Münchner-Merkur-Serie

„Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik

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Influencer auf TikTok oder Muslimbruderschaft: Der Islamismus hat viele Gesichter. Ralph Ghadban warnt vor einer wachsenden Gefahr, die Deutschland lange ignoriert habe.

Deutschland, das kannst du besser – so heißt die große neue Themenreihe von Münchner Merkur und Ippen.Media. Wir benennen Probleme und Missstände – und zeigen im Gespräch mit Politikerinnen und Experten konstruktive Lösungsansätze auf. In der ersten dreiteiligen Serie des Formats geht es um ein Phänomen, das immer mehr zu einem Risiko wird: radikaler Islamismus in Deutschland.

Ein schwerer Stahlriegel sichert die Wohnungstür von innen, Ralph Ghadban dreht den Schlüssel zweimal im Schloss um. Vor ein paar Jahren hat er die Extra-Sicherung anbringen lassen, nachdem kriminelle arabische Clans ihn mit dem Tod bedroht hatten und er vorübergehend untertauchen musste. Der aus dem Libanon stammende Islamwissenschaftler und Bestsellerautor ist streitbar – und hat sich über die Jahre in manchen Kreisen Feinde gemacht.

Autor und Publizist Ralph Ghadban in seinem Berliner Arbeitszimmer: 1949 wurde er im Libanon geboren, kam 1972 nach West-Berlin. Der studierte Islamwissenschaftler promovierte in Politologie. 2006 und 2008 war er Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, die den Dialog zwischen Muslimen und Staat fördern sollte. Ghadban ist Autor zahlreicher Bücher unter anderem über den Islam sowie über Clankriminalität.

Nun steht er im Arbeitszimmer seiner Berliner Altbauwohnung: Die Regale sind bis an die stuckverzierte Decke vollgepackt mit Büchern: Fachliteratur, Marx, Horkheimer. Wegen seiner Thesen zum politischen Islam gilt Ghadban manchen als Hardliner. Er selbst sagt über sich: „Ich bin ein 68er, war ein echter Linker.“ Heute gebe es gar keine richtige Linke mehr in Deutschland, findet Ghadban – nur noch „woke Ideologien“, wie er es formuliert. Das sei ein Kern eines Problems, das ihn derzeit besonders umtreibe, und über das er reden möchte: „Der radikale Islamismus bedroht dieses Land derzeit enorm.“

Radikaler Islamismus in Deutschland – Langzeitziel: Errichtung eines Kalifats

In der Tat beobachten die Sicherheitsbehörden seit Monaten: Neben der rechtsextremen Szene wächst vor allem die radikale Islamistenszene in Deutschland rasant. Und längst sind es keine kleinen Salafisten-Grüppchen mehr, die an „Lies!“-Ständen in den Innenstädten für eine radikal mittelalterliche Auslegung des Koran werben. Heute ködern Influencer mit zehntausenden Followern in den sozialen Medien mit schick gemachten Videos vorwiegend junge Menschen. Sie geben vermeintliche Alltagstipps, bieten Teenagern Orientierung – und platzieren nach und nach ihre Propaganda. Bewegungen wie die „Generation Islam“ und ihre Ableger nutzen Plattformen wie TikTok, um radikalislamische Ideologien zu verbreiten. Das Langzeit-Ziel: Der Kampf gegen die aus ihrer Sicht „Ungläubigen“ und die Errichtung eines Kalifats, im Zweifel mit Gewalt – auch in Deutschland.

Deutschland, das kannst du besser: Wie radikaler Islamismus unsere Demokratie bedroht

Teil 1: „Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik

Teil 2: „Salafismus als Lifestyle“: Warum immer mehr Teenager zu Islamisten werden

Teil 3: „Politik hofiert islamistische Verbände“: Liberale Imamin kämpft gegen Islamismus in Deutschland

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2024 verzeichnete das Bundeskriminalamt einen deutlichen Anstieg bei der sogenannten politisch motivierten Kriminalität (PMK) im Bereich Religion. 1.877 Straftaten gab es in diesem Spektrum, gegenüber 1.458 im Vorjahr. Einen islamistischen Hintergrund hatten davon 1515 Taten (2023 waren es 990). Neun Anschläge mit islamistischem Hintergrund gab es seit 2020 – etwa 14 geplante konnte die Polizei vereiteln. Experten sehen die aktuellen Konflikte im Nahen Osten als Beschleuniger von Radikalisierung auch hierzulande. Radikale Influencer missbrauchen das Leid der Kriegsopfer für ihre Propaganda.

