VonAnika Zuschkeschließen
Die exorbitanten Preise in Deutschland stellen viele Menschen jetzt schon vor Probleme – dabei wird die große Preiswelle laut Experten erst noch kommen.
Berlin – Im Zuge der Inflation in Deutschland steigen die Preise für Verbraucher zu Hause und auch im Supermarkt unaufhaltsam in die Höhe. Denn die Kostensteigerungen betreffen nicht nur die stets diskutierten Energiepreise, auch Lebensmittel und Kleidung werden immer teurer. Viele Bürger fürchten sich vor dem Winter – aus Angst, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Dabei steht die wahre Preisexplosion Experten zufolge erst noch bevor. Auch Menschen aus der Mittelschicht trifft die Krise zunehmend.
Preise werden weiter steigen – gestiegene Erzeugerpreise bei Verbrauchern noch nicht angekommen
Wohin man auch guckt, die Preise in Deutschland steigen in fast allen Bereichen immer weiter in die Höhe. Egal ob für Strom, Gas, Milch oder Öl – die Bürger müssen seit Beginn des Ukraine-Krieges draufzahlen. Dabei ist ein großer Teil der gestiegenen Erzeugerpreise in den Geschäften – und damit auch bei den Verbrauchern – noch gar nicht angekommen. Der wahre Preis-Schock beim Einkaufen könnte also noch kommen.
Wolfgang Schnellbächer zufolge, Experte für Vertrieb und Einkauf bei der Boston Consulting Group (BCG), sei die Lücke zwischen den Kostenzuwächsen der Hersteller und den Endverbraucherpreisen derzeit „gewaltig“, erklärt er dem Spiegel. Wie Berechnungen der Unternehmensberatung ergeben, ist der Preis für Kleidung in Geschäften bisher nur halb so stark gestiegen wie die Kosten der Hersteller. Bei Unterhaltungselektronik sei die Diskrepanz demnach sogar noch weitaus größer.
Die Folge darauf ist genauso logisch für unaufhaltsam: Die Preise müssen weiter steigen. Schnellbächer habe in den vergangenen Wochen mit 43 Unternehmen gesprochen – 42 davon würden ihre Preise nun massiv erhöhen.
Definition: Inflation in Deutschland
Als Inflation wird eine Verminderung des Geldwertes oder eine Steigung des allgemeinen Preisniveaus über einen bestimmten Zeitraum bezeichnet. Synonyme für die Inflation sind deswegen auch „Preissteigerungsrate“ oder „Teuerung“. Steigt das allgemeine Preisniveau, kann man also für jede Geldeinheit weniger Güter und Dienstleistungen erwerben.
Aktuell, also im September 2022, lag die Inflation in Deutschland bei einer Rate von 10 Prozent. Gemessen wird diese als Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) zum Vorjahresmonat. Im August 2022 hatte die Inflationsrate bei 7,9 Prozent gelegen.
Prognose für Inflation in Deutschland im Jahr 2023
Die Bundesregierung rechnet für das Jahr 2023 mit einer Inflation von 7 Prozent, wie das Handelsblatt aus Regierungskreisen erfuhr. Das würde einen Rückgang der Inflation im kommenden Jahr bedeuten.
Inflation in Deutschland: Folgenreiche Entwicklung für Unternehmen und Händler
Für den Einzelhandel könnte das fatale Folgen haben. Denn zu den steigenden Preisen im Geschäft kommen die explodierenden Energiepreise, für die sowohl Verbraucher als auch Unternehmen aufkommen müssen. Diese arbeiten infolgedessen „an der Grenze der Wirtschaftlichkeit“, erklärt der Branchenverband HDE laut dem Spiegel.
Denn da potenzielle Kunden eben auch mit den hohen Energiepreisen zu kämpfen haben, sei eine Weitergabe der steigenden Kosten für Händler „angesichts des dramatischen Kaufkraftverlustes der privaten Haushalte“ nur „sehr bedingt“ machbar, so der Verband. 16.000 Händler dürften infolgedessen noch in diesem Jahr aus dem Markt ausscheiden.
Preiskrise stellt Mittelschicht zunehmend vor Probleme: „Wohlstandsverlust kommt in der Mittelschicht an“
Die Krise trifft aber nicht nur Unternehmen und Geringverdiener – auch in der Mittelschicht machen sich die schwierigen letzten Monate bemerkbar. „Die Krise und der Wohlstandsverlust kommen in der Mittelschicht an, die bislang nicht gewohnt war, Transferleistungen in Anspruch zu nehmen und das zum Teil abgelehnt hat“, sagte Helmut Schleweis, Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, vor Kurzem auf der Pressekonferenz einer Bankentagung.
