Jahrhunderterdbeben

Zwei Jahre danach - In der Türkei müssen 650.000 Erdbebenopfer noch immer in Containern hausen

  • schließen

Zwei Jahre nach dem katastrophalen Erdbeben in der Türkei sind die Folgen noch immer sichtbar. Hunderttausende leben weiterhin in Containern.

Istanbul - Am 6. Februar ereignete sich in der Türkei ein verheerendes Erdbeben. In 11 Provinzen stürzten Gebäude ein und begruben über 50.000 Menschen unter den Trümmern. Das Erdbeben hat gezeigt, wie unvorbereitet das Land auf solche Katastrophen ist. Marode Bauten, schlechte Koordination und zu spätes Handeln haben zu viel Leid in der Katastrophenregion geführt. Auch zwei Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe leiden die Menschen in der Region. „Im Februar 2025 lebten noch insgesamt 649.632 Menschen in Containerstädten“, schreibt die Zeitung Birgün unter Berufung auf die Zahlen der Katastrophenschutzbehörde AFAD.

Keine Aufarbeitung des Erdbebens in der Türkei

Bis heute ist die Katastrophe von 2023 nicht aufgearbeitet. Die Opposition kritisiert deswegen Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine Regierungspartei AKP etwa für den sogenannten Baufrieden – also eine Amnestie für Bauten, die gegen Bauvorschriften verstoßen haben und dennoch nachträglich für legal erklärt wurden. „In 21 Jahren haben sie 40 Milliarden Dollar an Erdbebensteuer eingenommen. Sie erließen acht Amnestien, in denen nicht erdbebensichere Bauten legalisiert wurden“, kritisierte Oppositionsführer Özgür Özel (CHP) in seiner Rede am Donnerstag in der Erdbebenregion. Mit der Erdbebensteuer sollten ursprünglich Gebäude und Infrastruktur gegen Erdbeben sicher gemacht werden. Das Geld wurde aber wohl anderweitig ausgegeben.

Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Bilder zeigen Ausmaß der Zerstörung

Erdbeben erschüttern Türkei und Syrien
Zivilschutzmitarbeiter und Anwohner durchsuchen die Trümmer eingestürzter Gebäude nach Überlebenden. © Ghaith Alsayed/AP/dpa
Erdbeben
Die Moschee in Malatya (Türkei) wurde durch das Erdbeben zerstört. © Uncredited/DIA Images/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Frauen weinen, während sie zusehen, wie die Rettungskräfte in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana nach Menschen suchen. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbeben
Menschen und Rettungskräfte bergen eine Person auf einer Bahre aus einem eingestürzten Gebäude in Adana. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Rettungskräfte suchen nach Menschen in den Überresten der zerstörten Häuser. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien
Ein Mann sucht nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Bild der Verwüstung: Eingestürzte Gebäude in Aleppo in Syrien. © -/SANA/dpa
Erdbeben
Die Zahl der Opfer des Erdbebens steigt am Dienstagmorgen auf fast 5000. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Zivilisten und Mitglieder des syrischen Zivilschutzes bergen in Harem in der Region Idlib ein Erdbebenopfer. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe
Dichter schwarzer Rauch steigt auf aus brennenden Containern im Hafen von Iskenderun in der Türkei. © Serdar Ozsoy/Depo Photos/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Gaziantep
Rettungskräfte suchen nach Überlebenden in den Trümmern von Gebäuden in Gaziantep. © Muhammad Ata/IMAGESLIVE/ZUMA/dpa
Erdbebenkatastrophe
Notfallteams suchen nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana. © Hussein Malla/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Idlib
Idlib in Syrien: Mit allen Mitteln versuchen Rettungskräfte die unter den Trümmern eingeschlossenen Menschen zu retten. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe - Adana
Zwei Männer tragen eine Leiche aus einem zerstörten Gebäude. © Hussein Malla/AP/dpa

Zahlreiche Skandale nach Erdbeben in der Türkei

Auch die zahlreichen Skandale nach dem Erdbeben wurden nicht aufgearbeitet. So hatte der türkische Rote Halbmond Zelte an private Hilfsorganisationen verkauft, die in der Gegend den Menschen geholfen hatten. Kurdisch-alevitische Ortschaften wurden von Hilfen zum Teil abgeschnitten. Hilfen der pro-kurdischen Dem Partei (früher HDP), wurden beschlagnahmt und verhindert. Familien von sogenannten „KHK´li“, also per Dekret entlassene Beamte, wurden ebenfalls von Hilfen ausgeschlossen.

Erdogan hingegen versucht es mit martialischen Durchhalteparolen. „Wir werden in unserer Entschlossenheit keine Kompromisse eingehen, bis die bereits verheilten Wunden vollständig verheilt sind und alle unsere Bürger wieder in ihre sicheren und warmen Häuser zurückkehren können“, schreibt Erdogan auf X.

Geld für Krieg vorhanden, aber nicht für Erdbebenopfer

In der Provinz Adiyaman sieht man die Mängel nach dem Erdbeben besonders deutlich. Hier sollten den Erdbebenopfern 64.186 neue Häuser übergeben werden. „Knapp 20.000 Häuser wurden geliefert, zwei Drittel der Häuser fehlen noch. Zwei Jahre sind vergangen. Kein Rücktritt, kein Einhalten von Versprechen“, kritisierte der Co-Vorsitzende der pro-kurdischen Dem Partei, Tuncer Bakirhan, in seiner Rede am Donnerstag in der Katastrophenregion. Bislang seien nur wenige Beamte strafrechtlich verurteilt worden – allerding nur zum Schein. Die tatsächlichen Verantwortlichen liefen weiter frei rum.

Auch zwei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei sind die Wunden nicht verheilt.

„Die Mittel des Staates sind für den Krieg, für Nord- und Ostsyrien, für den Empfang des HTS-Führers mit roten Teppichen verfügbar. Aber wenn es um die Arbeiter, Armen, Aleviten und Kurden von Adıyaman geht, gibt es keine Mittel“, kritisiert Bakirhan. „Elektrizität ist ein Problem, Wohnraum ist ein Problem, Gesundheit ist ein Problem, es gibt keine Arbeitsmöglichkeiten“.

Die Bevölkerung fürchtet weitere Erdbeben in der Türkei

In der Türkei wächst die Angst vor einem Erdbeben, nach dem es auf der griechischen Insel Santorini zu Erschütterungen kam. Vor allem in der Region der Mega-Metrople Istanbul hätte ein Erdbeben katastrophale Folgen, da es hier besonders viele marode Bauten gibt. Städtebauminister Murat Kurum nannte bei einer Konferenz dazu konkrete Zahlen: Von den 7,5 Millionen Bauten in Istanbul seien allein 1,5 Millionen einem hohen Risiko ausgesetzt. 600.000 Häuser könnten jederzeit einstürzen. „Istanbul hat keine Kraft ein neues Erdbeben zu stemmen“, sagte der türkische Minister.

Auch der türkische Seismologe Prof. Dr. Naci Görür warnt vor verheerenden Folgen eines Erdbebens in Istanbul. „Vier Millionen Menschen sind dem Tod ausgesetzt“, sagte er angesichts mangelhafter Bauten ebenfalls während einer Konferenz. Auch die wirtschaftlichen Folgen wären für die Türkei verheerend. „Istanbul wird uns ruinieren, ich mache keine Scherze. Wenn Istanbul und die Marmara-Region kollabieren, dann geht die gesamte Türkei in die Knie.“

Rubriklistenbild: © dpa/Boris Roessler

Kommentare