Höcke vor Gericht

Höckes rechte Rhetorik: Wie weit darf seine Sprache gehen?

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Eine Aussage von Björn Höcke sorgt für Streit. Ein Richter äußert sich zu dem Prozess. Der Soziologe Andreas Kemper ordnet Höckes „gezielte“ Rhetorik ein.

Halle – „Ist das aus ‚Mein Kampf‘ oder von Herrn Höcke?“. Diese Frage konnten Parteikollegen des thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke nicht mit Sicherheit beantworten, nachdem 2019 ein ZDF-Reporter ihnen eine Passage aus einem von Höckes Büchern vorgelesen hatte. Gegen Höcke wurde schon häufig der Vorwurf erhoben, seine Sprache bewege sich teils an der Grenze oder jenseits der Grenze zur NS-Rhetorik. In zwei Fällen wird Höcke konkret vorgeworfen, die SA-Losung „Alles für Deutschland“ verwendet zu haben. Deshalb steht der AfD-Politiker nun in Halle vor Gericht.

Über Höckes sprachliche Grenzgänge lassen sich zahlreiche Aufsätze schreiben. Das hat der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper getan und die Rethorik des AfD-Politikers genau untersucht. Kemper ist sich sicher, wie er auf Anfrage von IPPEN.MEDIA im Interview erklärt, dass Höckes Rhetorik kein Zufall sei. Seine Worte seien bewusst gewählt und würden ein Ziel verfolgen.

Sachsen-Anhalt, Halle: Björn Höcke (AfD) sitzt während seines Prozesses im Landgericht Halle im Gerichtssaal. Angeklagt ist er wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen.

Die Verwendung der SA-Losung ist in Deutschland per Gesetz verboten. Vor Gericht muss Höcke sich nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen verantworten. Laut Höcke ist das nur ein „Allerweltsspruch“. Auf der Plattform X macht er sich zum Opfer einer Kampagne, die gegen ihn und die Meinungsfreiheit gerichtet sein soll.

In Kempers Text aus dem Jahr 2017 unter dem Titel „Den ‚Kampf um die Sprache gewinnen‘“, zitiert der Soziologe eine Rede des AfD-Politikers aus dem Jahr 2014: „Ziel der AfD müsse sein, die ‚Begriffsherrschaft‘ der Linken ‚abzuwenden‘.“ In seinem Aufsatz führte er weiter aus, dass damit „eine Enttabuisierung von Sprache gemeint sei, was bei Höcke anscheinend heißt, die NS-Sprache wieder gesellschaftlich akzeptiert sprechen zu können“.

Sozialwissenschaftler über Höckes Rolle in der AfD

Die AfD strebt auf kurze oder lange Sicht die Regierungsrolle auf Bundesebene an, das erklärte AfD-Chefin Alice Weidel noch am Mittwoch (17. April) bei einer Veranstaltung in Rottweil. Zunächst einmal paradox, dass Höcke als Teil einer Partei, die eine breite Masse an Menschen, oder wie die AfD es nennt, „das Volk“ ansprechen will, mit mutmaßlich nationalsozialistischer Rhetorik eine Klage riskiert.

