Positive Trends und Lücken

Zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“: Integrationsstudie zieht Fazit

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Die Beschäftigungsquote von vor zehn Jahren Geflüchteten erreicht 70 Prozent: Viele arbeiten in systemrelevanten Berufen – doch regionale Differenzen bestehen weiterhin.

Berlin – 2015 markierte ein entscheidendes Jahr in der deutschen Flüchtlingspolitik: Mit 476.649 Asylanträgen stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 135 Prozent. Der berühmte Ausspruch „Wir schaffen das“ von Kanzlerin Angela Merkel wurde zum Symbol dieser Zeit. Zehn Jahre später zeigt sich ein anderes Bild: Bis Juli 2025 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts 86.916 Anträge gestellt.

Eine aktuelle Studie zieht nun Bilanz. Neben einem „positiven Trend“ zeigt die Studie vor allem: Viele haben es geschafft – trotz „weiterhin erhebliche Herausforderungen“.

Merkel veröffentlicht Memoiren: Bilder ihrer wichtigsten Momente als Politikerin

Bundestagspräsident Norbert Lammert (GER/CDU) vereidigt Dr. Angela Merkel (GER/CDU) zur Bundeskanzlerin im Deutschen Bu
Die erste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik: Merkel leistet 2005 zum ersten Mal ihren Amtseid.  © imago stock&people, via www.imago-images.de
News Bilder des Tages Angela Merkel, Bundeskanzlerin, aufgenommen im Rahmen der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Deu
Eine Geste, die bis heute mit der Altkanzlerin verbunden wird: Die Merkel-Raute. Wofür sie steht? Dazu äußerte sich Merkel bereits 2013 im Wahlkampf. „Es war immer die Frage, wohin mit den Armen und daraus ist das entstanden“ und fügte hinzu: „Vielleicht eine gewisse Liebe zur Symmetrie“. © Florian Gaertner/photothek.de via www.imago-images.de
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht ein Selfie mit einem Migranten
Angela Merkel (CDU) besucht eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und macht ein Selfie mit einem Geflüchteten. Ihr Satz von 2015 bleibt eng mit Merkels Kanzlerschaft verbunden: „Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das!“ © Bernd von Jutrczenka/dpa
Shinzo Abe, Angela Merkel (CDU), Wladimir Putin, David Cameron und Barack Obama beim G8 Gipfeltreffen
G8 Gipfeltreffen im Jahr 2013: Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe (l-r), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der russische Präsident Wladimir Putin, der britische Ministerpräsident David Cameron und US-Präsident Barack Obama. © Tim Brakemeier/dpa
Angela Merkel (CDU) und Joachim Gauck (parteilos) mit der deutschen Nationalmannschaft beim Gewinn des Weltmeistertitels
Fußball-Weltmeisterschaft 2014: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck jubeln nach dem Gewinn des Weltmeister-Titels in der Kabine des Maracana-Stadions mit den deutschen Nationalspielern. © Guido Bergmann/dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU stellt sich am Sonntag 21 01 07 nach Ankunft in Sotschi Russ
„Putins Mimik interpretierte ich so, dass er Gefallen an der Situation fand“, schreibt Angela Merkel in ihren Memoiren über den Besuch bei Russlands Präsident Putin. Merkel traf Putin 2007 in Sotschi – auch Putins Hund Koni war bei dem Kurzstatement zugegen. Es ist bekannt, dass Merkel Angst vor großen Hunden hat. Den Kreml-Chef habe sie nicht konfrontiert, sondern habe sich „wie oft in meinem Leben an die englische Adelsregel ‚never explain, never complain‘, ‚niemals erklären, niemals klagen‘“ gehalten. © imago stock&people
Angela Merkel (CDU) legt im Bundestag in Berlin den Amtseid ab.
Angela Merkel legt 2013 im Bundestag in Berlin beim Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (CDU) zum dritten Mal den Amtseid ab. © Michael Hanschke/dpa
March 17 2017 Washington District of Columbia United States of America German Chancellor Ange
„Er wollte durch sein Verhalten Gesprächsstoff kreieren, während ich so getan hatte, als hätte ich es mit einem sich normal verhaltenden Gesprächspartner zu tun.“ Das schreibt Merkel über ein Treffen mit dem damaligen und nun wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump. Merkel traf Trump erstmals im Jahr 2017. Vor der Presse verweigerte ihr der Republikaner einen Handschlag. © imago stock&people