Ghadban glaubt: Dass die Botschaften der Islamisten in Deutschland so sehr verfangen, liege auch daran, dass die Politik fundamentalistische Strömungen über Jahrzehnte habe gewähren lassen. Auch durch Staatsverträge etwa mit Dachverbänden wie Ditib. Der Verfassungsschutz schätzt den türkischen Islam-Verband als nationalistisch und stark durch die Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan geprägt ein – Beobachter nehmen ihn zunehmend auch als deutlich islamistisch geprägt wahr. Noch mehr gilt das für die Muslimbruderschaft, die sich in Deutschland moderat gibt, aber in ihren Zielen fundamentalistisch ist. „Akteure wie die Muslimbruderschaft nutzen die rechtlichen Spielräume unserer Demokratie gezielt aus, um ihre eigene, gegen die Menschenrechte gerichtete Agenda voranzutreiben“, sagt Ghadban.

Die Toleranz gegenüber fundamentalistischen Strömungen im Islam sei über viele Jahre zu groß gewesen, findet er: „Die Islamisten nutzen das aus und versuchen, auf legalem Weg ihre Scharia-Konzeption durchzusetzen.“ Vor allem den Kulturrelativismus lehnt er ab. Diese anthropologische Lehre geht davon aus, dass alle Kulturen gleichwertig sind und ihre Handlungen im jeweiligen Kontext gesehen werden müssen. Eine Idee, die auch Grundlage des Multikulti-Prinzips ist. Ghadban sieht es so: „Ich persönlich sage: Alle Kulturen sind nicht gleich.“ Die einzige Kultur, die nachhaltig Menschenrechte hervorgebracht habe, sei die europäische. „Das ist die große Leistung der Europäer. Sie haben Werte erschaffen, die durchaus für die gesamte Menschheit gelten können.“

Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime

Kabul Flughafen
Im Jahr 2021 zogen sich die USA aus Afghanistan zurück. Zugleich rückten auch die übrigen NATO-Truppen ab, darunter die deutsche Bundeswehr. Nachdem ein Großteil der ausländischen Truppen das Land verlassen hatte, eroberten die Taliban Afghanistan in Windeseile zurück. Am 15. August 2021 übernahmen sie die Macht in dem Land.  © Imago
Frauen in Afghanistan
Trotz anfänglicher Versprechen, Frauenrechte im Rahmen der Scharia zu respektieren, erließen die Taliban bereits in den ersten Monaten zahlreiche Verbote. Diese hinderten Frauen und Mädchen daran, ihre grundlegenden Rechte auf Meinungsäußerung, Freiheit, Arbeit und Bildung wahrzunehmen. In nur wenigen Monaten höhlten die Taliban mit unvergleichlicher Härte das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung aus. © Mads Nissen/dpa
Mädchen in Afghanistan
Als eine der ersten politischen Handlungen verboten die Taliban Mädchen den Besuch von weiterführenden Schulen. Zwar liefen einige Kurse online weiter, doch zu den Prüfungen waren die Studentinnen nicht zugelassen. Ohne Bildung steigt das Risiko für Mädchen, ausgebeutet, missbraucht oder früh verheiratet zu werden. © Aref Karimi/AFP
Afghan refugee
Seit der Machtübernahme der Taliban sind die Berufsmöglichkeiten für Frauen stark eingeschränkt. Vielen wurde gekündigt, andere dürfen nur noch von zu Hause aus arbeiten. Wer noch einen Arbeitsplatz hat, braucht für den Weg dorthin einen männlichen Begleiter (Mahram). Die Berufsverbote der Frauen stürzen viele Familien noch tiefer in die Armut. Im Jahr 2023 versinnbildlichte Liza Anvary mit dieser Aufnahme, dass Frauen in Afghanistan wie in einem Gefängnis leben. Anvary arbeitete für die afghanische Regierung, ehe sie nach zwei Mordanschlägen über Pakistan nach Spanien flüchtete. © Ximena Borrazas/Imago
Lage in Afghanistan
Die Taliban erließen strenge Bewegungsfreiheits- und Kleidervorschriften für Frauen. Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur unterwegs sein, wenn sie von einem männlichen Verwandten begleitet werden. Generell dürfen sie das Haus nur zu dringenden Besorgungen und nur vollständig verschleiert verlassen. Halten sich Frauen nicht an die Kleidervorschriften, droht ihren männlichen Verwandten Haft. © Julian Frank/dpa
Lage in Afghanistan
Das landesweite Unterstützungssystem für Überlebende sexualisierter Gewalt, das Frauenrechtlerinnen in den vergangenen 20 Jahren aufgebaut hatten, ist fast vollständig zusammengebrochen. Frauenhäuser mussten schließen, Mitarbeitende von Organisationen werden bedroht oder müssen verdeckt arbeiten. Das Gesetz zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen hat keine Gültigkeit mehr. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Aghanistan
Auf ihrem Eroberungszug durch das Land ließen die Taliban 2021 systematisch Gefangene frei. Viele von ihnen waren wegen geschlechtsspezifischer Gewalt verurteilt worden. Das Frauenministerium wurde abgeschafft und durch das berüchtigte „Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhütung des Lasters“ ersetzt, das die frauenfeindlichen Erlasse des Regimes umsetzt. © Bashir Darwish/Imago
Taliban in Afghanistan
Schon vor dem Sieg der Taliban war eines von drei Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zwangsverheiratet worden. Diese hohe Zahl stieg bis 2023 weiter an. Um nicht zu verhungern, verheiraten immer mehr Eltern ihre oft noch sehr jungen Töchter gegen einen Brautpreis. Manche Familien verheiraten ihre Töchter auch, um sie vor einer Zwangsheirat mit einem Mitglied der Taliban-Miliz zu schützen. © Ahmad Sahel Arman/AFP
Taliban in Afghanistan
Frauen sind seit der Machtübernahme aus dem politischen Leben völlig ausgeschlossen. Vor der Taliban-Herrschaft waren dank einer Quotenregel 27 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen. Landesweit gab es 21 Prozent Strafverteidigerinnen und 265 von insgesamt 1951 Richterinnen waren Frauen. In der neuen Regierung gibt es keine einzige Ministerin. © Wakil Kohsar/AFP
Taliban in Afghanistan
Aus Angst vor Repressionen hörten seit der Machtergreifung der Taliban 84 Prozent der Frauen, die im Journalismus tätig waren, auf, weiter in dieser Branche zu arbeiten. Die, die weitermachen, tun das unter Lebensgefahr. Inländische Medien müssen sich an strenge Inhaltsvorschriften halten. © Wakil Kohsar
Taliban in Afghanistan
Frauen, die dringend benötigte humanitäre Projekte umsetzen, können nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt arbeiten. Seit April 2023 dürfen sie nicht mehr für die UN tätig sein. Das gleiche Bild zeigt sich im Bildungs- oder Gesundheitssektor. Ärztinnen dürfen beispielsweise keine männlichen Patienten behandeln oder sich mit ihren männlichen Kollegen austauschen. © Javed Tanveer/AFP
Taliban in Afghanistan
Afghanistan hat eine der höchsten Raten an Müttersterblichkeit der Welt. Nach UN-Schätzungen stirbt alle zwei Stunden eine afghanische Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Ursachen sind das oft junge Alter, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren. Das Verkaufsverbot von Verhütungsmitteln, das die Taliban Anfang 2023 erließen, kann tödliche Folgen für Frauen haben. © Hoshang Hashimi
Frauen unter dem Taliban Regime
Die Schließung von Beauty Salons wurde im Juni 2023 angeordnet, was einen weiteren Eingriff in den Bereich der persönlichen Körperpflege, des Wohlbefindens und der Arbeitsmöglichkeiten von Frauen darstellt. Diese Maßnahme traf Tausende von Frauen, die in diesen Salons arbeiteten und ihre Familien ernährten. Ein Beispiel für die Veränderungen zeigt das Bild: Sofort nach der Taliban-Machtübernahme übermalte eine Mitarbeiterin eines Schönheitssalons in Kabul ein großes Foto einer Frau.  © Imago
Demo in Dänemark