Die AfD-Spitze im Wandel der Zeit: von Bernd Lucke bis Alice Weidel

Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle.
Die AfD liegt in den Umfragen zur Bundestagswahl 2025 an zweiter Stelle. Anders als jahrelang üblich, gab es bei ihrem Bundesparteitag im Januar 2025 in Riesa kaum große Streitthemen. Auch die Mitglieder des AfD-Bundesvorstands verbreiteten Harmonie (von links nach rechts): Carsten Hütter, Alice Weidel, Tino Chrupalla, Peter Boehringer und Heiko Scholz. In Riesa beschloss die AfD ihr Wahlprogramm.  © Sebastian Kahnert/dpa
Auf dem Parteitag wurde Parteichefin Alice Weidel zur Kanzlerkandidatin gekürt.
Im Mittelpunkt des Parteitags stand Alice Weidel, die die AfD mit einer schrillen Rede auf den Wahlkampf einschwor. Vor allem mit ihrer rigorosen Wortwahl schien sie den Nerv der Partei zu treffen. So forderte sie Rückführungen im großen Stil: „Wenn es dann Remigration heißen soll, dann heißt es eben Remigration.“ Zuvor hatte sie diesen Begriff vermieden.  © Jens Schlüter/AFP
AfD-Bundesparteitag in Riesa
Tatsächlich ist nach Riesa rhetorisch kein Unterschied mehr zwischen Weidel und den Rechtsextremen auszumachen. Immer wieder gelang es ihr, die düstere AfD-Seele mit ihrer scharfen Wortwahl zu massieren. So prägte sie auch den irren Begriff ,,Windmühlen der Schande“.  © Sebastian Kahnert/dpa
AfD Parteitag 2013 in Berlin
Wie aber kam es zum Aufstieg der AfD? Los ging alles am 6. Februar 2013, als 18 Menschen im hessischen Oberursel (Taunus) die Partei „Alternative für Deutschland“ gründeten. Der erste AfD-Parteitag fand bereits am 14. April 2013 statt (im Bild). Bei der Bundestagswahl im selben Jahr erzielte die neue Partei aus dem rechten Spektrum auf Anhieb 4,7 Prozent – das beste Ergebnis, das eine neu gegründete Partei jemals bei ihrer ersten Bundestagswahl erzielen konnte.  © imago
Landesparteitag der AfD am 11. Januar 2014 in Gießen
Nahezu von Anfang begleiten Gegendemonstrationen die AfD-Veranstaltungen - wie hier der Landesparteitag am 11. Januar 2014 in Gießen. Der rechtspopulistischen Partei werden immer wieder Demokratie- und Europafeindlichkeit vorgeworfen. © imago stock&people
Dr. Konrad Adam, Journalist und Mitgebründer der Alternative für Deutschland (AfD)
Als einer der Gründungsväter der AfD gilt Konrad Adam. Der 1942 in Wuppertal geborene Journalist arbeitete für die Tageszeitungen FAZ und Welt. Zunächst war er Gründungsmitglied der eurokritischen Wahlalternative 2013 und wurde noch im selben Jahr einer von drei Bundessprechern der neu gegründeten AfD. Wie viele andere war Adam ursprünglich CDU-Mitglied, ehe er – vermutlich aus Enttäuschung über die als linksliberal wahrgenommene Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – eine neue Heimat in der AfD fand. Zwei Jahre blieb Adam Bundessprecher, doch bereits im Dezember 2015 begann er, sich von der Partei zu distanzieren. 2020 kündigte er seinen Austritt aus der AfD an, der am 1. Januar 2021 in Kraft trat. © imago
Konrad Adam, Bernd Lucke und Alexander Gauland auf dem ersten Parteitag der AfD in Berlin.
Das bekannteste Gesicht der AfD-Gründungsphase gehört dem Mann mit erhobenen Armen: Bernd Lucke. Geboren 1962 in West-Berlin und aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, studierte Lucke Volkswirtschaftslehre und wurde später in Hamburg Professor. Mit 14 Jahren trat Lucke in die CDU ein und verließ die Union 33 Jahre später, weil er mit der Eurorettungspolitik nicht einverstanden war. Der Euro und die EU wurden zu den zentralen Kritikpunkten, die Lucke in den folgenden Jahren bezogen auf die Bundespolitik äußerte. Ergebnis dieser Kritik war zunächst die eurokritische Wahlalternative 2013, aus der am 14. April 2013 die AfD hervorging. © imago
rof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD
Bereits im September 2013 engagierte sich Prof. Dr. Bernd Lucke im Wahlkampf für die AfD, wie hier auf einer Veranstaltung in Magdeburg. © IMAGO/Zoonar.com/Axel Kammerer
Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD auf einem Parteitag
Auch Bernd Luckes Zeit in der AfD war nur eine kurze. 2014 ging er noch als Spitzenkandidat der „Alternative für Deutschland“ in den Wahlkampf für die anstehende Europawahl. Bis 2019 war Lucke im Anschluss Mitglied im Europäischen Parlament. Doch bereits 2015 deutete sich an, dass Lucke im internen Machtkampf in der AfD den Kürzeren ziehen könnte. Führende Köpfe der AfD wie Björn Höcke gerieten in Konflikt mit dem Vorsitzenden. Lucke ging und trat 2015 aus der AfD aus. Er gründete die nächste Partei: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA). © imago
