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„Politik hofiert islamistische Verbände“: Liberale Imamin kämpft gegen Islamismus in Deutschland

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In der Moschee von Seyran Ateş beten Frauen, Männer und queere Menschen gemeinsam. Dafür erhält die Juristin und Imamin Morddrohungen. Und doch sagt sie: Die Radikalen werden niemals siegen.

Deutschland, das kannst du besser – so heißt die große neue Themenreihe von Münchner Merkur und Ippen.Media. Wir benennen Probleme und Missstände – und zeigen im Gespräch mit Politikerinnen und Experten konstruktive Lösungsansätze auf. In der ersten dreiteiligen Serie des Formats geht es um ein Phänomen, das immer mehr zu einem Risiko wird: radikaler Islamismus in Deutschland.

Vielleicht fing alles mit der Wiedergeburt an. 1984, da wäre Seyran Ateş fast gestorben. Damals war die Juristin noch Studentin, half ehrenamtlich in einem Frauenberatungszentrum. Dann schoss ein Mann auf sie, ein Frauenhasser aus dem Umfeld der rechtsextremen türkischen „Grauen Wölfe“. Eine Frau starb, Ateş überlebte knapp – bekam so etwas wie ein zweites Leben geschenkt. „Ich bin eine rational denkende Person. Brauche Logik“, sagt Seyran Ateş heute. „Aber es gibt so vieles, was wir uns nicht erklären können.“ Ein Nahtoderlebnis habe einen spirituellen Teil in ihr geweckt – und den Willen, noch entschiedener gegen patriarchale Strukturen und für die Rechte von Minderheiten zu kämpfen.

Juristin, ehemalige Anwältin, Autorin, Frauenrechtlerin, Imamin: Seyran Ateş ist türkischer und kurdischer Herkunft und setzt sich für einen progressiven Islam ein.

Manche nennen die 62-Jährige eine Islamkritikerin. Eine falsche Zuschreibung, wie sie selbst erklärt: „Ich kämpfe nicht gegen den Islam, ich kämpfe gegen das Patriarchat. Aktuell kann ich sagen: Ich kämpfe gegen den politischen Islam und gegen Islamismus.“ Denn der breite sich aktuell besorgniserregend aus, sagt Ateş. Doch man könne den Radikalen und Fundamentalisten etwas entgegensetzen. Deshalb hat sie 2017 die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin mitgegründet. Ein Haus, in dem Muslime aller Konfessionen, Nicht-Muslime, Frauen, Männer, queere Menschen willkommen sind. Ein in dieser Form einzigartiges Projekt, das zeigt: Es kann ein friedliches Miteinander von Religionen und Kulturen geben.

Islamismus und Patriarchat: Morddrohungen nach Moschee-Gründung

Für ihr Engagement zahlt die Juristin und Autorin einen Preis. Das Gespräch mit ihr findet per Videochat statt, Seyran Ateş persönlich zu treffen, ist nämlich nicht immer ganz einfach. Denn: Sie steht unter Personenschutz durch das Landeskriminalamt Berlin. Permanent. Tag und Nacht. Seit der Gründung der Moschee, in der sie Imamin ist, erhält sie Morddrohungen. Von Radikalen. Sicher eine Belastung – die man ihr im Gespräch nicht anmerkt. Ateş, die in T-Shirt und mit lässig auf dem Haar drapiertem Bandana am Bildschirm sitzt, lacht viel. Und wenn man wissen will, was eine Optimistin ist, muss man sich nur ein paar Minuten mit ihr unterhalten. Natürlich bringe die Situation Einschränkungen mit sich, sagt sie. Aber: „Es ist eine Form von äußerem Schutz, die es mir überhaupt ermöglicht, innerlich frei zu bleiben. Meine Haltung, mein Denken und mein Einsatz für Meinungsfreiheit sind davon unberührt.“

Deutschland, das kannst du besser – Die große Serie von Münchner Merkur und Ippen.Media:

Teil 1: „Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik

Teil 2: „Salafismus als Lifestyle“: Warum immer mehr Teenager zu Islamisten werden

Teil 3: „Politik hofiert islamistische Verbände“: Liberale Imamin kämpft gegen Islamismus in Deutschland

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Vielleicht fing alles auch mit einem Missverständnis an. „Der Islam gehört zu Deutschland“, der Satz wird meist Ex-Bundespräsident Christian Wulff zugeschrieben. Aber als Erster hat ihn Wolfgang Schäuble gesagt. 2006, damals war der CDU-Politiker Innenminister, eröffnete er damit die erste Deutsche Islamkonferenz, die zwischen Staat und Muslimen vermitteln sollte. Seyran Ateş war dabei. „Schäuble hat seinen Satz differenziert erklärt“, sagt sie. „Christian Wulff hingegen hat den Satz Jahre später einfach nur hingeknallt. Dadurch ist es ein Nicht-Satz geworden.“ Wie müsste man es denn richtig formulieren? „Muslime gehören zu Deutschland und in Deutschland gibt es auch den Islam. Aber man kann nicht ‚der Islam‘ sagen. Denn das ist kein homogenes Gebilde“, erklärt Ateş.  

