VonYannick Hankeschließen
Ein ehemaliger Soldat Russlands packt über die desolaten Zustände in Wladimir Putins Armee aus. Warum der Kreml-Herrscher mit dem Ukraine-Krieg scheitern wird.
Moskau – Wer sind die Menschen, die im von Wladimir Putin geführten Ukraine-Krieg kämpfen und ihr Leben lassen müssen? Einer von ihnen ist Pawel Filatjew, der als Soldat Russlands zwei Monate lang die militärische Auseinandersetzung unter ständiger Todesgefahr erlebt hat. Doch spricht er auch von militärischer Führungslosigkeit in den Reihen von Putins Armee.
Seine Plattform hierfür: das Buch „ZOV. Der verbotene Bericht. Ein Fallschirmjäger packt aus“. Sein Angriffsziel: der womöglich vor einem Sturz stehende Präsident Russlands, Wladimir Putin. Die Konsequenz: der Status als Staatsfeind im einstigen Zaren-Reich.
Ukraine-Krieg: Ex-Soldat Russlands packt über Wladimir Putins Armee aus
Schon im Sommer hatte Pawel Filatjew über die unter Kremlchef Wladimir Putin zur Chaostruppe verkommene russische Armee ausgepackt. Sein Frontbericht auf Russisch war umsonst und online verfügbar, er schlug international hohe Wellen. Nun erscheinen die Enthüllungen des russischen Ex-Soldaten in Form eines Buches. „Zov“ meint dabei das russische Wort für „Ruf“. Das große „Z“ stellt aber auch das Kriegssymbol dar, das russische Panzer im Ukraine-Krieg tragen.
Für Filatjew ist die Veröffentlichung seines Buches ein großes Wagnis. Dem 34-Jährigen, der in Frankreich über Asyl verfügt und seinen genauen Aufenthaltsort geheim hält, droht in Russland eine lange Haft. Schließlich, so die Ansicht in seiner Heimat, diffamiert er die Streitkräfte von Präsident Wladimir Putin. Und dennoch will Filatjew mit seinem Buch, das einem Zeitdokument gleichkommt, so viele Russen wie möglich über die Sinnlosigkeit des Ukraine-Krieges aufklären.
Russischer Ex-Soldat rechnet mit Kreml ab – und würde mittlerweile die Waffe gegen Putin erheben
Als die russische Armee am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, war Pawel Filatjew selbst dabei. Anfangs hätte er noch auf einen speziellen Grund für die Invasion gewartet. War blauäugig, war naiv. Dann hätte er, so teilt er sich mit, gemerkt, dass im osteuropäischen Land niemand auf eine Befreiung wartete, wie der Kreml es angekündigt hatte. Und auch die Behauptung der russischen Führung um Wladimir Putin, sie habe einem kurz bevorstehenden ukrainischen Angriff zuvorkommen wollen, hätte sich nicht als wahr herausgestellt.
Im Fall der Fälle hätte Russland lieber seine eigenen Grenzen verstärken sollen und bei einem möglichen Angriff durch die Ukraine in die Gegenoffensive gehen sollen, schreibt Filatjew. „Und die Weltgemeinschaft könnte uns nicht vorwerfen, ein Aggressor und Besatzer zu sein“, fügt der Ex-Soldat an. Seine Kritik soll sich dabei nicht explizit gegen die in die Irre geführten Soldaten Russlands richten, sondern vielmehr gegen den Kreml. Gegen den würde Filatjew heute sogar selbst die Waffe erheben.
„Wir machen uns selbst fertig“: Wie ein russischer Ex-Soldat mit Putins Armee im Ukraine-Krieg abrechnet
Laut des Ex-Soldaten sei die russische Armee miserabel ausgestattet und organisiert. Den eingezogenen Männern sei auch nicht klar, warum sie überhaupt in der Ukraine kämpfen müssen. Es werden ganze Städte sinnlos zerstört, es werden Zivilisten umgebracht, die sich gegen die russischen Besatzer stellen. Den Krieg von Putin, den der Kreml-Herrscher immer wieder als „militärische Spezialoperation“ gegen Nationalsozialisten in der Ukraine bezeichnet, entlarvt Filatjew als reine Farce.
Technisch hoffnungslos veraltet und moralisch verrottet
Für ihn steht fest: „So eine Armee braucht keinen Gegner, wir machen uns selbst fertig“. Schließlich wäre immer wieder nicht an die Verpflegung der Soldaten gedacht worden. Und die Armee sei „technisch hoffnungslos veraltet und moralisch verrottet“. Hinzu kommt die Winterkälte, die den Russen mehr zu schaffen machen soll als den Ukrainern. Laut Filatjew wurde die russische Armee gar „zielgerichtet ruiniert“.
„Lögen, Betrug und falsche Werte“: Ex-Soldat skizziert düstere Zukunft Russlands
Zudem spricht der Ex-Soldat von Ukrainern und Russen, die einst in einem Land lebten, „unzählige Verwandtschaftsbeziehungen haben“, nun aber durch Hass verfeindet seien. Filatjew warnt gar davor, dass Russland durch den Ukraine-Krieg zerbrechen könnte. Schließlich konnten die Kosten für die Besatzung und das Halten der eroberten Gebiete den Staat letztlich in den Bankrott treiben. Russland würde in „Lügen, Betrug und falschen Werten“ versinken, lautet dann auch die düstere Prognose von Filatjew.
Für den Ex-Soldaten sei in Russland alles verkümmert. Ob die Verteidigung, das Gesundheitswesen oder das Rechtssystem. Der Mensch als solcher würde längst nicht mehr zählen. „Aus dem Siegervolk wurde ein Besatzervolk und ein Aggressor“, hält Filatjew fest. Er, einer der Menschen, die im sinnlosen Ukraine-Krieg kämpfen mussten. Der überlebt hat. Der mit seinem „verbotenen Bericht“ anprangert, was es anzuprangern gilt. Und damit erneut sein Leben riskiert. Nur dieses Mal freiwillig.
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