Olaf Henkel GER Berlin 20150112 Alternative für Deutschland Prof Hans Olaf Henkel Veranstaltun
Anfang 2014 wurde die AfD-Mitgliedschaft von Professor Hans-Olaf Henkel bekannt. Einen Namen machte sich Henkel als erfolgreicher Manager bei IBM. Später wechselte er auf die Verbandsebene und wurde Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). 2014 zog er für die AfD ins Europaparlament ein. Für ein Jahr war Henkel sogar stellvertretender Bundessprecher der „Alternative für Deutschland“. 2015 trat Hans-Olaf Henkel wieder aus der AfD aus. © imago
Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut
Seinen Bruch mit der AfD begründete Hans-Olaf Henkel, hier mit Ehefrau Bettina und ihrer Zwillingsschwester Almut beim Bundespresseball 2019, mit dem Rechtsruck der Partei. Gegenüber dem WDR bezeichnete Henkel die AfD im Jahr 2015 als „eine Art NPD-light, vielleicht sogar identisch mit der NPD“. Sein Engagement bei der AfD sieht Henkel mittlerweile offenbar kritisch: „Wir haben ein Monster erschaffen.“ © VISTAPRESS / G. Chlebarov via www.imago-images.de
Deutschland Essen Grugahalle 4 Ausserordentlicher AfD Parteitag Bernd Lucke nach der Wahl von F
Auf Bernd Lucke folgte an der Parteispitze der AfD Frauke Petry. Die studierte Chemikerin wurde 1975 in Dresden geboren. 2013 war sie bereits neben Lucke eine der drei Parteisprecherinnen der AfD. Außerdem wurde sie im selben Jahr zur Vorsitzenden der AfD Sachsen gewählt.  © imago
Frauke Petry AfD
Im Juli 2015 schließlich kam es zum internen Machtkampf in der AfD, den Petry für sich entscheiden konnte. Doch schon zwei Jahre später war auch für sie wieder Schluss. Ende September 2017 trat sie aus der AfD aus und gründete wie Lucke ihre eigene kleine Partei: Petry nannte sie „Die blaue Partei“. © Michael Kappeler/dpa
Prof. Dr. Jörg Meuthen (M.), Bundessprecher der AfD, Deutschland, Berlin, Bundespressekonferenz, Thema: AfD - Zu den Bu
Ein ähnliches Schicksal wie Petry und Lucke ereilte auch Jörg Meuthen (Mitte). Der 1961 in Essen geborene studierte Volkswirt wurde 2015 zu einem der zwei Bundessprecher der AfD gewählt. 2019 gelang ihm der Sieg bei der Wahl zum ersten Bundesvorsitzenden der AfD. Doch schon 2021 erklärte Meuthen, nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. 2022 folgte dann der endgültige Austritt aus der Partei. Der ließ sich auf seine Niederlage im Machtkampf mit Björn Höcke und den rechtsextremen Kräften innerhalb der AfD zurückführen. © M. Popow/Imago
Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA)
Auftrieb erhielt die AfD auch durch ihre Nähe zur Pegida-Bewegung. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) demonstrierten ab 2014 in Dresden und später in weiteren Städten. Immer wieder schlossen sich AfD-Leute den Demonstrationen an, darunter 2018 in Chemnitz auch Björn Höcke. © Ralf Hirschberger/dpa
Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg
Auch Adel findet sich unter den Führungspersönlichkeiten der AfD: Beatrix von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, war einst bei der FDP und gehörte 2013 zu den Gründungsmitgliedern der AfD. Sie war von Dezember 2019 bis Juni 2022 stellvertretende Bundessprecherin ihrer Partei. Seit Oktober 2017 ist sie eine der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. © Moritz Frankenberg/dpa
Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein im Sitzungssaal des schleswig-holsteinischen Landesverfassungsgerichts.
Auch Doris Fürstin von Sayn-Wittgenstein wurde aus der AfD ausgeschlossen. Sayn-Wittgenstein soll für einen rechtsextremistischen Verein geworben haben, der auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der AfD stand. Doch die 1954 geborene Rechtsanwältin wehrte sich erfolgreich gegen den Parteiausschluss, den ein Bundesschiedsgericht 2019 beschlossen hat. Im April 2021 urteilte das Landgericht Berlin, dass der Ausschluss aufgrund formaler Fehler unwirksam sei. Damit war sie wieder Parteimitglied. Im Februar 2024 zog der AfD-Bundesvorstand seine Berufung beim Berliner Kammergericht zurück, wodurch das Urteil rechtskräftig geworden ist.  © Marcus Brandt/dpa
Alexander Gauland, heute AfD-Mitglied, früher Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung
Ein Urgestein der AfD, das all die personellen Wechsel überstanden hat und immer noch da ist: Alexander Gauland. Geboren 1941 in Chemnitz, war Gauland vor seiner aktiven politischen Karriere Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ). CDU-Mitglied wurde der gelernte Jurist bereits 1973, ab 1987 übernahm er verschiedene politische Ämter, vor allem für die Union in Hessen. CDU-Mitglied blieb Gauland bis 2013, ehe er die AfD mitgründete. Im Jahr 2017 wurde Gauland Bundessprecher der AfD (bis 2019). Von 2017 bis 2021 war er neben Alice Weidel einer von zwei Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion. 2021 gab er dieses Amt wieder ab, blieb der Partei aber als Ehrenvorsitzender erhalten. © imago
AfD-Chefin Alice Weidel
Alice Weidels Aufstieg in der AfD begann mit ihrem Parteieintritt im Jahr 2013. Zwei Jahre später wurde sie bereits in den Bundesvorstand gewählt. 2017 ernannte sie die Partei zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl. Im selben Jahr wurde Weidel neben Alexander Gauland Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, die sie vier Jahre lang führte. © Sebastian Kahnert/dpa
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard
Alice Weidel wohnt mit ihrer Partnerin Sarah Bossard in einer eingetragenen Partnerschaft zusammen. Das Paar hat zwei Söhne. (Archivbild) © Michael Buholzer/dpa
Tino Chrupalla bei der AfD
Neben Alice Weidel machte in den vergangenen Jahren vor allem Tino Chrupalla bei der AfD von sich reden. Einst Mitglied der Jungen Union und nach eigenen Angaben langjähriger CDU-Wähler, trat Chrupalla 2015 in die AfD ein. 2017 zog er für die Rechtspopulisten in den Bundestag ein. Im selben Jahr wurde er zu einem von fünf stellvertretenden Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion gewählt. © imago
Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen
Im Jahr 2019 wurde Tino Chrupalla neben Jörg Meuthen zum Bundesvorsitzenden der AfD.  © Julian Stratenschulte
Alice Weidel und Tino Chrupalla
In den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021 zog die AfD mit einer Doppelspitze, bestehend aus Alice Weidel und Tino Chrupalla. Beide stehen seitdem als Bundessprecherin und Bundessprecher an der Spitze der Partei.  © Kay Nietfeld/dpa
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD,
Björn Höcke war zwar nie Vorsitzender der AfD, gilt aber dennoch als einer der einflussreichsten Personen innerhalb der rechtspopulistischen Partei. Wie Chrupalla gibt auch er an, einst überzeugter Anhänger der CDU und Mitglied der Jungen Union gewesen zu sein. 2013 trat er der AfD bei. © Christoph Soeder/dpa
Björn Höcke den AfD-Landesverband
Ebenfalls 2013 gründete Björn Höcke den AfD-Landesverband in Thüringen. Kurze Zeit später kam es zum Streit mit dem damaligen Bundesvorstand der AfD, der 2017 sogar den Parteiausschluss Höckes beantragte. Den Machtkampf mit der alten Garde der AfD gewann aber Höcke. Er ist weiterhin Parteimitglied, während Widersacher wie Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen die Partei verlassen haben. © Sebastian Kahnert/dpa
André Poggenburg in Leipzig
Anders erging es da einem einstigen Verbündeten von Björn Höcke: André Poggenburg. Gemeinsam mit Höcke hatte der ehemalige Vorsitzende der AfD Sachsen-Anhalt 2015 ein Positionspapier des „AfD-Flügels“ verfasst und damit wie Höcke den Ärger der Parteiführung auf sich gezogen. 2019 plante der AfD-Bundesvorstand, Poggenburg für zwei Jahre von allen Parteiämtern auszuschließen. Dazu kam es nicht, denn Poggenburg trat kurz darauf aus der AfD aus und gründete in alter Tradition ehemaliger AfD-Politiker eine eigene Partei unter dem Namen „Aufbruch deutscher Patrioten – Mitteldeutschland“. Inzwischen ist er parteilos. © Sebastian Willnow/dpa
AfD-Parteitag Riesa - Proteste
Mit dem Aufstieg der AfD zur bundesweiten Größe und dem Einzug in zahlreiche Landesparlamente sowie den Deutschen Bundestag mehrte sich auch der Protest gegen die Rechtspopulisten. Der AfD-Bundesparteitag in Riesa im Januar 2025 wurde von zahlreichen Demonstrationen begleitet. © Daniel Wagner/dpa
AfD-Bundesparteitag in Riesa mit Alice Weidel
Die Proteste hielten die Delegierten auf dem AfD-Bundesparteitag aber nicht davon ab, Alice Weidel zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2025 zu ernennen. Die AfD stellt damit erstmals in ihrer Geschichte eine eigene Kanzlerkandidatin. © Sebastian Kahnert/dpa

