Europa eigenständiger gestalten wollen, dann stellen sich Fragen. Zum Beispiel, wo man die nötigen Waffen kauft. In den USA? In Europa? Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen – grundsätzlich würde ich sagen, liegt darin für Europa eine Chance. Lange war es so: Die Europäer reden über strategische Autonomie, aber verfolgen das Ziel nicht wirklich; die USA reden über den Fokus auf den Indopazifik, aber sind da, wenn etwas passiert. Ich glaube, dass die Trump-Administration diese Lage jetzt durchbricht. Nicht sanft, sondern mit einem Knall. Dieser Schock kann die Europäer ins Handeln bringen.
Dieses Handeln wird wohl ein Drahtseilakt. Die in Europa stationierten US-Truppen bleiben weiter wichtig zur Abschreckung, schreiben Sie. Aber die europäische Rüstungsindustrie braucht Aufträge, um Kapazitäten aufzubauen. Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?
Es geht um eine Doppelstrategie, mindestens die nächsten fünf bis zehn Jahre. Erstmal müssen wir uns bewusst machen: Trump Honig ums Maul zu schmieren, goldene Kutschen anzuspannen oder Golfschläger zu verschenken ist eine Taktik, mit der man vielleicht einen Gipfel überleben oder Zeit kaufen kann. In der Ukraine-Frage hat man so immer wieder die Kuh vom Eis geholt. Aber die strategische Richtung muss klar sein. Wir müssen auf zwei Ebenen ansetzen.
Welche sind das?
Auf der einen Seite müssen wir aus der Abhängigkeit heraus versuchen, die Amerikaner in Europa zu halten – und können deshalb nicht immer so frei agieren, wie wir das gerne würden. Zugleich braucht es eine Langfriststrategie. Und die kann nur sein, eigene Kapazitäten aufzubauen und zu zeigen, wenn rote Linien überschritten werden. Europa ist nicht so hilflos, wie die Regierung Trump das darstellen will. Das sollte eine Lehre aus der Grönland-Episode sein: Wenn sich die Europäer zusammenschließen, können sie einen Unterschied im Denken der USA machen. In Trumps Worten: „We have cards.” Die können wir dann auch spielen.
Geschlossenheit ist also wichtig. Aber es gibt zugleich viele praktische Fragen für ein „wehrfähiges” Europa. Wenn Sie drei dringende Handlungsfelder benennen müssten – welche wären das?
Zum einen die militärischen Fähigkeiten. Die NATO hat sich mit Blick auf die russische Bedrohung auf Regionalpläne geeinigt, jedes Land muss da seinen Beitrag leisten – aber die USA sind noch mit einem Anteil von 40 Prozent eingepreist. Zukünftig müssten die Europäer mehr aus diesen Paketen übernehmen. Da geht es unter anderem um „strategic enabler”: Flugzeugträger, Lufttransport, Aufklärung, zum Beispiel. All das stellen bislang die Amerikaner. Und wenn das fehlt, kann man praktisch keinen Einsatz ausführen. Das zu ändern ist sehr teuer und geht nur im Verbund.
Und das zweite?
Eine wettbewerbsfähige Rüstungsindustrie auf der Höhe der Zeit – die auch das Nötige liefern kann. Das Dritte sind einsatzfähige Streitkräfte. Hinzu kommen hybride Gefahren. Wir haben schon feststellen müssen, wie verletzlich unsere offenen Gesellschaften sind und wie leicht man Sabotage ausführen kann. Da würde ich ebenfalls eine ganz hohe Priorität setzen.
Sie schreiben an mehreren Stellen in Ihrem Buch von Begegnungen mit Politikern und Diplomaten. Ohne Namen zu nennen: Glauben Sie, die Politik in Europa hat jetzt „den Schuss gehört”?
Viel mehr als vorher. Grönland war tatsächlich ein beschleunigender Faktor – weil der Schock so groß war. Weil man festgestellt hat, dass man sich über den Zustand der transatlantischen Beziehungen selbst belogen hat. Und mit Blick auf Russland hat seit Beginn des Angriffskriegs ein großes Umdenken stattgefunden, in Deutschland ist das besonders deutlich. Natürlich gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen von Russland – aber Umfragen zeigen, die Leute wollen eine wehrfähige Bundeswehr. Generell gilt in Europa: Je näher an der Ostflanke, desto größer das Bewusstsein.

Mit Orbán verhandeln bis der zustimmt? „Diese Bereitschaft sehe ich bei Friedrich Merz nicht“

Das Bewusstsein der jetzt Handelnden ist das eine. Das andere sind mögliche Regierungswechsel in Europa. In Frankreich will das rechtspopulistische Rassemblement National übernehmen. Muss man da schon jetzt an kleinere Bündnisse denken?
Ja, für mich ist das der Weg voran. Ich hatte einige Testleser, sehr geschätzte Kollegen, die mir sagten: „Du bist nicht ambitioniert genug, in dem, was du aus der EU rausholen willst. Du hättest einen Quantensprung fordern sollen.” Aber das ist nicht meine eigene Überzeugung. Es gibt in der EU schon jetzt Staaten, die Außen- und Sicherheitspolitik gezielt einsetzen, um Prozesse zu sabotieren. Zu siebenundzwanzigst geht es in der EU eben oft nicht. Deswegen schreibe ich, es muss um eine Europäisierung der NATO gehen. Es existieren ja bereits Koalitionen der Willigen. Da gibt es in den großen Ländern Veränderungen, gerade in Deutschland.
Inwiefern?
Unter Angela Merkel war Deutschland gewissermaßen die Spinne im Netz und hat versucht, alle Länder immer an Bord zu holen. Diese Bereitschaft – zum Beispiel, mit Viktor Orbán Deals zu beraten, bis der zustimmt – sehe ich bei Friedrich Merz nicht. Er scheint mir eher jemand zu sein, der in Koalitionen denkt und handelt. Er investiert auch gar nicht so viel Energie in die Stärkung von Brüssel.
Ein allgemeiner Trend, aus Ihrer Sicht?
Auch die nordischen und baltischen Staaten sind enger zusammengerückt in den vergangenen vier Jahren. Sie denken auch mit einem sehr regionalen Fokus über ihre Sicherheit nach. Es gibt also diesen Trend in Europa, in kleineren, flexibleren Rahmen zu handeln. Das birgt natürlich die Gefahr der Zersplitterung – aber für mich ist es momentan der einzig vorstellbare Weg nach vorne.

Im zweiten Teil des Gesprächs erklärt Puglierin, welche Gefahr von Russland für Europa ausgeht – und wie sie sich beeinflussen lässt. (Interview: Florian Naumann)

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