Das komme in der Debatte meistens zu kurz. „Auch durch neue Begriffe wie ‚antimuslimischer Rassismus‘ und die Woke-Bewegung. In Schulen haben Lehrkräfte Angst, sich kritisch zum Islam zu äußern, weil sie dann als rassistisch gelten könnten“, sagt Ateş. „Das Motto: ‘Wir dürfen nichts sagen, sonst bedienen wir die AfD.’ Solche Totschlagargumente sind fatal, weil sie davon abhalten, über echte Probleme zu sprechen.“ Dabei gebe es radikale islamistische Strömungen, die man kritisieren müsse.

Die deutsche Politik aber verpasse immer wieder Chancen, vernünftige Debatten anzustoßen. Das gelte auch für die aktuelle Bundesregierung, und vor allem Kanzler Friedrich Merz. „Die Stadtbild-Aussage von Friedrich Merz ist auch ein Nicht-Satz. Er hätte sagen können, dass er erlebt, wie sich Stadtbilder in Deutschland verändern. Dass es Probleme gibt mit manchen Gruppen, insbesondere junger geflüchteter Männer. Und dass wir diese Probleme zusammen lösen können.“ Stattdessen habe sein Geraune nur Zwietracht gesät.  Und: „Die anschließenden Demonstrationen von woken Kulturrelativistinnen, die ‚Wir sind die Töchter‘ gerufen haben, waren albern.“ Inwiefern? War das nicht ein Solidaritätssignal? „Nein, ihr seid eben nicht die Töchter. Ihr seid die arrogante Elite aus guten Stadtteilen. Ihr habt das Problem nicht, das unsere Töchter haben, die in einfachen Wohnlagen wohnen und in Berlin mit der U8 fahren müssen“, sagt Ateş.  

Weitere verpasste Chance aus ihrer Sicht: „In Deutschland wird der liberale Islam nicht gefördert. Im Gegenteil, stattdessen hofiert die Politik islamistische Verbände wie Ditib oder auch Millî Görüş seit Jahrzehnten.“ Liberale Muslime mit progressiven Ideen hätten indes keine Lobby. „Mir wurde das fast wörtlich vom Bundesinnenministerium so gesagt: ‚Frau Ateş, die anderen haben 30 Jahre Vorlauf gehabt. Das müssen Sie erst mal aufholen.’“  

„Parteien wollen Wählerstimmen aus der konservativen Community – auch die Grünen“

Ein Thema, das im Bundestag offenbar nicht so beliebt ist. Sprecher mehrerer Fraktionen äußerten sich auf Anfrage nicht – „aktuell keine Kapazitäten“. Immerhin aber: Die Grünen haben jetzt einen Antrag „Vielfältiges muslimisches Leben in Deutschland fördern“ ins Plenum eingebracht, und fordern, progressive muslimische Stimmen stärker einzubeziehen. Und sie fordern ein Ende von Kopftuchverboten im öffentlichen Dienst. Ateş‘ Vorwurf: „Die politischen Parteien wollen die Wählerstimmen aus der konservativen Community und biedern sich an. Auch die Grünen machen das.“ Es gebe eine Fixierung auf den „Kopftuch-Islam“, der aber eben nur einen Teil des Islam in Deutschland ausmache. Progressive muslimische Projekte hätten es schwer, sich finanziell über Wasser zu halten, beklagt Seyran Ateş. Im Ausland Werbung zu machen, sei ebenfalls schwierig. „Saudis oder Kataris, die eigentlich fortschrittlich denken, halten sich zurück. Weil sie Angst um ihr eigenes Leben haben“, erzählt die Juristin. „Spätestens beim Thema LGBT. Manche sagen, ich solle mich entscheiden: Spenden oder Verzicht auf queere Themen. Nun, Sie wissen, wie ich mich entschieden habe“, sagt Ateş und lacht.

Die Moschee im Berliner Stadtteil Moabit ist benannt nach dem andalusischen muslimischen Universalgelehrten Ibn Rushd, auch bekannt als Averroes, und dem deutschen Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe. Beide stehen für den Geist der Aufklärung.

Für viele Menschen sei die Moschee in den Räumen einer evangelischen Kirche im Berliner Stadtteil Moabit ein Ort der Hoffnung. „Viele, die zu uns kommen, fangen an zu weinen. Ich bekomme selber glatt Gänsehaut, wenn ich davon erzähle“, sagt Ateş. Beispiel: „Eine junge Frau, Rocker-Lady, wilde Mähne, war einst aus dem Iran geflüchtet und hatte sich von der Religion verabschiedet. In dem Moment, als sie eintrat, weinte sie und sagte: ‚Ich merke, dass mir das so gefehlt hat. Meine Religion und Spiritualität sind mir von den Islamisten gestohlen worden.‘“  

Und dann zeigt sich wieder die Optimistin Seyran Ateş – die überzeugt ist, dass man radikale Kräfte stoppen kann. „Ich glaube an positive Entwicklungen. Denken Sie an Rosa Parks“, sagt sie und meint die afroamerikanische Bürgerrechtlerin, die sich in den 50er Jahren weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen – eine kleine Geste, aus der eine Bewegung erwuchs. „Wenn ich mir die Menschheitsgeschichte anschaue, gewinnt am Ende des Tages die Freiheit. Auch wenn ich das vielleicht nicht mehr erlebe“, sinniert Ateş. „In irgendeinem Jahrzehnt werden Frauen, die so wie ich aussehen, mit offenem Haar, Moscheen leiten. Da wird es gar keine Diskussion mehr geben. Es kommt auf die junge Generation an. Ich glaube an sie.“

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Rubriklistenbild: © Christophe Gateau, Britta Pedersen/dpa (Montage)

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