Kemper erklärt das anhand von Höckes mutmaßlichem Selbstverständnis innerhalb der AfD. Höcke gehe es nicht darum, möglichst viele Wählerinnen und Wähler anzusprechen. Ihm gehe es darum, Teil einer Bewegungspartei zu sein, so Kemper. Innerhalb der AfD habe man einen „Burgfrieden“ geschlossen. Mit Jörg Meuthen habe der letzte die AfD verlassen, der eine Gegenstimme zu Höcke dargestellt habe. „Alle zwei Jahre schält sich Höcke immer mehr als der Kern der AfD heraus“, so Kemper.

Unterhalb einer Bewährungsstrafe wäre alles ein Erfolg für Höcke.

Andreas Kemper, Soziologe, über den Prozess in Halle gegen Björn Höcke

Über den Prozess sagt der Soziologe, seiner Meinung nach stellt eine Geldstrafe für Höcke keine Abschreckung dar: „Unterhalb einer Bewährungsstrafe wäre alles ein Erfolg für Höcke.“

Juristisch sind Fälle, welche die Meinungsfreiheit betreffen, häufig kompliziert. Matthias Jahn, Richter am Oberlandesgericht in Frankfurt und Professor für Strafrecht an der Goethe-Universität, erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA, womit im Prozess zu rechnen sein könnte. Zunächst verweist der Jurist auf die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts. Demnach gilt „eine Vermutung zugunsten der freien Rede, für alle Äußerungen, die auch nur irgendeinen entfernten Beitrag zur Meinungsbildung leisten“, erklärt Jahn.

Frankfurter Richter über Höcke: „Wird erneut versuchen, die äußerste Grenze dessen auszuloten, was noch zulässig ist“

Ob dies auf den Fall Höcke anzuwenden sei und „ob es eventuell auch straflose Deutungsalternativen für die SA-Losung“ in den konkreten Fällen geben könnte, das müsse nun das Landgericht Halle klären, so Jahn. Auch der Tatvorsatz müsse „revisionsfest“ belegt werden. „Allein die Tatsache, dass er Gymnasiallehrer für Geschichte war, genügt noch nicht“, führt der Richter am Oberlandesgericht aus.