Die mehrheitlich schiitischen Hazara sind seit langer Zeit Diskriminierung und Rassismus ausgesetzt. Mit der Machtübernahme der Taliban hat die Unterdrückung zugenommen. Insbesondere Frauen und Mädchen sind von multiplen Formen der Diskriminierung und Gewalt betroffen. Zahlreiche Anschläge wurden gezielt auf Frauen und Mädchen der ethnischen Minderheit Hazara verübt. In Europa kommt es deswegen häufiger zu Demonstrationen, wie hier im Oktober 2022 in Kopenhagen. © Thibault Savary/Imago
Taliban in Afghanistan
Mit Sorge beobachten Frauenrechtsaktivistinnen, wie überall islamische Schulen entstehen. Weil sie sonst keine Chance auf Unterricht haben, besuchen auch immer mehr Mädchen und junge Frauen diese Madrasas. Dort verbreiten die Lehrenden islamistisches und radikales Gedankengut, das die Schülerinnen in ihre Familien tragen. © Mustafa Noori/Imago
Flucht aus Afghanistan
Die Angst vor der Gewaltbereitschaft der neuen Taliban-Machthaber haben zu noch mehr Fluchtbewegungen geführt. Annähernd 700.000 Menschen haben laut dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR allein im Jahr 2021 ihre Dörfer und Städte verlassen. Rund 3,25 Millionen Afghaninnen und Afghanen leben aktuell als Binnenvertriebene im eigenen Land. © Diego Radames/Imago
Taliban in Afghanistan
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich nach der Machtübernahme rapide: Inflation und Arbeitslosenrate stiegen stark an, das Bankensystem kollabierte. Die USA froren Milliarden-Reserven der Zentralbank des Landes ein. Kontoinhaber konnten nur noch kleine Beträge abheben, es gab keine Kredite mehr und vielen Afghaninnen und Afghanen fehlt das Geld zum Leben. © Ramin Sulaimankhail/Imago
Tomatensaison in Afghanistan
Afghanistan gehört zu den Ländern auf der Welt, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die ausbleibenden Niederschläge führen dazu, dass Ernten ausfallen, Tierfutter und Trinkwasser knapp sind. Zugleich haben sich die Preise für Lebensmittel, Dünger und Treibstoff in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt. Die Lage der Bauern ist so dramatisch, dass Eltern teilweise ihre Kinder verkaufen müssen. © Ahmad Zubair/dpa
Humanitäre Lage in Afghanistan
Nach Angaben der Vereinten Nationen leben etwa 97 Prozent der Bevölkerung in Armut und zwei Drittel sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, um zu überleben. Vier Millionen Menschen sind akut unterernährt, darunter 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Laut World Food Programme sind zwei Drittel der Bevölkerung 2023 auf humanitäre Hilfe angewiesen – fast dreimal so viel wie 2021. © Khibar Momand/dpa
Afghanistan Pakistan
Zwangsrückführungen verschlimmern die Krise. Hunderttausende Geflüchtete sehen sich nach einer Ankündigung der pakistanischen Behörden im Oktober 2023 mit ihrer Abschiebung konfrontiert. Iran und Pakistan haben im Rahmen staatlicher Maßnahmen gegen Migranten und Geflüchtete fast zwei Millionen Menschen zurück nach Afghanistan abgeschoben. Viele der Abgeschobenen hatten Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben außerhalb Afghanistans verbracht. © Hussain Ali/Imago
Konflikt in Afghanistan
Die Kürzungen bei den US-Hilfsprojekten durch die Trump-Regierung haben Programme zum Erliegen gebracht, die für die Ernährungssicherheit unverzichtbar waren. Die Hälfte der afghanischen Bevölkerung – rund 23 Millionen Menschen – ist auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. Bis Juli mussten mehr als 400 Gesundheitseinrichtungen aufgrund fehlender Mittel schließen, die zum Großteil aus der offiziellen Entwicklungshilfe von Geberregierungen stammten. © Saifurahman Safi/dpa
Demo Berlin
Seit August 2021 demonstrieren afghanische Frauen und afghanische Frauen- und Diasporagruppen (wie hier in Berlin) immer wieder friedlich für Bildung, Arbeit, Gerechtigkeit und Frieden. Ihre Proteste setzten sie trotz der Brutalität des Regimes, trotz Verhaftungen und Entführungen von Demonstrantinnen fort. Afghaninnen, die friedlich für ihre Rechte protestieren, werden bedroht, verhaftet und gefoltert. Frauenrechtsaktivistinnen berichten von Entführungen, Kinderehen, Zwangsverheiratungen und Vergewaltigungen. © Gerald Matzka/dpa
Frauen in Afghanistan
Die Taliban setzen seit 2024 ein drakonisches Gesetz zur „Verbreitung von Tugend und Verhinderung von Laster“ rigoros durch, das Kleidungs- und Verhaltensweisen reglementiert. Lokale Komitees führen Razzien an Arbeitsplätzen durch, überwachen öffentliche Plätze und haben Kontrollpunkte eingerichtet, um Mobiltelefone zu überprüfen. Die Taliban haben Menschen wegen angeblicher Verstöße festgenommen. © Wakil Kohsar/AFP
Achundsada
Im Juli 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen den Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und den obersten Richter, Abdul Hakim Hakkani. Ihnen werden wegen der Entrechtung von Frauen und Mädchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nach Auffassung des Gerichts betreiben die Taliban eine Politik, die zu schweren Verletzungen der Grundrechte und -freiheiten der Zivilbevölkerung führt: Mord, Inhaftierung, Folter und Vergewaltigung.  © Mohd Rasfan/AFP
Flughafen Hannover - Ankunft Afghanen mit Aufnahmezusage
Im September 2025 konnten mehrere afghanische Familien nach Deutschland einreisen. Sie hatten in Deutschland geklagt, um ihre Einreise durchzusetzen. Die schwarz-rote Koalition hatte das Aufnahmeprogramm im Mai gestoppt. Am 18. Juli 2025 hatte Deutschland 81 Betroffene nach Kabul abgeschoben – die ersten Abschiebungen nach Afghanistan unter der neuen Regierung. In den USA hat die Trump-Regierung den vorübergehenden Schutzstatus für afghanische Staatsangehörige aufgehoben und Afghanistan in die Liste der Länder mit Einreiseverbot aufgenommen. Tausenden afghanischen Staatsangehörigen droht somit die Abschiebung, auch in Drittländer. © Michael Matthey/dpa

