Zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“: Integrationsstudie zieht Fazit
VonKonstantin Ochsenreiter
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Die Beschäftigungsquote von vor zehn Jahren Geflüchteten erreicht 70 Prozent: Viele arbeiten in systemrelevanten Berufen – doch regionale Differenzen bestehen weiterhin.
Berlin – 2015 markierte ein entscheidendes Jahr in der deutschen Flüchtlingspolitik: Mit 476.649 Asylanträgen stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 135 Prozent. Der berühmte Ausspruch „Wir schaffen das“ von Kanzlerin Angela Merkel wurde zum Symbol dieser Zeit. Zehn Jahre später zeigt sich ein anderes Bild: Bis Juli 2025 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts 86.916 Anträge gestellt.
Eine aktuelle Studie zieht nun Bilanz. Neben einem „positiven Trend“ zeigt die Studie vor allem: Viele haben es geschafft – trotz „weiterhin erhebliche Herausforderungen“.
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Zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“: Integrationserfolg bei Geflüchteten
Haben wir es geschafft? – Unter diesem Titel hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Integration der Schutzsuchenden untersucht, die 2015 nach Deutschland gekommen sind. Die Ergebnisse zeigen: 2024 lag die Beschäftigungsquote dieser Gruppe bei 64 Prozent. Zählt man Selbstständige hinzu, steigt die Erwerbstätigenquote sogar auf rund 70 Prozent – das Niveau der Gesamtbevölkerung liegt ebenfalls bei 70 Prozent. „Das ist ziemlich gut“, konstatiert Ko-Autorin Yuliya Kosyakova dem Evangelischen Pressedienst. In dem Bericht bewerten die Forscher den Umstand als Erfolg staatlicher Maßnahmen wie beschleunigter Asylverfahren, Integrations- und Sprachkurse sowie arbeitsmarktpolitischer Unterstützung.
Bereits 2023 konnten 84 Prozent der Schutzsuchenden mit regulärer Arbeit ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, ohne zusätzliche Sozialleistungen nach SGB II zu benötigen. Gleichzeitig sank der Anteil der erwerbsfähigen Geflüchteten, die auf diese Leistungen angewiesen waren, bis 2023 auf 34 Prozent.
Besonders auffällig: Viele Geflüchtete arbeiten in Engpass- und systemrelevanten Berufen. Sieben bis acht Jahre nach ihrer Ankunft übten 61 Prozent der Frauen und 59 Prozent der Männer solche Tätigkeiten aus. Ein Großteil war als Fachkraft (42 Prozent der Frauen, 49 Prozent der Männer) oder in Helfertätigkeiten (54 Prozent der Frauen, 45 Prozent der Männer) beschäftigt. Auffällig ist zudem, dass überdurchschnittlich viele Nicht-Routine-Tätigkeiten übernommen haben.
10 Jahre ist Angela Merkels „Wir schaffen das“ her: Heute erreichen die Beschäftigungsquoten der 2015 Geflüchteten 70 Prozent: Viele arbeiten in systemrelevanten Berufen – doch regionale Differenzen bestehen weiterhin. (Archivbild)
Integration Geflüchteter: Erfolg trotz Herausforderungen
Ein Blick auf die Einkommen zeigt ein weiteres Bild der Integration: 2024 erreichte das mittlere Verdienstniveau vollzeitbeschäftigter Geflüchteter 70 Prozent des mittleren Einkommens aller Vollzeitbeschäftigten – knapp über der Niedriglohnschwelle von 66 Prozent. Ein Teil dieses Unterschieds lässt sich mit dem jüngeren Durchschnittsalter und der kürzeren Berufserfahrung erklären, gleichzeitig erhöhen niedrige Einkommen das Risiko, auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein.
Auch bei den Geschlechtern stellt die Studie ein klares Gefälle heraus: Die Beschäftigungsquote der Männer lag 2024 bei 76 Prozent und damit leicht über dem männlichen Bevölkerungsdurchschnitt (72 %), während die Quote der Frauen mit 35 Prozent deutlich unter dem weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt (69 %) lag.
Das größte Potenzial für eine weitere Steigerung der Erwerbstätigkeit liegt daher im Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Als Gründe hierfür nennt die Studie unter anderem eine stärkere Belastung durch Kinderbetreuung, geringere Bildungsabschlüsse, Konzentration auf reglementierte Berufe, schlechtere gesundheitliche Voraussetzungen und spätere Teilnahme an Integrationskursen.
Wie hat die Studie, die Daten erfasst?
Für die Untersuchung nutzte die Studie die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten und verknüpfte die Daten mit Beschäftigungsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit. So konnten präzise Informationen über abhängige Beschäftigung, Einkommen und Bezug von Sozialleistungen gewonnen werden.
Die Autoren kommen zudem zu dem Schluss, dass eine stärkere Berücksichtigung von Arbeitsmarktfaktoren bei der räumlichen Verteilung von Schutzsuchenden die Integrationserfolge noch hätte verbessern können.
Regionale Unterschiede bei Geflüchteten: Ein Blick auf Zahlen
Die Studie zeigt erhebliche regionale Unterschiede bei Beschäftigungsquoten und Einkommen der Geflüchteten. In Bundesländern mit guter Arbeitsmarktlage und hoher Wirtschaftskraft wie Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hamburg sind sowohl die Beschäftigungsquoten als auch die Verdienste deutlich höher.
Hingegen gehen hohe regionale Arbeitslosigkeit und ein ablehnendes gesellschaftliches Klima – gemessen etwa an rechtsextremen Demonstrationen – mit geringerer Beschäftigungswahrscheinlichkeit und niedrigeren Einkommen einher. Zudem zeigt sich: Je höher der Anteil der Schutzsuchenden an der regionalen Bevölkerung, desto höher die Beschäftigungsquote, was auf den positiven Einfluss von Netzwerken hinweist.
Fünf bis zehn Jahre nach der Ankunft lag die mittlere jährliche Beschäftigungsquote der Schutzsuchenden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bei 49 Prozent – deutlich unter dem Niveau von Bundesländern mit günstiger Arbeitsmarktlage, wie etwa Baden-Württemberg, wo die Quote 66 Prozent betrug.
Eine „Dummheit“: Flüchtlingsrat warnt vor Migrationspolitik der Merz-Regierung
Wie fatal eine ablehnende gesellschaftliche Haltung sich für strukturschwache Regionen auswirken kann, berichtete kürzlich Katapult MV: Ulrike Seemann-Katz vom Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern äußerte gegenüber dem Magazin, dass migrationspolitischen Signale der Bundesregierung den Eindruck erweckten, Deutschland würde keine Einwanderung mehr wollen. In Bezug auf den wirklichen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bezeichnete sie die Politik als „Dummheit“.