„Friedensplan“ der USA

„Zum Narren halten“ – Estland-Generalleutnant warnt vor Putins falschen Friedenszeichen

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Russische Sabotage und Spionage nehmen deutlich zu. Experten warnen vor dem angeblichen Friedensplan der USA. Besonders baltische Länder sehen sich bedroht.

Berlin/Vilnius – Für Begeisterung sorgt der sogenannte Friedensplan, den die US-Führung – offenkundig hinter dem Rücken der Ukraine – mit Russland ausgehandelt haben will, nicht. Ganz im Gegenteil. Nach den ersten Berichten über den Friedensplan für die Ukraine gab es teils harsche Kritik.

Der ukrainische Major Andrii Yusov bei der „Defending Baltics“-Konferenz im litauischen Vilnius.

„Die ersten Nachrichten, die man dazu sieht, die sind durchaus verstörend“, sagte etwa Kanzleramtschef Thorsten Frei gegenüber NTV. Die EU forderte derweil eine Beteiligung an den Verhandlungen. „Damit irgendein Plan funktioniert, braucht es die Ukraine und die Europäer an Bord“, sagte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in Brüssel. Auch Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) verlangte eine Einbeziehung der EU und der Ukraine.

Zuvor hatte US-Außenminister Marco Rubio via X beide Kriegsparteien zu Zugeständnissen aufgerufen: „Um einen komplexen und tödlichen Krieg wie den in der Ukraine zu beenden, ist ein umfassender Austausch ernsthafter und realistischer Ideen erforderlich.“ Schon bei vorhergegangenen Verhandlungen hatte es seitens Russlands ein nur scheinbares Einlenken gegeben – Putin hatte Gebietsabtretungen verlangt, die Ukraine sollte unter anderem auf Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja verzichten. Das lehnte die Ukraine bislang ab. Auch im neuen, Berichten zufolge 28 Punkte umfassenden, Plan geht es um Gebietsabtretungen. Russland will demnach unter anderem den östlichen Teil der Donbass-Region in sein Staatsgebiet integrieren.

Friedensplan von USA und Putin stößt auf Skepsis – „Nicht zum Narren halten lassen“

Bei führenden Militärexperten stoßen vermeintliche Friedenszeichen aus Russland allerdings längst eher auf Skepsis. So sagte etwa Generalleutnant Andrus Merilo, Befehlshaber der estnischen Streitkräfte, bei der internationalen „Defending Baltics“-Konferenz in Vilnius bereits Anfang der Woche: „Der Krieg in der Ukraine wird nicht einfach enden. Er wird vielleicht unterbrochen werden, kann aber immer wieder neu starten.“ Man dürfe sich nicht noch einmal von Putin „zum Narren halten lassen“, so Merilo. 2014 hatte Russland unter Putin die ukrainische Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektiert, und sich anschließend wieder zurückgezogen. 2022 aber marschierten russische Truppen in die Ukraine ein.

„Unsere Welt hat sich damals für immer verändert. An diesem Tag hat die Russische Föderation unverhohlen die Charta der Vereinten Nationen und internationale Abkommen verletzt und einen umfassenden Krieg gegen den souveränen Staat Ukraine begonnen“, sagte General Andrii Yusov, Sprecher der ukrainischen Hauptverwaltung für Nachrichtendienste (GUR). Russland bleibe eine „Bedrohung für alle Nachbarländer und für die globale Stabilität, solange es in seinem imperialen Status existiert.“

Yusov warnte darüber hinaus vor einer Zunahme von Sabotageakten und Spionage seitens Russlands gegen Europa. „Wenn der Kreml nicht gestoppt wird, werden die hybriden Aggressionen gegen die EU und die Nato zunehmen und sich verschärfen.“ Hochrangige Militärs gerade in nord- und osteuropäischen Ländern betonen, dass Putins Krieg gegen die Nato-Staaten längst im Gange sei. Ein Ziel: Die Nato-Verbündeten ablenken, und so die Unterstützung für die Ukraine untergraben. In baltischen Ländern wie Litauen, das gemeinsame Grenzen zur russischen Exklave Kaliningrad und zum Putin-Verbündeten Belarus hat, ist die Bedrohung aus Russland deutlicher spürbar als etwa in Deutschland.