Eurozentristisches Weltbild nennen das Kritiker. Ghadban nennt es universalistisch. Und erklärt das so: „Ich messe alle Kulturen an der Messlatte der Menschenrechte. Ich schaue mir an: Gilt dort die Gleichheit zwischen Mann und Frau? Werden Minderheiten geschützt und genießen sie dieselben Rechte? Wenn das nicht der Fall ist, muss ich eine Kultur nicht als gleichwertig akzeptieren und muss sie kritisieren.“ Für manche fundamentalistischen Strömungen im Islam, die Frauen und Männer nicht als gleichwertig betrachteten und sexuelle Minderheiten ausschlössen, gelte eben genau das.

„Würde des Menschen ist unantastbar – muss auch über der Idee von Multikulti stehen“

„Unsere Verfassung beginnt mit der Präambel: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘. Nicht die Würde des Deutschen oder des Nigerianers, sondern die des Menschen. Und das muss immer über allem stehen, auch über der Idee von Multikulti oder Wokeness“, erklärt Ghadban – und zeigt dann seine streitbare Seite. „Ideologie macht aber viele Leute zu Idioten und sperrt die Vernunft aus. Die woke Ideologie hat dazu geführt, dass man gegenüber problematischen Entwicklungen blind wurde.“ Durch die Akzeptanz religiöser Praktiken, die über den Menschenrechten stehen – etwa die Unterwerfung der Frau unter religiöse Kleidungsvorschriften – entstünden Parallelgesellschaften, in denen das Grundgesetz kaum mehr gelte. „Da muss ein Wandel im Denken passieren. Nur dann kann es besser werden.“

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Rubriklistenbild: © Peter Sieben/Ippen.Media, Daniel Bockwoldt/dpa (Fotomontage)

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