Wolodymyr Selenskyj: Wer könnte ihn in der Ukraine ersetzen?
VonPatrick Mayer
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Wolodymyr Selenskyj präsentiert in Kiew ein unerwartetes Rücktrittsangebot. Wer könnte als nächster Präsident der Ukraine infrage kommen? Kandidaten.
Kiew – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte im Umfeld der Verhandlungen zum Ukraine-Krieg kürzlich eine echte Überraschung parat. So formulierte das ukrainische Staatsoberhaupt die Bedingung für einen möglichen Rücktritt, wohl mit Verweis auf eine Social-Media-Attacke durch US-Präsident Donald Trump.
Rücktritt von Wolodymyr Selenskyj? Ukraine-Präsident äußert Bedingung
Der Amerikaner hatte Selenskyj im Zuge der US-Gespräche mit dem Moskau-Regime aus Russland als „Diktator ohne Wahlen“ bezeichnet und dies damit begründet, dass es seit Mai 2019 keine Präsidentschaftswahlen mehr in der Ukraine gab. Dabei sind die Wahlen wegen des geltenden Kriegsrechts ausgesetzt – was Selenskyj auch betonte.
„Wenn es um Frieden für die Ukraine geht, dann bin ich bereit (zum Rücktritt, Anm. d. Red.)“, sagte Selenskyj nun auf einer Pressekonferenz in Kiew. Eine Bedingung dafür sei etwa: Wenn die Möglichkeit eines Nato-Beitritts seines Landes bestünde, würde Selenskyj „sofort, ohne lange Diskussionen“ zurücktreten, erklärte der 47-Jährige. Eine ukrainische Mitgliedschaft in der Verteidigungsallianz ist politisch tatsächlich jedoch weit weg, nachdem der neue US-Verteidigungsminister Pete Hegseth dies kürzlich deutlich ausgeschlossen hatte.
Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj: Weniger Zustimmung in der Ukraine
Dennoch: Selenskyjs politische Macht als Präsident bröckelt. Im März 2022, kurz nach Beginn der völkerrechtswidrigen russischen Invasion, lagen seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung noch bei 90 Prozent. Anfang Januar 2025 veröffentlichte das Kiewer Institut für Soziologie (KIIS) dagegen das Ergebnis einer Telefonbefragung, wonach nach hohen Verlusten in der eigenen Armee und unter der Zivilbevölkerung nur noch 52 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer Vertrauen in Selenskyjs Arbeit haben.
Eigentlich dauert die Amtszeit des ukrainischen Präsidenten oder der Präsidentin fünf Jahre. Dieser Zeitrahmen ist jetzt nun schon mehr als neun Monate überschritten. Bisher ist völlig unklar, wann angesichts der heftigen russischen Bombardements wieder Wahlen abgehalten werden können. Dennoch stellt sich wegen Selenskyjs abnehmender Zustimmung die Frage, wer theoretisch Kandidatinnen und Kandidaten auf seine Nachfolge wären. Merkur.de verschafft einen Überblick:
Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj: Walerij Saluschnyj genießt hohe Popularität
Walerij Saluschnyj: Das Nachrichtenmagazin The Economist berichtete am 19. Februar, dass der General Selenskyj im Falle einer Wahl und einer Kandidatur beider schlagen würde - und zwar deutlich. Der 51-Jährige genießt in Armee und Bevölkerung eine sehr große Popularität. Als Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte hielt er im Frühjahr 2022 maßgeblich den russischen Einmarsch auf.
Im Volksmund wird der Militär deshalb auch der „Verteidiger von Kiew“ genannt. Selenskyj entband den als bodenständig beschriebenen Mann im Februar 2024 von dieser Funktion – wie CNN berichtete, nach internen Streitigkeiten. Heute ist Saluschnyj Botschafter seines Landes in Großbritannien und beweist sich auch auf dem diplomatischen Parkett.
Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj: Vertrauter aus dem Kiewer Parlament gehandelt
Ruslan Stefantschuk: Laut des amerikanischen Nachrichtenmagazins Newsweek wurde auch der Präsident des ukrainischen Parlaments (Werchowna Rada) als möglicher Nachfolger Selenskyjs gehandelt. Der 49-jährige Abgeordnete gilt jedoch als Vertrauter des amtierenden Präsidenten und widersetzte sich jüngst nachdrücklich Trumps Ratschlag nach baldigen Wahlen in der Ukraine. Bei Facebook schrieb er am 19. Februar, das Land brauche „Kugeln, keine Stimmzettel“. Öffentlich tat Stefantschuk bisher keine Ambitionen auf das Amt kund.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj: Petro Poroschenko bleibt im Fokus
Petro Poroschenko: Der heute 59-jährige Milliardär war von Juni 2014 bis Mai 2019 Präsident der Ukraine und damit Selenskyjs Vorgänger. Zu seiner Unternehmensgruppe Ukrprominvest gehören Beteiligungen im Auto- und Schiffsbau sowie in der Schokoladenherstellung, was ihm den Spitzname „Schokoladenkönig“ einbrachte. Die proeuropäischen Proteste auf dem Euromaidan soll Poroschenko Anfang 2014 finanziell unterstützt haben. Er tritt politisch immer wieder in Erscheinung und könnte sich erneut zur Wahl stellen.
Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj: Julia Timoschenko hatte sich erfolglos beworben
Julia Timoschenko: Die heute 64-jährige, nationalkonservative Politikerin war schon zweimal Ministerpräsidentin und damit Regierungschefin ihres Landes. Und zwar zwischen Februar und September 2005 sowie zwischen Dezember 2007 und März 2010. Bei der Präsidentschaftswahl 2019 war sie angetreten - ohne Erfolg. Im ersten Wahlgang landete sie damals bei 13,40 Prozent der abgegebenen Stimmen. auf dem dritten Platz. Ambitionen hat sie zuletzt keine angemeldet, aber auch sie wird regelmäßig bei politischen Talk-Runden gesichtet und ist weiter in der politischen Landschaft der Ukraine präsent.
Ob das Russland-Regime die Inthronisierung eines ihm willfährigen Kandidaten zu Bedingungen für einen Waffenstillstand machen würde, ist bislang nicht bekannt. Zuvor prorussische Politiker hatten sich in den Kriegswirren der vergangenen drei Jahre zurückgezogen. (pm)