Angela Merkel (CDU) bei einer Privataudienz mit Papst Franziskus
Angela Merkel (CDU) schüttelt die Hand von Papst Franziskus bei einer Privataudienz im Vatikan. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg
Angela Merkel (CDU) verneigt sich am Sarg von Helmut Kohl (CDU) beim europäischen Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament in Straßburg. (2017) © dpa
Angela Merkel (CDU) steckt eine Kerze an der Berliner Mauer in den Sand.
Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 steckt Angela Merkel eine Kerze an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße in den Sand. In ihren Memoiren stellt Merkel auch ihre ostdeutsche Identität in den Vordergrund. Das Leben in der DDR beschreibt Merkel als „ein ständiges Leben auf der Kante“. © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) mit Maske bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die Corona-Maßnahmen
Angela Merkel mit einem Mund-Nasenschutz bei einer Bundespressekonferenz über den Lockdown und die weiteren Corona-Maßnahmen. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, war ein weiterer prägender Satz der Amtszeit Merkel. Am 18. März 2020 wendete sich die Kanzlerin zum einzigen Mal in ihrer Amtszeit in einer außerordentlichen TV-Ansprache an die deutsche Bevölkerung. © Kay Nietfeld/dpa
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen Flutgebiete
Angela Merkel (CDU) und Armin Laschet (CDU) besuchen im Jahr 2021 Flutgebiete und reden mit den Anwohnern eines betroffenen Dorfs. „Wir werden Sie nicht nach Kurzem vergessen, sondern wir werden uns immer wieder ein Bild darüber machen, wie es mit dem Wiederaufbau steht“, hatte Merkel damals den kommunalen Spitzen gesagt. 2023 löste sie ihr Versprechen ein und kehrte an einen der am schwersten von der Flut-Katastrophe getroffenen Ort zurück.  © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) spricht bei einem Wahlkampfauftritt in Siegen
Merkel spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung für die Bundestagswahl in Siegen. Der Name ist Programm: „Mutti“ wird 2017 zum vierten Mal zur Kanzlerin gewählt. © Oliver Berg/dpa
Angela Merkel (CDU) stimmt bei der Abstimmung zum Energiegesetz für den Atomausstieg
Nach der Atomkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 hat Angela Merkel in Deutschland den Atomausstieg eingeläutet. Die damalige Kanzlerin hat bei der Abstimmung zum Energiegesetz im Juni 2011 für den Ausstieg gestimmt. © Michael Kappeler/dpa
Angela Merkel (CDU) und US-Präsident Barack Obama mit der Freiheitsmedaille in Washington
Freiheitsmedaille für Angela Merkel: Die Kanzlerin erhält die höchste zivile Auszeichnung der USA, von US-Präsident Barack Obama in Washington. (2011) © Rainer Jensen/dpa
Angela Merkel (CDU) und Queen Elizabeth II. unterhalten sich bei einem Klimagipfel in London
Klimagipfel 2009: Angela Merkel und Queen Elizabeth II. unterhalten sich in London. © dpa
Angela Merkel (CDU) trifft europäische Staatsmänner beim Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris
Euro-Gipfel zur Finanzkrise in Paris: Angela Merkel (CDU) spricht mit dem niederländischen Minister Jan Peter Balkenende und dem belgischen Prime-Minister Yves Leterme. (2008) © Dolega/dpa
Gerhard Schröder und Angela Merkel geben sich die Hand
Beginn der Merkel-Ära: Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) übergibt 2005 das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel (CDU). © Peer Grimm/dpa
Angela Merkel (CDU) füttert australische Loris im Vogelpark Marlow und wird dabei gebissen.
„Ich wollte nochmal Arrivederci sagen“, erklärte Merkel wenige Tage vor der Bundestagswahl 2021 auf dem Wochenmarkt in Greifswald einer Blumenverkäuferin. 30 Jahre lang war Merkel als Direktkandidatin in Mecklenburg-Vorpommern angetreten - 2021 trat sich erstmals nicht mehr an. „Es war mir immer eine Ehre, für diesen Wahlkreis anzutreten“, sagte die damalige Kanzlerin am Rande des Besuchs im Vogelpark. © Georg Wendt/dpa