Spezialmunition für die Ukraine und deutsche Autoteile: Industriepark Raufoss in Norwegen

Ein zugefrorener See in Norwegen nördlich von Oslo
Raufoss liegt zwischen dichten Wäldern und großen Seen – gut 130 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo.  © Peter Sieben
Ein rotes Haus mit Holzfassade in der Dämmerung im Schnee
Bunte Häuser mit Holzfassaden säumen die Straßen. © Peter Sieben
Ein Straßenschild in Raufoss in Norwegen und ein Haus im Schnee
„Verteidigungsausrüstung“ steht auf dem Schild über dem Logo von Rüstungsproduzent Nammo. Wer durchs idyllische Städtchen Raufoss schlendert, rechnet nicht damit, dass direkt nebenan ein bedeutender Industriepark liegt, in dem auch Munition für die Ukraine produziert wird.  © Peter Sieben
Øivind Hansebråten, CEO vom Raufoss Industriepark in Norwegen
Øivind Hansebråten ist CEO vom Raufoss Industriepark, einem der bedeutensten in Norwegen. Im Vergleich zu deutschen Parks ist er recht überschaubar. „Ich weiß, in Deutschland ist alles größer, aber für uns ist das schon ganz gut“, sagt Øivind und grinst. Dafür geht es hier recht familiär zu. © Peter Sieben
Emma Østerbø im Catapult Centre in Raufoss
Know-how wird im Industriepark geteilt: Emma Østerbø ist General Manager beim Raufoss Katapult Center. Hier können Start-Ups Prototypen testen.  © Peter Sieben
Gebäude von Benteler im Raufoss Industriepark in Norwegen
Im Raufoss Industriepark gibt es auch ein großes deutsches Unternehmen: der Autozulieferer Benteler. Dabei sind die Löhne hier höher als in Deutschland. Aber: Das Unternehmen nutzt hier auch norwegisches Know-How, um Automationsmechanismen zu testen.  © Peter Sieben
Mitarbeiter von Benteler in Raufoss in Norwegen
In den Produktionshallen von Benteler arbeiten pro Schicht nur zwei bis drei Menschen – das meiste läuft automatisiert. Das hat zwei Gründe: Fachkräfte sind Mangelware, im riesigen Norwegen leben vergleichsweise wenige Menschen. Und: Die Löhne für Fachkräfte sind hoch. Viele Unternehmen setzen auf Automation.  © Peter Sieben
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo in Raufoss in Norwegen
Das moderne Verwaltungsgebäude von Nammo: Der Rüstungskonzern und Produzent von Spezialmunition gehört zu den ganz großen und zentralen Unternehmen im Industriepark.  © Peter Sieben
Eine Backstein-Werkshalle von Nammo im Raufoss-Industriepark in Norwegen
Eine der Werkshallen von Nammo: Im Raufoss Industriepark gibt es zahlreiche renovierte historische Gebäude.  © Peter Sieben
Nammo-Munitionsfabrik in Raufoss in Norwegen
Fotos dürfen in der Munitionsfabrik nur an einer einzigen Stelle gemacht werden. Damit keine sensiblen Informationen nach außen dringen, gelten strenge Sicherheitsregeln.  © Peter Sieben
Ein Arbeiter an einer Maschine in der Munitionsfabrik von Nammo in Raufoss in Norwegen
Präzision hat eine hohe Priorität: Mithilfe von Robotern und Computertechnik werden die Projektile gefertigt.  © Peter Sieben
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.
Thorstein Korsvold (links), Pressesprecher von Nammo, im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben.  © Ippen.Media
Thorstein Korsvold, Pressesprecher von Nammo, stemmt eine Stahlhülse
Thorstein Korsvold stemmt eine der fertigen Hülsen, die zu Projektilen weiterverarbeitet werden: „Wiegt locker 30 bis 40 Kilo.“ Das meiste, das sie hier produzieren, geht an die ukrainischen Streitkräfte. So werden hier Rohlinge für M72-Panzerabwehrmunition gefertigt, die von ukrainischen Soldaten massenhaft verschossen werden. „Wir sind stolz auf unsere Produktion“, sagt Thorstein. „Aber es hat alles zwei Seiten. Wenn unser Geschäft besonders gut läuft, hat das düstere Gründe.“  © Peter Sieben

So gibt es fast täglich Sabotageakte und Drohnensichtungen in Litauen. Vor wenigen Wochen erst war eine Gerbera-Drohne, die die russische Armee unter anderem als Kamikaze-Flugobjekt nutzt, auf einem Militärgebiet abgestürzt. Seit Wochen stören überdies regelmäßig Wetterballons aus Belarus den Flugverkehr am Hauptstadtflughafen. In Polen wiederum explodierte am Dienstag eine Sprengladung an einer Eisenbahnstrecke, die in die Ukraine führt. Die polnische Regierung geht von einem russischen Sabotageakt aus. (pen) (Quellen: Eigene Recherchen, Gespräche mit Experten in Vilnius, dpa)

Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Ramil Sitdikov, Evan Vucci/dpa (Montage)

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