60 Prozent der privaten Haushalte in Deutschland könnten in Zukunft ihm zufolge mit dem, was sie monatlich zur Verfügung stehen haben, nicht mehr über die Runden kommen – und gar ins Minus rutschen. Sogar Haushalte mit einem Nettoeinkommen von 3600 Euro seien gefährdet. Sie müssten infolgedessen auf Ersparnisse zurückgreifen, um ihre laufenden Kosten zu decken. Wenn es denn Ersparnisse gibt.
Denn auch Rücklagen aus der Corona-Zeit sind einer Untersuchung des Ifo-Instituts zufolge inzwischen weitgehend abgeschmolzen. Demnach hätten die Deutschen rund 70 Milliarden Euro zwischen dem zweiten Quartal 2020 und dem ersten Quartal 2021 angespart. „Diese Überschussanlagen wurden bis zum Ende des ersten Quartals 2022 fast vollständig abgebaut“, berichtet der Konjunkturchef des Instituts, Timo Wollershäuser, dem Handelsblatt.
Mittelschicht von Energiekrise betroffen – aber einkommensschwache Haushalte leiden mehr
Doch obwohl inzwischen auch die Mittelschicht von der Preiskrise betroffen ist, leiden einkommensschwache Haushalte immer noch deutlich stärker unter den Kostensteigerungen. Denn sie müssen einen prozentual größeren Anteil ihres Einkommens für Essen und Behausung ausgeben.
Deswegen sollen laut Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Entlastungen vom Bund vor allem denjenigen zugutekommen, die auf Unterstützung aus der Politik angewiesen sind. „Die untere Hälfte der Einkommensverteilung hat kein Vermögen und kann daher die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel weder aus ihren Einkünften noch dem Ersparten ausgleichen“, warnt der Experte laut dem Handelsblatt. Für sie schlägt Kritikos eine Direkthilfe in Höhe von bis zu 1000 Euro vor.
Sowohl von der Strompreisbremse als auch von der Gaspreisbremse hält der Forschungsdirektor jedoch nicht viel. Diese Maßnahmen würden vor allem Menschen mit einem höheren Energieverbrauch, ergo einer größeren Wohnung, dienen.
Ruf nach Entlastungen wird wieder laut: „Dann zieht man sich einen Pullover an“
Auf den Ruf nach neuen Entlastungen reagierte der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im Gespräch mit der Bild bereits mit einer umstrittenen Aussage: Im Winter sollten die Deutschen ihm zufolge einfach einen Pullover anziehen, statt ständig Ansprüche an den Staat zu stellen. Dabei richtete er sich vor allem an einkommensstärkere Haushalte. Es sei jetzt wichtig, dass alle begreifen, dass es nicht ewig so weitergehen könnte. „Die Deutschen werden sich wieder mehr anstrengen müssen“, so der Unionspolitiker.
Nach Ansicht von CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter müssten die Menschen in Deutschland zudem darüber aufgeklärt werden, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine noch längere Zeit dauern könnte. Unsere Bevölkerung müsse darauf eingestellt werden, „dass dieser Krieg womöglich noch zwei Jahre gehen kann und dass er sich ausweitet“, sagte Kiesewetter dem Sender Welt.
Einen ähnlichen Tenor schlägt auch der Ukraine-Botschafter Andrij Melnyk an. Im Gespräch mit n-tv sagte er: „Ich glaube, die Deutschen wollen nicht wahrhaben, in welcher Welt sie sind. Sie wollen sich immer noch zurücklehnen und das Leben genießen. Das kann nicht immer sein.“ Die Deutschen müssten ihm zufolge schneller erwachen und verstehen, in welcher gefährlichen Welt auch sie leben. Im Zuge dessen wünschte er sich zudem eine stärkere Unterstützung und ein schnelleres Agieren von Deutschland im Ukraine-Krieg.
Habeck prognostiziert hohe Inflation und Rezession für 2023 – IWF für ein Drittel der Weltwirtschaft
Tatsächlich blickt auch Wirtschaftsminister Robert Habeck wenig optimistisch in die nahe Zukunft. Sein Ministerium rechnet 2023 mit einer Rezession und im Zuge dessen einer steigenden Arbeitslosigkeit in Deutschland sowie mit einer weiterhin hohen Inflation. Preise würden noch stärker ansteigen als in diesem Jahr, dafür sollen immerhin auch die Löhne höher werden, prognostiziert das Ministerium laut der Bild.
Was ist eine Rezession?
Das Wort Rezession stammt aus dem lateinischen und bedeutet „Rückgang“. Davon ist die Sprache, wenn eine Wirtschaftsleistung nicht wächst oder stagniert, sondern schrumpft. Bemerkbar macht sich das unter anderem durch eine sinkende Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen oder einer steigenden Arbeitslosigkeit.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht sogar ein Drittel der Weltwirtschaft bis 2023 in eine Rezession rutschen. Dementsprechend hat der Fonds in dieser Lage nun seine globale Wachstumsvorhersage für das kommende Jahr gesenkt – auf 2,7 Prozent.