Zehn Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“: Integrationserfolg bei Geflüchteten

Haben wir es geschafft? – Unter diesem Titel hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Integration der Schutzsuchenden untersucht, die 2015 nach Deutschland gekommen sind. Die Ergebnisse zeigen: 2024 lag die Beschäftigungsquote dieser Gruppe bei 64 Prozent. Zählt man Selbstständige hinzu, steigt die Erwerbstätigenquote sogar auf rund 70 Prozent – das Niveau der Gesamtbevölkerung liegt ebenfalls bei 70 Prozent. „Das ist ziemlich gut“, konstatiert Ko-Autorin Yuliya Kosyakova dem Evangelischen Pressedienst. In dem Bericht bewerten die Forscher den Umstand als Erfolg staatlicher Maßnahmen wie beschleunigter Asylverfahren, Integrations- und Sprachkurse sowie arbeitsmarktpolitischer Unterstützung.

Bereits 2023 konnten 84 Prozent der Schutzsuchenden mit regulärer Arbeit ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, ohne zusätzliche Sozialleistungen nach SGB II zu benötigen. Gleichzeitig sank der Anteil der erwerbsfähigen Geflüchteten, die auf diese Leistungen angewiesen waren, bis 2023 auf 34 Prozent.

Besonders auffällig: Viele Geflüchtete arbeiten in Engpass- und systemrelevanten Berufen. Sieben bis acht Jahre nach ihrer Ankunft übten 61 Prozent der Frauen und 59 Prozent der Männer solche Tätigkeiten aus. Ein Großteil war als Fachkraft (42 Prozent der Frauen, 49 Prozent der Männer) oder in Helfertätigkeiten (54 Prozent der Frauen, 45 Prozent der Männer) beschäftigt. Auffällig ist zudem, dass überdurchschnittlich viele Nicht-Routine-Tätigkeiten übernommen haben.

10 Jahre ist Angela Merkels „Wir schaffen das“ her: Heute erreichen die Beschäftigungsquoten der 2015 Geflüchteten 70 Prozent: Viele arbeiten in systemrelevanten Berufen – doch regionale Differenzen bestehen weiterhin. (Archivbild)

Integration Geflüchteter: Erfolg trotz Herausforderungen

Ein Blick auf die Einkommen zeigt ein weiteres Bild der Integration: 2024 erreichte das mittlere Verdienstniveau vollzeitbeschäftigter Geflüchteter 70 Prozent des mittleren Einkommens aller Vollzeitbeschäftigten – knapp über der Niedriglohnschwelle von 66 Prozent. Ein Teil dieses Unterschieds lässt sich mit dem jüngeren Durchschnittsalter und der kürzeren Berufserfahrung erklären, gleichzeitig erhöhen niedrige Einkommen das Risiko, auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein.

Auch bei den Geschlechtern stellt die Studie ein klares Gefälle heraus: Die Beschäftigungsquote der Männer lag 2024 bei 76 Prozent und damit leicht über dem männlichen Bevölkerungsdurchschnitt (72 %), während die Quote der Frauen mit 35 Prozent deutlich unter dem weiblichen Bevölkerungsdurchschnitt (69 %) lag.

Das größte Potenzial für eine weitere Steigerung der Erwerbstätigkeit liegt daher im Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen. Als Gründe hierfür nennt die Studie unter anderem eine stärkere Belastung durch Kinderbetreuung, geringere Bildungsabschlüsse, Konzentration auf reglementierte Berufe, schlechtere gesundheitliche Voraussetzungen und spätere Teilnahme an Integrationskursen.

Wie hat die Studie, die Daten erfasst?

Für die Untersuchung nutzte die Studie die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten und verknüpfte die Daten mit Beschäftigungsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit. So konnten präzise Informationen über abhängige Beschäftigung, Einkommen und Bezug von Sozialleistungen gewonnen werden.

Die Autoren kommen zudem zu dem Schluss, dass eine stärkere Berücksichtigung von Arbeitsmarktfaktoren bei der räumlichen Verteilung von Schutzsuchenden die Integrationserfolge noch hätte verbessern können.

Regionale Unterschiede bei Geflüchteten: Ein Blick auf Zahlen

Die Studie zeigt erhebliche regionale Unterschiede bei Beschäftigungsquoten und Einkommen der Geflüchteten. In Bundesländern mit guter Arbeitsmarktlage und hoher Wirtschaftskraft wie Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hamburg sind sowohl die Beschäftigungsquoten als auch die Verdienste deutlich höher.

Hingegen gehen hohe regionale Arbeitslosigkeit und ein ablehnendes gesellschaftliches Klima – gemessen etwa an rechtsextremen Demonstrationen – mit geringerer Beschäftigungswahrscheinlichkeit und niedrigeren Einkommen einher. Zudem zeigt sich: Je höher der Anteil der Schutzsuchenden an der regionalen Bevölkerung, desto höher die Beschäftigungsquote, was auf den positiven Einfluss von Netzwerken hinweist.

Fünf bis zehn Jahre nach der Ankunft lag die mittlere jährliche Beschäftigungsquote der Schutzsuchenden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bei 49 Prozent – deutlich unter dem Niveau von Bundesländern mit günstiger Arbeitsmarktlage, wie etwa Baden-Württemberg, wo die Quote 66 Prozent betrug.

Eine „Dummheit“: Flüchtlingsrat warnt vor Migrationspolitik der Merz-Regierung

Wie fatal eine ablehnende gesellschaftliche Haltung sich für strukturschwache Regionen auswirken kann, berichtete kürzlich Katapult MV: Ulrike Seemann-Katz vom Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern äußerte gegenüber dem Magazin, dass migrationspolitischen Signale der Bundesregierung den Eindruck erweckten, Deutschland würde keine Einwanderung mehr wollen. In Bezug auf den wirklichen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften bezeichnete sie die Politik als „Dummheit“.

In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stehen im nächsten Jahr die Landtagswahlen an. Umfragen des Instituts INSA zeigen dabei eine hohe Zustimmung für die AfD: Für Mecklenburg-Vorpommern lag die Partei im April laut Nordkurier bei 29 Prozent, in Sachsen-Anhalt berechnete INSA im Auftrag der Bild im Januar 31 Prozent. (kox).

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