Der Jurist gehe davon aus, dass mit den Aussagen von Höcke „erneut versucht wird, die äußerste Grenze dessen auszuloten, was noch zulässig ist“. Die Öffentlichkeit und auch der Prozess würden indirekt dazu beitragen, sagt Jahn: „Indem wir jetzt Öffentlichkeit herstellen und aus Gründen eines rechtsstaatlichen Verfahrens dem Angeklagten eine Bühne bieten müssen, springen wir über das Stöckchen, das er hinhält.“

2017 versuchtes Parteiausschlussverfahren gegen Höcke: Er habe sich „des Vokabulars Hitlers bedient“

Dass Höcke versuche, „rechte Sprache wieder sprechbar“ zu machen, sei keine Neuheit, erklärt Kemper. Der Begriff „Rechte Sprache“ sei dabei noch sehr weit gefasst. Im Jahr 2017 leitete der AfD-Bundesvorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke ein. In dem Gutachten, das dem angestrebten Ausschluss zugrunde gelegen hat, soll unter anderem gestanden haben, dass Höcke sich in einer Rede in Dresden „des Vokabulars Hitlers bedient habe“, schreibt Kemper in seinem Aufsatz aus demselben Jahr.

Björn Höcke (AfD) spricht in Erfurt bei einer Demonstration im Oktober 2023 (Archivbild)

Gemeint seien damit Sätze wie: „Ich will die AfD als letzte evolutionäre Chance für unser Vaterland erhalten. Ich will, dass wir diesen Halben einen Strich durch die Rechnung machen. Wir wollen das, denn wir wissen: Es gibt keine Alternative im Etablierten“. Zum Vergleich verwies Kemper auf ein Versprechen Adolf Hitlers aus dem Jahr 1932: „Das Himmelreich und die Seligkeit gehören niemals Halben, sondern Ganzen. Ich verspreche, daß wir unsere Fahne, unsere Ideale und unsere Idee hochhalten und mit ihr ins Grab gehen werden.“

Björn Höcke alias „Landolf Ladig“?

Kemper veröffentlichte im Jahr 2016 eine Recherche unter dem Titel „Ist Björn Höcke ‚Landolf Ladig‘?“. In der Recherche argumentierte der Soziologe glaubhaft dafür, dass Höcke unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ im Jahr 2011 und 2012 Texte für NPD-Magazine geschrieben haben soll. In den Texten werden unter anderem die von Deutschen begangenen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verharmlost und das NS-Regime verherrlicht.

Darauf verweist Kemper auch im Gespräch mit IPPEN.MEDIA über den Prozess gegen Höcke. Das sei jedoch nicht entscheidend, um über Höckes Rhetorik besorgt zu sein, erklärt der Sozialwissenschaftler. Auch wenn man argumentieren wolle, dass dies nicht belegt sei, blieben immer noch die Texte und Reden, die gesichert von Höcke verfasst wurden, sagt Kemper.

SA-Losung in Merseburg und Gera: Höckes Versuche, die Grenzen des „Sagbaren“ zu verschieben

Unter anderem in Merseburg in Sachsen-Anhalt soll Björn Höcke im Mai 2021 die SA-Losung verwendet haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, die Losung im Dezember 2023 auch bei einer AfD-Veranstaltung im thüringischen Gera verwendet zu haben. Bei der Aussage, für die Höcke zuerst angeklagt wurde, hatte er die Losung in einen Dreiklang eingebaut. „Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland!“, lautete Höckes Ausruf. 

In Gera sagte Höcke nicht den vollen Satz. Das Wort „Deutschland“ ließ der AfD-Politiker mutmaßlich durch eine auffordernde Handbewegung von seinem Publikum ausrufen. Gerade das „Skandieren im Chor“ sei aus Kempers Sicht „viel schlimmer“. Auch Kemper vermutet, Höcke wolle die Grenzen des „Sagbaren“ weiter zu verschieben versuchen. Als Nächstes könnte dann schon die NS-Parole „Deutschland erwache“ auf der Tagesordnung stehen, fürchtet der Soziologe. (pav)

Rubriklistenbild: © Fabrizio Bensch/Reuters/Pool/dpa

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