VonLukas Rogallaschließen
Dmitri Medwedew ist im Ukraine-Krieg schon oft verbal eskaliert. Nun spricht der Ex-Präsident womöglich von einer neuen Strategie des Kreml.
Moskau – Seit dem Auslaufen des Getreideabkommens beschießt Russland wiederholt die ukrainischen Hafenstädte Odessa und Mykolajiw. Der Gouverneur der Region Odessa, ganz im Süden der Ukraine, teilte auf Telegram mit, dass die „russischen Terroristen“ weitere Ziele in der Oblast angegriffen hätte. Im äußersten Süden des Landes, direkt an der Grenze zu Rumänien, habe Russland Hafen-Infrastruktur an der Donau beschossen. Diese Wasserstraße stellt für die Ukraine eine Alternativroute für den Getreide-Export dar. Russland hatte angekündigt, zivile Schiffe im Schwarzen Meer, die die Ukraine ansteuern, als potenzielle Feinde einzustufen.
Nun hat sich Dmitri Medwedew, stellvertretender Leiter des russischen Sicherheitsrats, geäußert. Russland wolle künftig „ungewöhnliche Ziele“ in der Ukraine angreifen. Doch was könnte das für den Angriffskrieg bedeuten?
Medwedew kündigt neue russische Kriegsführung in der Ukraine an
In seiner Mitteilung auf Telegram zog Medwedew zunächst über die Ukraine und den Westen her: „Unser Feind konnte im Rahmen seiner Gegenoffensive keine Erfolge erzielen“, hieß es. Die Ukraine würde deshalb „Informationssiege“ brauchen – „auch wenn sie hohl und irrational sind“. Der ehemalige Präsident wirft Kiew vor, aus Frustration „zunehmend friedliche, zivile Ziele“ in Angriff zu nehmen.
Dabei ist es Russland, das nicht vor Angriffen auf zivile Ziele zurückschreckt – ganz im Gegenteil. Die Vereinten Nationen zählen mindestens 9200 zivile Todesopfer in der Ukraine (Stand: 16. Juli 2023). Die Zahl könnte weitaus höher liegen, teilte das Hochkommissariat für Menschenrechte mit. Vor allem der Raketenbeschuss von Wohnhäusern fordert viele Todesopfer.
Auch die „westlichen Gönner“, die die Ukraine mit Waffen beliefern und Sanktionen gegen Russland und Belarus verhängt haben, würden langsam ungeduldig, meinte Medwedew.
Medwedew will „nicht nur Lagerhallen, Energieverteiler und Öltanks“ angreifen
Als Reaktion auf die vermeintlichen ukrainischen Angriffe auf zivile Ziele fordert Medwedew offenbar ein Umdenken bei den eigenen Truppen: „Wir müssen für unsere Angriffe ungewöhnliche Ziele aussuchen. Nicht nur Lagerhallen, Energieverteiler und Öltanks“, schrieb der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats und ehemalige Präsident auf Telegram. Welche Ziele Russland stattdessen in Angriff nehmen soll, ließ Medwedew allerdings offen. Allerdings versprach er eine „große Wirkung“ an Orten, „an denen wir noch nicht erwartet werden“. Ob diese Angriffe überhaupt einen militärischen Zweck erfüllen sollen, wurde auch nicht klar.
Schon seit Beginn des Angriffskriegs vor 17 Monaten greift Russland beispielsweise gezielt Infrastruktur an, vor allem, um die Energieversorgung der Ukraine lahmzulegen und die Moral der Bevölkerung zu schwächen. Am 6. Juni zerstörte eine Explosion den Kachowka-Staudamm in der Region Cherson. Dutzende starben, Tausende mussten wegen Überschwemmungen die Flucht antreten. Kiew wirft den russischen Streitkräften vor, den Damm gesprengt zu haben. Ein möglicher Grund dafür: Den ukrainischen Truppen sollte die Gegenoffensive erschwert werden.
Nun nimmt Russland, zu sehen in der Region Odessa, zunehmend Häfen ins Visier. Bei einem Angriff soll Russland ukrainischen Angaben zufolge 60.000 Tonnen Getreide vernichtet haben. Auch die historische Verklärungskathedrale hat Russland mit einer Rakete beschädigt. Geht es bei „ungewöhnlichen Zielen“ zunehmend um solche, die möglichst öffentlichkeitswirksam, aber weniger wichtig für den Kriegsverlauf sind?
Russland-Angriffe auf Ukraine
Die Ukraine hatte in den letzten Monaten mehrere Drohnenangriffe auf Moskau gestartet. Andriy Jusow, Sprecher des Militärgeheimdienstes HUR, sagte der Kyiv Post, dass diese Angriffe nicht nur fortgesetzt, sondern auch ausgeweitet werden sollen. Man habe Schwächen in der Luftverteidigung des Putin-Regimes erkannt und wolle diese weiter ausnutzen, teilte er mit. Laut Augenzeugenberichten sollen die Drohnen mindestens zehn Minuten über Moskau gekreist sein, bevor sie sich in Richtung des Verteidigungsministeriums bewegt hätten. Womöglich eine Einlage zur Demütigung Russlands.
Auch mit dem Angriff auf die Kertsch-Brücke, die Russland mit der Krim verbindet, hatte die Ukraine Aufsehen erregt. Die Brücke ist für Russland im Ukraine-Krieg aus logistischen Gründen wichtig, da sie eine Nachschubroute für die russischen Truppen an der Front ist. Doch auch symbolisch war der Angriff bedeutend. Bei der Krim-Brücke handelt es sich um Putins Prestigeobjekt. Die 2014 illegal annektierte Krim wird von Moskau als natürlicher Teil Russlands gesehen. Die Ukraine versucht, sie zurückzuerobern. Entsprechend harte Reaktionen hatte Moskau nach der Explosion angekündigt, die wohl ukrainische Marinedrohnen verursacht haben. Medwedew drohte den Tätern mit „unmenschlicher“ Bestrafung.
Droht nun eine Art Eskalationsspirale mit immer größeren, „ungewöhnlichen“ Angriffen? Mit dem Beschuss von Wohngebäuden, Krankenhäusern oder Schulen hat Russland im Laufe des Kriegs bereits mehrere ukrainische Städte dem Erdboden gleichgemacht. (lrg)
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