„Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik
VonPeter Sieben
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Influencer auf TikTok oder Muslimbruderschaft: Der Islamismus hat viele Gesichter. Ralph Ghadban warnt vor einer wachsenden Gefahr, die Deutschland lange ignoriert habe.
Deutschland, das kannst du besser – so heißt die große neue Themenreihe von Münchner Merkur und Ippen.Media. Wir benennen Probleme und Missstände – und zeigen im Gespräch mit Politikerinnen und Experten konstruktive Lösungsansätze auf. In der ersten dreiteiligen Serie des Formats geht es um ein Phänomen, das immer mehr zu einem Risiko wird: radikaler Islamismus in Deutschland.
Ein schwerer Stahlriegel sichert die Wohnungstür von innen, Ralph Ghadban dreht den Schlüssel zweimal im Schloss um. Vor ein paar Jahren hat er die Extra-Sicherung anbringen lassen, nachdem kriminelle arabische Clans ihn mit dem Tod bedroht hatten und er vorübergehend untertauchen musste. Der aus dem Libanon stammende Islamwissenschaftler und Bestsellerautor ist streitbar – und hat sich über die Jahre in manchen Kreisen Feinde gemacht.
Autor und Publizist Ralph Ghadban in seinem Berliner Arbeitszimmer: 1949 wurde er im Libanon geboren, kam 1972 nach West-Berlin. Der studierte Islamwissenschaftler promovierte in Politologie. 2006 und 2008 war er Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, die den Dialog zwischen Muslimen und Staat fördern sollte. Ghadban ist Autor zahlreicher Bücher unter anderem über den Islam sowie über Clankriminalität.
Nun steht er im Arbeitszimmer seiner Berliner Altbauwohnung: Die Regale sind bis an die stuckverzierte Decke vollgepackt mit Büchern: Fachliteratur, Marx, Horkheimer. Wegen seiner Thesen zum politischen Islam gilt Ghadban manchen als Hardliner. Er selbst sagt über sich: „Ich bin ein 68er, war ein echter Linker.“ Heute gebe es gar keine richtige Linke mehr in Deutschland, findet Ghadban – nur noch „woke Ideologien“, wie er es formuliert. Das sei ein Kern eines Problems, das ihn derzeit besonders umtreibe, und über das er reden möchte: „Der radikale Islamismus bedroht dieses Land derzeit enorm.“
Radikaler Islamismus in Deutschland – Langzeitziel: Errichtung eines Kalifats
In der Tat beobachten die Sicherheitsbehörden seit Monaten: Neben der rechtsextremen Szene wächst vor allem die radikale Islamistenszene in Deutschland rasant. Und längst sind es keine kleinen Salafisten-Grüppchen mehr, die an „Lies!“-Ständen in den Innenstädten für eine radikal mittelalterliche Auslegung des Koran werben. Heute ködern Influencer mit zehntausenden Followern in den sozialen Medien mit schick gemachten Videos vorwiegend junge Menschen. Sie geben vermeintliche Alltagstipps, bieten Teenagern Orientierung – und platzieren nach und nach ihre Propaganda. Bewegungen wie die „Generation Islam“ und ihre Ableger nutzen Plattformen wie TikTok, um radikalislamische Ideologien zu verbreiten. Das Langzeit-Ziel: Der Kampf gegen die aus ihrer Sicht „Ungläubigen“ und die Errichtung eines Kalifats, im Zweifel mit Gewalt – auch in Deutschland.
Deutschland, das kannst du besser: Wie radikaler Islamismus unsere Demokratie bedroht
Teil 1: „Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik
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2024 verzeichnete das Bundeskriminalamt einen deutlichen Anstieg bei der sogenannten politisch motivierten Kriminalität (PMK) im Bereich Religion. 1.877 Straftaten gab es in diesem Spektrum, gegenüber 1.458 im Vorjahr. Einen islamistischen Hintergrund hatten davon 1515 Taten (2023 waren es 990). Neun Anschläge mit islamistischem Hintergrund gab es seit 2020 – etwa 14 geplante konnte die Polizei vereiteln. Experten sehen die aktuellen Konflikte im Nahen Osten als Beschleuniger von Radikalisierung auch hierzulande. Radikale Influencer missbrauchen das Leid der Kriegsopfer für ihre Propaganda.
Ghadban glaubt: Dass die Botschaften der Islamisten in Deutschland so sehr verfangen, liege auch daran, dass die Politik fundamentalistische Strömungen über Jahrzehnte habe gewähren lassen. Auch durch Staatsverträge etwa mit Dachverbänden wie Ditib. Der Verfassungsschutz schätzt den türkischen Islam-Verband als nationalistisch und stark durch die Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geprägt ein – Beobachter nehmen ihn zunehmend auch als deutlich islamistisch geprägt wahr. Noch mehr gilt das für die Muslimbruderschaft, die sich in Deutschland moderat gibt, aber in ihren Zielen fundamentalistisch ist. „Akteure wie die Muslimbruderschaft nutzen die rechtlichen Spielräume unserer Demokratie gezielt aus, um ihre eigene, gegen die Menschenrechte gerichtete Agenda voranzutreiben“, sagt Ghadban.
Die Toleranz gegenüber fundamentalistischen Strömungen im Islam sei über viele Jahre zu groß gewesen, findet er: „Die Islamisten nutzen das aus und versuchen, auf legalem Weg ihre Scharia-Konzeption durchzusetzen.“ Vor allem den Kulturrelativismus lehnt er ab. Diese anthropologische Lehre geht davon aus, dass alle Kulturen gleichwertig sind und ihre Handlungen im jeweiligen Kontext gesehen werden müssen. Eine Idee, die auch Grundlage des Multikulti-Prinzips ist. Ghadban sieht es so: „Ich persönlich sage: Alle Kulturen sind nicht gleich.“ Die einzige Kultur, die nachhaltig Menschenrechte hervorgebracht habe, sei die europäische. „Das ist die große Leistung der Europäer. Sie haben Werte erschaffen, die durchaus für die gesamte Menschheit gelten können.“
Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime
Eurozentristisches Weltbild nennen das Kritiker. Ghadban nennt es universalistisch. Und erklärt das so: „Ich messe alle Kulturen an der Messlatte der Menschenrechte. Ich schaue mir an: Gilt dort die Gleichheit zwischen Mann und Frau? Werden Minderheiten geschützt und genießen sie dieselben Rechte? Wenn das nicht der Fall ist, muss ich eine Kultur nicht als gleichwertig akzeptieren und muss sie kritisieren.“ Für manche fundamentalistischen Strömungen im Islam, die Frauen und Männer nicht als gleichwertig betrachteten und sexuelle Minderheiten ausschlössen, gelte eben genau das.
„Würde des Menschen ist unantastbar – muss auch über der Idee von Multikulti stehen“
„Unsere Verfassung beginnt mit der Präambel: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘. Nicht die Würde des Deutschen oder des Nigerianers, sondern die des Menschen. Und das muss immer über allem stehen, auch über der Idee von Multikulti oder Wokeness“, erklärt Ghadban – und zeigt dann seine streitbare Seite. „Ideologie macht aber viele Leute zu Idioten und sperrt die Vernunft aus. Die woke Ideologie hat dazu geführt, dass man gegenüber problematischen Entwicklungen blind wurde.“ Durch die Akzeptanz religiöser Praktiken, die über den Menschenrechten stehen – etwa die Unterwerfung der Frau unter religiöse Kleidungsvorschriften – entstünden Parallelgesellschaften, in denen das Grundgesetz kaum mehr gelte. „Da muss ein Wandel im Denken passieren. Nur dann kann es besser werden.“